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Zweiter Dreißigjähriger Krieg

Systematisch wurde es 1988 in die geschichtswissenschaftliche Diskussion eingeführt. In neuerer Forschung wird das Konzept auch als Weltbürgerkrieg gefasst.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Konzept und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und wissenschaftliche Verwendung
  3. 3. Mayers Deutung der europäischen Krise
  4. 4. Kriege und Gewalt zwischen den Weltkriegen
  5. 5. Kontinuität der Expansion nach Osten

Konzept und Bedeutung

Der „Zweite Dreißigjährige Krieg“ ist ein historiographisches Konzept, also ein Deutungsmodell der Geschichtswissenschaft. Es betrachtet den Ersten Weltkrieg, die konfliktreiche Zwischenkriegszeit und den Zweiten Weltkrieg als chronologisch und inhaltlich zusammenhängende Epoche von 1914 bis 1945. Der Name greift den Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 auf. In neuerer Forschung wird die Epoche teilweise auch als „Weltbürgerkrieg“ oder „Europäischer Bürgerkrieg 1914–1945“ bezeichnet.

Das Konzept ist wichtig, weil es die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen nicht einfach als Friedensphase versteht. Revolutionen, Bürgerkriege, Grenzkämpfe, ideologische Gegensätze und territoriale Expansionspläne verbanden demnach beide Weltkriege miteinander. Besonders hervorgehoben werden der Kampf zwischen Faschismus und Bolschewismus, die zentrale Rolle Deutschlands in der europäischen Krise und die Fortsetzung deutscher Expansionsvorstellungen in Osteuropa.

Entstehung und wissenschaftliche Verwendung

Der Ausdruck erschien zu Beginn der 1940er Jahre im Umfeld der von Charles de Gaulle geführten „Forces françaises libres“ (FFL). De Gaulle sprach im September 1941 in einer Londoner Radioansprache von „la nouvelle Guerre de Trente Ans“. Winston Churchill schrieb 1944 an Josef Stalin von einem „dreißigjährigen Krieg von 1914 an“. Albert Muller behandelte das Konzept 1947 in der Studie „La seconde guerre de trente ans, 1914–1945“. Raymond Aron verglich in den 1950er Jahren das Weltkriegsgeschehen von 1914 bis 1945 mit dem Krieg von 1618 bis 1648 und dem Westfälischen Frieden.

Eine ausführliche wissenschaftliche Definition legte 1988 der US-amerikanische Historiker Arno J. Mayer vor. Danach wurde der Begriff unter anderem von Hans-Ulrich Wehler, Ian Kershaw, Fritz Stern, Ralf Dahrendorf, Eric Hobsbawm und Enzo Traverso verwendet. Unabhängig davon griff auch die nationalsozialistische Geschichtsschreibung das Bild eines Dreißigjährigen Krieges auf. In einem SS-Lehrgang von 1942 wurde der damalige Krieg sogar als dritter Dreißigjähriger Krieg bezeichnet.

Mayers Deutung der europäischen Krise

Arno J. Mayer erläuterte das Konzept besonders in seinem 1988 veröffentlichten und 1989 auf Deutsch erschienenen Buch „Der Krieg als Kreuzzug. Das Deutsche Reich, Hitlers Wehrmacht und die ‚Endlösung‘“. Er vergleicht die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der allgemeinen Krise Europas in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Nach Mayer sind „Epochen allgemeiner Krise“ zugleich „Epochen allgemeinen Krieges“. Solche Kriege entstehen aus instabilen gesellschaftlichen und politischen Ordnungen. Je unbestimmter und unbegrenzter ihre Ziele sind, desto kompromissloser werden sie geführt.

Den Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 versteht Mayer bereits als einen Krieg, der in seinen Auswirkungen total war. Der Konflikt des 17. Jahrhunderts bildete für ihn die Endphase des ideologischen Ringens zwischen Katholizismus und Protestantismus. Der zweite Dreißigjährige Krieg des 20. Jahrhunderts sei dagegen der Höhepunkt des Kampfes zwischen Faschismus und Bolschewismus gewesen. Wegen der entfesselten nationalen Leidenschaften bezeichnet Mayer bereits den Ersten Weltkrieg als einen säkularisierten, also nicht mehr religiös begründeten „heiligen Krieg“.

Deutschland war für Mayer das „Nervenzentrum“ der europäischen Krise: Es stand im Mittelpunkt einer instabilen kapitalistischen Weltwirtschaft und eines unsicheren europäischen Kräftegleichgewichts. In der deutschen Gesellschaft trafen Institutionen und Denkweisen aus unterschiedlichen geschichtlichen Epochen besonders deutlich aufeinander. Die Nationalsozialisten nutzten nach Mayer die Unzufriedenheit bedrohter gesellschaftlicher Gruppen und Teile der politischen Elite. Im Zweiten Weltkrieg verlagerten sie das Zentrum der Auseinandersetzung als neuen „Kreuzzug“ nach Osteuropa.

Mayer hatte bereits 1981 geschrieben, erst zwei Weltkriege und der Holocaust – gleichsam ein neuer Dreißigjähriger Krieg – hätten die europäischen Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme endgültig von feudalen und aristokratischen Herrschaftsansprüchen befreit. Er verwies außerdem auf Jean Jaurès und Theobald von Bethmann Hollweg, die schon vor 1914 angesichts der internationalen Spannungen vor einem neuen Dreißigjährigen Krieg gewarnt hatten. Methodisch berief er sich auf die historische Komparatistik Marc Blochs, also den systematischen Vergleich verschiedener geschichtlicher Epochen. Der Vergleich soll zeigen, wie ideologische Leidenschaften militärisch und geopolitisch unklare Ziele wie die Eroberung von „Lebensraum im Osten“ bis zur totalen Vernichtung aller als feindlich angesehenen Menschen steigern konnten.

Kriege und Gewalt zwischen den Weltkriegen

Die Zwischenkriegszeit war nach dieser Deutung keine geschlossene Friedensperiode. Nach dem deutschen Rückzug aus Mittel- und Osteuropa 1918 befahl Lenin der West-Armee der Roten Armee, nach Westen vorzudringen. Sie sollte in den neu unabhängigen Staaten prosowjetische Regierungen einsetzen und kommunistische Revolutionen in Deutschland und Österreich-Ungarn unterstützen. Gleichzeitig kämpften zahlreiche Staaten um Grenzen und Gebiete: Rumänien und Ungarn um Siebenbürgen, Jugoslawien und Italien um Rijeka sowie Polen mit der Tschechoslowakei um Teschen, mit Deutschland um Posen und mit der Ukraine um Galizien. Auch Ukrainer, Belarussen, Litauer, Esten, Letten und Russen gerieten in bewaffnete Konflikte.

Deutsche Freikorps kämpften 1919 im Baltikum zeitweise mit britischer Unterstützung gegen sowjetrussische Truppen und 1920/21 in Oberschlesien gegen polnische Aufständische, die von regulären Truppen verstärkt wurden. Polen und die Sowjetunion versuchten, ihre Gebiete zu vergrößern. Auf den Polnisch-Ukrainischen Krieg von 1918 und 1919 um Ostgalizien folgte der seit 1919 geführte Polnisch-Sowjetische Krieg. Weitere Konflikte waren der militärische Streit zwischen Kärnten und Jugoslawien von 1918 bis 1920, der Estnische Freiheitskrieg von 1918 bis 1920, der Griechisch-Türkische Krieg von 1919 bis 1923, der Irische Unabhängigkeitskrieg von Januar 1919 bis Juli 1921 und der irische Bürgerkrieg von Juni 1922 bis April 1923.

In Deutschland kam es im Frühjahr 1920 nach dem Kapp-Putsch zum Bürgerkrieg im Ruhrgebiet. 1923 folgten die französische Ruhrbesetzung und ein kommunistischer Aufstand in Hamburg. Militante Auseinandersetzungen gehörten in der Weimarer Republik damit nahezu zum Alltag.

Der Italienisch-Äthiopische Krieg vom 3. Oktober 1935 bis zum 9. Mai 1936 hing nur indirekt mit innereuropäischen Konflikten zusammen. Benito Mussolini wollte Italien neben Großbritannien und Frankreich zur drittgrößten europäischen Kolonialmacht machen. Im Spanischen Bürgerkrieg von Juli 1936 bis April 1939 beteiligten sich Deutschland und Italien faktisch, unter anderem durch eine Seeblockade und den Einsatz der Legion Condor. Der Krieg gilt als unmittelbares Testfeld neuer Waffen und Taktiken für den heraufziehenden Zweiten Weltkrieg.

Außerhalb Europas wirkten ebenfalls Konflikte zwischen späteren Kriegsparteien auf den Zweiten Weltkrieg ein. Dazu zählen die Mandschurei-Krise von 1931 mit der anschließenden japanischen Besetzung der Mandschurei sowie der Chinesisch-Japanische Krieg von Juni 1937 bis September 1945. Dessen Kämpfe gingen in Asien fließend in den Zweiten Weltkrieg über.

Kontinuität der Expansion nach Osten

Das Konzept betont außerdem die Kontinuität deutscher Expansionsplanungen in Osteuropa vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg. In Hitlers Geheimerlass vom 7. Oktober 1939 zur „Festigung deutschen Volkstums“ wurde die Bezeichnung „Ober Ost“ für die seit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 besetzten polnischen Gebiete übernommen. „Ober Ost“ hatte zuvor ein deutsches militärisches Verwaltungsgebiet des Ersten Weltkriegs bezeichnet. Der Erlass regelte, dass der Verwaltungschef Ober-Ost in den besetzten ehemals polnischen Gebieten die dem Reichsführer SS übertragenen Aufgaben auszuführen hatte.

Hinrich Lohse, später Reichskommissar für das Ostland, ließ in Riga Materialien des früheren „Ober Ost“ für Atlanten und Statistiken nutzen. Einige seiner Mitarbeiter hatten bereits im Ersten Weltkrieg oder unmittelbar danach in diesem Raum gearbeitet; dadurch entstand auch eine personelle Kontinuität. Im früheren „Land Ober Ost“ und bei den Freikorps-Einsätzen im Baltikum bis 1919 hatte das Bild des Dreißigjährigen Krieges zur Selbstdeutung deutscher Soldaten beigetragen. Sie sahen sich in dem multiethnischen Gebiet als Landsknechtsgestalten und als „auserwähltes Volk“ des Krieges.

Auch militärische Planungen wurden über längere Zeit weitergeführt. Während der Sudetenkrise im September 1938 befahl Generalstabschef Franz Halder General Max von Viebahn, ältere Vorschriften für einen bereits seit 1923 durchgespielten Angriffskrieg aus dem Archiv zu holen. Generaloberst Hans von Seeckt hatte die Planungen für ein „Großes Heer“ 1925 mit dem Ziel verbunden, nach dem Wiedererlangen militärischer Macht alles zurückzuholen, was Deutschland verloren hatte.

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