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Nationalallegorie
Eine Nationalallegorie ist eine allegorische Figur, die eine Nation und die ihr zugesprochenen Eigenarten verkörpert. So sie in menschlicher Gestalt …
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Begriff und Formen
Eine Nationalallegorie ist eine sinnbildliche Figur, die eine Nation und die ihr zugeschriebenen Eigenschaften verkörpert. Erscheint sie als Mensch, heißt sie nationale Personifikation. Solche Figuren machen Nationen in Bildern leicht erkennbar und können Zugehörigkeit stiften, politische Handlungen darstellen oder in Karikaturen stellvertretend miteinander sprechen und kämpfen.
Nationalallegorien treten vor allem in vier Formen auf: als meist weibliche Idealfigur, als legendärer oder historischer Stammvater beziehungsweise als Stammmutter, als menschliche Typenkarikatur und als Tier. Welche Nation gemeint ist, zeigen Namen, Kleidung, Wappen, Waffen und andere typische Attribute. Die Übergänge zwischen Nationalallegorie, Nationalsymbol, Nationalheld und stereotypischer Darstellung sind fließend.
Weibliche Personifikationen
Weibliche Allegorien gehen auf antike Vorstellungen von örtlichen Schutzgeistern und Schutzgottheiten zurück. Die Römer stellten Gebiete wie Africa, Gallia, Judäa und Germania als Frauen dar. Auf Siegesmünzen erschienen unterworfene Länder in erniedrigenden Trauerposen, etwa mit den Aufschriften „IUDAEA CAPTA“ oder „GERMANIA CAPTA“. Roma, die Schutzgöttin der Stadt Rom, wurde unter Augustus zur Identifikationsfigur. Unter Kaiser Hadrian dienten die Schutzgottheiten der Provinzen dagegen als Sinnbilder der Einheit des Reiches.
Im Mittelalter kamen regionale Allegorien nur vereinzelt vor. In der Renaissance wurden personifizierte Frauenfiguren wieder häufiger verwendet. Sie galten nun nicht mehr unbedingt als Gottheiten, sondern verkörperten menschliche, regionale oder nationale Eigenschaften. Ein frühes Beispiel mit politischer Bedeutung war Helvetia: Sie sollte die Einheit der konfessionell gespaltenen Schweiz darstellen.
Durch die Französische Revolution und die Koalitionskriege gewann der Nationalgedanke in Europa an Bedeutung. Ab 1800 entstanden nach antikem Vorbild in vielen Ländern nationale Personifikationen, die die Bevölkerung unter einer sichtbaren Identifikationsfigur vereinen sollten. Im damals nicht geeinten Deutschland gab es sowohl Germania für die deutsche Nation als auch Figuren einzelner Fürstentümer und Städte, darunter Bavaria, Borussia, Saxonia, Berolina und Hammonia.
Die Gestalt dieser Allegorien war flexibel. Häufig erschienen sie als wehrhafte Jungfrau oder als Mutter der Nation. Sie beruhten gewöhnlich nicht auf einer wirklichen Herrscherin oder Kriegerin, sondern trugen die Machtzeichen ihres Landes. Bekannte Beispiele sind Marianne für die französische Republik, Germania für Deutschland, Britannia für Großbritannien, Helvetia für die Schweiz, Austria für Österreich, Italia turrita für Italien, Hispania für Spanien, Polonia für Polen und Mütterchen Russland. Marianne wurde ab 1792 zum Freiheitssymbol der Französischen Revolution und zur Allegorie der Republik. Germania wurde im frühen 19. Jahrhundert als Sinnbild des entstehenden deutschen Nationalbewusstseins wiederaufgenommen. Helvetia wurde 1672 ausdrücklich als Allegorie der Einheit der Eidgenossenschaft geschaffen.
Auch außerhalb Europas entstanden solche Figuren, oft im Zusammenhang mit Widerstand, Unabhängigkeit oder Patriotismus. Dazu gehören Mutter Indien, Mutter Bengal, Mutter Armenien, Mutter Serbien und Mutter Albanien. In der islamischen Welt blieb die menschliche Nationalallegorie wegen des Bilderverbots wenig verbreitet. In Algerien und Ägypten wurde sie unmittelbar nach der Kolonialzeit kurzzeitig übernommen. Eine Verschleierung ließ die Figuren jedoch abstrakt und unpersönlich wirken, weshalb die Idee wieder aufgegeben wurde.
Stammväter und Stammmütter
Bei diesem Typ wird eine konkrete legendäre oder historische Person zum Ahnherrn eines Volkes erklärt. Anders als bei einer frei erfundenen weiblichen Personifikation wird zwischen der Bevölkerung und der Figur meist ein Abstammungsverhältnis angenommen. Solche Gestalten beruhen auf bereits vorhandenen Herkunftssagen und besitzen durch ihre feste Symbolik weniger Deutungsspielraum. Sie sind deshalb häufig eher als Nationalhelden oder Nationalsymbole zu verstehen.
Beispiele sind Huangdi als mythischer erster Kaiser Chinas, Dangun als legendärer König des ersten koreanischen Reiches und Lech, Čech und Rus als sagenhafte Stammväter Polens, Tschechiens und Russlands. In Japan gelten die Sonnengöttin Amaterasu als Ahnenmutter und der von ihr abstammende Jimmu als legendärer erster Tenno. Ériu beziehungsweise Éire ist in der keltischen Tradition eine sagenhafte Königin und Urmutter Irlands.
In Deutschland waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts besonders Arminius und Barbarossa verbreitete Identifikationsfiguren. Arminius erschien als germanischer Volksheld im Kampf gegen Rom beziehungsweise gegen ausländische Mächte. Barbarossa galt als schlafender rechtmäßiger Kaiser und Lehnsherr. Arminius wurde erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend entmystifiziert.
Typen und politische Karikaturen
Typenkarikaturen stellen Nationen oder ihre Einwohner durch wiedererkennbare menschliche Figuren dar. Seit dem 18. Jahrhundert konnten Zeitungen solche Figuren schlafen, kämpfen, gestikulieren oder miteinander sprechen lassen. Im Unterschied zu idealisierten weiblichen Personifikationen durften sie auch Schwächen und unvorteilhafte Züge besitzen, ohne damit zwingend die ganze Nation herabzuwürdigen.
Um 1790 waren in der englischsprachigen Presse unter anderem John Bull für England, Brother Jonathan für die USA, Jacobin für das revolutionäre Frankreich und Jack Tar für die britische Royal Navy bekannt. John Bull war bereits 1712 als literarische Figur geschaffen worden und wurde ungefähr ab 1757 als Karikatur populär. Brother Jonathan wurde etwa ab 1780 bekannt. Im 19. Jahrhundert erschienen beide häufig als gleichrangige Rivalen und vertraten sowohl ihre Nationen als auch deren Einwohner.
Der Deutsche Michel bezeichnet vor allem die deutsche Einwohnerschaft oder das Bürgertum, nicht gewöhnlich den Staat oder seine Regierungen. In dieser Funktion wird er bis heute in politischen Karikaturen verwendet. Brother Jonathan verschmolz während des amerikanischen Bürgerkriegs in der Zeitschrift „Punch“ mit Uncle Sam und einem stark idealisierten Abraham Lincoln und wurde schließlich verdrängt. Uncle Sam, erstmals 1812 verwendet, seit etwa 1865 populär und 1961 offiziell etabliert, entwickelte sich ebenso wie John Bull stärker zu einer Personifikation der Regierung.
Ist eine benannte Figur nicht allgemein verständlich, können Karikaturisten stattdessen nationale Uniformen, Trachten oder zusätzliche Attribute verwenden. Politische Lage und Herkunft des Künstlers bestimmen dabei, ob eine Nation positiv oder negativ erscheint. Moderne Varianten sind das Internetmem Polandball und die japanische Serie „Hetalia: Axis Powers“, in der Länder als Personen auftreten.
Karikaturen können auch rassistische oder abwertende nationale Typen, sogenannte Ethnophaulismen-Figuren, hervorbringen. Beispiele sind Wenzel gegen Tschechen, Iwan gegen Russen, „le Boche“ gegen Deutsche und „the Sawney“ gegen Schotten. Manche ursprünglich abwertenden Figuren wurden später als eigenes Identifikationssymbol übernommen. Der Deutsche Michel entstand aus einem herabsetzenden Bauernbild. Der dominikanische Conchoprimo galt zunächst als ungeschlachter und ungebildeter Landbewohner. Der südamerikanische Roto wurde in Chiles Nachbarländern als verarmter Stadtbewohner verspottet, in Chile jedoch zum anonymen Kriegshelden.
Eine verwandte Verdichtung der Bevölkerung ist der Durchschnittsmensch oder Durchschnittskonsument. Im deutschen Sprachraum stehen dafür Otto Normalverbraucher und Familie Mustermann; vergleichbare Figuren sind John Doe in den USA, Doña Juanita in Chile und Ola Nordmann in Norwegen.
Tiere als Nationalsymbole
Auch Tiere können eine Nation verkörpern. Sehr häufig handelt es sich um ein Wappentier, das aus der Heraldik, also der Wappenkunde und Wappentradition, übernommen wurde. Tierfiguren können einen Staat, seine Bevölkerung, einen Herrscher oder bestimmte Eigenschaften des Landes symbolisieren.
Aus der Heraldik stammen etwa der britische Löwe, der böhmische Löwe für Tschechien, der Weißkopfseeadler der USA sowie Reichsadler und Bundesadler für Deutschland. Der Reichsadler des Römischen Reiches ist seit dem 1. Jahrhundert vor Christus belegt: Er war zuerst ein religiöses Symbol, später ein militärisches Identifikationszeichen und ein dynastisches Wappentier.
Weitere Tierallegorien besitzen besondere kulturelle oder politische Ursprünge. Der chinesische Drache ist seit dem 2. Jahrhundert vor Christus eine Allegorie des Kaisers und des Kaiserreichs; seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dient auch der Panda als Symboltier der Volksrepublik China. Der gallische Hahn wurde 1792 zum Freiheitssymbol der Französischen Revolution, während zuvor die Lilie für das Ancien Régime stand. Der russische Bär ist seit dem 16. Jahrhundert bekannt und wird seit dem 20. Jahrhundert verstärkt auch in Russland selbst benutzt, obwohl der Adler das russische Wappentier ist.
Zu den jüngeren Beispielen gehören das australische Boxing Kangaroo aus den 1940er-Jahren und der 1964 für das Stadtmarketing geschaffene Merlion von Singapur. Der Wolf der Türkei bezieht sich auf die Asena-Legende, der tibetische Schneelöwe auf die buddhistische Mythologie. Die britische Bulldogge gilt als tierische Verkörperung John Bulls. Wie menschliche Allegorien werden auch Tiere in politischen Bildern handelnd dargestellt, etwa wenn Adler, Löwen, Bären oder Drachen Staaten und Machtverhältnisse vertreten.