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Geist
Heiliger Geist wird in der christlichen Vorstellungswelt dagegen der „Geist Gottes“ genannt, der als Person der göttlichen Dreieinigkeit verstanden wird.
Inhalt6 Abschnitte
Grundbedeutungen und zentrale Fragen
„Geist“ ist ein uneinheitlich verwendeter Begriff aus Alltagssprache, Philosophie, Theologie und Psychologie; fachsprachlich heißt „geistig“ auch „mental“. Drei Hauptbedeutungen lassen sich unterscheiden:
- Im Alltag meint „geistig“ die kognitiven Fähigkeiten des Menschen. „Geist“ bezeichnet oft die individuelle Psyche mit Wahrnehmung, Gefühl, Bewusstsein, Denken, Erinnerung, Motivation, Konzentration, Kreativität und Träumen.
- In Philosophie und Wissenschaft ist Geist häufig ein Sammelbegriff für Formen subjektiver Innerlichkeit bei Lebewesen. Manche philosophischen Ansätze fassen ihn weiter.
- In Religionen kann Geist eine nicht an den Körper gebundene, reine, absolute, transpersonale oder transzendente Geistigkeit bezeichnen. Sie wird je nach Lehre als von Gott geschaffen, Gott wesensgleich oder mit ihm identisch verstanden. Im Christentum gilt der Heilige Geist als „Geist Gottes“ und als Person der göttlichen Dreieinigkeit.
Die Natur des Geistes ist ein zentrales Thema der Metaphysik. Das geistige „innere Modell“ der Umwelt ist stark vereinfacht und verändert, ermöglicht einem Subjekt aber die Orientierung in seiner Welt. Es hat seine Ursache in der objektiven Welt, ist selbst jedoch immateriell und deshalb nicht unmittelbar physisch untersuchbar. In der Tradition des deutschen Idealismus bezeichnet Geist außerdem überindividuelle Strukturen, etwa Hegels „objektiven Geist“ oder den Gegenstandsbereich von Wilhelm Diltheys Geisteswissenschaften.
Subjektives Erleben und Verhältnis zur Materie
In moderner Philosophie und Wissenschaft umfasst Geist bewusste und unbewusste Vorgänge des Empfindens, Wahrnehmens und Erlebens, darunter Emotionen, Kognition und Intuition. Das bewusste Abbild der Realität, Erinnerungen und Vorstellungen beruhen auf Informationen, die durch die Sinnesorgane vermittelt werden.
Die Innenwelt eines anderen Menschen kann jedoch nicht unmittelbar qualitativ untersucht oder bewiesen werden. Noch unsicherer sind Aussagen über die Erlebnisse von Tieren, eine mögliche Sensitivität von Pflanzen oder hypothetische innere Zustände unbelebter Systeme. Allgemein angenommen wird, dass Geist mit Informationsverarbeitung in komplexen, evolutionär entstandenen Systemen verbunden ist. Geistige Vorgänge werden von messbarer neuronaler Aktivität, besonders im Gehirn, begleitet. Dabei entsteht ein von den Sinnesorganen abhängiges inneres Weltbild.
Dessen qualitativer Inhalt lässt sich nicht aus den physischen Vorgängen ableiten. Erleben ist subjektiv: Assoziationen, Gefühle und Erinnerungen ergänzen objektive Tatsachen. Farben, Gerüche, Schmerz oder Freude existieren als Erlebniseindrücke nicht in gleicher Weise in der Außenwelt. Dritte können sie weder direkt beobachten noch messen oder allgemeingültig beweisen. Diese „Privatheit“ bildet eine fundamentale Erklärungslücke. So lässt sich nicht beantworten, wie eine Biene UV-Licht erlebt oder wie Fledermäuse kurzwellige Schallwellen wahrnehmen. Geist ist nicht gegenständlich und hat keinen klar umgrenzten Ort, bezieht sich aber auf Gegenstände oder Ereignisse; diese Gerichtetheit heißt Intentionalität.
Das Verhältnis von Geist und Materie ist umstritten. Der Dualismus in der Tradition René Descartes’ behandelt Geist als immaterielles Ding, während viele physikalistische Ansätze ihn mit Vorgängen im Gehirn oder Nervensystem verbinden. Der moderne Emergentismus beziehungsweise nicht-reduktive Physikalismus versteht Geist als emergente Systemeigenschaft: Er tritt bei hochkomplexen Vernetzungen, etwa von Nervenzellen, als neue Eigenschaft auf und ist nicht allein aus den Einzelteilen herzuleiten. Panpsychistische Gegenentwürfe betrachten Geistiges als eigene, stets vorhandene „zweite Seite“ der Materie.
Das Problem der mentalen Verursachung lautet: Wenn physische Ereignisse nur physische Ursachen haben, wie können Gedanken oder Gefühle Handlungen auslösen? Funktionalistische Ansätze verstehen Geist als Funktion des Gehirns. Solche komplexen Funktionen benötigen eine eigene Beschreibungsebene, obwohl sie physisch verwirklicht sind. Kritiker wenden ein, dass dies kausale Beziehungen, nicht aber den Erlebnischarakter des Bewusstseins erklärt.
Philosophische Grundmodelle
In der griechischen Antike bezeichneten vor allem pneuma und nous Aspekte des Geistes. Pneuma bedeutet „Geist“ oder „Hauch“ und wurde als Lebensprinzip sowie als kosmisches Prinzip verstanden. In der antiken Medizin unterschied Galenos drei aus eingeatmeter Luft und Lebenswärme entstehende Prinzipien: spiritus naturalis für vegetative Funktionen, spiritus vitalis als Lebens- und Bewegungsprinzip und spiritus animalis als Seele. In der materialistischen Stoa galt pneuma als stoffliches und geistiges Prinzip, das Einzelseele und Kosmos durchdringt und organisiert.
Nous bedeutet „Vernunft“ oder „Geist“. Viele Vorsokratiker betrachteten Denken körperlich; Platon und Aristoteles dagegen verstanden es als nicht-körperlichen Vorgang. Aristoteles definierte nous als „das, womit die Seele denkt und Annahmen macht“. Er verglich ihn mit einer leeren Wachstafel: als zunächst unbestimmtes, passives und keinem Organ zugeordnetes Vermögen nimmt er Formen auf. Kosmologisch war nous bei Anaxagoras ein Bewegungsprinzip. Aristoteles erklärte die Welt durch einen „unbewegten Beweger“, dessen Tätigkeit darin besteht, sich selbst zu denken.
Augustinus unterschied Geist (mens, animus) und Seele (anima). Der Geist sei eine an der Vernunft teilhabende Substanz zur Leitung des Leibes. Als „Auge der Seele“ könne er ewige Wahrheiten durch das unveränderliche Licht des göttlichen Geistes erkennen. Thomas von Aquin verstand die menschliche Seele als geistige, unsterbliche Substanz, betonte aber die Einheit von Leib und Seele: Die Seele ist „Form des Leibes“ (forma corporis), während Erkenntnis auf Körper und Sinneswahrnehmung angewiesen ist. Der „tätige Intellekt“ (intellectus agens) abstrahiert geistige Erkenntnisse aus Wahrnehmungen.
Descartes trennte Geist und Materie ontologisch. Der Mensch bestehe aus materiellem Körper und immateriellem Geist, die nach seiner Vorstellung in der Zirbeldrüse miteinander interagieren. Als Argument führte er an, Geist könne klar als ohne Materie existierend gedacht werden und sei daher nicht mit Materie identisch. Sein Beispiel einer Fußverbrennung veranschaulicht das Problem: Ein körperlicher Reiz gelangt zum Gehirn, erzeugt geistiges Schmerzerleben und dieses wiederum eine körperliche Reaktion. Wie eine solche Wechselwirkung möglich ist, bleibt das Problem der mentalen Verursachung.
Kant sah den menschlichen Geist als an der Bildung der erfahrbaren Realität beteiligt; über das vom Geist unabhängige „Ding an sich“ seien keine konkreten Aussagen möglich. Hegel beschrieb die Geschichte als Entwicklung des Weltgeistes und unterschied den subjektiven Geist des Einzelnen, den objektiven Geist in Recht, Gesellschaft und Staat sowie den absoluten Geist in Kunst, Religion und Philosophie. Marx stellte dem eine materialistische Sicht entgegen: Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedinge den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess.
Im 20. Jahrhundert beschränkte der Behaviorismus wissenschaftliche Psychologie auf beobachtbares Verhalten. Gilbert Ryle nannte es einen Kategorienfehler, Geist als inneres Ding zu behandeln. Die Phänomenologie Edmund Husserls untersuchte dagegen ausdrücklich subjektive Phänomene und bestimmte geistige Zustände durch Intentionalität. Seit den 1960er Jahren versuchen Identitätstheorie und Funktionalismus, Geist durch Gehirnvorgänge beziehungsweise Funktionen zu erklären. Qualia, also der subjektive Erlebnischarakter, und Intentionalität gelten vielen als Grenzen solcher Reduktionen. Heute konkurrieren Physikalismus, Dualismus und Pluralismus; eliminative Materialisten bestreiten die Existenz eines eigenständigen Geistes.
Wissenschaftliche Zugänge
Die Wissenschaften untersuchen Geist mit unterschiedlichen Zielen und Methoden. Dazu gehören Psychologie, Psychiatrie, Sozialpsychologie, Sozialwissenschaften und Hirnforschung. Historisch standen in der Psychiatrie geisteswissenschaftliche Deutungen psychischer Erkrankungen naturwissenschaftlichen, körperbezogenen Erklärungen gegenüber; neuere Hirnforschung stellte viele ältere Ergebnisse infrage.
In den Sozialwissenschaften kann „Geist“ gemeinsame Normen, Überzeugungen und Weltanschauungen einer Gemeinschaft meinen, etwa Max Webers „Geist des Kapitalismus“. Dieser überindividuelle Geist setzt entsprechende Einstellungen bei vielen Einzelnen voraus. Pierre Bourdieus Theorie der Praxis erklärt mit dem Habitus, wie Menschen ihre soziale Umwelt durch Lernprozesse „inkorporieren“: Erlernte Denk-, Wahrnehmungs- und Bewertungsweisen drücken sich auch körperlich aus und begrenzen Handlungsmöglichkeiten. Die Sozialpsychologie untersucht, wie soziale Interaktionen und kulturelle Zusammenhänge Gedanken und Gefühle beeinflussen.
Die Kognitionspsychologie erforscht Wahrnehmung, Gedächtnis und Denken experimentell. Beim Priming beeinflusst ein vorher dargebotener Reiz, der Prime, die Verarbeitung eines Zielreizes. Wird vor einem Bild von Brot etwa das verwandte Wort „Käse“ gezeigt, kann die Versuchsperson das Bild schneller benennen. Daraus wird geschlossen, dass Begriffe netzwerkartig organisiert sind und der Prime einen passenden Bereich voraktiviert. Kognitive Architekturen setzen solche Modelle als Computerprogramme um, bleiben aber meist auf grundlegende Prozesse wie Form- und Bewegungswahrnehmung oder Kurzzeitgedächtnis beschränkt.
Die Psychoanalyse Sigmund Freuds betont unbewusste und soziale Prozesse. Im Strukturmodell entsteht das Ich mit Wahrnehmen, Denken und Gedächtnis im Spannungsfeld zwischen dem Es als Bereich des Unbewussten und dem Über-Ich als verinnerlichten Normen und Werten. Psychoanalytische Methoden und Therapien sind umstritten. Allgemein anerkannt ist jedoch, dass komplexe psychische Strukturen und Erkrankungen wie Phobien oder Depressionen nicht ohne unbewusste, lebensgeschichtliche und soziale Zusammenhänge vollständig verstanden werden können.
Geist in Judentum, Christentum und Islam
Im Judentum entspricht dem Geist vor allem rûah: ursprünglich „bewegte Luft“ oder „Wind“, bei Menschen und Tieren auch der lebensspendende Atem. Diese Lebenskraft gehört Gott; wird sie entzogen, stirbt das Geschöpf. Im Menschen umfasst sie geistige, willensmäßige, sittliche und religiöse Funktionen und ist nahezu synonym mit Nefesch, der „Seele“. Gottes Geist erfüllt die Welt und kann ausgewählten Menschen besondere Kraft, prophetische Fähigkeiten oder Weisheit verleihen. Der Tanach kennt auch einen Gott unterstellten bösen Geist; erst später wurde Satan in der christlichen Theologie als eigenständiger Gegenpart zu Gott ausgeformt.
Im Neuen Testament bezeichnet pneuma meistens den Heiligen Geist, unterschieden vom menschlichen Geist. Er erscheint als Medium göttlichen Handelns, wird aber in manchen Stellen personal verstanden. Der Heilige Geist wirkt bei Jesu Empfängnis, führt ihn in die Wüste, trägt sein öffentliches Wirken und befähigt ihn, die Herrschaft Satans zu brechen. Jesu Auferstehung bedeutet einen Übergang in die Seinsweise des Pneuma.
Für Paulus wirkt das Pneuma in nahezu allen Lebensäußerungen der Kirche. Als Charisma, also Gnadengabe, wird es unterschiedlich verteilt und soll dem Aufbau der Gemeinde dienen. Deshalb ist auch die „Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden“ wichtig. Das Pneuma schenkt Leben, heiligt die Glaubenden und macht ihren Leib zu seinem „Tempel“. Es befreit von der Herrschaft der Sünde, des Todes und des Gesetzes, soll aber nicht als Anlass für ein Leben nach dem „Fleisch“ dienen. Es ist „Erstlingsgabe“ oder „Angeld“ des künftigen Gesamtheils, einschließlich der erwarteten Auferweckung des Leibes. Kritiker meinen, die Gegenüberstellung von Geist und Fleisch habe dualistische Vorstellungen begünstigt.
Im Islam entspricht rūḥ dem Geist. Nach dem Koran belebt Gott Adam, indem er ihm von seinem Geist einbläst; auch Marias Empfängnis Jesu erfolgt durch Gottes Geist. Jesus wird durch den „Geist der Heiligkeit“ gestärkt und selbst als „Geist von Ihm“ bezeichnet. Der Geist vermittelt außerdem Offenbarung: Der „treue Geist“ überbringt Mohammed den Koran. In der islamischen Theologie wurde unterschiedlich erklärt, ob der Mensch mit dem Geist identisch sei oder aus Leib und Geist bestehe. An-Nazzām verstand den Geist als feinstofflichen Körper, der den Leib durchdringt, sich beim Tod von ihm löst und selbständig weiterbesteht.
Buddhismus und Mystik
Im Buddhismus bezeichnet citta den Geist und wird teilweise gleichbedeutend mit Denken (manas) und Bewusstsein (vijñana) gebraucht. Geist gehört einerseits zur erlösungsbedürftigen menschlichen Existenz im samsara, ist andererseits aber das Instrument, durch das nirvana erreicht werden kann. Weil er allem Reden und Handeln vorausgeht, soll er durch Achtsamkeit (sati), das siebte Glied des achtfachen Pfades, kontrolliert und durch Konzentration auf einen Punkt (samādhi) ausgerichtet werden. In der mahayanischen Yogachara-Schule gilt die Welt ihrem Wesen nach als Geist; die Vielfalt der Erscheinungen wird als Trug und Illusion (māyā) verstanden.
Mystische Traditionen unterscheiden häufig zwischen menschlichem Geist, ungefähr im Sinne von Bewusstsein, Verstand und Seele, und göttlichem oder absolutem Geist. Viele Mystiker sehen die praktische Überwindung dieser Trennung als Hauptaufgabe an. Mittelalterliche geistliche Übungen gliedern sich in oratio (liturgisches Gebet), lectio (Lesung), meditatio (gegenständliche Betrachtung) und contemplatio (gegenstandsfreie Anschauung). Verstand und Denken sollen zur Ruhe kommen, damit der göttliche Urgrund erfahrbar wird. In dieser Sicht besteht letztlich kein Gegensatz zwischen menschlichem und göttlichem Geist; auch der Körper gilt als Ausdruck des Göttlichen.