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Ab urbe condita (Livius)

Allerdings wäre die moderne, an Quellenkritik geschulte Vorstellung falsch, es handele sich um wörtlich so gehaltene Reden. Dagegen waren verpflichtend für …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Werk, Zeitraum und Umfang
  2. 2. Inhalt und Gliederung
  3. 3. Erhaltung und Rekonstruktion
  4. 4. Quellen, Zielsetzung und Bewertung
  5. 5. Erzählweise und Sprache
  6. 6. Wirkung und Ausgaben

Werk, Zeitraum und Umfang

Ab urbe condita libri („seit Gründung der Stadt“) ist das Geschichtswerk des römischen Historikers Titus Livius, der zur Zeit des Augustus lebte. Es erzählt Roms Geschichte von der Ankunft flüchtender Trojaner in Italien und der sagenhaften Stadtgründung 753 v. Chr. bis zum Tod des Drusus 9 v. Chr. Für Gründungssage, Königszeit sowie frühe und mittlere Republik ist es die wichtigste erhaltene Quelle. Die späteren republikanischen und zeitgenössischen Teile sind dagegen weitgehend verloren.

Das Werk umfasste 142 Bücher; möglicherweise plante Livius ursprünglich 150 Bücher bis zum Tod des Augustus. Ein Buch hat in den erhaltenen Teilen etwa 55 Seiten Teubner-Text, insgesamt dürfte das Werk daher gegen 7000 Seiten umfasst haben. Livius schrieb und veröffentlichte abschnittsweise über mehr als 40 Jahre, im Durchschnitt drei bis vier Bücher jährlich. Buch 1 entstand wahrscheinlich zwischen 27 und 24 v. Chr.; die Bücher 121–142 wurden laut Überschrift ihrer Inhaltsangabe erst nach dem Tod des Augustus 14 n. Chr. veröffentlicht, waren aber wohl teilweise schon früher fertig.

Inhalt und Gliederung

Die Bücher sind in Fünfergruppen, Pentaden, gegliedert; drei Pentaden bilden eine Pentekaidekade. Neue Großabschnitte beginnen häufig mit einer eigenen Einleitung, etwa in den Büchern 1, 6, 21 und 31.

Erhalten sind die Bücher 1–10 für 753–293 v. Chr. und 21–45 für 218–167 v. Chr.; ab Buch 41 sind sie lückenhaft. Die erste Dekade behandelt die Gründungssage mit Romulus und Remus, Königszeit und Übergang zur Republik, den Konflikt von Plebejern und Patriziern, die Zwölftafelgesetzgebung sowie die Kriege gegen Nachbarn und die drei Samnitenkriege. Zu den bekannten Episoden gehören der Raub der Sabinerinnen, Lucretia, Cincinnatus, der Galliereinfall mit der Schlacht an der Allia und die Rettung des Kapitols durch Junos Gänse.

Die Bücher 21–30 schildern den Zweiten Punischen Krieg: Hannibals Alpenüberquerung und den Ersten Makedonisch-Römischen Krieg. Die Bücher 31–45 behandeln den Zweiten und Dritten Makedonisch-Römischen Krieg sowie den Römisch-Syrischen Krieg. Verlorene Bücher reichten über den Ersten und Dritten Punischen Krieg, die Gracchischen Reformen, Bürgerkriege, Caesar und die Errichtung des Prinzipats des Augustus bis 9 v. Chr. Überliefert ist als längeres Zitat unter anderem Livius’ Darstellung von Ciceros Flucht und Tötung 43 v. Chr. aus Buch 120.

Erhaltung und Rekonstruktion

Nur knapp ein Viertel des Werks ist direkt erhalten. Als sich seit dem 4. Jahrhundert der Kodex gegenüber der Schriftrolle durchsetzte, wurde Livius meist in Kodizes von je zehn Büchern übertragen; daraus erklärt sich die Bezeichnung Dekaden. Die erste Dekade beruht auf zwei Handschriftenfamilien, die nach Theodor Mommsen auf eine gemeinsame Vorlage zurückgehen. Das älteste livianische Manuskript ist das Veroneser Palimpsest aus dem 4. Jahrhundert mit Fragmenten der Bücher 3–6. Eine wesentlich besser überlieferte mittelalterliche Familie geht auf eine um 400 n. Chr. im Kreis des Quintus Aurelius Symmachus erstellte, verbesserte Neuedition zurück; sie heißt Nicomachianische Rezension.

Für die dritte Dekade ist der Codex Puteaneus aus dem 5. Jahrhundert besonders wichtig. Die vierte Dekade lässt sich aus mehreren voneinander unabhängigen, meist nur fragmentarisch erhaltenen spätantiken Handschriften und ihren Abschriften erschließen. Von der fünften Dekade sind allein die Bücher 41–45 erhalten, und zwar nur im Codex Vindobonensis Lat. 15 aus dem 5. Jahrhundert; Blattausfälle verursachen besonders in Buch 41 und 43 große Lücken.

Von verlorenen Büchern gibt es wenige Fragmente, darunter ein Palimpsest-Fragment des 91. Buches über Quintus Sertorius. Entscheidende Inhaltszeugnisse sind die im 4. Jahrhundert entstandenen Periochae, kurze bis mehrseitige Zusammenfassungen zu allen Büchern außer 136 und 137. Weitere Auszüge, Zitate bei antiken Autoren sowie aus Livius abgeleitete Breviarien helfen, verlorene Teile inhaltlich zu rekonstruieren.

Quellen, Zielsetzung und Bewertung

Livius stützte sich vor allem auf ältere Geschichtswerke, kaum auf Urkunden. Für längere Abschnitte folgte er jeweils einer Hauptquelle und ergänzte oder kontrollierte sie mit weiteren Vorlagen. Bei widersprüchlichen Berichten nennt er gelegentlich seine Gewährsleute, betrieb aber keine gründliche Quellenkritik. Seine Zuverlässigkeit hängt deshalb stark von der jeweiligen Quelle ab.

Für frühe römische Geschichte nutzte er wohl indirekt Quintus Fabius Pictor, vor allem aber Annalisten des 1. Jahrhunderts v. Chr., darunter Valerius Antias, Gaius Licinius Macer, Quintus Aelius Tubero und ab Buch 6 Quintus Claudius Quadrigarius. Für den Zweiten Punischen Krieg verwendete er Lucius Coelius Antipater sowie Antias und Quadrigarius. Erst für die vierte und fünfte Dekade zog er Polybios für Ereignisse im Osten direkt als Hauptquelle heran. Ein Vergleich ist möglich, weil Polybios’ drittes Buch und Livius’ Bücher 21 und 22 parallel die Anfangsphase des Zweiten Punischen Kriegs behandeln.

Kritisiert werden mangelnde Prüfung der Vorlagen, ungenaue Angaben zu Staatswesen und Krieg, geografische Fehler, falsche Übersetzungen aus Polybios, chronologische Unstimmigkeiten und Doppelfassungen nach Quellenwechseln. Livius’ Hauptziel war jedoch nicht Historizität im modernen Sinn. Er wollte zeigen, durch welche Menschen, Lebensweisen und Eigenschaften Rom Größe gewann, und damit bona exempla, vorbildhafte Beispiele, für seine Gegenwart vermitteln. Seine Perspektive ist ausdrücklich pro-römisch; er stellt Rom als besonders groß, ehrwürdig und reich an guten Beispielen dar.

Erzählweise und Sprache

Livius ordnet die Geschichte annalistisch, also Jahr für Jahr. Ein Jahr beginnt typischerweise mit Amtsantritt der Magistrate, Provinzverteilung, Prodigien, außergewöhnlichen Zeichen, und Gesandtschaften; danach folgen Kriege, Triumphe, Wahlen und religiöse Handlungen. Durch Wechsel zwischen Innen- und Außenpolitik führt er verschiedene Schauplätze zusammen, ohne den Überblick zu verlieren.

Größere Ereignisse gestaltet er als Folgen von Szenen, die auf Höhepunkte zulaufen. Er will anschaulich und emotional erzählen, schildert besonders seelische Folgen und zeigt häufig Mitgefühl mit Verlierern. Gespräche, Reden, einzelne Taten und gegensätzliche Personen machen Ereignisse verständlich. Seine Reden sind keine wörtlichen Protokolle: Sie sind sprachlich gestaltet und auf das aus seiner Sicht Wesentliche konzentriert. Bei Schlachten erläutert er Topographie, Strategie, Beweggründe, zeitliche Abfolge und einzelne Phasen. Die Niederlage von Cannae 216 v. Chr. beschreibt er beispielsweise kürzer als die römischen Reaktionen darauf, sodass römische Unbeugsamkeit hervortritt.

Die künstlerische Verdichtung kann die historische Genauigkeit beeinträchtigen: Livius verbindet etwa bei Polybios getrennte Gesandtschaften zu einer einzigen oder fasst mehrere Verhandlungen zusammen. Charaktere beschreibt er direkt oder durch Handlungen und Reden. Er kontrastiert zum Beispiel den abwartenden Quintus Fabius Maximus Verrucosus mit dem offensiveren Marcus Minucius Rufus. Seine lateinische Sprache gilt als ausdrucksstark und vielfältig; sie verwendet freie Wortbildungen und Satzformen. Die von Gaius Asinius Pollio kritisierte Patavinitas, eine angeblich paduanische Eigenart des Stils, lässt sich nicht genauer bestimmen.

Wirkung und Ausgaben

Schon in der frühen Kaiserzeit verdrängte Livius die annalistischen Vorgänger weitgehend; seine Darstellung der Republik wurde maßgeblich. Antike Autoren nutzten sie für Rhetorik, Exempla, Geschichtsschreibung und Dichtung. Wegen des großen Umfangs entstanden früh Auszüge und Epitomen, die zugleich zur Gefährdung der vollständigen Überlieferung beitrugen. Die größten Verluste dürften beim Übergang von Spätantike zu Frühmittelalter entstanden sein.

In der Renaissance wurde Livius besonders in Italien wiederentdeckt und zum wichtigen Schulautor. Humanisten und Übersetzer verbreiteten ihn in italienischer, französischer, spanischer, schottischer, deutscher und teilweise englischer Sprache. Die Editio princeps des lateinischen Textes erschien wahrscheinlich 1469 in Rom durch Arnold Pannartz und Konrad Sweynheym. Simon Grynaeus fand 1527 die einzige Handschrift der Bücher 41–45 wieder; seine Basler Ausgabe von 1531 bot den erhaltenen Text fast vollständig. Niccolò Machiavelli stützte seine Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio (1513–1517) auf Livius.

Vom 19. Jahrhundert bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten ausgewählte Passagen in Deutschland fest zum Lateinunterricht, besonders wegen der dargestellten „römischen Tugenden“. Die moderne Forschung rekonstruiert den Text durch Vergleich der ältesten Handschriften und nutzt auch Archäologie und Münzkunde. Wichtige neuere Gesamtausgabe ist Hans Jürgen Hillens Römische Geschichte (1987–2007); eine lateinisch-deutsche Ausgabe erschien in der Sammlung Tusculum 1974–2000.

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