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Verginia
Verginia ist die zentrale Person einer fast sicher fiktiven, legendenhaften Geschichte aus der frühen römischen Republik, die der römische …
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Kern der Legende
Verginia ist die Hauptfigur einer fast sicher fiktiven, legendenhaften Erzählung aus der frühen römischen Republik. Der römische Geschichtsschreiber Livius berichtet sie in Ab urbe condita libri, um den bösartigen Charakter des Decemvir Appius Claudius zu zeigen. Die Geschichte verbindet ein persönliches Unrecht mit einer politischen Krise: Aus dem Versuch des Appius Claudius, Verginia gegen ihren Willen in seine Gewalt zu bringen, entsteht ein Aufstand gegen die Herrschaft der Decemviri.
Die Ereignisse werden auf 448/447 v. Chr. datiert. Im Hintergrund stehen die Standeskämpfe zwischen Plebejern und Patriziern sowie die Frage, wie die politischen Institutionen Roms wiederhergestellt werden sollten. Die Decemviri hatten die Aufgabe, die Gesetzgebung zu reformieren und schriftlich festzuhalten. Ihnen waren alle politischen Funktionen übertragen worden. Weil die Plebejer in dieser Lage nicht vertreten waren, konnten sie gegen Beschlüsse der Konsuln und des Senats kein Veto einlegen. Aus dieser Gesetzgebungsarbeit entstand schließlich das Zwölftafelgesetz.
Konflikt um Verginia
Das römische Volk war bereits gegen die Decemviri aufgebracht. Ihnen wurden Bestechlichkeit, Missbrauch bei Wahlen und weitere Übergriffe vorgeworfen. Viele fürchteten, sie wollten Rom wieder in eine Monarchie verwandeln, obwohl die Königszeit erst einige Jahrzehnte zuvor überwunden worden war.
451 v. Chr. begehrte Appius Claudius Verginia, ein schönes plebejisches Mädchen. Sie war die Tochter des Armeeoffiziers Lucius Verginius und die Verlobte des früheren Volkstribuns Lucius Icilius. Als Verginia Appius Claudius zurückwies, ließ er seinen Klienten Marcus Claudius behaupten, sie sei in Wahrheit seine Sklavin und Lucius Verginius nach ihrer Geburt nur untergeschoben worden. Marcus Claudius entführte Verginia auf dem Schulweg. Auf dem Forum Romanum stellte sich ihm jedoch eine Menschenmenge entgegen. Weil Verginius und Icilius angesehene Männer waren, musste Marcus Claudius den Fall vor die Decemviri bringen. Diese wurden allerdings von Appius Claudius selbst angeführt.
Verginius war zu diesem Zeitpunkt nicht in Rom und wurde zur Verteidigung seiner Tochter herbeigerufen. Icilius konnte Verginia inzwischen trotz Gewaltandrohung in ihr Elternhaus bringen, wo sie auf ihren Vater warten sollte. Appius Claudius versuchte zu spät, die Boten aufzuhalten, die Verginius holen sollten.
Tod und politischer Umsturz
Als Verginius zwei Tage später in Rom ankam, versammelten sich seine Anhänger auf dem Forum. Appius Claudius erschien mit bewaffneter Eskorte, ließ Verginius nicht sprechen und erklärte Verginia zur Sklavin des Marcus Claudius. Außerdem beschuldigte er die Bürger des Aufruhrs. Um eine gewaltsame Auseinandersetzung zu vermeiden, verließen die Anhänger des Verginius zunächst das Forum.
Verginius bat darum, die Amme und seine Tochter selbst befragen zu dürfen. Appius Claudius stimmte zu. Daraufhin erstach Verginius seine Tochter mit einem schnell entwendeten Schlachtmesser und sagte: „Auf diese einzige Weise, die mir möglich ist, Tochter, bewahre ich Dir die Freiheit“. Die Tat soll also in der Logik der Legende verhindern, dass Verginia als angebliche Sklavin in die Gewalt des Appius Claudius gerät.
Verginius und Icilius wurden festgenommen. Ihre Anhänger kehrten jedoch zurück, griffen die Liktoren an und zerstörten deren Fasces, die Amtszeichen der römischen Gewaltträger. Die Herrschaft der Decemviri wurde gestürzt und die Republik wiederhergestellt. Danach kam es zu weiteren Unruhen in der Stadt. Verginius brachte die Soldaten im Lager dazu, den Kampf gegen die Sabiner zu beenden. Dadurch musste der Senat mit den Plebejern verhandeln. Die Decemviri traten zurück, das Tribunat und die Volksversammlung wurden wieder eingesetzt, und Appius Claudius beging im Gefängnis Selbstmord.
Einordnung bei Livius
Die literarische Quelle der Erzählung ist Livius: Ab Urbe Condita, 3,44–48. Livius stellt die Geschichte nicht nur als Familiendrama dar, sondern als Beispiel für Machtmissbrauch und als Auslöser eines politischen Umschwungs.
Er vergleicht Verginias Geschichte mit der Erzählung von der Vergewaltigung der Lucretia und dem Sturz der Monarchie im Jahr 509 v. Chr. In beiden Fällen führt ein schweres Unrecht gegen eine Frau zu einer politischen Krise und zum Ende einer als tyrannisch dargestellten Herrschaftsform.
Spätere Wirkung
„Verginia“ gilt als fehlerhafte oder abweichende Schreibweise des Namens Virginia. Die Legende der Römerin wurde in vielen Dramen aufgegriffen. Bearbeitungen des Verginia-Stoffes sind vom Mittelalter über die Frühe Neuzeit bis ins 18. Jahrhundert und darüber hinaus in vielen europäischen Literaturen nachweisbar. Ein bekanntes Beispiel ist Gotthold Ephraim Lessings bürgerliches Trauerspiel Emilia Galotti, das 1772 uraufgeführt wurde.
Auch Shakespeare greift das Motiv auf: In Titus Andronicus bezieht sich Titus Andronicus in der 2. Szene des 5. Akts auf „Virginius“, der seine Tochter opferte. Danach tötet Andronicus selbst seine Tochter Lavinia, um mit ihrem Tod die fortdauernde Schande ihrer Entehrung und Verstümmelung durch die Söhne Tamoras zu beenden.
1866 wurde Saverio Mercadantes Oper Virginia uraufgeführt, die in den 1970er Jahren wiederentdeckt wurde. In dieser Oper wird Virginia zu einer initiativen und autonomen Heldin ausgebaut. Verginia erscheint außerdem in bildlichen Darstellungen der Neun Guten Heldinnen, wo sie als Vertreterin des Heidentums gilt. Johann Nikolaus Reuling malte die Tötungsszene in Virginia und Virginius und versetzte sie auf die Bühne eines zeitgenössischen Barocktheaters; das Bild befindet sich heute im Oberhessischen Museum in Gießen.