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Zwölftonspiel
Zwölftonmusik ist die größte Kunst, Musik höchste Wissenschaft, Mathematik. Zwölftonmusik ist die ewige, unveränderliche Schrift und Sprache des Universums.
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Grundidee und Bedeutung
Das Zwölftonspiel ist ein philosophisch-musikalisches Gesamtwerk, das Josef Matthias Hauer ab den späten 1930er Jahren entwickelte. Es prägt seine letzte Schaffensperiode. Gemeint ist nicht nur ein Musikstück, sondern ein spirituelles musikalisches Weltanschauungssystem.
Im Zentrum steht „die Zwölftonmusik“. Sie wird bei Hauer stark überhöht verstanden: als Metapher und zugleich als reinste Erscheinungsform kosmischer harmonikaler Gesetzmäßigkeiten, also von Regeln, die nach dieser Vorstellung das Gefüge der Welt ordnen. Der Artikel nennt dafür Bezüge zum Pythagoreismus und Neuplatonismus. Zwölftonmusik gilt hier außerdem als spirituelle Praxis: Der Mensch soll durch sie seine innere Harmonie mit der geordneten Welt wiederherstellen.
Das Zwölftonspiel kann deshalb als moderne Form des boethianischen Modells Musica Mundana – Musica Humana – Musica Instrumentalis beschrieben werden: Musik als Ordnung der Welt, des Menschen und des klingenden Instruments.
Musikstück und Weltanschauung
Das Zwölftonspiel hat zwei Bedeutungen, die man unterscheiden muss. Einerseits bezeichnet es ein universalistisches System der Weltanschauung und eine mystisch-metareligiöse Praxis. Andererseits bezeichnet es ein zwölftöniges Musikstück, das diese Anschauung hörbar machen soll.
Als Musikstück ist das Zwölftonspiel ein real erklingendes Abbild einer Idee von absoluter Musik. Seine Konstruktionsregeln sind sehr streng. Künstlerische Gestaltungsideen sollen keinen Raum haben; zugelassen sind nur bestimmte musikalische Entfaltungsimpulse. Schreiben oder Spielen eines Zwölftonspiels wird dadurch idealerweise zu einer meditativen, im Artikel sogar als „theurgisch“ bezeichneten Praxis.
Das Zwölftonspiel entstand laut Artikel ohne Einfluss von Theosophie und Anthroposophie. Spätere Schüler Hauers, etwa Arnold Keyserling, stellten jedoch nachträglich Bezüge dazu her. Außerdem wird eine Nähe zur Idee des Glasperlenspiels von Hermann Hesse erwähnt; es wurde spekuliert, ob Hauer eine Vorlage für den Joculator Basiliensis in Hesses Roman gewesen sein könnte.
Entwicklung bei Hauer
In Hauers zweiter Schaffensperiode von 1919 bis 1940 wurde seine Philosophie stark vom Taoismus geprägt. Er lehnte zunehmend die kompositorische Gestaltung durch einen Komponisten ab. Nach seiner Auffassung hatten überpersönliche und kosmische musikalische Gesetzmäßigkeiten einen höheren Wert als der persönliche Gestaltungswille.
Hauer meinte, nur die völlige Ausschaltung des „Wollens“ könne die heiligen Gesetze der Musik klar darstellen. Diese Gesetze sollten, im Sinn der pythagoreischen Harmonik, zugleich die Gesetzmäßigkeiten hinter dem physikalischen Bau der Welt und der gesamten Weltordnung offenbaren. Diese Ablehnung jedes Ansatzes zum Expressionismus trug zusammen mit der nationalsozialistischen Indizierung von Hauers Musik als „entartet“ zu seiner künstlerischen Isolation bei.
Ab 1937 schrieb Hauer seine philosophischen Ideen in „Manifesten“ und „Kosmischen Testamenten“ nieder. Diese Texte sind bis heute, neben Schüleraufzeichnungen und weitgehend ungedruckten Briefen aus dem Nachlass, Hauptquellen für die Zwölftonspielphilosophie.
Überlieferung und Weitergabe
Hauer maß dem Zwölftonspiel eine so große Bedeutung bei, dass ihm seine früheren Kompositionen im Vergleich bedeutungslos erschienen. In einem Zitat erklärt er, er lehne seine früheren „modernen Musikanten-Ideen Kompositionen“ ab und erkenne nur „das Zwölftonspiel“ an.
Auffällig ist der Gegensatz zwischen dieser hohen theoretischen Bedeutung und seiner eher gleichgültigen Behandlung der einzelnen Musikstücke. Anfangs nummerierte Hauer seine Zwölftonspiele, später versah er sie nur noch mit Datum. Entgegen der verbreiteten Annahme, Hauer habe zwischen 1940 und 1959 mehrere tausend Zwölftonspiele geschrieben, sind nur rund 400 erhalten.
Nach Hauers Tod 1959 wurde das Zwölftonspiel von einigen Schülern weitergepflegt, darunter Johannes Schwieger und Nikolaus Fheodoroff. Besonders Victor Sokolowski arbeitete es für Lehre und Lernen auf. Er errichtete ein „Hauer-Studio“ und leitete von 1976 bis 1982 an der Musikhochschule Wien Lehrgänge zum Zwölftonspiel und zur Tropenlehre. Nach Sokolowskis Tod übernahm sein Schüler Robert Michael Weiss die Leitung des „Hauer-Studios“.
Spielregeln und Aufbau
Hauer beschreibt Zwölftonmusik als „ein harmloses Spiel mit den zwölf temperierten Tönen der chromatischen Skala“. Die chromatische Skala umfasst die zwölf Halbtöne des temperierten Tonsystems. Wenn diese zwölf Töne nacheinander in irgendeiner Reihenfolge erklingen, jeder gleich lang und gleich stark, entsteht nach Hauer ein melodisch und harmonisch geschlossener Kreis.
Ein Zwölftonspiel geht von einer beliebigen Zwölftonreihe aus. Diese Reihe wird nach einem schematischen Verfahren ([3-3-3-3]) vierstimmig harmonisiert. Daraus entsteht ein „harmonisches Band“. Erst danach entfalten sich Melodien, Rhythmen und polyphone Gegenüberstellungen, also mehrere gleichzeitig geführte Stimmen.
Die melodische Hauptlinie entsteht, indem die Reihentöne gleichförmig angesteuert werden: Die Melodie bewegt sich nur über die einzelnen Akkordtöne und bei konstanten Zeitwerten für jeden Reihenakkord. Im im Artikel erwähnten Beispiel ist jedem Akkord ein halber Takt zugeordnet. Während dieser Zeit bewegt sich die Melodie in gleichmäßigen Notenwerten, etwa Halbe, Viertel, Vierteltriolen oder Achtel, zu der Stimmlage, in der der nächste Reihenton liegt. Dabei erklingen nur Töne, die im jeweils aktuellen Akkord enthalten sind.
Variationen und Beispiele
Zu einer Melodielinie kann eine homophone Begleitung treten, also eine gleichmäßige Akkordbegleitung. Möglich sind auch polyphone Linien, die sich an der ersten Melodie orientieren. Beispiele dafür sind die Umkehrung der Bewegungsrichtung oder das Ausfüllen des musikalischen Geschehens mit Akkordtönen, die die Hauptlinie bisher ausgelassen hat.
Die Spielregeln sind grundsätzlich variierbar. Unveränderlich bleibt aber das Gebot des Automatismus: Der musikalische Verlauf soll aus dem bereits vorhandenen Material abgeleitet werden, und dieses Material ist wiederum aus der Zwölftonreihe abgeleitet. Deshalb spricht Hauer in diesem Zusammenhang nicht von „komponieren“, sondern von „spielen“ und „zusammenstellen“.
Das Material kann vergrößert werden, indem zum Beispiel die jeweils untersten Töne der zwölf Akkorde nach oben oktaviert werden. Dadurch ändert sich auch die Melodiegestalt. Nach zwei weiteren Oktavierungen der untersten Töne könnte man die Akkordfolge umdrehen. Der Akkordkrebs, auch „Wendetonreihe“, ergibt melodisch keine Krebsführung, sondern eine ganz andere Melodiegestalt. Danach könnte erneut dreimal oktaviert werden, diesmal vielleicht von oben nach unten. Am Ende könnte das Stück im Anfangsklang ausklingen, den Hauer als stabil empfundenen großen Durseptakkord.