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1884
In Berlin beginnt die Kongokonferenz, auf der die Aufteilung Afrikas in Kolonien beschlossen wird.
Inhalt4 Abschnitte
Überblick und politische Entwicklungen
Das Jahr 1884 war besonders durch die Ausweitung des europäischen Kolonialismus in Afrika, internationale Vereinbarungen und politische Veränderungen in mehreren Staaten geprägt. In Deutschland wurde die Sozialgesetzgebung Otto von Bismarcks fortgesetzt: Die Unfallversicherung wurde eingeführt. Bei der Reichstagswahl am 28. Oktober verloren die linksliberalen Parteien, während Konservative und Sozialdemokraten Stimmen gewannen. In der Schweiz wurde Emil Welti am 1. Januar zum fünften Mal Bundespräsident. Die am 4. Januar gegründete Fabian Society war ein intellektueller Vorläufer der britischen Labour Party. Am 27. März wurde der Dreikaiserbund trotz der Spannungen zwischen Österreich-Ungarn und Russland verlängert.
Wichtig für die internationale Ordnung war die Internationale Meridiankonferenz in Washington, DC: Am 13. Oktober wurde Greenwich als internationaler Nullmeridian bestimmt und ein Beschluss über Zeitzonen gefasst. Bereits am 14. März war in Paris eine internationale Konvention zum Schutz unterseeischer Kabel vereinbart worden.
In Amerika schlossen Chile und Bolivien am 4. April im Vertrag von Valparaíso im Salpeterkrieg ein unbefristetes Waffenstillstandsabkommen. Die Küstenprovinz mit Antofagasta fiel an Chile; Bolivien wurde damit Binnenstaat. Alaska erhielt am 17. Mai eine Zivilverwaltung und die offizielle Bezeichnung District of Alaska. Bei der US-Präsidentschaftswahl am 4. November besiegte der Demokrat Grover Cleveland den Republikaner James G. Blaine. Er war seit 1856 der erste Demokrat, der eine Wahl gewann; Chester A. Arthur war nicht erneut nominiert worden. In Kanada kam es zum Aufstand der Métis gegen die Regierung, außerdem wurde der Potlatch durch eine Änderung des Indian Acts verboten.
In Asien begann im August der Chinesisch-Französische Krieg. Der reformorientierte Gapsin-Putsch in Korea begann am 4. Dezember, wurde aber nach drei Tagen mit Hilfe chinesischer Truppen niedergeschlagen. In Ozeanien wurde am 3. November auf Matupi im späteren Bismarck-Archipel die deutsche Flagge gehisst; Papua wurde am 6. November britisches Protektorat.
Kolonialpolitik in Afrika
Afrika stand 1884 im Mittelpunkt deutscher und europäischer Kolonialpolitik. Während des Mahdi-Aufstands besiegte eine Streitmacht unter Osman Digna am 4. Februar bei at-Taib im östlichen Sudan ein von Valentine Baker befehligtes anglo-ägyptisches Heer.
Am 28. März gründeten Felix Graf Behr-Bandelin und Carl Peters die Gesellschaft für deutsche Kolonisation. Der nach Adolf und August Lüderitz benannte Küstenstreifen Lüderitzland wurde am 24. April unter den Schutz der deutschen Reichsregierung gestellt. Er wurde damit Ausgangspunkt des „Schutzgebietes“ Deutsch-Südwestafrika. Am 5. Juli wurde Togo unter Mitwirkung Gustav Nachtigals deutsches Schutzgebiet, am 14. Juli wurde Kamerun deutsche Kolonie und Teil Deutsch-Westafrikas. Am 7. August nahmen die Kriegsschiffe Leipzig und Elisabeth Lüderitzland in der Bucht von Angra Pequeña für das Deutsche Reich in Besitz.
Am 10. November kam Carl Peters nach Sansibar und begann, „Schutzverträge“ zu schließen, aus denen später die Kolonie Deutsch-Ostafrika entstand. Den übergeordneten Rahmen bildete die Berliner Kongokonferenz, die am 15. November begann und an deren Ende die Aufteilung Afrikas in Kolonialgebiete stand. Daneben entstand am 16. August in Südafrika die von Söldnern proklamierte Nieuwe Republiek als weitere Burenrepublik.
Wirtschaft, Verkehr und technische Fortschritte
1884 brachten neue Patente, Verkehrsverbindungen und sozialpolitische Regelungen wirtschaftliche Veränderungen. Lewis Edson Waterman erhielt am 12. Februar das US-Patent Nr. 293545 auf den Füllfederhalter. George Eastman und William Walker meldeten am 8. August den Stripping-Film, einen papierenen Rollfilm, zum Patent an. Ottmar Mergenthaler erhielt am 26. August ein Patent für eine frühe Linotype-Setzmaschine.
Zu den Gründungen gehörten die Zellstofffabrik Waldhof in Mannheim am 26. Juni, ein Vorläufer der Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg, sowie die Tageszeitung Politiken am 1. Oktober. Am 18. Dezember erschien in Stockholm die Erstausgabe des Svenska Dagbladet. In Neumarkt in der Oberpfalz entstand mit den Express Werken die erste Fahrradfabrik Europas. Ecuador führte am 22. März den Sucre als Landeswährung ein. Am 1. Dezember trat im Deutschen Kaiserreich die Krankenversicherung der Arbeiter in Kraft: Arbeitgeber zahlten ein Drittel, Arbeiter zwei Drittel der Beiträge. Die Reform gilt als Meilenstein der deutschen Sozialversicherung. Am 16. Dezember wurde die Weltausstellung in New Orleans eröffnet.
Im Verkehr wurde am 18. Februar der erste Abschnitt der Frankfurt-Offenbacher Trambahn einschließlich eines eigenen Kraftwerks eröffnet. Es folgten unter anderem die Zahnradbahn Sassi–Superga in Turin am 27. April, die Strecke Altona–Kaltenkirchen am 8. September, die Pferdestraßenbahn Osijek am 10. September und die Lößnitzgrundbahn am 16. September. Auch die Corcovado-Bergbahn in Rio de Janeiro wurde eröffnet.
In Wissenschaft und Technik legte Kaiser Wilhelm I. am 9. Juni den Grundstein für das von Paul Wallot geplante Berliner Reichstagsgebäude. Am 9. August vollendete das von Charles und Paul Renard sowie Arthur H. C. Krebs entwickelte Luftschiff La France über Chalais-Mendon eine Runde und war damit das erste steuerbare Luftschiff. Astronomen entdeckten mehrere Galaxien, darunter NGC 27, Barnards Galaxie sowie NGC 76, NGC 96, NGC 79, NGC 84 und NGC 94-1. Ludwig Boltzmann begründete das von Josef Stefan gefundene Gesetz über die Gesamtstrahlungsleistung, das Stefan-Boltzmann-Gesetz.
Kultur, Gesellschaft und Katastrophen
In Kunst und Literatur entstanden oder erschienen bedeutende Werke. Vincent van Gogh malte im Mai Der Pfarrgarten von Nuenen im Frühjahr. Am 29. Juli wurde in Paris die Société des Artistes Indépendants gegründet, die Kunstwerke durch das Publikum bewerten lassen wollte. Mark Twain schrieb The Adventures of Huckleberry Finn; der Roman erschien am 10. Dezember in Großbritannien und Kanada und gilt als Schlüsselwerk der amerikanischen Literatur. Edwin Abbott Abbott schrieb unter dem Namen A. Square Flatland, eine Satire auf die viktorianische Gesellschaft und ein mathematisches Essay über die vierte Dimension.
Im Musiktheater wurden Gasparone von Karl Millöcker am 25. Januar, Mazeppa von Pjotr Iljitsch Tschaikowski am 15. Februar und Le Villi von Giacomo Puccini am 31. Mai uraufgeführt. Das Wiener Stadttheater brannte am 16. Mai nieder; ein Wiederaufbau als Schauspielhaus wurde wegen neuer Brandschutzbestimmungen nicht erlaubt. Am 23. September wurde das Bachdenkmal in Eisenach enthüllt.
Am 28. Mai nahm in Bangalore der Chief Court of Mysore, der heutige Karnataka High Court, seine Arbeit auf. Papst Leo XIII. betonte am 30. August in der Enzyklika Superiore anno das Rosenkranzgebet und erneuerte Ablässe für Betende an bestimmten Tagen. Die Muhammad-Ali-Moschee in Kairo wurde 60 Jahre nach Baubeginn eingeweiht. Am 1. November wurde die Gaelic Athletic Association for the Preservation and Cultivation of National Pastimes gegründet.
Mehrere schwere Unglücke forderten viele Opfer: Beim Untergang der City of Columbus am 18. Januar starben 103 Menschen, 29 wurden gerettet. Beim Sinken der Daniel Steinmann am 3. April gab es 121 Tote, beim Untergang der State of Florida am 18. April 130 Tote. Das Schloss Christiansborg in Kopenhagen wurde am 3. Oktober durch Feuer zerstört. Beim nur 20 Sekunden dauernden Erdbeben von Andalusien am 25. Dezember starben rund 900 Menschen, über 1.500 wurden verletzt.