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Archaïscher Torso Apollos
Das Werk hält die überwältigenden Eindrücke fest, die der Betrachter eines Torsos des Gottes der Dichtkunst Apollon erfährt. Mit der auffordernden Sentenz …
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Worum es geht
„Archaïscher Torso Apollos“ ist ein Gedicht von Rainer Maria Rilke, das 1908 in Paris entstand. Es eröffnet den zweiten Teil seiner Sammlung „Neue Gedichte“ – jener Phase, in der Rilke sich von seiner gefühlsorientierten Lyrik abwendet und stattdessen die Dinge gleichsam selbst sprechen lässt, damit der Mensch eine unmittelbare Erfahrung der Welt erhält. Das Gedicht hält die überwältigenden Eindrücke eines Betrachters vor einem Torso (also einem kopf- und armlosen Rest) des Gottes Apollon fest. Sein letzter Vers „Du mußt dein Leben ändern“ gehört zu den berühmtesten Zeilen Rilkes; Peter Sloterdijk wählte ihn als Titel seines Essays „Du mußt dein Leben ändern“.
Struktur und Text
Das Gedicht ist ein Sonett in jambischen Fünfhebern. Die Quartette (erste zwei Vierzeiler) haben umarmende Reime, außen männlich, innen weiblich. Das erste Terzett beginnt mit einem Paarreim, danach folgen alternierende Kreuzreime [fgfg]. Das Reimschema lautet: [abba cddc eef gfg]. Der vollständige Text lautet: „Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt, / darin die Augenäpfel reiften. Aber / sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber, / in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt, / sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug / der Brust dich blenden, und im leisen Drehen / der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen / zu jener Mitte, die die Zeugung trug. // Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz / unter der Schultern durchsichtigem Sturz / und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle; / und bräche nicht aus allen seinen Rändern / aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“
Hintergrund: Vorlagen und Apollo-Gedichte
Wie schon der erste Teil der „Neuen Gedichte“ wird auch der zweite durch Verse eröffnet, in denen der Dichtergott Apoll eine entscheidende Rolle spielt. Das erste Gedicht „Früher Apollo“ geht vom spätarchaischen Kopf eines Jünglings im Louvre aus, der die Betrachter durchblickte. Das vorliegende Gedicht verdankt sich Rilkes Faszination für einen Jünglingstorso: Gertrud Höhler nennt den Torso vom Belvedere (von dem Bildhauer Apollonius) als Ausgangspunkt, während Wolfgang G. Müller vermutet, Rilke habe einen Jünglingstorso im Louvre gesehen.
Deutungen
Für Ulrich Karthaus stellt das Kunstwerk hohen Anspruch an den Betrachter, vor dem dieser auch versagen kann. Das vom Stein ausgehende, wachsende Licht ist eine Metapher der Wahrheit. Der Imperativ „Du mußt dein Leben ändern“ richtet sich nicht auf eine Umgestaltung der Lebensweise und ist nicht mit religiösen Geboten vergleichbar. Die Wahrheit glimmt aus dem Leuchten des Torsos und steigert sich zu einer sternenhaften Lichtexplosion – Karthaus erinnert dies an das Leuchten aus der Tür des Gesetzes in Franz Kafkas Türhüterparabel, einem ebenfalls nicht definierten Gesetz. Es handle sich um ein individuelles Gebot des eigenen Lebens, ein noch nicht verwirklichtes Potential, das wir in erfüllten Momenten jäh erkennen. – Wolfgang G. Müller deutet ähnlich und verweist auf Rilkes „dynamisches Dingverständnis“: In der versunkenen Betrachtung eines Gegenstandes können persönliche Entwicklungen als „Übergang“ oder „Verwandlung“ geschehen, die sich als Momente intensiver Wahrnehmung mit Epiphanie-Charakter zeigen – wie bei James Joyce, Virginia Woolf, Hermann Broch und Hofmannsthal im Chandos-Brief, nicht religiös, sondern als Überhöhung und Verklärung des Daseins. Das Gedicht ist laut Müller eine komplexe Epiphanie, sichtbar an den Lichtmetaphern, welche die Teile der bruchstückhaften Statue verbinden. – Peter Sloterdijk sieht in dem Schlussvers die Verdichtung aller religiösen Lehren und Trainings, die den Menschen auf seine „vertikalen Spannungen“ hinweisen und ihn erinnern, sich seiner Möglichkeiten bewusst zu werden, über sich hinauszuwachsen und letztlich „mit einem Gott“ zu trainieren.
Literatur (Auswahl)
Wichtige Interpretationen und Studien: Michael Eskin: Gedicht-Logik und Ethik bei R. M. Rilke – »Du mußt dein Leben ändern« (2012); Gertrud Höhler: Götterfühlung (1994); Gerhard Kaiser: Stein und Sprache (1988); Ulrich Karthaus: Die Macht des Lichts (1994); Wolfgang G. Müller: Neue Gedichte / Der Neuen Gedichte anderer Teil (Rilke-Handbuch, 2013); Peter Horst Neumann: Rilkes Archaïscher Torso Apollos in der Tradition des modernen Fragmentarismus (1984); Horst Turk: Die Sprache des unbeherrschbaren Schauens (1980); Ulrich Hausmann: Die Apollosonette Rilkes und ihre plastischen Urbilder (1947).