Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Österreichische Identität
Der Idee der eigenständigen nationalen Identität standen und stehen auch monarchistische und legitimistische Kreise kritisch gegenüber. Diese hängen großteils pannationalistischen Strömungen an, die sich vorwiegend am Beispiel der untergegangenen Vielvölkermonarchie orientieren.
Inhalt6 Abschnitte
Bedeutung und Deutungen österreichischer Identität
Österreichische Identität ist das „Wir-Gefühl“ von Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft oder österreichischer Herkunft. Es unterscheidet sie subjektiv von Angehörigen anderer Staaten und umfasst kulturelle, soziale, historische, sprachliche und ethnische Aspekte. Daraus kann ein Nationsbewusstsein entstehen. Die Ausprägung ist wandelbar und unterscheidet sich auch nach Bundesländern und regionalem Landesbewusstsein.
Im Diskurs stehen einander verschiedene Auffassungen gegenüber: Österreicher werden etwa als östliche Gruppe des bairischen Stammes, als Teil einer deutschen Nation oder als eigenständige ethnische Nation verstanden. Vorherrschend ist heute die Vorstellung einer eigenen österreichischen Nation. Identität gilt dabei nicht als eindeutig feststehend: Benedict Anderson beschreibt Nationen als „vorgestellte politische Gemeinschaften“, weil sich ihre Mitglieder nicht alle persönlich kennen, sich aber eine gemeinsame Zugehörigkeit vorstellen.
Als mögliche Grundlagen werden Sprache, Kultur, Religion, Ethnie, gemeinsamer Wille und der Staat diskutiert. Keine einzelne Grundlage erklärt die österreichische Nation vollständig.
Grundlagen der Abgrenzung
Das österreichische Deutsch ist als eigene Varietät der deutschen Sprache weitgehend anerkannt. Nach 1945 förderte Unterrichtsminister Felix Hurdes das österreichische Deutsch und initiierte das Österreichische Wörterbuch. Sprachliche Unterschiede sind jedoch kein eindeutiges Nationsmerkmal: In Österreich gibt es sehr unterschiedliche Dialekte, von alemannischen Varianten in Vorarlberg und Westtirol bis zu süd- und mittelbairischen Dialekten in anderen deutschsprachigen Gebieten. Außerdem erschwert eine rein sprachliche Definition die Einbeziehung kroatisch-, ungarisch-, tschechisch-, slowakisch-, romanes- und slowenischsprachiger Volksgruppen.
Kultur wurde erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem wichtigen nationalen Identifikationsfaktor. Dazu zählen klassische und moderne Musik, Literatur, bildende Kunst, Brauchtum und Volkskultur. Österreichische Literatur wird als eigenständige Strömung betrachtet, bleibt aber mit der übrigen deutschsprachigen Literatur verbunden. Eine religiöse Definition scheitert an der säkularen Republik und an religiöser Vielfalt: Neben Katholiken gibt es Menschen ohne Bekenntnis sowie protestantische, orthodoxe, muslimische und jüdische Österreicher.
Ein Ethnos meint eine als ursprünglich und von individueller Entscheidung unabhängige verstandene Bindung. Die Vorstellung einer einheitlichen Abstammung wird jedoch wissenschaftlich kritisiert; Historiker und Ethnologen sehen „Volk“ nicht als dauerhaft einheitliche Abstammungsgemeinschaft. 2008 hielten 52 % der Befragten die „Abstammung von einem Österreicher“ für wichtig, um ein „echter Österreicher“ zu sein.
Die Willensnation beruht vor allem auf Identitäts- und Zusammengehörigkeitsgefühl sowie dem Bekenntnis der Bürger. Die Staatsnation betont dagegen die Bedeutung des gemeinsamen Staates für seine Staatsbürger. Österreich wird als Spannungsfeld von Kultur- und Staatsnation beschrieben: Umfragen heben sowohl Sprache und Kultur als auch die Verbundenheit mit dem österreichischen Staat hervor.
Historische Entwicklung bis 1945
Der Name Ostarrichi ist 996 erstmals urkundlich belegt. Zunächst bezeichnete er das Herzogtum Österreich, später den habsburgischen Herrschaftsbereich. Ein moderner Volks- oder Nationsbegriff bestand damals nicht; Zugehörigkeit beruhte vor allem auf christlicher Religion, lokaler Bindung und Untertanenschaft gegenüber Herrscher oder Dynastie.
Nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches 1806 verstärkten sich Bestrebungen, den Deutschen Bund in einen Nationalstaat umzuwandeln. Der Konflikt zwischen Preußen und Österreich endete 1866 mit dem preußischen Sieg bei Königgrätz. Die Gründung des Deutschen Reiches 1870/71 erfolgte als kleindeutsche Lösung ohne Österreich. In der Habsburgermonarchie verstanden sich viele Deutschsprachige als Deutsche, zugleich konnte „Österreicher“ die besondere deutschösterreichische Ausprägung oder alle Bürger Cisleithaniens meinen. Die Monarchie zerfiel nach der militärischen Niederlage im Ersten Weltkrieg auch infolge wachsender nationaler Konflikte.
1918 strebten fast alle politischen Kräfte von Deutschösterreich die Vereinigung mit Deutschland an; Artikel 2 des Gesetzes vom 12. November 1918 erklärte: „Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik.“ Der Vertrag von Saint Germain von 1919 setzte jedoch Grenzen und Anschlussverbot durch; der Staat hieß nun Republik Österreich. Die Erste Republik war von einer Identitätskrise geprägt. Eine eigenständige österreichische Nation vertraten vor allem konservative Minderheiten um Ernst Karl Winter und Teile der KPÖ, insbesondere Alfred Klahr 1937.
Der Austrofaschismus wollte einen unabhängigen, aber weiterhin „deutschen“ Staat erhalten. Auch Kurt Schuschnigg sprach am 9. März 1938 von einem „freien und deutschen und unabhängigen“ Österreich. Nach dem Anschluss 1938 ersetzte das NS-Regime den Namen Österreich zunächst durch Ostmark, später durch „Donau- und Alpenreichsgaue“. Die Volksabstimmung vom 10. April 1938 war von Propaganda, Druck und Manipulation geprägt; amtlich wurden 99,73 % Zustimmung bei 99,71 % Wahlbeteiligung angegeben, während rund 8 % der Bevölkerung aus rassischen oder politischen Gründen ausgeschlossen waren.
Enttäuschungen über Österreichs Stellung im Reich, Krieg und NS-Herrschaft förderten ein Bewusstsein nationaler Besonderheit. Ab 1943 planten Widerstandsgruppen wie O5 wieder ein selbstständiges Österreich. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes schätzt die Zahl der Beteiligten auf 100.000. Die Moskauer Deklaration von 1943 bezeichnete Österreich als „das erste Opfer“ Hitlers und stellte seine Wiederherstellung als selbstständigen Staat in Aussicht.
Nation, Staat und Erinnerung nach 1945
Seit 1945 entstand österreichische Nationalidentität vor allem durch Abgrenzung von der deutschen Nation. Leopold Figl forderte 1945 die Förderung des Österreichbewusstseins. Der Staatsvertrag von 1955 beendete die Besatzungszeit und bekräftigte das Anschlussverbot. Im selben Jahr trat Österreich der UNO bei und erklärte seine „immerwährende Neutralität“. Neutralität wurde neben dem Opfermythos zu einer tragenden Säule des Identitätsdiskurses.
Die Besatzungsmächte und österreichische Institutionen stärkten das Österreichbewusstsein auch durch Bildung, Gedenkfeiern und eine auf Österreich in heutigen Grenzen konzentrierte Geschichtsdarstellung. Das Nationalbewusstsein setzte sich aber in der Bevölkerung allmählich durch und entstand nicht nur aus NS-Erfahrungen, sondern auch aus politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen.
Der Opfermythos stellte Österreich nach 1945 vor allem als erstes Opfer des Nationalsozialismus dar und erleichterte die Ausblendung der Beteiligung vieler Österreicher am NS-Regime. Das Rot-Weiß-Rot-Buch von 1946 sollte diese Opferthese stützen und wurde als tendenziös kritisiert. Die Waldheim-Affäre ab 1986 löste eine breitere Auseinandersetzung mit NS-Verantwortung aus. Bundeskanzler Franz Vranitzky räumte 1991 die Mitverantwortung vieler Österreicher am NS-Terror ein.
Das österreichische Zugehörigkeitsgefühl nahm deutlich zu. Anfang der 1990er Jahre sahen sich nahezu 90 % als Österreicher und fühlten sich dem Land verbunden. 2001 waren 56 % „sehr stolz“ auf Österreich, 2008 waren 46 % sehr stolz auf die österreichische Staatsbürgerschaft und 38 % stolz. Studien unterscheiden Patriotismus und Nationalstolz: Patriotismus kann auch Chauvinismus enthalten, während Nationalstolz positiv mit weltoffener und ausländerfreundlicher Haltung korrelierte. Die europäische Integration seit dem EU-Beitritt 1995 hat das Österreichbewusstsein laut Untersuchungen bisher nicht geschmälert.
Politische Positionen und Minderheiten
Gunter Falk unterscheidet drei Positionen: eine ablehnende deutschnationale, eine internationalistische und eine österreichisch-nationale Position. Regionale und lokale Identitäten bleiben in Österreich besonders wichtig.
Die ÖVP bekannte sich 1945 ausdrücklich zum Aufbau einer österreichischen Nation und eines österreichischen Staats- und Kulturbewusstseins. Die SPÖ löste sich schrittweise von ihrer früheren Anschlussorientierung; spätestens mit ihrem Parteiprogramm von 1972 und einem neuen Grundsatzprogramm wurde die österreichische Nation weitgehend akzeptiert. Die KPÖ vertrat schon auf Grundlage Alfred Klahrs seit 1937 die nationale Eigenständigkeit. VdU und FPÖ vertraten dagegen lange großdeutsche beziehungsweise deutschnationale Vorstellungen. Im FPÖ-Programm von 1997 heißt es, die überwiegende Mehrheit der Österreicher gehöre der deutschen Volksgruppe an; zugleich wird das Recht auf freie Selbstbestimmung über Identität und Volkstumszugehörigkeit betont. Die Grünen werden überwiegend der internationalistischen Position zugerechnet und kritisieren verordnete kollektive Identität als ausgrenzend. Das BZÖ bekannte sich 2011 nicht eindeutig zur österreichischen Nation.
Über deutschsprachige Minderheiten außerhalb Österreichs wird teils als „österreichische“ oder „altösterreichische“ Minderheit gesprochen, doch ihre Selbstidentifikation ist kaum erforscht. In Südtirol dominiert bei deutschsprachigen Jugendlichen die regionale Identität: 1999 fühlten sich über 79 % zuerst als Südtiroler; nur 0,4 % nannten Österreich als stärkste Bindung. In der slowenischen Volkszählung 2002 erklärten sich 181 Personen zu ethnischen Österreichern, gegenüber 289 im Jahr 1953; als deutsche Minderheit bezeichneten sich 2002 499 Personen, gegenüber 1617 im Jahr 1953.
Begriffsgebrauch und Kritik
„Nation“ kann einerseits eine kollektive Identität, andererseits einfach die gesamte Bevölkerung eines Staates meinen. Begriffe wie Nationalrat, Nationalbank, Nationalbibliothek oder Nationalpark sind meist staatsrechtlich und nicht als Aussage über nationale Identität zu verstehen. Der österreichische Nationalfeiertag erinnert an das Neutralitätsgesetz vom 26. Oktober 1955. Er wurde 1965 mit Stimmen aller Parlamentsparteien in „Österreichischer Nationalfeiertag“ umbenannt; Feiertagsruhe besteht seit 1967.
Deutschnationale Kreise lehnen die österreichische Nation teilweise ab. Die NDP wurde 1988 wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung aufgelöst; der Verfassungsgerichtshof bewertete ihre Ablehnung der österreichischen Nation und ihre Vorstellung einer nach Abstammung, Sprache, Kultur und Lebensraum abgegrenzten Volksgemeinschaft als nationalsozialistisches Gedankengut.
Wissenschaftliche Kritik richtet sich allgemein gegen die mögliche Vereinheitlichung und Ausgrenzung durch Nation- und Volksbegriffe. Erna Appelt warnt besonders davor, Menschen wie GastarbeiterInnen, Kärntner SlowenInnen, Roma und Sinti, Juden, Kommunisten oder antifaschistische Partisanen als nicht zu „echten Österreichern“ gehörig darzustellen. Der Nationsbegriff bleibt wandelbar; zugleich zeigen Untersuchungen seit dem EU-Beitritt keine Verlagerung von österreichischer zu europäischer Selbstidentifikation.