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Wettlauf um Afrika
Als Wettlauf um Afrika wird die Kolonialisierung des afrikanischen Kontinentes in der Hochphase des Imperialismus von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg …
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Begriff und Bedeutung
Als „Wettlauf um Afrika“ wird die Kolonialisierung des afrikanischen Kontinents in der Hochphase des Imperialismus von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg bezeichnet. Ab etwa 1880 wandelte sich der europäische Imperialismus: An die Stelle eines überwiegend „informellen“ Imperialismus, der auf militärischer und wirtschaftlicher Überlegenheit beruhte, trat zunehmend ein direkter Imperialismus. Europäische Staaten griffen nun unmittelbar in politische Angelegenheiten Afrikas ein und errichteten Kolonialherrschaften.
Der Wettlauf war Teil der weltpolitischen Machtkonkurrenz europäischer Staaten. Versuche, den Wettbewerb durch gemeinsame Regeln zu begrenzen, insbesondere die Kongokonferenz von 1884/1885, scheiterten letztlich. Die Rivalitäten um afrikanische Gebiete verstärkten die Spannungen zwischen den Großmächten und gehörten zu den Entwicklungen, die zum Ersten Weltkrieg beitrugen.
Als Beginn des eigentlichen Wettlaufs gelten das französische Protektorat in Tunesien von 1881 und die britische Besetzung Ägyptens im Jahr 1882. Auf der Kongokonferenz wurde das Prinzip der Effektivität festgelegt: Nur eine Macht, die ein Gebiet tatsächlich in Besitz nahm und kontrollierte, sollte Anspruch auf eine Kolonie haben. Dadurch beschleunigte sich die Aufteilung Afrikas. 1896 waren südlich der Sahara nur noch das Kaiserreich Abessinien, Liberia sowie der Oranje-Freistaat und die Südafrikanische Republik unabhängig; die beiden letztgenannten Siedlerrepubliken wurden später in das britische Kolonialreich eingegliedert.
Voraussetzungen und wirtschaftliche Motive
Die europäische Erkundung und Kartografierung des inneren Afrikas begann Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Erforschung Nordwestafrikas war bereits 1835 abgeschlossen. David Livingstone erforschte große Teile des inneren Afrikas und entdeckte 1855 die großen Wasserfälle des Sambesi, die er Victoriafälle nannte. Richard Burton, John Speke und James Grant erkundeten in den 1850er und 1860er Jahren mehrere große Seen und die Nilquellen. Gegen Ende des Jahrhunderts waren unter anderem der Nil, der Kongo, der Niger und der Sambesi von europäischen Forschern und Abenteurern erforscht und kartografiert.
Diese Kenntnisse erleichterten die spätere militärische und politische Expansion. Technische Fortschritte in Nautik, Telegrafie, Eisenbahntechnik und Dampfschifffahrt ermöglichten schnellere Transporte und die Fahrt flussaufwärts. Medizinische Fortschritte, besonders bei der Bekämpfung von Malaria und anderen Tropenkrankheiten, verringerten die Gefahren für Europäer.
Vor 1880 standen etwa zehn Prozent Afrikas unter europäischer Kontrolle. Zu den wichtigsten Kolonien gehörten Algerien, dessen Kolonisation Frankreich seit den 1830er Jahren vorantrieb, die britische Kapkolonie und das portugiesisch besetzte Angola.
Subsahara-Afrika war eine der letzten Regionen der Welt, die noch kaum in den informellen Imperialismus einbezogen war. In der europäischen Depression von 1873 bis 1896 schrumpften die Märkte, während ihre Abschottung zunahm. Großbritannien, Deutschland, Frankreich und andere Staaten hofften deshalb auf neue Absatzmärkte, höhere Exporte und eine Verbesserung ihrer chronisch negativen Handelsbilanzen. Nach John A. Hobson waren die schrumpfenden europäischen Märkte eine Ursache des neuen Imperialismus. Spätere Historiker bewerteten diese wirtschaftlichen Argumente teilweise als Scheinbegründungen und betonten stärker die strategische Rivalität.
Überseeische Investitionen konnten wegen billiger Arbeitskräfte, geringer Konkurrenz und leicht verfügbaren Rohstoffen besonders gewinnbringend sein. Afrika lieferte unter anderem Kupfer, Baumwolle, Kautschuk, Tee und Zinn. Kupfer wurde für die gegen Ende des 19. Jahrhunderts beginnende Elektrifizierung benötigt. Dennoch investierten die Europäer insgesamt vergleichsweise wenig Kapital in Afrika. Südafrika war die einzige Kolonie mit einer nennenswerten Zahl weißer Siedler. Eine Ausnahme unter den Unternehmen war Cecil Rhodes’ Diamantengesellschaft De Beers, die in Rhodesien Diamanten schürfte. Der Goldrausch am Witwatersrand, der zur Gründung Johannesburgs führte, war ein Hauptgrund für den Zweiten Burenkrieg.
Strategische Konkurrenz und deutsche Kolonialpolitik
Neben wirtschaftlichen Hoffnungen war die strategische Kontrolle Afrikas entscheidend. Besonders wichtig war der 1869 eröffnete Suezkanal, der den Zugang zu Indien, China und der Ostküste Afrikas erleichterte. Großbritannien wollte deshalb wichtige Wasserwege, Küstenhäfen und Versorgungsstützpunkte sichern. Es war damals die führende Seemacht und auf Kolonialwaren sowie auf ausländische Märkte angewiesen. Die britische Regierung stand dabei besonders unter dem Druck konservativer Kräfte.
Das 1871 gegründete Deutsche Reich besaß zu Beginn der neuen imperialistischen Phase noch keine Kolonien. Es war zunächst wegen fehlender Erfahrungen in moderner Nautik, seiner späten Einigung und seiner inneren Zersplitterung nur begrenzt zur Kontrolle von Überseegebieten fähig. Unter Bismarck änderte sich dies. In den 1880er Jahren begann Deutschland, publizistisch vorbereitet durch Friedrich Fabri und unterstützt durch das national gesinnte Bürgertum, eine weltweite Expansion. Wilhelm Hübbe-Schleiden vertrat 1881 in Deutsche Kolonisation die These, dass nationales Bewusstsein eine eigenständige Überseepolitik verlange. In imperialistischen Kreisen spielten außerdem merkantilistische Vorstellungen und der Pangermanismus eine Rolle. Der Deutsche Kolonialverein stand dem nationalistischen Alldeutschen Verband ideell nahe.
Das Deutsche Reich erklärte Togo, Kamerun und Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia, zu Schutzgebieten. In Ostafrika versuchten deutsche Vertreter zwischen 1885 und 1890, eine Hegemonie von der Somaliküste über Wituland bis nach Deutsch-Ostafrika aufzubauen. Dieser Plan scheiterte mit Ausnahme der Gründung Deutsch-Ostafrikas an britischen und italienischen Bestrebungen.
Der deutsche Expansionsdrang führte später zum Tirpitz-Plan, dem Aufbau der zweitgrößten Flotte hinter Großbritannien, der sogenannten „Risikoflotte“. 1898 begann ein Wettrüsten zwischen Kaiserlicher Marine und Royal Navy. 1914 war die deutsche Marine die zweitgrößte der Welt, blieb aber 40 Prozent kleiner als die britische. Die Unterstützung für die Flottenaufrüstung kam laut Tirpitz eher von der Nationalliberalen Partei als von konservativen Parteien. Dies deutet im Artikel auf eine starke Verankerung des Imperialismus im Bürgertum hin.
Aufteilung Afrikas und koloniale Herrschaft
Frankreich besetzte 1881 Tunesien und 1884 Guinea. Großbritannien besetzte 1882 das offiziell zum Osmanischen Reich gehörende Ägypten. Italien hatte bereits 1870 und 1882 Teile Eritreas besetzt und okkupierte 1889 ganz Eritrea sowie 1889 und 1890 Teile Somalias. Frankreich gründete 1895 Französisch-Westafrika und 1910 Französisch-Äquatorialafrika.
Italien wollte ebenfalls einen „Platz an der Sonne“ und versuchte, Abessinien zu unterwerfen, wurde aber 1896 im Krieg gegen das Kaiserreich besiegt. 1911 begann Italien den Krieg gegen das Osmanische Reich, um eine Kolonie zu erobern. Durch den Frieden von Ouchy vom 18. Oktober 1912 erhielt es Tripolitanien und die Cyrenaika, das heutige Libyen. Der Italienisch-Türkische Krieg hatte am 29. September 1911 begonnen.
Großbritannien dehnte seine Herrschaft von Ägypten über den Sudan, in dem der Mahdi-Aufstand ausgebrochen war, nach Kenia, Uganda und Nigeria aus. Im südlichen Afrika annektierten die Briten nach dem Zulukrieg die Burenrepublik Transvaal. Der Widerstand der Buren führte 1880 zum Ersten Burenkrieg. Der Vertrag von 1881 gewährte den Burenrepubliken weitgehende Selbstverwaltung. Im Zweiten Burenkrieg wurden Transvaal und der Oranje-Freistaat besiegt und in das Britische Empire eingegliedert.
Die britische Verwaltung stützte sich auf lokale Eliten. 1938 waren in 14 britischen Kolonien nur knapp 5.400 britische Verwaltungsbeamte, Sekretäre, Ärzte, Ingenieure und Botaniker eingesetzt; deshalb wurde von einer „thin white line“ gesprochen. Militärische Kräfte konzentrierten sich vor allem auf die Niederwerfung afrikanischer Armeen und Aufstände.
Die Kolonialmächte Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Belgien, Portugal und Italien konkurrierten um Gebiete. Frankreich und Großbritannien schlossen 1904 die Entente cordiale, die 1907 durch Russland erweitert wurde. Dieses Bündnissystem richtete sich gegen den Dreibund aus Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien.
Kongokonferenz, Suezkanal und Liberia
Der belgische König Leopold II. gründete 1876 die Internationale Afrikanische Gesellschaft und entsandte Henry Morton Stanley von 1879 bis 1884 in geheimer Mission in den Kongo. Stanley schloss Verträge mit einheimischen Führern und sicherte Leopold ein Gebiet von etwa 2.300.000 km². Der Kongo-Freistaat war Leopolds Privateigentum. Ab 1885 wurden dort Elfenbein und Kautschuk exportiert. Konzessionsgesellschaften errichteten ein Terrorregime mit Massenhinrichtungen und Sklavenarbeit. Durch Gewalt und Krankheiten starben etwa zehn Millionen Kongolesen. Belgien annektierte den Kongo-Freistaat 1908.
Bismarck berief 1884 die Kongokonferenz ein. Offiziell ging es unter anderem um die Verurteilung des Sklavenhandels, die Förderung der Missionsarbeit sowie Verbote des Verkaufs von Alkohol und Schusswaffen in bestimmten Gebieten. Wichtiger waren die kolonialen Regeln: Leopold II. wurde als Oberhaupt des Kongo anerkannt, dessen Territorium als neutral galt. Keine Nation sollte Grenzen ziehen dürfen, ohne die anderen Großmächte zu informieren. Ansprüche sollten nur gelten, wenn ein Gebiet effektiv kontrolliert wurde. Die Großmächte missachteten diese Regeln jedoch häufig.
Der Suezkanal wurde ab 1854 unter Ferdinand de Lesseps gebaut. Während der Bauzeit mussten 1,5 Millionen Menschen arbeiten; 125.000 starben an Unterernährung, Erschöpfung und Krankheiten, vor allem an Cholera. Wegen hoher Schulden verkaufte Ismail Pascha 1875 seine Aktien an den britischen Premierminister Benjamin Disraeli. Großbritannien erhielt dadurch die Kontrolle über den strategisch wichtigen Wasserweg. Nach dem Urabi-Aufstand, der sich gegen ausländische Einmischung richtete, fiel Ägypten unter britische Herrschaft.
Die USA beteiligten sich über die 1816 von Robert Finley gegründete American Colonization Society an der Kolonisation. Sie wollte freie Schwarze nach Afrika zurückführen und gründete Liberia. Die Gesellschaft erwarb und annektierte Land teilweise durch Gewalt und unlautere Verträge. Liberia erklärte sich 1847 aus Furcht vor einer britischen Invasion für unabhängig und wurde damit zum ersten dekolonisierten Staat Afrikas. Bis 1867 wurden ungefähr 13.000 Emigranten dorthin geschickt. Später verlagerte die Gesellschaft ihren Schwerpunkt auf Bildung und Mission.
Krisen und Ende des Wettlaufs
Die Faschodakrise von 1898 gilt als Ende des Wettlaufs um Afrika. Britische und französische Kolonialtruppen gerieten aneinander, weil Frankreich eine Verbindung des Sudan mit dem Roten Meer anstrebte, während Großbritannien die Kontrolle über das Niltal sichern wollte. Der Konflikt konnte beigelegt werden, zeigte aber die Gefährlichkeit der kolonialen Rivalitäten.
Auch nach 1898 bestanden Territorialstreitigkeiten fort. Die Konflikte zwischen Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Belgien und Portugal führten bis 1914 jedoch nicht zu grundlegenden Änderungen der Kolonialgrenzen. Der Wettlauf um Afrika war damit nicht das Ende kolonialer Eroberungen, sondern der Abschluss der entscheidenden Phase, in der der größte Teil des Kontinents unter europäische Herrschaft gelangte.