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Alkoholkrankheit
Die Alkoholkrankheit (auch Alkoholabhängigkeit, Äthylismus, Dipsomanie, Potomanie, Trunksucht, Alkoholsucht oder Alkoholismus genannt) ist die Abhängigkeit von …
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Begriff, Kennzeichen und Einordnung
Alkoholkrankheit, auch Alkoholabhängigkeit oder Alkoholismus, ist die Abhängigkeit von Alkohol, besonders von Ethanol. Sie ist in der ICD-10 als F10.2 „Abhängigkeitssyndrom“ innerhalb der psychischen und Verhaltensstörungen durch Alkohol (F10) eingeordnet; die ICD-11 führt Alkoholabhängigkeit unter 6C40.2. Nach einer WHO-Schätzung hatten 2024 weltweit 3,7 % aller Erwachsenen eine Alkoholabhängigkeit.
Kennzeichnend sind ein zunehmender Kontrollverlust bis zum zwanghaften Trinken, die Vernachlässigung anderer Interessen, Verleugnung oder Bagatellisierung, Entzugssymptome bei weniger Alkohol und Toleranz. Toleranz bedeutet: Bei gleicher Menge nimmt die Wirkung ab, daher entsteht oft der Drang, die Dosis zu erhöhen. Persönlichkeitsveränderungen können hinzukommen.
Das verbreitete Phasenmodell von Elvin Morton Jellinek (1951) beschreibt eine Entwicklung von sozialem, als entlastend erlebtem Trinken über Gedächtnislücken und heimliches Trinken bis zu Kontrollverlust, sozialer Isolation und chronischem Konsum. Im schweren Stadium kann Alkohol vor allem dazu dienen, Entzugssymptome zu vermeiden; möglich sind Psychosen, Krampfanfälle oder Delirium tremens. Das Modell gilt jedoch als überholt, weil der Verlauf nicht bei allen Betroffenen geradlinig, vorbestimmt oder unaufhaltbar ist. Maßvoller Konsum oder Abstinenz können wieder erreicht werden.
Jellinek unterschied unter anderem Alpha-Trinker (Trinken zur Spannungsreduktion, gefährdet, aber nicht alkoholkrank), Gamma-Trinker mit Kontrollverlust nach dem ersten Getränk, Delta- oder Spiegeltrinker mit ständigem Konsum zur Vermeidung von Entzug und Epsilon- oder Quartalstrinker mit unregelmäßigen Phasen exzessiven Trinkens. Gamma-, Delta- und Epsilon-Typ gelten dabei als alkoholkrank.
Diagnose, Gehirnwirkung und Ursachen
Nach ICD-10 liegt ein Abhängigkeitssyndrom vor, wenn mindestens drei von sechs Kriterien mindestens einen Monat lang gleichzeitig bestehen oder bei kürzerer Dauer innerhalb eines Jahres wiederholt auftreten: starkes Verlangen (Craving), verminderte Kontrolle, Entzug, Toleranz, Einengung auf Alkohol und weiterer Konsum trotz bekannter gesundheitlicher oder sozialer Schäden. Toleranz und Entzug müssen dabei nicht zwingend vorhanden sein.
Das DSM-5 verwendet den weiter gefassten Begriff „Alcohol use disorder“ und nennt zwölf Kriterien; zusätzlich zu klinisch bedeutsamem Leiden müssen mindestens zwei innerhalb von zwölf Monaten vorliegen. Dazu zählen unter anderem mehr oder länger trinken als beabsichtigt, erfolglose Verringerungsversuche, hoher Zeitaufwand, Craving, Pflichtverletzungen, soziale Probleme, riskanter Konsum, Konsum trotz Schäden, Toleranz und Entzug. Der Schweregrad ist leicht bei 2–3, mittel bei 4–5 und schwer bei mindestens 6 erfüllten Kriterien. Nach drei Monaten Abstinenz kann „frühremittiert“, nach zwölf Monaten „anhaltend remittiert“ angegeben werden; Craving wird für diese Einordnung nicht mitgezählt.
Alkohol stimuliert GABA-Rezeptoren und hemmt NMDA-Rezeptoren im Gehirn. Dies kann entspannen und Angst mindern. Zugleich erhöht Alkohol die Produktion von Dopamin und Endorphinen. Bei dauerhaftem Konsum werden GABA-Rezeptoren herunter- und die erregenden NMDA-Rezeptoren hochreguliert. Beim Wegfall von Alkohol überwiegt deshalb die Erregung: Angst, Zittern, Halluzinationen und Krampfanfälle sind mögliche Entzugssymptome.
Das Risiko wird zu 40 bis 60 % genetisch beeinflusst. Bei nahen Verwandten von Alkoholabhängigen ist es um das Drei- bis Vierfache erhöht; bei betroffenen Verwandten ersten Grades wird ein siebenfaches Risiko genannt. Vererbt werden können Unterschiede bei Alkoholverträglichkeit, Leberabbau und Belohnungssystem, etwa über Alkoholdehydrogenase oder Dopamin. Entscheidend sind jedoch auch Umwelt, Verfügbarkeit, kulturelle Einstellungen, Belastungen und persönliche Erfahrungen.
Sozial akzeptierte Trinkgewohnheiten, erwartete „Trinkfestigkeit“ und Arbeitsbelastungen können das Risiko erhöhen. Kinder suchtkranker Eltern sind psychisch besonders belastet; Gewalt, Vernachlässigung und früher, intensiver Kontakt mit Alkohol sind Risikofaktoren. Lerntheoretisch verstärken schnelle angenehme Wirkungen das Trinken positiv, das Beseitigen von Angst oder Stress negativ. Schutz bieten etwa Stressbewältigung, Selbstsicherheit, Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit, Konsumangebote trotz Gruppendruck abzulehnen.
Folgen für Körper, Psyche und Umfeld
Alkoholabhängige haben durchschnittlich eine um 20 Jahre geringere Lebenserwartung. Langjähriger Konsum kann die Leistung von Gedächtnis, Konzentration, Antrieb und Aufmerksamkeit beeinträchtigen, Interessen und Selbstpflege einengen sowie Aggressivität und Gewaltbereitschaft erhöhen. Bis zu 35 % der Fälle häuslicher Gewalt werden auf Alkoholkrankheit zurückgeführt. Angehörige können Probleme kompensieren und dadurch eine Co-Abhängigkeit entwickeln; Kinder in alkoholbelasteten Familien haben häufiger psychische Probleme, Schulprobleme, Fehlzeiten und ein erhöhtes Abbruchrisiko. Fetales Alkoholsyndrom führt zu kognitiven Beeinträchtigungen.
Wichtige körperliche Folgekrankheiten betreffen viele Organe: Die Leber kann sich zur Fettleber vergrößern; Alkohol-Hepatitis und Leberzirrhose können folgen. Speiseröhrenkrampfadern können bei Blutung tödlich sein; ihre Letalität liegt bei über 30 %. Bei schwerer Leberschädigung gelangen Ammoniak und weitere Giftstoffe ins Gehirn; eine hepatische Enzephalopathie kann bis zum Leberkoma führen. Die Bauchspeicheldrüse kann sich akut oder chronisch entzünden; eine akute Pankreatitis kann direkt tödlich sein, eine chronische zu Verdauungsenzymmangel oder Diabetes mellitus führen.
Weitere Folgen sind alkoholische Muskel- und Herzmuskelschäden, Bluthochdruck, Anämie, Gicht, hormonelle Störungen, Gastritis und Schäden an Mund, Rachen, Speiseröhre und Magen. Alkoholkonsum ist laut einer Metastudie von 2016 ursächlich mit Rachen-, Speiseröhren-, Leber-, Dickdarm-, Mastdarm-, Brust- und Kehlkopfkrebs verbunden; 2012 wurden ihm weltweit 5,8 % aller Krebstode zugerechnet. Bei über 30 g Alkohol täglich steigt das Gesamtrisiko für koronare Herzkrankheit.
Das Nervensystem kann durch direkte Giftwirkung und Vitamin-B-Mangel geschädigt werden. Möglich sind Gedächtnislücken, Polyneuropathie mit Kribbeln und später motorischen Einschränkungen sowie das Wernicke-Korsakow-Syndrom: Vitamin-B1-Mangel kann zunächst Augenmuskellähmung, Gangunsicherheit und Bewusstseinsstörungen verursachen, danach schwere Gedächtnisstörungen mit Konfabulationen. Weitere teils irreversible Folgen sind Kleinhirnatrophie, hepatozerebrale Degeneration und seltene Erkrankungen wie zentrale pontine Myelinolyse oder Marchiafava-Bignami-Syndrom.
Bei abruptem Reduzieren oder Beenden kann ein Entzugssyndrom mit Übelkeit, Schlafstörungen, „Saufdruck“, Gereiztheit, Depression, Schwitzen und Zittern auftreten. Schwerer Entzug kann Krampfanfälle, Halluzinationen und Delirium tremens verursachen. Dieses zeigt Desorientierung, Übererregbarkeit, Fieber, Bluthochdruck, Tachykardie, starkes Schwitzen und Tremor; 7 % aller Delirien verlaufen lebensgefährlich.
Erkennen und Behandeln
Selbsttests und Beratungsstellen können erste Hinweise geben, ersetzen aber keine Diagnose. In Hausarztpraxen dienen AUDIT und die Kurzform AUDIT-C als Screening. Der MALT verbindet Fremd- und Selbstbeurteilung. Beim CAGE-Interview weisen mindestens zwei Ja-Antworten auf Abhängigkeit hin: erfolgloses Einschränken, Ärger über Kritik, Schuldgefühle und morgendliches Trinken. Für Ursachen, psychische Begleiterkrankungen und Hirnfolgen sind ausführlichere psychologische, neuropsychologische und medizinische Untersuchungen nötig.
Laborwerte können Leberschäden und Konsum erfassen. Erhöhte γ-GT, GOT/ASAT und GPT/ALT weisen auf Leberbelastung und Entzündung hin. Ethanol in Blut oder Atemluft zeigt kurzfristigen Konsum. EtG und EtS im Urin sowie PEth im Blut helfen bei Abstinenzkontrollen; EtG kann jedoch auch durch unbeabsichtigte Alkoholaufnahme auffällig werden. Für Totalabstinenz gilt bei EtG ein Cut-off von 0,1 mg/l. CDT ist ab dem fünften bis etwa zum 21. Tag nachweisbar; bei mindestens 40 g Alkohol täglich beträgt seine Sensitivität 63 %, mit γ-GT im Anttila-Index 90 %.
Der akute Entzug beziehungsweise die Entgiftung erfolgt meist stationär, weil Entzug lebensbedrohlich sein kann. Genannt werden Clomethiazol oder Benzodiazepine; beide dürfen nicht kombiniert werden. Je nach Beschwerden kommen Antikonvulsiva, Blutdrucksenker, Neuroleptika oder Tiaprid in Betracht. Thiamin und gegebenenfalls Magnesium sollen einer Wernicke-Enzephalopathie vorbeugen. Die körperliche Entgiftung beseitigt die Abhängigkeit selbst noch nicht.
Psychotherapie kann ambulant oder stationär erfolgen. Stationäre Langzeit- oder Kurzzeittherapien werden besonders bei schweren körperlichen, psychischen oder sozialen Problemen, fehlender Unterstützung oder wiederholten Rückfällen empfohlen; Langzeittherapien dauern meist 10–16 Wochen. Motivierende Gesprächsführung fördert die eigene Motivation zur Abstinenz. Kognitive Verhaltenstherapie arbeitet beispielsweise mit dem Erkennen von Auslösern, Bewältigungsstrategien, kognitivem Umstrukturieren und Entspannung. Psychoedukation erklärt Krankheit und Folgen; Paar- und Familientherapie bezieht belastete Angehörige ein. Selbsthilfegruppen wie Anonyme Alkoholiker, Blaues Kreuz, Guttempler und Kreuzbund können den Therapieerfolg stützen.
In der Postakut- oder Entwöhnungstherapie stehen soziale und persönliche Entwicklung, Gruppenarbeit, soziale Kompetenz und stabile Einbindung in Arbeit, Familie, Freundeskreis oder Selbsthilfe im Vordergrund. Nur 3 % aller Alkoholabhängigen gelangen laut Artikel in eine solche Therapie. Zur medikamentösen Rückfallprophylaxe können Acamprosat oder Naltrexon angeboten werden. Naltrexon-behandelte Personen bleiben laut Artikel etwa 30 % häufiger trocken als die unbehandelte Kontrollgruppe. Nalmefen ist zur Reduktion der Trinkmenge zugelassen, seine Wirksamkeit aber noch nicht abschließend bewertbar. Disulfiram kann gefährliche Vergiftungsreaktionen auslösen und ist in Deutschland zur Rückfallprophylaxe nicht mehr zugelassen.
Rückfall, Abstinenz und Vorbeugung
Ein Rückfall kann unterschiedlich verstanden werden: In der engen Definition ist jeder Alkoholkonsum nach Abstinenz ein Rückfall. Ein Fehltritt (lapse) ist kurzfristiger, geringerer Konsum, der nach Reflexion einmalig bleiben kann; ein schwerer Rückfall (relapse) bedeutet die Rückkehr zu früheren Trinkmustern. Beim „trockenen Rückfall“ erscheint altes problematisches Verhalten ohne Trinken. Ein schleichender Rückfall kann mit dem Versuch beginnen, kontrolliert zu trinken, und in frühere Gewohnheiten führen.
Bestimmte Orte, Personen, Stimmungen oder Konflikte können durch klassische Konditionierung Verlangen auslösen, auch nach langer Abstinenz. Im Modell von Marlatt und Gordon (1985) bereiten Risikosituationen Rückfälle über längere Zeit vor. Bewältigungsstrategien stärken die Selbstwirksamkeit und senken das Risiko. Misslingt Bewältigung, können positive Erwartungen an Alkohol zu einem Fehltritt führen. Schuld, Scham und die Deutung „Ich bin ein Versager“ erhöhen dann das Risiko eines schweren Rückfalls. Ein Fehltritt kann jedoch als Lernmöglichkeit verarbeitet werden.
Fachkliniken, Selbsthilfegruppen und Therapeuten empfehlen Alkoholabhängigen vollständige Abstinenz, auch von alkoholhaltigen Lebensmitteln und meist von als alkoholfrei verkauften Getränken. Diese können bis zu 0,5 % Alkohol enthalten; Geschmack, Geruch oder die bewusste Einnahme können Verlangen auslösen. Kontrolliertes Trinken mit Trinktagebuch und Trinkzielen wird als anderer Ansatz genannt, aber kritisiert: Der Begriff ist nicht eindeutig, und nur 2 bis 5 % der Abhängigen halten ihn über Jahre durch. Als allgemeines Behandlungsprinzip für Alkoholabhängige wird es nicht empfohlen.
Für den Erfolg sind Motivation, frühe Behandlung und Entwöhnungstherapie wichtig. Besonders im ersten halben Jahr nach Entgiftung ist das Rückfallrisiko hoch. Etwa 15 % bleiben langfristig abstinent; bis zu 85 % der ausschließlich entgifteten Patienten werden rückfällig. Mehrere Therapieversuche können nötig sein. Prävention umfasst betriebliche Suchtprogramme, Aufklärung sowie höhere Alkoholpreise, die nach WHO-Experten den Jugendkonsum und Binge Drinking vermindern. Werbung, Sponsoring und positive Darstellungen von Alkohol fördern dagegen den Konsum.
Verbreitung und gesellschaftliche Bedeutung
Alkohol ist die Droge, die am häufigsten zu einer behandlungsbedürftigen Abhängigkeit führt. In der Europäischen Union werden 7,4 % der gesundheitlichen Störungen und vorzeitigen Todesfälle Alkohol zugerechnet. Schätzungsweise 55 Millionen Menschen konsumieren dort riskant und weitere 23 Millionen sind abhängig. Mit 11 Litern reinem Alkohol pro Kopf wird doppelt so viel wie im weltweiten Durchschnitt getrunken; Alkohol und Folgekrankheiten verursachen in der Region etwa 195.000 Todesfälle jährlich.
Für Deutschland nennt die WHO 2024 durchschnittlich 10,9 Liter Alkohol pro Kopf. Schätzungen reichen von 1,3 bis 2,5 Millionen alkoholabhängigen Menschen, darunter 30 % Frauen; 2022 wurden etwa 1,5 Millionen Personen wegen Alkoholsucht ambulant oder stationär behandelt. Die Angaben zu alkoholbedingten Todesfällen widersprechen sich: Das Statistische Bundesamt zählte 2000 16.000, das Deutsche Rote Kreuz 40.000 und der Drogen- und Suchtbericht 2009 mindestens 73.000 Todesfälle. Rüdiger Krech bezifferte 2024 die Kosten alkoholbedingter Erkrankungen in Deutschland auf 57 Milliarden Euro jährlich.
In Österreich gelten nach Angaben des Instituts Suchtprävention 5 % der über 16-Jährigen als chronisch alkoholkrank; das Gesundheitsministerium nennt 7,5 % der erwachsenen Männer und 2,5 % der erwachsenen Frauen. Für die Schweiz werden etwa 600.000 Alkoholkranke beziehungsweise 7,7 % der Gesamtbevölkerung genannt. Im Vereinigten Königreich wurden 2001 über 2,8 Millionen „abhängige Trinker“ geschätzt. In den USA hatten ungefähr 12 % der Erwachsenen mindestens zeitweise Probleme mit Alkoholabhängigkeit.
Der Artikel berichtet außerdem Zusammenhänge mit anderen Substanzen: Bei Personen ohne frühere Alkoholprobleme war nach Cannabiskonsum die Wahrscheinlichkeit, innerhalb von drei Jahren Alkoholprobleme zu entwickeln, um den Faktor 5 erhöht. Bei bereits bestehenden Alkoholproblemen war ihr Fortbestehen bei Cannabis-Konsumierenden nach drei Jahren um 74 % wahrscheinlicher. In einer Untersuchung von etwa 14.500 Schülerinnen und Schülern der 12. Klasse ging früher Alkoholkonsum mit einer höheren späteren Wahrscheinlichkeit für Rauchen, Cannabis oder illegale Substanzen einher.