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Über die Lehre Spenglers

Thomas Mann stellte den Text aus dem ersten von insgesamt acht Briefen aus Deutschland zusammen, den er bereits 1922 geschrieben hatte.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern des Essays
  2. 2. Manns Hauptkritik
  3. 3. Kulturen und Menschheit
  4. 4. Kultur, Zivilisation und Politik
  5. 5. Nietzsche, Geist und Natur
  6. 6. Entstehung und Einordnung

Kern des Essays

„Über die Lehre Spenglers“ ist ein kurzer Essay von Thomas Mann. Er erschien am 9. März 1924 in der Allgemeinen Zeitung; die erste Buchveröffentlichung folgte 1925 im S. Fischer Verlag. Mann stellte den Text aus dem ersten von insgesamt acht „Briefen aus Deutschland“ zusammen, den er bereits 1922 geschrieben hatte.

Der Essay ist wichtig, weil Thomas Mann sich darin öffentlich von Oswald Spengler distanzierte. Er kritisierte Spenglers Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“ und knüpfte an Gedanken aus seiner Rede „Von deutscher Republik“ an. Im Mittelpunkt steht Manns Ablehnung von Spenglers fatalistischer Geschichtslehre: Fatalismus bedeutet hier die Vorstellung, dass geschichtliche Entwicklungen notwendig und unabwendbar seien.

Manns Hauptkritik

Thomas Mann beginnt nicht mit einer einfachen Zurückweisung. Er lobt zunächst den literarischen Glanz von Spenglers Werk, die „intuitiv-rhapsodische Art seiner Kulturschilderungen“ und die starke öffentliche Wirkung des Buches.

Dann setzt seine Kritik ein. Mann spricht Spengler den humanistischen Pessimismus Arthur Schopenhauers und den „tragisch-heroischen“, dionysischen Charakter Friedrich Nietzsches ab. Dionysisch meint hier eine lebensbejahende, tragische Kraft, die bei Nietzsche den Gegensatz von Pessimismus und Optimismus überwindet. Spenglers Werk sei dagegen fatalistisch, zukunftsfeindlich und von „boshafter Apodiktizität“ geprägt. Apodiktizität bedeutet ein Auftreten mit dem Anspruch auf unumstößliche Gewissheit. Für Mann hat das nichts mit Nietzsches „Amor fati“, also der Liebe zum Schicksal, zu tun.

Mann nennt Spengler den „Defätist der Humanität“ und wirft ihm ein „hyänenhaftes Prophetentum“ vor. Spengler solle sich nicht als Nachfahre Schopenhauers, Nietzsches oder Goethes verstehen.

Kulturen und Menschheit

Ein zentraler Streitpunkt ist Spenglers Vorstellung von Kulturen. Nach Manns Darstellung sieht Spengler Kulturen als in ihrer allgemeinen Struktur und ihrem Lebenslauf zwar „gleich“, aber zugleich wie hermetisch geschlossene Lebewesen. Jede Kultur habe eigene Stilgesetze, Empfindungen und Denkvorgänge und wisse im Grunde nichts von den anderen.

Mann widerspricht dieser radikalen Trennung. Er verweist auf Novalis’ Gedanken einer „letzten geistigen Einheit“ und eines „höheren Menschentume“, das der eigentliche Sinn des Planeten sei. Damit meint Mann: Zwischen Kulturen kann es eine gemeinsame menschliche geistige Ebene geben.

Als Beispiel nennt Mann Gustav Mahlers „Lied von der Erde“. Dieses „einzige Werk der Liebe“ verbinde altchinesische Lyrik mit hochentwickelter Tonkunst des Abendlandes zu einer organischen menschlichen Einheit. Für Mann widerlegt dieses Werk Spenglers Theorie von der radikalen Fremdheit zwischen den Kulturen.

Kultur, Zivilisation und Politik

Mann kritisiert auch Spenglers Forderung, der Mensch solle nur das anstreben, was die Wissenschaft ohnehin als notwendig erkläre. Dann höre der Mensch auf, wirklich zu wollen; für Mann ist das unmenschlich.

Hinter Spenglers kalt-wissenschaftlicher Lehre sieht Mann einen heimlichen Konservatismus. Konservatismus bedeutet hier eine Bindung an Form, Ordnung und Kultur. Mann findet es widersprüchlich, dass Spengler zwar ein komplexes Ordnungsdenken entwickelt, aber nicht für Kultur und ihre Erhaltung kämpft. Stattdessen nehme Spengler die Zivilisation als fatal notwendig hin. Zivilisation erscheint hier als Endzustand, der politisch in Cäsarismus und Militarismus münde. Cäsarismus meint eine autoritäre Herrschaftsform nach dem Vorbild eines starken Einzelherrschers; Militarismus bezeichnet eine politische Ausrichtung auf militärische Macht.

Mann formuliert den Vorwurf zugespitzt: Der Kulturmensch Spengler scheine paradox die Zivilisation zu feiern, weil alles Kulturelle für ihn keine Lebensaussicht mehr habe. Gegen Spenglers „bleiernen Geschichtsmaterialismus“ sei der von Karl Marx nichts weiter als „idealistische Himmelsbläue“. Geschichtsmaterialismus bedeutet hier eine Deutung der Geschichte als von notwendigen Gesetzmäßigkeiten bestimmt.

Nietzsche, Geist und Natur

Mann wirft Spengler vor, von Nietzsche zwar das Schreiben gelernt und bestimmte wirkungsvolle Effekte übernommen zu haben, aber nichts vom „tiefen Wesen des Geistes“ zu verstehen. Geist meint hier die menschliche Fähigkeit zu Freiheit, Sinn, Kultur und schöpferischer Gestaltung.

Spengler suche aus Bequemlichkeit und herrischer Lieblosigkeit nach Gesetzen, die er gegen Geist und Menschen wende. Seine süffisante Unerbittlichkeit lasse ihn vornehm erscheinen, doch Mann nennt ihn einen Snob, der etwas lehre, was ihm nicht zukomme.

Mann vergleicht Spengler auch mit Goethe. Wer die Natur gegen den Geist vertreten wolle, wie Goethe es gegenüber Schiller unternommen habe, müsse wie Goethe von „echtem Adel der Natur“ sein. Spengler erfülle diese Voraussetzung nach Manns Urteil nicht.

Entstehung und Einordnung

Der Essay entstand im Zusammenhang mit Thomas Manns Beiträgen für die New Yorker Zeitschrift The Dial. Durch Vermittlungen Arthur Schnitzlers hatte Mann den Herausgeber kennengelernt und mehrere Abhandlungen über Deutschland vereinbart. Zwischen 1922 und 1928 erschienen acht Beiträge, die als „German letters“ bezeichnet wurden. Das Dollarhonorar stabilisierte während der Inflation das Familieneinkommen. Viele dieser Beiträge veröffentlichte Mann auch in Deutschland.

Mann hatte „Der Untergang des Abendlandes“ bald nach der Veröffentlichung 1919 gelesen und zunächst positiv aufgenommen. Er betrachtete das Werk als geistesverwandt, nannte es ein „Buch voller Schicksalsliebe und Tapferkeit der Erkenntnis“ und empfahl es der Jury des Nietzsche-Preises. Später wandelte sich seine Haltung deutlich.

In der Rede „Von deutscher Republik“ vom 13. Oktober 1922 distanzierte Mann sich von der Gedankenwelt seiner „Betrachtungen eines Unpolitischen“ und äußerte sich kritisch über Spenglers Hauptwerk. Er fand es zwar geistreich, wissenschaftsvoll und von enormer Potenz und Willenskraft, hielt seine Haltung aber für „falsch, anmaßend und bequem bis zur äußersten Inhumanität“.

Thomas Mann bekannte sich erst relativ spät zur Weimarer Republik und zur Demokratie, trat dann aber öffentlich für sie ein und kritisierte antirepublikanische und antidemokratische Tendenzen. Zugleich beschäftigte er sich, anders als sein Bruder Heinrich Mann, nur wenig mit politischen Tagesfragen und konzentrierte sich vor allem auf seine literarische Arbeit. Den Obskurantismus, also eine auf Verdunkelung und Irrationalität gerichtete Haltung, sah er als Gefahr für eine Menschheit, die des Relativismus müde sei und nach dem Absoluten strebe.

Trotz seiner Kritik übernimmt Mann in seinem Essay Spenglers Gegensatz von Kultur und Zivilisation, der im Bildungsideal des deutschen Idealismus wurzelt. Er wendet sich aber gegen Spenglers fatalistische Wendung: Spengler gehe aus Kulturpessimismus zur Förderung von „Technik und Zivilisation“ über. Mann teile Spenglers Diagnose des Untergangs enthusiastisch, verwerfe aber dessen Therapie.

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