Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Hyperinflation
November 1923). maximale monatliche Inflationsrate von 29.525 % im Oktober 1923; 11 Monate über 50 %. siehe: Deutsche Inflation 1914 bis 1923. 1919–1924 …
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Entstehung
Hyperinflation ist eine Form der Inflation, bei der das Preisniveau sehr schnell steigt. Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition. Verbreitet ist jedoch die Faustregel von Phillip D. Cagan (1956): mindestens 50 % Inflation pro Monat, was auf ein Jahr umgerechnet rund 13.000 % entspricht. Meist dauert eine Hyperinflation nur kurz und endet mit einer Währungsreform.
Vor dem 20. Jahrhundert waren Hyperinflationen selten, weil Wirtschaften bei hoher Inflation auf ungeprägte Edelmetalle oder Naturaltausch auswichen. Die Verbreitung von ungedecktem Geld (Fiatgeld) ermöglichte sie. Laut Artikel ist der Staat stets der Verursacher: Reichen Steuern nicht für staatliche Ausgaben, entsteht ein Budgetdefizit. Der Staat verschuldet sich etwa durch Staatsanleihen. Steigen Preise, während die Nominale einer nicht indexierten Anleihe gleich bleibt, verlieren Gläubiger real an Kaufkraft; der Staat muss real weniger zurückzahlen.
Überraschend hohe Inflation kann alte langfristige Anleihen für den Staat real verbilligen. Neue Gläubiger verlangen dann aber höhere nominale Zinsen und meiden lange Laufzeiten. Um alte Schulden, hohe Zinsen und weitere Defizite zu finanzieren, müssen immer neue Anleihen ausgegeben werden. Dieser Kreislauf kann Vertrauen in die Währung zerstören. Steve Hanke und Nicholas Krus erfassten 2012 56 historische Episoden mit mindestens 50 % monatlichem Preisanstieg; ihre Studie nennt Krieg, politisches Missmanagement und den Übergang von einer Kommando- zu einer Marktwirtschaft als extreme Bedingungen.
Kapitalflucht und Sachwerte
Wie bei Inflation wird Geld rasch in fremde Währungen angelegt. Um die daraus folgende Kapitalflucht zu begrenzen, können Devisenbewirtschaftung und starke Beschränkungen des Devisenverkehrs eingeführt werden. Weltweiter bargeldloser Zahlungsverkehr macht dies seit Ende des 20. Jahrhunderts nur möglich, wenn zugleich grenzüberschreitende bargeldlose Zahlungen politisch drastisch eingeschränkt werden.
Geldanleger fliehen häufig in Sachwerte: vor allem Immobilien und Rohstoffe, außerdem Edelmetalle oder Aktien. Geldanlagen in der betroffenen Währung, etwa Anleihen, können weitgehend ihren Wert verlieren. Die höhere Nachfrage verknappt typischerweise das Angebot und verstärkt damit den Vorgang selbst. Eine Verknappung von Zahlungsmitteln entsteht dabei nicht zwingend, denn Geld kann durch Kredite beliebig geschöpft werden. Steigende Nachfrage nach Immobilien erhöht jedoch deren Preise und kann zu steigenden Mieten führen.
Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft
Preise und Löhne steigen nicht gleichmäßig. Deshalb verändert Hyperinflation die Einkommensverteilung: Reichtum wird von Verleihern, etwa Kredit- oder Darlehensgebern, zu Borgern, also Kredit- oder Darlehensnehmern, übertragen. Schulden haben bei Rückzahlung weniger Kaufkraft; auch der Realzinssatz fällt typischerweise. Nicht an Preise angepasste Rentenzahlungen und lang angesparte Ersparnisse verlieren stark an Kaufkraft. Dies kann die Gesellschaft spalten.
Relative Preise zeigen die tatsächliche Knappheit von Gütern oft nicht mehr, besonders bei rigiden Staatseingriffen. Konsumenten können günstige Preise kaum erkennen; Märkte werden ineffizient und verteilen Ressourcen nicht mehr optimal. Unternehmen haben häufige Preisanpassungskosten und können nicht zu festen Preisen anbieten. Unsicherheit und unübersichtliche Märkte erschweren Zukunftsentscheidungen und verringern langfristige Investitionen, etwa in Forschung und Entwicklung. Dadurch können Wirtschaftswachstum und Lebensstandard langfristig sinken.
Wegen der Zeit zwischen Entstehung und Zahlung von Steuern entstehen reale Steuerausfälle. Im Alltag können große Mengen Bargeld nötig sein; Naturaltausch oder inoffizielle Währungen verdrängen dann das offizielle Zahlungsmittel. Der Schuhsohleneffekt bezeichnet die Ressourcenverschwendung, weil Geschäftsleute viel Zeit und Energie darauf verwenden, ihre Kassenhaltung zu organisieren.
Beendigung und Quantitätsgleichung
Um Hyperinflation zu stoppen, muss die Regierung das Wachstum der Geldmenge nachhaltig und glaubhaft verringern. Da Vertrauen in Regierung und Zentralbank geschwächt ist, kann ein Regierungswechsel zur Wiederherstellung von Vertrauen beitragen. Eine stark sparende Fiskalpolitik und kleinere Budgetdefizite sollen die Währung glaubwürdiger machen.
Die Quantitätsgleichung von Irving Fisher lautet: Transaktionsanzahl · Preisniveau = Geldmenge · Umlaufgeschwindigkeit. Umgeformt: Preisniveau = (Geldmenge · Umlaufgeschwindigkeit) / Transaktionsanzahl.
Danach steigt das Preisniveau proportional zur Geldmenge, wenn Umlaufgeschwindigkeit und Transaktionsanzahl gleich bleiben; ebenso proportional zur Umlaufgeschwindigkeit, wenn Geldmenge und Transaktionsanzahl gleich bleiben. Es steigt außerdem mit dem Kehrwert der Transaktionsanzahl, etwa wenn Katastrophen Lieferungen unterbrechen, die Nachfrage aber bleibt.
Historische Episoden
Die sowjetische Hyperinflation von 1919 bis 1922 sollte das Geld als Zahlungsmittel abschaffen. In Venezuela setzten Lieferanten von Händlern während der Hyperinflation bis Herbst 2018 alle drei Stunden neue Preise fest.
Die Übersicht nennt zahlreiche Episoden mit mehr als 50 % monatlicher Inflationsrate. Im Deutschen Reich (1919–1923) wurden 1.000.000.000.000 Mark am 15. November 1923 durch 1 Rentenmark ersetzt; im Oktober 1923 betrug die maximale Monatsrate 29.525 %, und 11 Monate lagen über 50 %. In Österreich (1919–1924) wurden 10.000 Kronen am 20. Dezember 1924 zu 1 Schilling, in Polen (1921–1924) 1.800.000 Polnische Mark am 14. April 1924 zu 1 Złoty.
Ungarn erreichte 1945/1946 laut Übersicht die höchste Inflation: maximal 41,9 Billiarden Prozent im Monat und eine Verdreifachung der Preise pro Tag; 400.000.000.000.000.000.000.000.000.000 Pengő wurden durch 1 Forint ersetzt. In Jugoslawien lag die maximale Monatsrate 1990–1994 bei 313 Millionen %. Simbabwe erreichte 2006–2009 die zweithöchste Inflation; genannt werden widersprüchlich 79,6 Milliarden % oder 500 Milliarden % monatlich, anschließend wurde die Währung abgeschafft. Für Venezuela nennt die Übersicht 2018 80.000 %; Simbabwe erklärte im Oktober 2019 erneut Hyperinflation von 300+ Prozent nach IAS 29.
Auch ältere schwere Inflationen werden aufgeführt, darunter China 1166, die Kipper- und Wipperzeit im Heiligen Römischen Reich 1620–1623, Frankreich 1719/1720 und 1789–1796 sowie die USA, vor allem die Südstaaten, 1861–1865.