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Zwischen Welten (Roman)
Zwischen Welten ist ein Gesellschaftsroman von Juli Zeh und Simon Urban aus dem Jahr 2023, der in der Zeit vom 5. Januar bis 4. Oktober 2022 spielt.
Inhalt4 Abschnitte
Grundidee und Erzählform
„Zwischen Welten“ ist ein Gesellschaftsroman von Juli Zeh und Simon Urban aus dem Jahr 2023. Die Handlung spielt vom 5. Januar bis zum 4. Oktober 2022. Im Mittelpunkt stehen Theresa Kallis, eine 43-jährige Milchbäuerin aus dem brandenburgischen Dorf Schütte, und Dr. Stefan Jordan, ein 46-jähriger stellvertretender Chefredakteur einer Wochenzeitung in Hamburg. Beide haben sich während ihres Germanistikstudiums an der Universität Münster kennengelernt und drei Jahre in einer Wohngemeinschaft gelebt.
Der Roman besteht aus chronologisch geordneten digitalen Nachrichten. Abgedruckt werden E-Mails und WhatsApp-Nachrichten, vereinzelt auch Telegram- und SMS-Nachrichten, jeweils mit Datum und Namen des Absenders. Dadurch entsteht ein „moderner“ beziehungsweise „zeitgenössischer Briefroman“. Anders als in Goethes historischem Briefroman wechseln hier die Adressaten regelmäßig, und die digitale Kommunikation beschleunigt den Gedankenaustausch stark.
Theresa und Stefan diskutieren private, lokale und globale Krisen sowie gesellschaftliche Streitfragen. Der Ton reicht von freundlich und wohlwollend bis beleidigend. Häufig werden die Nachrichten zu langen Monologen. Obwohl beide grundsätzlich der Meinung sind, dass sich gesellschaftlich etwas ändern muss, streiten sie über die richtigen Wege. Nach Aussage der Autoren entstand der Text gemeinschaftlich: Sie seien „quasi ein Schreibgehirn“ geworden, bei dem einer gesprochen und einer getippt habe.
Ausgangslage und Beginn des Konflikts
Theresa Kallis leitet als Vorstand der Agrargenossenschaft Kuh & Co. Schütte eG einen Betrieb im fiktiven brandenburgischen Dorf Schütte in der Ostprignitz. Sie wurde dort geboren und erbte den um 1900 erbauten Hof ihrer Eltern. Ihr Vater hatte ihn als LPG-Vorsitzender geführt. Nach seinem Tod brach Theresa ihr Germanistikstudium in Münster ab, um die Familientradition fortzuführen. Sie entwickelte den Hof in Richtung „Bio, Öko, Nachhaltigkeit“ weiter und muss zeitweise beim Melken der 200 Kühe helfen. Ihre Sekretärin Britta, die bereits für ihren Vater gearbeitet hatte, unterstützt sie. Theresa ist mit Basti verheiratet und hat zwei Söhne, Jonas und Phil, die 8 und 10 Jahre alt sind.
Die Ehe ist zunächst glücklich, wird aber brüchig, weil Theresa sich wegen ihrer Arbeit wenig Zeit für die Familie nimmt. Basti ist Mechatroniker und möchte eine eigene Werkstatt eröffnen. Stefan Jordan machte nach dem Germanistikstudium im Verlag eine steile Karriere. Besonders erfolgreich war das von ihm herausgegebene HEFTIG-Magazin, an dessen Grundidee Theresa beteiligt war. Später schämte er sich für dessen „hemmungslosen Hedonismus“ und „unfassbar naive Konsumfreude“. Die UN-Klimakonferenz in Paris 2015 führte bei ihm zu einem Umdenken.
Nach einem Streit an der Außenalster zu Silvester 2021 setzen Theresa und Stefan ihre Auseinandersetzung ab dem 5. Januar 2022 per E-Mail und WhatsApp fort. Stefan will mit einem Sonderheft zur Klimakrise, dem „wichtigsten Thema unserer Zeit“, sein früheres moralisches Versagen ausgleichen. Er bewundert Theresas Leistung als alleinige Leiterin eines wirtschaftlich gefährdeten Bauernhofs. Theresa kämpft gleichzeitig um den Erhalt ihres Betriebs.
Stefan entwickelt die Klimaausgabe gemeinsam mit Carla al-Saed aus der Berliner Online-Redaktion von DER BOTE. Leonie und Justin, zwei Klimaaktivisten, sollen eigene Impulse beisteuern. Stefan beschreibt sie als fachkundig und selbstbewusst, erlebt sie aber auch als arrogant und respektlos und entlässt sie später. Die Sonderausgabe erscheint trotzdem. Am 18. Mai treffen sich Theresa und Stefan erneut an der Außenalster.
Eskalation und Folgen
Erst am 4. Juli nimmt Theresa den Kontakt wieder auf. Dabei wird deutlich, dass das Treffen im Streit und mit Handgreiflichkeiten endete: Nachdem Theresa Stefan beleidigt hatte, wurde er ihr gegenüber übergriffig. Stefan deutet anschließend sexuelles Interesse an, das Theresa nicht erwidert. Der intensive Austausch und Theresas überstürzter Besuch in Hamburg belasten ihre Ehe zusätzlich. Basti zieht schließlich mit den beiden Kindern aus.
Ein weiterer Konflikt betrifft Flori Sota, den konservativen Chefredakteur von DER BOTE und Stefans langjährigen Mentor. Eine scherzhaft gemeinte Bezeichnung Carlas als „Quoten-Schwarze“ löst, verstärkt durch einen Shitstorm vor allem auf Twitter, das Ende seiner beruflichen Laufbahn aus. Auch seine Familie wird angefeindet; seine Kinder werden in der Schule gemobbt. Sota zieht mit seiner Familie nach Belgien.
Theresa lernt Eva kennen, die Tochter ihres Jugendfreundes Lars. Eva radikalisiert sich in der globalisierungskritischen Protestbewegung „Green Redemption“, die von einem konservativen, globalisierungskritischen amerikanischen Thinktank finanziert wird. Mit Theresas Unterstützung bringt die Gruppe im August mit Gülle gefüllte Dosen in den Einzelhandel. Sie tragen den Warnhinweis: „Wer einen Dreck bezahlt, bekommt auch Dreck.“
In Stefans Zeitung kommt es zu einem Relaunch. Aus „DER BOTE“ wird „BOTIN“. Stefan wird gemeinsam mit Carla Chefredakteur, allerdings ihr nachgeordnet und nach eigener Einschätzung als „Marionette“ Teil einer „Scharade“. Die neue Zeitung erhält unter anderem die Ressorts „BOTIN aktiv“ und „People of Colour“. Stefan begeistert sich zunächst für die „Vereinigung aller Gegensätze, Ost und West, Mann und Frau, Schwarz und Weiß“, schreibt aber bald darauf an Theresa: „Wir haben beide gekämpft und verloren.“ Carla holt die zuvor entlassene Leonie in die Redaktion zurück.
Lars ist mit dem Anbau von Energiemais wirtschaftlich gescheitert und besitzt einen insolventen Bauernhof. Theresa gibt ihm 80.000 €, die ursprünglich von Bastis Eltern als Starthilfe für dessen Autowerkstatt geschenkt worden waren. Lars verspielt das Geld jedoch und begeht aus Verzweiflung Suizid. In den letzten fünf Wochen wird die Kommunikation dramatischer und teilweise mit PGP-Verschlüsselung oder über Telegram geführt. Am 27. September bricht Theresa den Kontakt ab, indem sie ihre E-Mail-Adresse kündigt und auf WhatsApp sowie Telegram nicht mehr antwortet.
Wegen des wirtschaftlichen Niedergangs ihres Biohofs und Lars’ Hofs sowie ihres erfolglosen demokratischen Engagements in der „Zukunftskommission Agrar“ beteiligt sich Theresa gemeinsam mit Eva an einer Aktion der vom Verfassungsschutz beobachteten Gruppe „Free Gaia“. Vor dem Landwirtschaftsministerium in Berlin verpasst Theresa dem Landwirtschaftsminister eine Ohrfeige und kommt wegen versuchter Gewalttätigkeit in Polizeigewahrsam. Eva trägt ein Plakat der Gruppe L.A.R.S. („Ländlich-agrarische Räume sichern“), die an Lars erinnert. Das Foto der Ohrfeige wird zum Titelbild der ersten BOT*IN-Ausgabe.
Zentrale Themen und Einordnung
Der Roman stellt unterschiedliche Lebenswelten gegenüber. Schütte hat 451 Einwohner; 28 Prozent wählen dort die AfD. Theresa beschreibt den Ort als dünn besiedelt, sozial schwach und von der Welt vergessen, aber auch als Gemeinschaft, in der Menschen einander helfen. Zu den Problemen der Landwirtschaft zählen Land Grabbing, ein Ernteverbot wegen der Afrikanischen Schweinepest sowie Dürre und Starkregen infolge der Klimakrise.
Theresa und Stefan befürworten Klimaschutz, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte. Stefan kritisiert den Methanausstoß der Kühe und setzt auf journalistische Einflussnahme. Theresa verweist auf Kreuzfahrtschiffe und ist stolz auf ihren Ökohof. Sie streiten über Windräder, Energiepflanzen, Gendersprache, Geschlechtergerechtigkeit, Familienplanung, Cancel Culture, Rassismus, Wokeismus, Identitätspolitik, Querdenken und die Rolle der Medien. Stefan befürwortet gendergerechte Sprache mit Gendersternchen, während Theresa darin eine Verstärkung der gesellschaftlichen Polarisierung sieht. Stefan meint, angesichts der globalen Probleme solle man keine Kinder bekommen; Theresa nennt dies „selbstsüchtige Verantwortungslosigkeit“.
Theresa setzt auf politische Verhandlungen, etwa in der „Zukunftskommission Agrar“. Ihr Ziel ist ein Agrar- und Ernährungssystem, in dem Klima, Umwelt, Biodiversität, Tierwohl und menschliche Gesundheit im unternehmerischen Interesse liegen. Stefan setzt stärker auf Haltung, Ethik, Moral und journalistischen Aktivismus. Beide sind gegen die AfD, kritisieren ungerechte Eigentumsverhältnisse und lehnen den russischen Krieg gegen die Ukraine ab. Demokratie verstehen sie jedoch unterschiedlich: Für Theresa bedeutet sie vor allem das Aushandeln verschiedener Interessen, für Stefan vor allem Haltung und Moral.
Im Verlauf des neunmonatigen Streits entwickeln sich beide gegensätzlich. Stefan verlässt mit der Klimaausgabe zunehmend die Neutralität des klassischen Journalismus, versucht später aber innerhalb des Mediensystems Gegensätze zu verbinden. Theresa wird von einer reformorientierten Teilnehmerin demokratischer Verfahren zur Aktivistin, die das System von außen verändern will. Beide scheitern schließlich an ihren Lebensverhältnissen: Stefan an der öffentlichen Reaktion auf seinen gewalttätigen Übergriff, Theresa am Zerbrechen ihrer Familie und ihres Betriebs. Der Roman fasst ihre gemeinsame Grundüberzeugung zusammen: „Wir sind doch eigentlich einer Meinung: nämlich, dass sich etwas ändern muss.“ Zugleich zeigt er, wie soziale Medien Menschenwürde verletzen können und wie aus einer digitalen Spaßgesellschaft eine Hassgesellschaft wird.
Der Roman knüpft an Juli Zehs „Unterleuten“ und besonders „Über Menschen“ an, weil auch dort Großstädte und ländliche Gemeinden in Zeiten gesellschaftlicher Veränderung aufeinandertreffen. Im Vergleich zu diesen Romanen gibt es weniger Figuren und weniger komplexe Beziehungen. Die Briefromanform erinnert außerdem an Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“: Beide Werke ordnen schriftliche Mitteilungen chronologisch. Bei Zeh und Urban kommunizieren jedoch zwei Personen über mehrere digitale Medien, wodurch ein deutlich höheres Tempo entsteht.
Die Reaktionen auf den Roman sind unterschiedlich. Einige Kritiker loben seine Aktualität, Spannung, Lebendigkeit und seinen klaren Blick auf die Lage der Landwirte sowie die Frage nach einer konstruktiven Debattenkultur. Andere beanstanden, die Figuren wirkten wie „Pappkameraden“ oder „Kommunikationsmarionetten“, und der Roman ähnele einem mehrseitigen Leitartikel. Im Februar 2023 erreichte „Zwischen Welten“ Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.