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Österreichische Schule

Der wissenschöpfende, kreative Unternehmer als Wirtschaftssubjekt (im Gegensatz zum neoklassischen homo oeconomicus). Möglichkeit unternehmerischer Fehler …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Zentrale Lehren
  3. 3. Menger und Böhm-Bawerk
  4. 4. Von Mises und von Hayek
  5. 5. Neuere Richtungen und Kritik

Grundidee und Bedeutung

Die Österreichische Schule, auch Wiener Schule oder Österreichische Grenznutzenschule, ist eine heterodoxe Richtung der Volkswirtschaftslehre, also eine Lehre außerhalb des heutigen ökonomischen Mainstreams. Als ihr Begründer gilt Carl Menger mit den „Grundsätzen der Volkswirthschaftslehre“ von 1871. Spätere Hauptvertreter waren Eugen von Böhm-Bawerk, Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek.

Im Mittelpunkt stehen einzelne handelnde Menschen, ihre subjektiven Bedürfnisse, ihr begrenztes Wissen und ihre Erwartungen. Methodologischer Individualismus bedeutet, wirtschaftliche Vorgänge aus den Handlungen von Individuen zu erklären. Methodologischer Subjektivismus bedeutet, deren persönliche Bewertungen, Kenntnisse und Erwartungen zum Ausgangspunkt zu nehmen. Märkte gelten nicht hauptsächlich als Gleichgewichtszustände, sondern als dynamische Lern- und Entdeckungsprozesse unter Unsicherheit. Eine besondere Rolle hat der Unternehmer: Er erkennt oder schafft neue Informationen, entdeckt Gewinnmöglichkeiten und kann sich dabei auch irren.

Die Schule steht mathematischen Modellen, Ökonometrie und makroökonomischen Gleichgewichtsmodellen überwiegend skeptisch gegenüber. Sie bevorzugt verbale Logik und – besonders bei von Mises und Rothbard – eine aprioristisch-deduktive Methode, bei der Aussagen aus grundlegenden Axiomen abgeleitet werden. Ihre Vertreter halten wirtschaftliche Theorien wegen der „Theoriegebundenheit der Daten“ nicht für eindeutig durch Geschichte oder Empirie widerlegbar. Diese Haltung ist ein Hauptgrund dafür, dass die meisten modernen Ökonomen die Schule kritisch beurteilen.

Zentrale Lehren

Fritz Machlup fasste 1982 sechs Lehren zusammen, die um 1930 den Kern der österreichischen Neuerungen bildeten:

• Wirtschaftliche Sachverhalte werden aus individuellem Handeln erklärt.

• Untersucht werden subjektives Wissen oder Unwissen, Bedürfnisse und Erwartungen realer Menschen.

• Nach der Grenznutzenlehre hängt eine wirtschaftliche Entscheidung vom Nutzen einer zusätzlichen Einheit eines Gutes ab.

• Subjektive Nützlichkeit und abnehmender Grenznutzen bestimmen Nachfrage und Marktpreis.

• Opportunitätskosten sind der Wert der nicht gewählten Alternative; Handlungen hängen daher von der Bewertung anderer Handlungsmöglichkeiten ab.

• Sparen und Konsum werden durch die subjektive Zeitpräferenz geprägt, also dadurch, wie Menschen gegenwärtige gegenüber zukünftiger Bedürfnisbefriedigung bewerten.

Umstrittener sind die vollständige Konsumentensouveränität und der politische Individualismus. Nach diesen Auffassungen lenken Konsumenten über Nachfrage und Preise die Produktion, sofern staatliche Eingriffe den Wettbewerb nicht behindern; dauerhafte politische und moralische Freiheit setze außerdem vollständige wirtschaftliche Freiheit voraus.

Neuere Vertreter ergänzen, dass Märkte und Wettbewerb Lern- und Entdeckungsprozesse sind und Menschen zwischen selbst wahrgenommenen Alternativen in einem grundsätzlich unbekannten Umfeld wählen. Neo-Austrians stellen dem neoklassischen „homo oeconomicus“ den kreativen, wissenschöpfenden Unternehmer gegenüber. Sie unterscheiden objektives wissenschaftliches Wissen von subjektivem praktischem Wissen, betonen subjektive Kosten und halten nur Mustervorhersagen („pattern predictions“), nicht aber genaue quantitative Prognosen, für möglich.

Menger und Böhm-Bawerk

Menger entwickelte 1871 eine konsequent subjektivistische Wirtschaftslehre. „Endzweck“ des Wirtschaftens ist für ihn die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Güter erster Ordnung oder Konsumgüter befriedigen Bedürfnisse unmittelbar; Güter höherer Ordnung sind Zwischenstufen bei ihrer Herstellung. Der Wert eines Gutes ist keine objektive Eigenschaft, sondern seine subjektive Bedeutung für die Bedürfnisbefriedigung. Nützlichkeit definierte Menger als „die Tauglichkeit eines Dinges, der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu dienen“.

Mit dem Grenznutzen löste er das klassische Wertparadoxon: Entscheidend für den Wert ist der Beitrag einer weiteren Einheit eines Gutes zur Bedürfnisbefriedigung. Einen ähnlichen Weg entwickelten unabhängig Hermann Heinrich Gossen, Léon Walras und William Stanley Jevons; Mengers Erklärung war jedoch nicht mathematisch.

Menger erklärte außerdem Institutionen wie Geld als spontane, evolutive und häufig unbeabsichtigte Ergebnisse menschlichen Handelns. In den „Untersuchungen über die Methode der Socialwissenschaften“ von 1883 unterschied er Theorie und Geschichte. Theorie sei axiomatisch-deduktiv und könne nicht auf empirischen Daten beruhen; Geschichte arbeite dagegen empirisch. Im Methodenstreit widersprach ihm die Historische Schule um Gustav von Schmoller, die wirtschaftliche Gesetze als historisch relativ betrachtete. Menger hielt sie für logisch und objektiv erkennbar.

Böhm-Bawerk ergänzte die Lehre in „Kapital und Kapitalzins“ (1884–1902) um eine subjektive Kapital- und Zinstheorie. Menschen wählen Ziele und geeignete Mittel und planen deren schrittweise Verwirklichung in der Zeit. Nach dem Gesetz der Gegenwartspräferenz wird bei zwei gleichwertigen Bedürfnissen das früher erreichbare bevorzugt. Kapitalgüter sind subjektiv bestimmte Zwischenstufen eines Produktionsprozesses. Ihre Bildung verlangt Sparen, also den Verzicht auf unmittelbaren Konsum.

Dies verdeutlicht das Beispiel Robinson Crusoes: Ein bearbeiteter Stock könnte ihm eine schnellere Brombeerernte ermöglichen. Herstellung und Suche dauern etwa fünf Tage; weil er dann nicht sammeln kann, muss er ungefähr zehn Tage lang zusätzliche Vorräte ansparen. Kapitalbildung verbindet somit heutigen Konsumverzicht mit erwarteten künftigen Erträgen. Der Zins entsteht als Marktpreis unterschiedlicher Zeitpräferenzen: Kapitalgeber verzichten gegen eine Gegenleistung auf gegenwärtigen Konsum. Böhm-Bawerk vertrat zudem eine subjektive Kostentheorie und wandte sich gegen die Arbeitswert- und Ausbeutungstheorie von Karl Marx.

Von Mises und von Hayek

Ludwig von Mises entwickelte eine Geld-, Konjunktur- und allgemeine Handlungstheorie. Sein Regressions-Theorem in „Theorie des Geldes und der Umlaufmittel“ (1912) erklärt die Kaufkraft des Geldes durch Angebot und Nachfrage: Die heutige Geldnachfrage beruht auf früherer Kaufkraft; die Rückführung endet an dem Tag, an dem das Geld erstmals verwendet wurde und seinen Wert noch aus seinem Warenwert, beispielsweise dem Goldwert, erhielt.

Nach der österreichischen Konjunkturtheorie erzeugen Banken und Zentralbanken durch Kreditexpansion künstlich niedrige Zinsen. Das verzerrt Preise und Knappheitssignale, fördert Fehlinvestitionen und hält unproduktive Produktionsweisen am Leben. Krise und Rezession gelten als unvermeidbare Anpassung dieser Investitionen an die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse. Von Mises forderte Banken mit 100%iger Reserve.

In „Die Gemeinwirtschaft“ (1922) erklärte er sozialistische Wirtschaftsrechnung für unmöglich. In Märkten verbinden Preise subjektive Wertschätzungen mit Informationen über Knappheit. Ohne freiwilligen Tausch und Marktpreise verfüge eine zentrale Verwaltungsstelle nicht über die nötigen Informationen zur Wirtschaftsrechnung.

„Human Action“ (1949) fasste diese Ansätze zur Praxeologie zusammen, einer wertfreien Theorie menschlichen Handelns. Ihr Grundaxiom lautet, dass jedes Handeln ein Ziel besitzt und eine Wahl zwischen Zielen einschließt. Gewinn entsteht nach von Mises nicht durch bloße Übernahme mathematisch berechenbarer Risiken, sondern durch eine bessere Voraussicht zukünftiger Verbraucherbedürfnisse und die Entdeckung oder Schaffung von Information.

Von Hayek präzisierte die Konjunkturtheorie in „Preise und Produktion“ (1931). Freiwilliges Sparen senkt die Konsumgüternachfrage, den relativen Konsumgüterpreis und den Geldzins; Investitionen in ergiebigere Produktionsmittel werden lohnender. Senkt dagegen Kreditexpansion den Geldzins unter die natürliche Zinsrate, steigen Investitionen, obwohl die Konsumnachfrage bestehen bleibt. Es entsteht „erzwungenes Sparen“ und schließlich ein Ungleichgewicht, das nach Hayek nur durch weitere Kreditexpansion oder Rezession aufgelöst werden kann. 1974 erhielt er, gemeinsam mit Gunnar Myrdal, den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften.

Später unterschied Hayek die spontan und evolutiv entstandene Ordnung „Kosmos“ von der bewusst geschaffenen Ordnung „Taxis“. Wissen sei in der Gesellschaft verstreut; Institutionen wie Sprache, Recht und Moral könnten deshalb nicht umfassend zentral geplant werden. In „The Counter-Revolution of Science“ (1955) kritisierte er als „Szientismus“ die Übertragung naturwissenschaftlicher Methoden auf die Sozialwissenschaften. In „Recht, Gesetz und Freiheit“ (1973–1979) stellte er abstrakte, allgemein geltende Gesetze sozialistischen Einzelanweisungen und ergebnisorientierter „sozialer Gerechtigkeit“ gegenüber.

Neuere Richtungen und Kritik

Seit etwa 1970 entwickelte sich in den USA ein erneutes Interesse an der Schule. „Austrian economics“ kann dabei die historische Lehre, eine subjektivistische Mikroökonomie, eine Theorie dynamischer Marktprozesse oder seit den 1980er Jahren auch eine libertäre politische Philosophie bezeichnen.

Murray Rothbard leitete in „Man, Economy and the State“ (1962) die Ökonomie aus dem Handlungsaxiom und zwei Zusatzannahmen ab: Es gebe verschiedene menschliche und natürliche Ressourcen, und Freizeit sei ein Konsumgut. Anders als von Mises verband er die Praxeologie mit Naturrecht und Nichtaggressionsprinzip und gelangte zum Anarchokapitalismus. In „America’s Great Depression“ (1963) erklärte er die Weltwirtschaftskrise von 1929 durch inflationäre Geldpolitik der 1920er Jahre und ihre Verlängerung durch Herbert C. Hoovers Interventionen. Dabei verstand er unter Inflation bereits Geldmengenwachstum. Das 1982 von Lew Rockwell gegründete Ludwig von Mises Institute vertritt eine naturrechtlich begründete, konservative Form des Anarchokapitalismus. Diese unterscheidet sich deutlich von Menger, Böhm-Bawerk, von Mises und von Hayek, die Anarchie und naturrechtliche Begründungen ablehnten und Märkte innerhalb einer staatlichen Ordnung sahen.

Israel Kirzner suchte dagegen den Dialog mit der Mainstream-Ökonomie. In „Competition and Entrepreneurship“ (1973) erklärte er Märkte als unternehmerische Entdeckungsprozesse. Unvollständige Information eröffnet Gewinnmöglichkeiten. Unternehmer entdecken sie durch „Findigkeit“ („alertness“) und bewegen Preise in Richtung eines hypothetischen Gleichgewichts. Wettbewerb besteht, solange andere mit Innovationen und Preissenkungen eintreten dürfen. Schädliche Monopole entstehen für Kirzner daher vor allem durch staatliche Privilegien und rechtliche Marktzutrittsschranken.

Die Hauptkritik betrifft die Methodik. Kritiker halten die Ablehnung empirischer Überprüfung, Statistik, Ökonometrie und falsifizierbarer Modelle für unvereinbar mit moderner Wissenschaft. Paul A. Samuelson bezeichnete 1964 rein deduktiv gewonnene ökonomische Schlussfolgerungen als begrenzt und schwach. Mark Blaug kritisierte den methodologischen Individualismus als Reduktionismus, der eigenständige makroökonomische Erklärungen ausschließe. Paul Krugman bemängelt das Fehlen expliziter Modelle. Jeffrey Sachs verweist darauf, dass Industrieländer mit hohen Steuern und Sozialausgaben bei vielen wirtschaftlichen Maßstäben besser abschneiden als Länder mit niedrigen Abgaben und Ausgaben.

Auch die Konjunkturtheorie ist umstritten. Die gängige Forschung sieht sie als nicht mit empirischen Daten vereinbar an. Kritiker fragen zudem, warum Banker und Investoren wiederholt durch niedrige Zinsen zu systematisch unrentablen Anlagen verleitet werden sollten. Milton Friedman erklärte die Hayek-Mises-Theorie für durch Tatsachen widerlegt und warf ihren Vertretern vor, mit der Empfehlung staatlichen Nichtstuns in den 1930er Jahren Schaden angerichtet zu haben. Keynes und Friedman hielten Hayeks Krisenpolitik ebenfalls für schädlich; Piero Sraffa kritisierte die Theorie des erzwungenen Sparens grundsätzlich.

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