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Romulus und Remus
Romulus und Remus waren nach der römischen Mythologie die Gründer der Stadt Rom im Jahre 753 v. Chr. Sie waren nach der Sage die Kinder des Kriegsgottes …
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Kern der Sage und Überlieferung
Romulus und Remus sind nach der römischen Mythologie die Gründer Roms im Jahr 753 v. Chr. Sie gelten als Söhne des Kriegsgottes Mars und der Priesterin Rhea Silvia. Die Sage erklärt nicht nur die Entstehung der Stadt, sondern begründet auch wichtige Einrichtungen und Vorstellungen des römischen Staates.
Eine frühe Erwähnung eines „Rhomylos“ stellt möglicherweise eine Vorstufe der Sage dar. Nach Plutarch wurde der Mythos zuerst von Diokles von Peparethos schriftlich aufgezeichnet. Der römische Historiker Quintus Fabius Pictor übernahm ihn weitgehend und stellte ihn aus römischer Sicht dar. Sein Werk ist nicht unmittelbar erhalten, sondern nur durch Plutarch und Dionysios von Halikarnassos überliefert. Auch Titus Livius schilderte die Gründung in seinem Geschichtswerk Ab urbe condita. Die Fassungen von Plutarch und Dionysios ähneln sich, unterscheiden sich aber in Einzelheiten.
Die Origo gentis Romanae berichtet außerdem, Rhea Silvia sei beim Wasserholen für kultische Handlungen von einem Gewitter überrascht und dabei von Mars vergewaltigt worden. Der ursprüngliche Text des Fabius Pictor lässt sich aus den späteren Wiedergaben nicht sicher rekonstruieren.
Aussetzung, Rettung und Sturz des Amulius
Amulius, der König von Alba Longa, hatte seinen älteren Bruder Numitor vom Thron verdrängt. Um Nachkommen Numitors zu verhindern, zwang er dessen Tochter Rhea Silvia, auch Ilia genannt, zur Vestalin. Dennoch empfing sie von Mars Zwillinge: Romulus und Remus.
Nach Plutarch ließ Amulius die Kinder in einem Weidenkorb auf dem Tiber aussetzen und Ilia ins Gefängnis bringen. Wegen eines Hochwassers strandete der Korb beim Ficus Ruminalis am Fuß des Palatin. Eine Wölfin, Mamma Lupa, säugte die Kinder in ihrer Höhle; ein Specht brachte ihnen zusätzliche Nahrung. Der Schweinehirt Faustulus und seine Frau fanden die Zwillinge und zogen sie auf, ohne ihre Herkunft zu kennen.
Dionysios von Halikarnassos beginnt seine Darstellung ebenfalls mit der Aussetzung. Hirten beobachteten die Wölfin, die den Kindern ihre Zitzen hinhielt, und retteten sie. Faustulus, der gerade von Ilias Schicksal und der Geburt erfahren hatte, nahm sie zu sich, gab ihnen die Namen Romulus und Remus und ließ sie Hirten werden. In dieser Fassung sind die Zwillinge 18 Jahre alt, als es wegen Weidelandes zwischen Palatin und Aventin zum Streit mit den Hirten Numitors kommt.
In beiden Fassungen geraten die Brüder mit Numitors Hirten aneinander. Remus wird gefangen genommen und nach Alba gebracht. Dabei wird ihre Herkunft allmählich erkannt. Faustulus erzählt Romulus von der Abstammung der Zwillinge. Romulus sammelt Anhänger, während Numitor sich gegen Amulius wendet. In der Version des Dionysios wird Faustulus mit dem Aussetzungskorb festgenommen; ein Bote verrät Numitor jedoch den Plan des Amulius. Schließlich stürmen Numitor, die Zwillinge, ihre Anhänger und Bürger den Palast. Amulius wird gestürzt und getötet.
Gründung Roms und Tod des Remus
Nach dem Sturz des Amulius erlaubt Numitor den Zwillingen, an der Stelle ihrer Aussetzung eine Stadt zu gründen. Die Brüder streiten jedoch darüber, wer die Stadt bauen und ihr den Namen geben soll. Zur Entscheidung verwenden sie die Auspizien, also ein Zeichenorakel, bei dem der Flug der Adler beobachtet wird. Remus sieht sechs Adler, Romulus zwölf. Beide beanspruchen den Sieg; Romulus setzt sich durch, weil er mehr Anhänger hat.
Romulus zieht eine heilige Furche, die die Größe der Stadt festlegt, und beginnt, Stadtgraben und Mauer anzulegen. Remus verspottet ihn und springt über die noch niedrige Begrenzung. Da eine Stadtmauer als heilig gilt, wird dies als schwere Verletzung von Recht und Gesetz verstanden. Romulus erschlägt seinen Bruder und sagt: „So möge es jedem ergehen, der über meine Mauern springt!“
Nach Titus Livius wird Rom am 21. April 753 v. Chr. gegründet. Romulus herrscht anschließend allein über die Stadt. Remus wird mit seinem Schwert an Romulus’ Thron verewigt.
Sabinerinnen und Ende des Romulus
In die neue Stadt kommen Vertriebene, Flüchtlinge und Verbannte. Da unter ihnen überwiegend Männer sind, fehlen Frauen. Romulus lädt deshalb die Bewohner der Nachbarstädte zu einem Kampfspiel zu Ehren des Neptun ein. Während des Festes greifen die Römer die nur schwach bewaffneten Gäste an und entführen unverheiratete Mädchen, vor allem Sabinerinnen.
Die Angehörigen der Frauen schwören Rache. Als die Sabiner später mit einem Heer gegen Rom ziehen, stellen sich die Frauen zwischen die Kämpfer: Auf der einen Seite stehen ihre Brüder und Väter, auf der anderen ihre Männer und Kinder. Dadurch endet der Kampf. Romulus und der Sabinerkönig Titus Tatius schließen Frieden und regieren gemeinsam. Römer und Sabiner vereinigen ihre Staaten zum „Populus Romanus Quiritium“. Auf der ursprünglichen sabinischen Ansiedlung wird nach der Vereinigung das Capitolium errichtet; dort soll der Tempel des Quirinus beziehungsweise Saturn gestanden haben.
Romulus regiert 37 Jahre. Bei einer Heerschau auf dem Marsfeld verdunkelt eine Sonnenfinsternis den Himmel, ein gewaltiger Orkan entsteht, und Romulus verschwindet in schwarzen Wolken. Nach dieser Legende holt Mars seinen Sohn in den Kreis der Himmlischen; Romulus wird zum Gott Quirinus. Eine andere Überlieferung berichtet, dass ihn die römischen Senatoren als Tyrannen erschlugen. Das Ende des Romulus ist daher in den Quellen nicht einheitlich.
Motive, Bilder und Nachwirkung
Die Sage verbindet verschiedene ältere Motive. Die Wölfin und der Specht waren heilige Tiere des Mars; möglicherweise war die Wölfin ursprünglich selbst eine Gottheit und wurde als Liebesgöttin Lupa verehrt. Die Aussetzung von Säuglingen ist auch aus Exodus 2,1–10 bekannt, und das Motiv eines ausgesetzten und geretteten Heldenkindes kommt in vielen Volkslegenden vor. Bruce Lincoln deutet die Zwillinge als Teil einer älteren indoeuropäischen Tradition, die unter anderem mit Manu und Yama verglichen wird. Er sieht außerdem eine Parallele zum Konflikt von Kain und Abel sowie zwischen Hirten- und Bauernkultur. „Lupae“ konnte neben Wölfinnen auch Priesterinnen der Lupa und Prostituierte bezeichnen. Erste Darstellungen der Wölfin mit den Zwillingen stammen aus etruskischer Zeit.
In der Antike gingen mehrere Feste auf die Sage zurück, besonders die Lupercalia am 15. Februar beim Lupercal, der Höhle der Wölfin. Dahinter stand wahrscheinlich ein Fruchtbarkeitsritual, das 494 n. Chr. in ein Marienfest umgewandelt wurde. Das sogenannte Romuleische Jahr soll ein zehnmonatiges Kalenderjahr gewesen sein. Romulus wurde außerdem als Begründer des Senats, der Bezeichnung „Quiriten“ und des Tempels des Jupiter Stator dargestellt. In der späten Republik konnte er wegen der von ihm begründeten Königsherrschaft negativ bewertet werden; unter Oktavian beziehungsweise Augustus wurde sein Bild wieder positiver. Die Vergöttlichung des Augustus wurde nach dem Vorbild des Romulus gestaltet. Romulus Augustulus, der letzte weströmische Kaiser von 475 bis 476, erhielt seinen Namen als Rückverweis auf den Gründer.
Im Mittelalter und in der Neuzeit wurde der Stoff in Handschriften, Kunstwerken und illustrierten Ausgaben weitergegeben. Das angelsächsische Runenkästchen von Auzon aus dem frühen 7. Jahrhundert zeigt statt einer Wölfin zwei Wölfe und verlegt die Szene in einen Wald. Darstellungen verbreiteten sich vermutlich über Byzanz bis nach Zentralasien; in Bundschikat existierte ein Wandbild aus dem 7. oder 8. Jahrhundert mit fünf Szenen der Sage. In der Moderne wurde der Mythos unter anderem 1961 und 2018 verfilmt. In Star Trek heißen zwei Nachbarplaneten Romulus und Remus. Seit 2005 tragen außerdem zwei Satelliten des Asteroiden (87) Sylvia die Namen Romulus und Remus.