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Ludwig von Mises
Die Informationsfunktion des Marktpreises könne so nicht länger zu einer effizienten Allokation der Güter führen und Opportunitätskosten würden nicht …
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Bedeutung und Lebensweg
Ludwig Heinrich von Mises (29. September 1881 in Lemberg, Österreich-Ungarn; 10. Oktober 1973 in New York) war ein österreichisch/US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler. Er zählt im 20. Jahrhundert zu den wichtigsten Vertretern der Österreichischen Schule der Nationalökonomie sowie zu den Theoretikern des klassischen Liberalismus und Libertarismus.
Er studierte Rechtswissenschaft an der Universität Wien und promovierte im Februar 1906. Ab 1909 arbeitete er bei der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer in Wien, leitete dort die Finanzabteilung und beriet die österreichische Regierung in Wirtschaftsfragen. Er habilitierte sich 1913 für politische Ökonomie und lehrte später an der Universität Wien. Seine privaten Wiener Seminare prägten unter anderem Friedrich August von Hayek, Gottfried Haberler, Fritz Machlup, Oskar Morgenstern und andere spätere Universitätsprofessoren. Das Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO geht auf seine Gründung 1927 zurück.
Mises spielte 1922 eine führende Rolle bei der Beendigung der Hyperinflation in Österreich und bei der Reorganisation der Österreichischen Nationalbank auf Grundlage eines Goldstandards unter Aufsicht des Völkerbundes. Er forderte niedrigere Einkommen- und Unternehmensteuern sowie das Ende von Devisenkontrollen. 1934 lehrte er in Genf, emigrierte 1940 wegen der Bedrohung durch den Nationalsozialismus in die USA und erhielt 1946 die US-Staatsbürgerschaft. Von 1945 bis 1969 lehrte er an der New York University. Sein Hauptwerk Human Action erschien 1949; 1962 erhielt er das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst.
Geld und Konjunktur
In Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel beantwortete Mises zwei Fragen der Österreichischen Schule. Erstens erklärte er, wie Geld zum Tauschmittel wird. Nach Carl Menger bestimmen Angebot und Nachfrage die Kaufkraft des Geldes. Daraus entsteht scheinbar ein Zirkel: Geld wird nachgefragt, weil es Kaufkraft hat, und hat Kaufkraft, weil es nachgefragt wird. Mises löste ihn mit dem Faktor Zeit: Die heutige Kaufkraft wird aus der Kaufkraft von gestern abgeleitet, diese wiederum aus der früheren Kaufkraft. Am Anfang dieser Entwicklung stand nach ihm eine Ware, die noch kein Geld war, aber sich als indirektes Tauschmittel eignete. Als Beispiel nennt der Artikel besonders Gold, das zuvor etwa als Schmuck und Rangordnungszeichen geschätzt wurde.
Zweitens entwickelte Mises eine Erklärung für starke Konjunkturschwankungen, also Booms und Crashs. Normale Schwankungen der Geldkaufkraft seien auf einem freien Markt möglich. Extreme Zyklen führte er jedoch auf inflationäre Geldschöpfung durch Geschäftsbanken zurück. Kredite würden dabei nicht durch Ersparnisse als Warenkredite entstehen, sondern als ungedecktes Fiatgeld ex nihilo, als Zirkulationskredit im fractional banking. Das lasse Kapitalgüter weniger knapp erscheinen, als sie tatsächlich seien. Es komme zu Fehlinvestitionen und zur Fehlallokation von Kapital: Ressourcen würden in Bereiche gelenkt, deren Güter keine Käufer fänden. In der Depression erfolgten Anpassungen durch Kapitalvernichtung und Umlenkung; Folgen seien unter anderem Entlassungen, Arbeitslosigkeit, Standortverlagerungen, Migration und Einkommenseinschränkungen. Hayek entwickelte diese Konjunkturtheorie weiter.
Marktwirtschaft, Sozialismus und Liberalismus
In Die Gemeinwirtschaft von 1922 argumentierte Mises, dass eine reine Planwirtschaft nicht funktionieren könne. Ohne Privateigentum und marktwirtschaftlichen Tausch entstünden keine Preise für Produktionsfaktoren. Produktionsfaktoren sind Mittel wie Arbeit, Boden oder Kapitalgüter, die zur Herstellung anderer Güter dienen. Marktpreise zeigen nach Mises die relative Knappheit und Begehrtheit von Gütern an. Fehlen sie, könne eine zentrale Planung Güter nicht effizient zuordnen und keine Opportunitätskosten berücksichtigen; Opportunitätskosten sind der Nutzen der besten nicht gewählten Möglichkeit. Oskar Lange bestritt dieses Argument in der Calculation Debate deutlich. Mises’ Anhänger betrachteten später den Zusammenbruch der sozialistischen Wirtschaftssysteme im Ostblock als Bestätigung seiner Voraussage.
Mises hielt Kapitalismus für einen Garanten menschlicher Freiheit und für das einzige funktionsfähige Wirtschaftssystem. Staatliche Eingriffe führten seiner Auffassung nach zu weiteren Eingriffen und schließlich zum Sozialismus; dieser senke den allgemeinen Wohlstand radikal. Diese Vorstellung wird als Ölflecktheorem bezeichnet.
In Liberalismus (1927) begründete er klassischen Liberalismus utilitaristisch, also nach dem Nutzen für alle. Liberalismus wolle wie Sozialismus das Wohl aller erreichen, unterscheide sich aber durch seine Mittel. Mises warnte vor dem Faschismus und besonders vor dessen Vertrauen auf Gewalt; ein dauerhaftes Festhalten daran könne keinen Erfolg versprechen und müsse außenpolitisch Kriege fördern. Zugleich äußerte er, der Faschismus habe für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet. Herbert Marcuse deutete solche Aussagen als Beleg einer inneren Verwandtschaft liberaler und totalitärer Staatstheorie; der Biograf Jörg Guido Hülsmann wies die Deutung zurück, Mises habe Faschismus entschuldigt oder als nützlich bewertet. Mises trat außerdem für die Legalisierung von Drogen, den Abbau aller Handelshemmnisse als Mittel zum Frieden und gegen staatliche Schulen ein, die er insbesondere im damaligen Osteuropa als Mittel zur Unterdrückung von Minderheiten ansah.
Praxeologie und Methode
Nationalökonomie (1940) und die erweiterte englische Fassung Human Action (1949) sollten die Lehren der Österreichischen Schule zusammenfassen. Mises verstand sie als Teil einer allgemeinen Wissenschaft menschlichen Handelns, der Praxeologie. Als richtige Methode betrachtete er logisch-deduktives Schließen: Aus Axiomen, also grundlegenden Annahmen, und Logik sollten objektive, a priori wahre Gesetze gewonnen werden. Diese müssten nach seiner Auffassung nicht erst empirisch getestet werden. Dabei griff er Kants Idee synthetischer Urteile a priori auf und bezog mentale Kategorien auf Kategorien des Handelns. Fast alle heutigen Wirtschaftswissenschaftler und auch sein Schüler Hayek kritisierten diese Methode, weil wirtschaftliche Gesetze nicht allein ohne empirische Beobachtung festgestellt werden könnten.
In Theory and History (1957), einem philosophischen Essay, grenzte Mises die Praxeologie von Geschichtsschreibung und Naturwissenschaften ab. Menschliches Handeln setze Freiheit des Wollens und Handelns voraus; individuelle Willensakte seien nicht aus physikalisch-chemischen Bedingungen vorhersagbar. Beobachtete Handlungssituationen seien unwiederholbar, und wegen der Vielzahl von Wirkfaktoren ließen sich keine festen Konstanten isolieren. Handeln sei dennoch rational in dem Sinn, dass Menschen subjektiv gewählte Ziele mit mutmaßlich geeigneten, knappen Mitteln verfolgen, um ihre Lage zu verbessern. Die Ziele selbst seien wissenschaftlich nicht auf objektive Gründe zurückführbar, die Mittel könnten jedoch technisch und ökonomisch untersucht werden, etwa bei Marktpreisen nach Angebot und Nachfrage.
Der Ökonom soll daher Entscheidungen von Marktteilnehmern als Ausgangspunkt der Analyse nehmen, nicht ihre individuellen Motive untersuchen. Historiker arbeiten dagegen mit dem Verstehen von Motiven geschichtlich bedeutsamer Personen. Mises nannte dieses psychische Verstehen Thymologie. Ideen seien für ihn Wirkkräfte der Geschichte; welche Ideen Menschen übernehmen, sei nicht bestimmt. Deshalb gebe es keine vorab feststehenden Ziele eines objektiven Geschichtsablaufs.
Weitere Schriften und Erinnerung
Zu Mises’ weiteren wichtigen Werken gehört Die Bürokratie (1944). Darin erklärte er Bürokratie als notwendige Folge staatlicher Tätigkeit und entwickelte eine Theorie bürokratischen Wirtschaftens. Weitere Schriften dienten vor allem der Begründung und Verteidigung seiner praxeologischen Methode.
Sein Name wird unter anderem durch das Mises Institute, eine Denkfabrik in Alabama in den USA, erinnert. Zu den zentralen Schriften des Artikels zählen Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel (1912), Die Gemeinwirtschaft (1922), Liberalismus (1927), Nationalökonomie (1940), Die Bürokratie (1944), Human Action (1949) und Theory & History (1957).