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Der Untergang des Abendlandes

Sie reflektiert die Erfahrungen der Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges und zeigt sich von den revolutionären Begleitumständen der Epoche inspiriert.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Werk und Grundidee
  2. 2. Philosophische Grundlagen
  3. 3. Hochkulturen und Verlauf
  4. 4. Kultur, Zivilisation und Stil
  5. 5. Politik, Religion und Wirtschaft
  6. 6. Wirkung und Kritik

Werk und Grundidee

Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte ist das kulturphilosophische Hauptwerk Oswald Spenglers. Band 1, Gestalt und Wirklichkeit, erschien ab 1918, Band 2, Welthistorische Perspektiven, 1922. Spengler vergleicht das europäisch-nordamerikanische Abendland mit sieben anderen Hochkulturen und entwickelt daraus eine Geschichtsphilosophie, die nicht von dauerhaftem Fortschritt ausgeht, sondern von Aufstieg, Blüte, Verfall und Ende einzelner Kulturen.

Der Titel meint nach Spengler keine plötzliche Katastrophe. „Untergang“ bezeichnet einen jahrhundertelangen Prozess, den er auch als „Vollendung“ verstanden wissen wollte. Der Untertitel erklärt den Anspruch: Spengler will eine „Morphologie der Weltgeschichte“ entwerfen, also eine Lehre von den Formen und Entwicklungsverläufen der Geschichte. Er behauptet, Geschichte lasse sich in wiederkehrenden Mustern verstehen und sogar in künftigen Entwicklungen vorausbestimmen.

Die bekannte These vom Untergang des Abendlandes bedeutet daher: Die abendländische Kultur habe ihre schöpferische Hochphase hinter sich und trete in eine späte Phase ein. Diese sei nach Spengler ein natürlicher Abschluss einer vorherigen Blüte- und Abstiegszeit. Damit widersprach er der damals verbreiteten Vorstellung, die Menschheitsgeschichte bewege sich notwendig immer weiter vorwärts.

Philosophische Grundlagen

Spenglers Denken verbindet verschiedene ältere und zeitgenössische philosophische Ideen. Wichtige Vorbilder sind Johann Wolfgang von Goethes Morphologie und Friedrich Nietzsches Begriffe von Leben, Geist, Seele und „Wille zur Macht“. Zentral ist bei Spengler das Dasein als lebendiger Strom ständigen Werdens und Vergehens.

Wichtige Grundbegriffe sind „Takt und Spannung“, „Gestalt und Gesetz“ sowie der „Wille zur Macht“. Mit „Takt“ meint Spengler eine innere Richtung des Lebensstroms; „Spannung“ gehört zum wachen, verstandesmäßig ordnenden Bewusstsein. „Gestalt“ bezeichnet das intuitive Erfassen eines lebendigen Zusammenhangs, „Gesetz“ die mechanische Erklärung nach Ursache und Wirkung. Der „Wille zur Macht“ bedeutet bei ihm, dass Leben nicht nur bestehen, sondern wachsen, herrschen und sich durchsetzen will.

Aus Goethes Morphologie übernimmt Spengler die Vorstellung, lebendige Formen entwickelten sich in Phasen wie Jugend, Reifung, Alter und Absterben. Er überträgt diese Methode auf die Geschichte. Nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch Kunst, Gesellschaft, Politik und Staat erscheinen ihm als Lebenseinheiten. Diese Sicht wurde kritisiert, weil Spengler biologische Begriffe nicht nur als Bilder, sondern als angeblich passende Begriffe für politische und gesellschaftliche Prozesse verwendet.

Hochkulturen und Verlauf

Für Spengler sind Hochkulturen die wichtigsten Einheiten der Weltgeschichte: „Kulturen sind Organismen. Weltgeschichte ist ihre Gesamtbiographie.“ Jede Hochkultur entsteht aus einer bestimmten Landschaft, wächst, reift und verfällt. Ihre Dauer setzt er ungefähr mit einem Jahrtausend an.

Spengler nennt für die letzten 5.000 Jahre acht Hochkulturen: die ägyptische Kultur seit ca. 2600 v. Chr. am Nil, die babylonische seit ca. 2600 v. Chr. im Nahen Osten, die indische seit 1500 v. Chr., die chinesische seit 1400 v. Chr., die antike griechisch-römische seit 1100 v. Chr., die arabische seit Christi Geburt, die aztekische seit ca. 200 n. Chr. und die abendländische seit 900 n. Chr. in Westeuropa und später Nordamerika. Zusätzlich sieht er eine neunte, russische Kultur, der aus seiner Sicht die Zukunft des dritten Jahrtausends gehöre.

Spengler lehnt eine einheitliche „Geschichte der Menschheit“ ab. Stattdessen gebe es voneinander verschiedene Kulturen, die aber ähnliche Entwicklungsstufen durchlaufen: Frühzeit, Hochblüte, Verfallsstadium und Sterben. Daraus leitet er seinen besonderen Begriff der „Gleichzeitigkeit“ ab. Ereignisse sind für ihn nicht gleichzeitg, weil sie im selben Kalenderjahr stattfinden, sondern weil sie an derselben Stelle im Lebenslauf verschiedener Kulturen stehen. So vergleicht er Homers Ilias und Odyssee mit dem Nibelungenlied, Konfuzius mit Immanuel Kant und Alexander den Großen mit Napoleon Bonaparte.

In der Frühzeit einer Kultur entstehen nach Spengler große Mythen, neue Kunstformen und politische Grundstände wie Adel und Priestertum. Später wächst die Stadtkultur, das Bürgertum gewinnt Bedeutung, und in der Zivilisation tritt das Proletariat als „Vierter Stand“ hinzu. Den Höhepunkt der Kulturentwicklung sieht Spengler im Absolutismus; für die Antike nennt er die attische Demokratie zur Zeit des Perikles, für den Okzident die Staaten des 17. und 18. Jahrhunderts.

Kultur, Zivilisation und Stil

Spengler unterscheidet streng zwischen Kultur und Zivilisation. Kultur ist für ihn die schöpferische, lebendige Phase; Zivilisation ist die letzte, erstarrte Phase und bedeutet den „Tod der Kultur“. Kennzeichen der Zivilisation sind für ihn Geschichtslosigkeit, Künstlichkeit, Herrschaft der Weltstadt über das Land, Tatsachensinn statt Ehrfurcht, Materialismus, Irreligiosität, Unterhaltungsindustrien, moralischer Verfall, Zivilisationskriege, Imperialismus und formlose Gewalt.

Jede Kultur durchlaufe am Ende eine Zeit großer Kriege und Kämpfe um die Endherrschaft. Spengler nennt sie in Anlehnung an China die „Zeit der kämpfenden Staaten“. Nach der Krise entstehe eine Epoche des „Weltfriedens“, die aber nicht auf freier Versöhnung beruhe, sondern auf Schicksalsergebenheit der Massen und Machtkämpfen großer Cäsaren und Diktatoren.

Jede Kultur besitzt nach Spengler eine eigene „Seele“ und ein eigenes Weltgefühl. Drei Kulturen benennt er besonders: die antike Kultur als „apollinisch“, also gegenwartsnah, körperlich, statisch und auf den endlichen Kosmos bezogen; die arabisch-orientalische als „magisch“, also dualistisch und geheimnisvoll; die abendländische als „faustisch“, also auf das Unendliche, Dynamische und Historische gerichtet. Diese Unterschiede zeigen sich in Architektur, Kunst, Mathematik, Religion, Moral und Staat. Beispiele sind antiker Tempel, arabische Moschee und gotischer Dom; antike Plastik, abendländische Musik; antike Zahl, arabische Algebra und abendländische Differential- und Integralrechnung.

Echten Austausch zwischen Kulturen bestreitet Spengler weitgehend. Er meint, Kulturen könnten äußere Formen übernehmen, verstünden sie aber aus ihrer eigenen Seele heraus anders. Einen Sonderfall nennt er „Pseudomorphose“: Eine ältere oder fremde Kultur zwingt einer jungen Kultur ihre äußeren Formen auf. Beispiele sind für ihn die spätantike Überlagerung der arabischen Kultur und die westliche Prägung Russlands seit Peter dem Großen.

Politik, Religion und Wirtschaft

Spenglers Theorie enthält eine deutlich antidemokratische und antiliberale Tendenz. Er hält den Übergang zur Herrschaft großer Einzelner, dem Cäsarismus, für unausweichlich. Die Französische Revolution von 1789 und die Ideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit führen seiner Ansicht nach zur Herrschaft des Geldes. Kapitalismus untergrabe die Gesellschaft und die freiheitliche Verfassung; am Ende zerfalle die Demokratie, und Demagogen sowie Diktatoren träten hervor.

Imperialismus bewertet Spengler als notwendiges Zeichen der späten Zivilisation: „Imperialismus ist reine Zivilisation.“ Die Aufgabe der Cäsaren bestehe darin, die freigesetzten chaotischen Kräfte des Kulturverfalls zu bändigen. Später wurde diskutiert, ob Spengler damit eine deutsche Vorherrschaft erwartete. Zugleich hielt er Adolf Hitler nach Darstellung des Artikels für diese Rolle für ungeeignet; Benito Mussolini erschien ihm eher als „Prototyp einer kommenden Zeit“.

Spenglers Werk enthält Begriffe wie Rasse, Blut und Boden, distanziert sich aber vom biologischen Rassenbegriff seiner Zeit. Für ihn ist „Rasse“ nichts rein Körperliches, sondern ein kosmischer Lebensimpuls. Dennoch enthält sein Werk antisemitische Aussagen: Das Judentum bezeichnete er als „zersetzendes Element“ und sprach Juden Anpassungsfähigkeit an die abendländische Kultur ab. Der Historiker Alexander Bein sah darin einen Beitrag zur Verbreitung antisemitischer Stereotype auch in gebildeten Kreisen.

Religion deutet Spengler kulturgeschichtlich. Das Christentum sieht er als ursprünglich orientalisch-arabische Sekte des Judentums, die durch historische Entwicklungen zur Staatsreligion der römisch-griechischen Welt wurde. In späten Zivilisationen entstehe eine „Zweite Religiosität“: machtlose Massen suchten Trost in älteren religiösen Formen, nachdem Aufklärung und Rationalismus an Kraft verloren hätten. Diese Religiosität sei für Spengler intensiv, aber nicht zukunftsfähig.

Auch Wirtschaft erklärt Spengler aus dem Gegensatz von Kultur und Zivilisation. Der Kulturmensch treibe Handel mit Geld, der Zivilisationsmensch denke in Geld. Die späte Zivilisation sei deshalb die Zeit von Finanzmagnaten, Börsenspekulanten, Kunsthandel und Korruption. Das abendländische Gelddenken sei „faustisch“ und dynamisch; Symbol dafür ist für ihn die doppelte Buchführung. Technik versteht er ebenfalls als faustischen Herrschaftswillen über die Natur, der den Menschen schließlich von der Maschine abhängig mache.

Wirkung und Kritik

Der Untergang des Abendlandes löste in den 1920er Jahren starke Begeisterung und scharfe Ablehnung aus; mehr als 600.000 Exemplare wurden verkauft. Manche Zeitgenossen sahen darin eine Deutung der Krise nach dem Ersten Weltkrieg. Friedrich Gogarten begrüßte das Buch als Zeichen dafür, dass der Glaube an Entwicklung und Kultur erschüttert sei. Max Scheler erklärte die große Wirkung psychologisch aus der deutschen Niederlage im Krieg.

Viele Kritiker beanstandeten Spenglers Methode. Ernst Cassirer verwies auf ältere Vorläufer. Martin Heidegger sah in Spenglers Gedanken eine popularisierte Form von Fragen, die bereits tiefer gedacht worden seien. Karl Popper griff Spenglers Annahme historischer Gesetzmäßigkeiten an. Georg Lukács kritisierte, Spengler ersetze Kausalität durch Analogie und mache das Spiel mit oft oberflächlichen Ähnlichkeiten zum Forschungsprinzip. Robert Musil urteilte vernichtend, räumte aber ein, Spenglers Spannweite sei ungewöhnlich groß.

Thomas Mann lobte das Werk zunächst, distanzierte sich aber 1922 deutlich und nannte Spengler später einen „Defätisten der Moralität“. Hitler las das Werk 1924 in der Haft, war laut Rudolf Heß aber „nicht sehr erbaut von ihm“ und wandte sich 1935 öffentlich gegen Spenglers Kulturpessimismus.

Trotz Kritik wirkte Spengler stark auf spätere Kultur- und Geschichtstheorien. Arnold J. Toynbee übernahm für seine Universalgeschichte wichtige Anregungen, erwähnte Spengler nach dem Zweiten Weltkrieg aber kaum noch. Auch Pitirim Sorokin, Franz Borkenau und Samuel P. Huntington setzten sich mit Spenglers Ideen auseinander. In Theologie und Kunstgeschichte wirkten seine kulturmorphologischen Gedanken ebenfalls nach. In der heutigen Geschichtswissenschaft wird das Werk laut Artikel meist ignoriert oder scharf kritisiert, besonders wegen seiner Analogiemethode, seines Kulturpessimismus und seiner problematischen Aussagen zu Demokratie, Moderne und Judentum.

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