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Identitätspolitik
Identitätspolitik (englisch identity politics) bezeichnet eine Zuschreibung für politisches Handeln, bei der Bedürfnisse einer spezifischen Gruppe von …
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Grundidee und Ziele
Identitätspolitik bezeichnet politisches Handeln, bei dem die Bedürfnisse einer bestimmten Gruppe von Menschen im Mittelpunkt stehen. Ziel ist meist, die Anerkennung dieser Gruppe zu erhöhen, ihre gesellschaftliche Position zu verbessern und ihren politischen oder sozialen Einfluss zu stärken. Gruppen werden dabei über kulturelle, ethnische, soziale oder sexuelle Merkmale bestimmt.
Wichtig ist: Identitätspolitik arbeitet mit kollektiver Identität, also mit der Vorstellung, dass Menschen aufgrund geteilter Erfahrungen, Interessen oder Zuschreibungen gemeinsam handeln können. Sie kann sich gegen Diskriminierung richten, aber auch Grenzen zwischen „Eigenen“ und „Anderen“ betonen.
Definitionen
Daniela Klimke beschreibt Identitätspolitik als Begriff der Cultural Studies für emanzipatorische Bewegungen diskriminierter sozialer Gruppen, etwa die Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten. Betroffene Gruppen können dabei abwertende Fremdbezeichnungen übernehmen und ihre Bedeutung umkehren. Identitätspolitik kann zur Assimilation an die Mehrheit führen, zum Beispiel bei der „Homo-Ehe“, sie kann aber auch kulturelle Besonderheiten überhöhen und dadurch segregierende oder fundamentalistische Züge annehmen.
Karsten Schubert und Helge Schwiertz definieren Identitätspolitik konstruktivistisch als politische Praxis marginalisierter Gruppen, die sich mit Bezug auf eine kollektive Identität gegen Benachteiligung durch Strukturen, Kulturen und Normen der Mehrheitsgesellschaft wehren. Identitätspolitik kann demnach Diskriminierungserfahrungen reflektierbar machen und Handlungsmacht schaffen. Als emanzipativ gilt sie nur mit einem normativen Bezug auf Gleichheit und Freiheit.
Michael Schönhut fasst Identitätspolitik allgemeiner als Bemühung, die Wahrnehmung einer kulturellen Kategorie oder Gruppe durch die eigenen Mitglieder oder durch andere zu beeinflussen. Dabei geht es oft um Ansprüche oder Interessen in Verteilungskonflikten. Identitätspolitik bedeutet nach ihm immer auch eine bewusste Grenzziehung zwischen den Eigenen und den Anderen, wobei innere Unterschiede innerhalb der Gruppe abgeschwächt werden können.
Lorenz Abu Ayyash bezieht auch rechte Identitätspolitik ein. Für ihn steht der Begriff zunächst für politisches Handeln, das an Interessen von Menschen ausgerichtet ist, die über Kategorien wie Klasse, Geschlecht, Herkunft oder sexuelle Orientierung zu einer Gruppe zusammengefasst werden. Solche Kategorien schließen immer auch andere aus. Rechte Identitätspolitik sei zuletzt mit der Grenzziehung zwischen dem „wahren Volk“ und der „korrupten Elite“ in vielen Ländern bei Wahlen erfolgreich gewesen.
Ursprünge und frühe Verwendung
Frank Furedi sieht Vorläufer der Identitätspolitik im späten 18. Jahrhundert, besonders in der konservativen Reaktion gegen den Universalismus der Aufklärung. Als wichtige Vertreter nennt er Johann Gottfried Herder in Deutschland und Joseph de Maistre in Frankreich. Herder betonte die besondere Kultur jedes Volkes, de Maistre erklärte, es gebe „keinen Menschen an sich“. Nach Furedi führte diese Betonung kultureller Unterschiede zu einem erkenntnistheoretischen Separatismus, also zur Vorstellung, verschiedene Kulturen gelangten auf grundsätzlich verschiedenen Wegen zu Erkenntnis.
Lea Susemichel und Jens Kastner sehen auch im Klassenbewusstsein der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts identitätspolitische Vorstellungen. Holger Marcks und Felix Zimmermann widersprechen einer einfachen Gleichsetzung: Einsatz für eine soziale Gruppe sei zunächst Interessenpolitik, könne aber identitätspolitische Formen annehmen, wenn etwa ein besonderer proletarischer Standpunkt behauptet werde.
Die zeitgenössische Bezeichnung stammt aus den USA: identity politics. Sie entstand im Zusammenhang mit neuen sozialen Bewegungen. In den 1980er Jahren entwickelten marginalisierte Gruppen ein kollektives Bewusstsein, das auf den individuellen Identitäten ihrer Mitglieder aufbaute. Genannt werden afroamerikanische Bewegungen, Teile des Feminismus, schwule und lesbische Gruppen, amerikanische Ureinwohner, Amerikaner asiatischer und hispanischer Herkunft, Alte, Obdachlose, Ex-Psychiatriepatienten, Behinderte und weitere Gruppen.
Combahee River Collective
Die erste Verwendung der Bezeichnung wird dem Combahee River Collective zugeschrieben, einem Kollektiv schwarzer, lesbischer Frauen. In einem programmatischen Statement von 1977 schrieb die Gruppe, die tiefgreifendste und potenziell radikalste Politik komme direkt aus der eigenen Identität.
Das Kollektiv betonte, dass Schwarze Frauen von Natur aus wertvoll seien und ihre Befreiung keine bloße Ergänzung zur Befreiung anderer sei. Der Fokus auf die eigene Unterdrückung werde im Begriff der Identitätspolitik verkörpert. Zugleich grenzten sich die Autorinnen von lesbischem Separatismus und biologistischem Determinismus ab, weil diese zu viele Menschen ausschlössen.
Ein zentraler Gedanke war, dass die Befreiung schwarzer Frauen auch gesamtgesellschaftliche Bedeutung habe: „Wenn Schwarze Frauen frei wären, würde das bedeuten, dass auch alle anderen frei sein müssten, weil unsere Befreiung die Zerstörung aller Systeme der Unterdrückung erfordert.“
Neuere Debatte
Nach der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten im November 2016 betonte die Historikerin Nell Irvin Painter, dass auch Weißsein identitätspolitisch mobilisiert werde. Es sei nicht mehr nur eine unmarkierte Kategorie im gesellschaftlichen Zentrum, sondern werde gezielt eingesetzt, um eine privilegierte politische und gesellschaftliche Position zu sichern. Identitätspolitik sei deshalb nicht nur Sache von Afroamerikanern, Latinos, Frauen und LGBTs, sondern auch von weißen, heterosexuellen, protestantischen Männern.
Frank Furedi wertete diese Entwicklung als Zeichen, dass Identitätspolitik „mittlerweile zur Karikatur ihrer selbst geworden“ sei. Andreas Urs Sommer verweist außerdem darauf, dass das Wort Identitätspolitik bereits im späten 19. Jahrhundert verwendet worden sei. Als Beleg nennt er den Rabbiner Israel Goldschmidt, der 1883 die antisemitische Forderung „Die Juden sollen Deutsche werden!“ als unlogische und unberechtigte „‚Identitäts-Politik‘“ kritisierte.
Rezeption und Kritik
Die Bewertung von Identitätspolitik ist umstritten. Francis Fukuyama verbindet die Krise der Linken mit ihrer Hinwendung zu Identitätspolitik und Multikulturalismus. Er meint, die Linke habe weniger die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft betont und stärker die Wünsche immer neuer ausgegrenzter Gruppen. Slavoj Žižek argumentierte 1998 ähnlich, postmoderne Identitätspolitik einzelner Lebensstile passe zu einer entpolitisierten Gesellschaft. Russell A. Berman sieht die Gefahr, dass soziale Bewegungen fragmentiert werden.
Weitere Kritik kommt von Walter Benn Michaels, Sahra Wagenknecht und José Luis Pardo. Sie sehen Identitätspolitik teils als Ausdruck privilegierter Milieus oder als symbolische Politik, die soziale Ungleichheit nicht löst. Richard Rorty kritisierte, eine kulturalistische Linke beschäftige sich mehr mit Stigma als mit Geld. Mark Lilla bezeichnete Identitätspolitik in den USA als „katastrophal schlechte Basis für demokratische Politik“ und machte sie für Trumps Wahlsieg mitverantwortlich. Nancy Fraser widersprach teilweise: Nicht Identitätspolitik an sich sei das Problem, sondern ihre Allianz mit dem Neoliberalismus, die sie „progressiven“ Neoliberalismus nennt.
Andere Stimmen betonen die emanzipatorische Funktion. Christoph Jünke sieht Identitätspolitik als möglichen Schutz vor der herrschenden Mehrheit und als Quelle von Selbstbewusstsein. Sie könne ein notwendiger Ausgangspunkt von Politisierung, Selbstorganisation und Gegenwehr sein. Emma Dowling, Silke van Dyk und Stefanie Graefe weisen den Vorwurf zurück, Identitätspolitik sei grundsätzlich partikularistisch. Viele Bewegungen, die heute so bezeichnet werden, hätten ursprünglich gesamtgesellschaftliche Missstände sichtbar machen wollen. Sie räumen aber ein, dass die Betonung besonderer Identitäten manchmal zum Selbstzweck werden kann.
Nikolai Huke verweist auf Erfolge feministischer, schwul-lesbischer und antirassistischer Bewegungen und sieht im Begriff „Identitätspolitik“ auch ein konservatives Feindbild. Volker Weiß beschreibt, dass die politische Rechte identitätspolitische Begriffe übernommen habe, etwa im „White Nationalism“. Samuel Salzborn kritisiert dagegen „kollektiv-repressive“ Identitätspolitik, besonders in Critical-Whiteness-Ansätzen, als antiemanzipativ. Thomas Biebricher bezweifelt, dass sich Identitätspolitik auf Poststrukturalisten wie Michel Foucault und Jacques Derrida berufen könne, weil diese wahrscheinlich Essenzialismus kritisiert hätten. Schubert und Schwiertz halten dem entgegen, politische Identitäten seien nicht fest gegeben, sondern entstünden in sozialen und politischen Konstruktionsprozessen; Kritik an Essentialisierungen und Ausschlüssen sei Identitätspolitik selbst eingeschrieben.