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Abend (Gryphius)
Abend ist ein Sonett von Andreas Gryphius, eines seiner berühmtesten Gedichte, „ein anerkanntes poetisches Meisterstück“. Es wurde erstmals 1650 in …
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Werk und Grundgedanke
„Abend“ ist ein Sonett von Andreas Gryphius und eines seiner bekanntesten Gedichte. Es erschien erstmals 1650 in Frankfurt am Main in der Sonettsammlung „Das Ander Buch“. Dort bildet es nach dem „Morgen-Sonett“ und „Mittag“ das dritte Gedicht eines Tageszeitenzyklus. Zu Gryphius’ Lebzeiten wurde es 1657 und 1663 erneut gedruckt; die Fassungen unterscheiden sich nur geringfügig in der Orthographie.
Das Gedicht betrachtet den Abend nicht als friedvolle Erholung, sondern als Zeichen für die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Der Untergang des Tageslichts wird zur Allegorie, also zu einem Bild mit übertragener Bedeutung: Wie der Tag endet, so endet auch das Leben. Aus dieser Erkenntnis entsteht ein Gebet um göttliche Führung und Rettung aus der „Finsternuß“ des Todes. Das lyrische Ich erscheint dabei nicht nur als einzelner Mensch, sondern als Teil der gesamten vergänglichen Schöpfung.
Aufbau und Versform
Das Gedicht hat die Form eines Sonetts mit 14 Versen: zwei Quartette, also Strophen zu je vier Versen, und zwei Terzette mit je drei Versen. Es folgt den Regeln, die Martin Opitz 1624 in seinem „Buch von der Deutschen Poeterey“ für die deutsche Dichtung formuliert hatte.
Das Versmaß ist der Alexandriner: ein meist sechshebiger jambischer Vers mit einer Zäsur, also einem Einschnitt, nach der sechsten Silbe. Das Grundschema lautet „◡—◡—◡— ‖ ◡—◡—◡—(◡)“. Die Quartette reimen sich „abba abba“, die Terzette „ccd eed“. Verse mit a- und d-Reimen sind zwölfsilbig und haben männliche Reime; Verse mit b-, c- und e-Reimen sind dreizehnsilbig und haben weibliche Reime.
Die formale Regelmäßigkeit wird an wichtigen Stellen bewusst durchbrochen. Besonders die Bitte „Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Laufplatz gleiten“ wirkt durch Betonung und Satzbau drängend und löst das regelmäßige metrische Muster weitgehend auf. Enjambements, also Zeilensprünge ohne Satzpause, sowie viele kurze einsilbige Wörter erhöhen das Tempo. Im Sonett stehen 102 Einsilber nur 34 mehrsilbigen Wörtern gegenüber; im „Morgen-Sonett“ beträgt das Verhältnis dagegen 71 zu 51.
Abendbild und Vergänglichkeit
Im ersten Quartett endet der „schnelle Tag“, die Nacht „schwingt jhre fahn“ und führt die Sterne herauf. Menschen verlassen Feld und Arbeit, Tiere und Vögel sind verschwunden. Zurück bleibt eine Landschaft, in der „die Einsamkeit“ trauert. Das Abendbild ist daher melancholisch und nicht idyllisch.
Der Ausdruck „schnelle Tag“ verweist schon auf Bewegung und Eile. Nach der Naturbeschreibung folgt abrupt die Reflexion: „Wie ist die zeit verthan!“ Entscheidend ist nicht die Landschaft selbst, sondern ihre Unterordnung unter die Zeit. Der anbrechende Abend steht für die kurze, schnell vergehende Lebenszeit; in mittelalterlicher Tradition konnte „vesper“, der Abend, auch „terminus vitae“, Ende des Lebens, bedeuten.
Im zweiten Quartett wird diese Bedeutung weitergeführt. Der „port“ nähert sich dem „glieder Kahn“: Nicht das Schiff bewegt sich auf den Hafen zu, sondern der Hafen kommt unaufhaltsam dem menschlichen Körper entgegen. Der Hafen wird damit zum Bild des Todes. Die Aussage „Gleich wie diß licht verfiel / so wird in wenig Jahren / Ich / du / vnd was man hat / vnd was man siht / hinfahren“ macht die Vergänglichkeit ausdrücklich allgemein: Sie betrifft das lyrische Ich, das Gegenüber und allen Besitz.
Lebenslauf und Gebet
Das Leben erscheint anschließend als „renne bahn“. Neben den Bildern Leben als Tagesablauf und Leben als Meerfahrt tritt damit das Bild des Lebens als Lauf. Es enthält einen ethischen Auftrag: Der Mensch soll sich auf seinem Lebensweg bewähren. Als Quellen werden unter anderem 2 Tim 4,7–8 und Heb 12,1 genannt. In beiden Bibelstellen steht der Lauf für Glaubenstreue und Ausdauer. Hinzu kommt die antike Vorstellung eines Tugendlaufs in einer irdischen Arena.
Die Rennbahn wird am Beginn der Terzette direkt zum „Laufplatz“. Das lyrische Ich bittet Gott, nicht zu gleiten und sich nicht durch „ach“, „pracht“, „lust“ oder „angst“ verführen zu lassen. Die Wiederholung von „Laß“ verstärkt den Charakter des Flehens. Gottes „ewig heller glantz“ soll „vor vnd neben“ dem Ich sein. Dieser Glanz steht dem Vergänglichen gegenüber: dem schnellen Tag, dem verlöschenden Licht sowie den irdischen Verlockungen und Ängsten.
Die Verbindung von Quartetten und Terzetten ist eng: Die Bilder der ersten acht Verse führen unmittelbar zur Bitte der letzten sechs Verse. Aus der Erkenntnis, dass das Leben rasch vergeht, folgt nicht die Aufforderung zum Genuss des Augenblicks, sondern die Suche nach einer festen, von Gott getragenen Haltung.
Hoffnung auf Erlösung
Im zweiten Terzett wird die Bitte um ein Leben mit Gott nach dem Tod formuliert. Wenn der „müde Leib entschläfft“, soll die Seele wachen. Die Gegensätze „Leib“ und „Seele“, „entschläfft“ und „wachen“, „Tag“ und „abend“ verbinden das Ende des Tages mit dem Ende des Lebens. Der Ausdruck „der letzte Tag wird mit mir abend machen“ greift die doppelte Bedeutung des Abends nochmals auf.
Anders als die hastige Bewegung zuvor wirken diese drei Verse ruhig und fließend. Dennoch endet das Sonett mit einem besonders eindringlichen Appell: „So reiß mich auß dem thal der Finsternuß zu Dir.“ Das „thal der Finsternuß“ verweist auf Psalm 23,4. Es bezeichnet zugleich die Nacht, den Tod sowie die Gefährdungen des irdischen Lebens. Der Mensch kann sich nicht aus eigener Kraft retten; Hilfe, Tapferkeit und Hoffnung auf Erlösung kommen allein von Gott.
Das Ziel des Gedichts ist somit das „zu Dir“. Der Weg führt vom Verlust des göttlichen Lichts über Vergänglichkeit, Bedrohung und Verführung bis zur Hoffnung auf die Rückkehr zu Gott. Die Abendbetrachtung bleibt dabei von der erschreckenden Erfahrung geprägt, dass Menschen der Zeit und Mächten außerhalb ihres Einflusses ausgeliefert sind.
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