Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Äsops Fabeln

Äsops Fabeln sind eine Sammlung von Fabeln, die Äsop, einem missgestalteten Sklaven und Geschichtenerzähler, der zwischen 620 und 564 v. Chr. auf der Insel …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Was sind Äsops Fabeln?
  2. 2. Herkunft des Fabelguts
  3. 3. Altgriechische und lateinische Überlieferung
  4. 4. Verbreitung in europäischen Sprachen
  5. 5. Fabeln für Kinder und Dramatisierungen
  6. 6. Bekannte Fabeln und Ausgaben

Was sind Äsops Fabeln?

Äsops Fabeln sind eine Sammlung kurzer Erzählungen, die Äsop zugeschrieben werden – einem angeblich missgestalteten Sklaven und Geschichtenerzähler, der zwischen 620 und 564 v. Chr. auf der Insel Samos im antiken Griechenland gelebt haben soll. Seine Erzählungen machten ihn so beliebt, dass das Volk seine Freilassung erwirkte. In den Fabeln werden menschliche Schwächen wie Neid, Dummheit, Geiz und Eitelkeit in kleinen Gleichnissen verpackt. Die Akteure sind vor allem sprechende Tiere mit menschlichen Charakterzügen; gelegentlich kommen auch antike Götter, Pflanzen und bedeutende Zeitgenossen vor. Stoff und Figuren stammen aus dem Horizont des kleinen Mannes im Griechenland des 6. Jahrhunderts v. Chr. Äsop schrieb die Fabeln selbst nicht auf; sie wurden lange mündlich weitergegeben und später ständig erweitert – manche Fabeln wurden erst im Spätmittelalter aufgezeichnet, andere stammen von außerhalb Europas, und bis heute werden neue Geschichten in den Äsop-Korpus aufgenommen. Ursprünglich richteten sich die Fabeln an Erwachsene und behandelten religiöse, soziale und politische Themen; sie dienten auch als ethische Leitfäden und wurden ab der Renaissance vor allem zur Erziehung von Kindern verwendet.

Herkunft des Fabelguts

Dass viele Moralvorstellungen in den Fabeln einander widersprechen und auch die antiken Berichte über Äsops Leben widersprüchlich sind, führt heute zu der Ansicht, dass Äsop nicht Urheber aller ihm zugeschriebenen Fabeln war. Fabeln ohne bekannte andere Quelle wurden einfach auf den Namen Äsop zurückgeführt. In The Oxford Companion to the Brontës wird sogar vermutet, Äsop sei lediglich ein erfundener Name als Sammelautor für Tierfabeln. Einige Fabeln sind nachweislich westasiatischen Ursprungs; Fabeln und Sprichwörter äsopischer Form gab es schon im dritten Jahrtausend v. Chr. im alten Sumer und in Akkad. Mit der indischen Tradition (buddhistische Jataka-Erzählungen, hinduistisches Panchatantra) teilt Äsops Fabelgut etwa ein Dutzend Erzählungen, die sich im Detail oft stark unterscheiden. Umstritten ist, ob die Griechen diese Fabeln aus Indien übernahmen, ob der Einfluss umgekehrt verlief oder ob er gegenseitig war.

Altgriechische und lateinische Überlieferung

Die früheste bekannte Sammlung stammt von Demetrios von Phaleron (4. Jahrhundert v. Chr.), der alle bei griechischen Schreibern erwähnten Fabeln mit Äsop-Bezug in zehn Büchern in Prosa für Redner zusammenstellte. Diese Sammlung galt jahrhundertelang als offizielle Version und ging im 10. Jahrhundert n. Chr. verloren. Heutige Sammlungen gehen auf die Choljambus-Versfassung von Babrios (1. Jahrhundert n. Chr.) zurück, von der ein unvollständiges Manuskript mit etwa 160 Fabeln erhalten ist. In der Sammlung von Ignatius dem Diakon (9. Jahrhundert, 55 Fabeln) sind erstmals orientalische Einflüsse erkennbar. Auf lateinisch übersetzte Phaedrus die Fabeln im 1. Jahrhundert n. Chr. in jambischen Trimetern. Aphthonius von Antiochia übertrug um 315 n. Chr. etwa vierzig Fabeln in lateinische Prosa; Philosophie- und Rhetoriklehrer nutzten Äsops Fabeln als Übungsmaterial, um Moral, Stil und Grammatik zu erörtern. Die umfangreichste und einflussreichste lateinische Prosafassung trägt den Namen des ansonsten unbekannten Romulus: 83 Fabeln, 10. Jahrhundert, basierend auf einer früheren Prosa-Version; sie prägte alle lateinischen Fabelsammlungen bis in die zweite Hälfte des Mittelalters. Eine von Gualterus Anglicus erstellte Version (wahrscheinlich 12. Jahrhundert) war bis in die Renaissance weitverbreiteter lateinischer Lehrtext; auch Alexander Neckam schuf eine einflussreiche Fassung. Bedeutende spätere Verssammlungen: Gabriele Faernos Centum Fabulae (1564, einflussreichste, meist äsopisches Material), Hieronymus Osius' Fabulae Aesopi carmine elegiaco redditae (294 Fabeln, Deutschland 1564) und Pantaleon Candidus' Centum et quinquaginta fabulae carminibus explicatae (1604, 152 Gedichte, enthält das früheste nicht-griechische Beispiel von „Der Löwe, der Bär und der Fuchs“).

Verbreitung in europäischen Sprachen

Bis ins 12. Jahrhundert wurden die Fabeln meist auf Latein gesammelt; danach erschienen Übersetzungen unter anderem ins Altfranzösische, Hebräische, Walisische, Mittelenglische, Mittelschottische und Mittelniederdeutsche. Den Hauptanstoß für umfassende Ausgaben gab Heinrich Steinhöwels Aesopus: Vita et Fabulae, erschienen um 1476 bei Johann Zainer in Ulm – mit lateinischen Fassungen, deutschen Übersetzungen, Rinuccio da Castigliones griechischer Äsop-Vita (1448), 156 Fabeln aus Romulus-, Avianus- und anderen Quellen sowie 205 Holzschnitten. Auf dieser Grundlage entstanden bald Übersetzungen ins Italienische (1479), Französische (1480), Tschechische (1480) und Englische (Caxton-Ausgabe 1484); die spanische La vida del Ysopet con sus fabulas hystoriadas (1489) wurde drei Jahrhunderte lang häufig nachgedruckt. Die erste gedruckte englische Version veröffentlichte William Caxton am 26. März 1484. Manche Autoren bearbeiteten Fabeln so eigenständig, dass sie mit ihrem eigenen Namen verbunden wurden: Jean de La Fontaine orientierte sich in den ersten sechs Büchern seiner französischen Fabeln (spätes 17. Jahrhundert) stark an Äsop, die späteren sechs stammen aus vielfältigeren Quellen. Iwan Krylow übertrug einige Fabeln Anfang des 19. Jahrhunderts ins Russische und interpretierte sie oft neu; Gotthold Ephraim Lessing bezog sich im 18. Jahrhundert beim Fabelschreiben ausdrücklich auf Äsop. Im 20. Jahrhundert gab Ben E. Perry die Fabeln von Babrius und Phaedrus für die Loeb Classical Library heraus und erstellte 1952 einen nummerierten Index; 1998 erschien die Penguin-Ausgabe von Olivia und Robert Temple (The Complete Fables by Aesop, wobei viele Fabeln wichtiger antiker Quellen fehlen), 2002 eine Übersetzung von Laura Gibbs (Aesop's Fables, Oxford World's Classics, 359 Fabeln aus allen wichtigen griechischen und lateinischen Quellen).

Fabeln für Kinder und Dramatisierungen

Bis zum 18. Jahrhundert dienten die Fabeln Lehrern, Predigern, Redenschreibern und Moralisten vorwiegend für Erwachsene. Der Philosoph John Locke sprach sich 1693 in Some Thoughts Concerning Education als Erster dafür aus, Kinder als eigenes Publikum anzusprechen. Schon früher gab es solches Konzepte: Faernos Centum Fabulae wurde von Papst Pius IV. in Auftrag gegeben, damit Kinder moralische und sprachliche Reinheit aus demselben Buch lernen. Ludwig XIV. ließ in den 1670er Jahren im Labyrinth von Versailles 38 hydraulische Statuen mit ausgewählten Fabeln aufstellen, beraten von Charles Perrault, der später Faernos Verse ins Französische übersetzte. In den 1730er Jahren erschienen die acht Bände der Nouvelles Poésies Spirituelles et Morales sur les plus beaux airs mit auf Kindermelodien umgeschriebenen La-Fontaine-Fabeln. In Großbritannien erschienen im 18. Jahrhundert Sammlungen mit kurzer Zusammenfassung und Moral-Kommentar: Samuel Croxalls Fables of Aesop and Others (1722, bis ins 19. Jahrhundert nachgedruckt), John Newberys Fables in Verse (1757, als „Abraham Aesop Esquire“) und Robert Dodsleys dreibändiges Select Fables of Esop and other Fabulists (1761, von John Baskerville gedruckt, mit charakteristischen Tierstimmen). Anfang des 19. Jahrhunderts folgten Fabelgedichte, etwa von Richard Scrafton Sharpe (Old Friends in a New Dress, 1807) und Jefferys Taylor (Aesop in Rhyme, 1820). 1887 erschien Walter Cranes The Baby's Own Aesop, das die Fabeln in Limerickform zusammenfasste. 2010 wurden Äsops Fabeln im Nachschlagewerk 1001 Kinder- und Jugendbücher für die Altersstufe 8–12 empfohlen. Der Erfolg La Fontaines führte auch zu Theaterstücken: Edmé Boursaults Versdrama Les Fables d'Esope (1690, später Esope à la ville), Eustache Le Nobles Arlaquin-Esope (1691), Boursaults Esope à la cour (erst 1701 nach seinem Tod aufgeführt) sowie Jean-Antoine du Cerceaus Esope au collège (1715) und Charles-Étienne Pesseliers Esope au Parnasse (1739).

Bekannte Fabeln und Ausgaben

Zu den in der deutschsprachigen Wikipedia verfügbaren äsopischen Fabeln gehören unter anderem: Die Ameise und die Heuschrecke, Der Esel in der Löwenhaut, Der Fuchs und der Storch, Der Fuchs und die Trauben, Der Hirtenjunge und der Wolf, Der Hund und das Stück Fleisch, Die Krähe und der Wasserkrug, Das Lamm und der Wolf, Der Löwe und das Mäuschen, Die Schildkröte und der Hase, Die Sonne und der Wind, Die Stadtmaus und die Landmaus, Der Wolf und der Kranich sowie Vom Fuchs und Raben. Wichtige Ausgaben sind: Heinrich Steinhöwels Aesopus: Vita et fabulae (Ulm, Johann Zainer, um 1476); Ben E. Perrys Aesopica (Urbana 1952, 2. Auflage 2007); August Hausraths Corpus Fabularum Aesopicarum (2. Auflage, Leipzig 1959/1970) sowie dessen deutsch-griechische Sammlung Aesopische Fabeln (De Gruyter 2014); die Reclam-Ausgabe Äsop: Fabeln, Griechisch/Deutsch (übersetzt und kommentiert von Thomas Vosskuhl, Nachwort Niklas Holzberg, Stuttgart 2005); und die Ausgabe von Rainer Nickel (Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 2005, Neudruck de Gruyter 2014).

Weiterlesen

Fabel Die Fabel (lateinisch fabula, „Geschichte, Erzählung, Sage“) bezeichnet eine in Versen oder Prosa verfasste, kürzere Erzählung mit belehrender Absicht, … Sklaverei In vielen sklavenhaltenden Staatswesen und Gesellschaften behielten Sklaven eine gewisse Rechtsfähigkeit und konnten zum Beispiel die Gerichte anrufen oder … Samos Aufgrund der abwechslungsreichen Landschaft und der Geschichte bieten sich für den Sanften Tourismus diverse Möglichkeiten, dieser Bereich ist bisher gering … Antikes Griechenland Das antike Griechenland hat die Entwicklung der europäischen Zivilisation maßgeblich mitgeprägt. Es umfasst im Kern den Zeitraum von ca. 800 v. Sprichwort Ein Sprichwort (auch Proverb, wissenschaftlich Parömie) ist eine traditionell-volkstümliche Aussage, die ein Verhalten, eine Verhaltensfolge oder einen … Spätmittelalter Als Spätmittelalter wird der Zeitraum der europäischen Geschichte von der Mitte des 13. bis zum Ende des 15. oder Anfang des 16. Europa Europa ; 10.523.000 km² · 746 Millionen (2020) · 70 Einwohner/km² · ca. 50 · UTC±0 (Island) bis UTC+5 (Russland) … Altgriechische Sprache ... weil die Person im Normalfall schon durch das Verb angegeben ist. In den übrigen Kasus wird zwischen den enklitischen unbetonten Formen (etwa με me) und … Latein Verben ; Perfekt- stamm · 2. Person Singular Perfekt Konjunktiv Aktiv, du habest geliebt, amāv-, -eri- ; Perfekt- stamm · 3. Person Plural Plusquamperfekt Indikativ … Buchdruck 1 Geschichte des Buchdrucks. 1.1 Früher Buchdruck in Asien; 1.2 Johannes Gutenberg; 1.3 Ausbreitung des Buchdrucks · 2 Technik der klassischen Buchdruckkunst. Religion Geschichte konkreter Religionen · Afrikanische Religionen · Bahaitum · Buddhismus · Christentum · Daoismus · Hinduismus · Islam · Jainismus … Politik Politik regelt dabei insbesondere das öffentliche, aber teilweise auch das private (Zusammen-)Leben der Bürger, die Handlungen und Bestrebungen zur Führung des …