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Pythagoras
Pythagoras gilt traditionell als der Entdecker des als Satz des Pythagoras bekannten Lehrsatzes der Euklidischen Geometrie über das rechtwinklige Dreieck.
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Überblick
Pythagoras von Samos (* um 570 v. Chr. auf Samos; † nach 510 v. Chr. in Metapont in der Basilicata) war ein antiker griechischer Philosoph der Vorsokratik, Mathematiker und Gründer einer religiös-philosophischen Bewegung. Die nach ihm benannten Pythagoreer blieben auch nach seinem Tod kulturgeschichtlich bedeutend. Pythagoras gilt in der Überlieferung als wichtige Gestalt für die Anfänge von Philosophie, Mathematik, Musiktheorie und Naturbetrachtung; zugleich ist sein tatsächlicher Beitrag sehr umstritten, weil zuverlässige Quellen fehlen und viele Berichte legendarisch sind.
In der Forschung stehen sich zwei Grunddeutungen gegenüber: Nach der einen war Pythagoras vor allem religiöser Führer, möglicherweise mit schamanenähnlichem Anspruch; nach der anderen war er in erster Linie Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler. Möglicherweise verband er religiöse, politische und wissenschaftliche Elemente. Sicher ist, dass seine Schule nicht nur Gedanken entwickelte, sondern auch eine besondere Lebensweise und eine enge Gemeinschaft prägte.
Leben und Schule
Pythagoras wurde wohl um 570 v. Chr. als Sohn des Mnesarchos geboren, der auf Samos lebte und wahrscheinlich ein eingewanderter erfolgreicher Kaufmann war. Als Lehrer wird häufig Pherekydes von Syros genannt. Berichte über Studienaufenthalte in Ägypten und Babylonien sind überliefert, aber historisch unsicher. Pythagoras stand auf Samos in Opposition zu Polykrates, der um 538 v. Chr. die Macht an sich gerissen hatte. Nach der Datierung des Chronisten Apollodor verließ Pythagoras 532/531 v. Chr. die Insel.
Zwischen 532 und 529 v. Chr. kam Pythagoras nach Unteritalien und gründete in Kroton eine Schule. Ihr innerer Kreis lebte als enge Gemeinschaft, verpflichtete sich zu einer disziplinierten, bescheidenen „pythagoreischen Art des Lebens“ und zu gegenseitiger Treue. Pythagoras war ein bedeutender Redner und gewann politischen Einfluss. Im Konflikt zwischen Kroton und Sybaris trat er dafür ein, geflüchtete sybaritische Oppositionelle nicht auszuliefern; 510 v. Chr. kam es zum Krieg, der mit der Zerstörung von Sybaris endete.
Nach dem Sieg entstanden in Kroton Spannungen, unter anderem wegen der Verteilung eroberten Landes. Der Unmut richtete sich gegen die Pythagoreer. Pythagoras zog nach Metapontion, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Nach seinem Tod wandelten die Metapontier sein Haus in ein Demeterheiligtum um. Pythagoras war verheiratet; einige Quellen nennen Theano als seine Frau oder Tochter. Auch Kinder werden erwähnt, darunter möglicherweise eine Tochter namens Myia, doch viele Angaben gelten als unsicher.
Lehre und Forschungslage
Von Pythagoras sind keine eigenen Schriften sicher überliefert. Die antike Überlieferung stammt größtenteils aus viel späterer Zeit, oft aus der römischen Kaiserzeit, also mehr als ein halbes Jahrtausend nach seinem Tod. Sie ist voller Widersprüche, Legenden und wertender Absichten. Deshalb ist schwer zu unterscheiden, was auf Pythagoras selbst zurückgeht und was spätere Pythagoreer entwickelt haben.
Eine umstrittene antike Überlieferung schreibt Pythagoras die Erfindung der Begriffe „Philosophie“ und „Philosoph“ zu. Nach Herakleides Pontikos unterschied Pythagoras zwischen dem „Weisen“ (sophós) und dem nach Weisheit strebenden „Weisheitsfreund“ (philósophos); nur Gott sei wirklich weise. Ebenso soll er nach antiken Angaben den Begriff „Kosmos“ für das harmonisch geordnete Weltganze eingeführt haben. Beide Zuschreibungen sind in der Forschung umstritten.
Die sogenannte Schamanismusthese, besonders mit Walter Burkert verbunden, sieht in Pythagoras keinen Wissenschaftler, sondern einen religiösen Führer mit spekulativer Kosmologie, Zahlensymbolik, Wundertaten und streng geregelter Kultgemeinschaft. Die Wissenschaftsthese, vor allem von Leonid Zhmud vertreten, hält ihn dagegen für einen Philosophen und Forscher, dessen Schule eher ein Zusammenschluss von Forschenden war. Für beide Seiten gibt es antike Hinweise: Legenden erzählen von übermenschlichen Fähigkeiten, während Heraklit, obwohl Gegner des Pythagoras, ihm außergewöhnlich viele Studien (historíē) zuschrieb.
Mathematik, Musik und Astronomie
Pythagoras ist besonders mit Mathematik verbunden. Der berühmte Satz des Pythagoras lautet für ein rechtwinkliges Dreieck: a² + b² = c². Traditionell gilt Pythagoras als Entdecker dieses Lehrsatzes der euklidischen Geometrie. Der Satz war jedoch schon Jahrhunderte vor Pythagoras den Babyloniern bekannt; unklar ist, ob sie auch einen Beweis hatten. Zhmud meint, Pythagoras habe einen Beweis gefunden, Burkert hält das für unbelegt.
Zur pythagoreischen Zahlenlehre gehörte die Tetraktys, die „Vierheit“ der Zahlen 1, 2, 3 und 4, deren Summe 10 ergibt. Die 10 galt als wichtige Grundzahl des Dezimalsystems, die 4 neben der „vollkommenen“ 10 als für die Weltordnung grundlegend. Umstritten ist, ob der Satz „Alles ist Zahl“ schon zur ursprünglichen Lehre gehörte oder erst später unter platonischem Einfluss entstand.
Auch die mathematische Analyse der Musik wurde in der Antike auf Pythagoras oder die Pythagoreer zurückgeführt. Dabei geht es um harmonische Intervalle, also wohlklingende Tonabstände, die durch einfache Zahlenverhältnisse dargestellt werden können. Die Legende von Pythagoras in der Schmiede erzählt, er habe aus den Tönen von Hämmern die mathemischen Proportionen von Oktave, Quarte und Quinte erkannt. In der überlieferten Form kann dieses Experiment jedoch nicht stimmen, weil die Schwingungsfrequenz weder zum Gewicht eines Hammers noch zur Spannung einer Saite proportional ist.
In der Astronomie ist sicher pythagoreisch die Idee der Sphärenharmonie oder „Himmelsharmonie“: Die Himmelskörper sollten bei ihren gleichförmigen Kreisbewegungen Töne hervorbringen, die zusammen einen kosmischen Klang bilden. Dieser sei für Menschen unhörbar, weil er ununterbrochen erklingt. Die Deutung ist umstritten: Burkert sieht darin eher eine religiös-mythische Vorstellung, Zhmud eine physikalische Theorie, die astronomische und akustische Überlegungen verband.
Politik, Religion und Lebensweise
Pythagoras und seine Anhänger waren politisch aktiv, besonders in Kroton. Dass sie dort direkt die politische Macht ausgeübt und eine aristokratische Verfassung eingeführt hätten, gilt als unglaubwürdig. Wahrscheinlich ist aber, dass Pythagoras im Stadtrat und in der Volksversammlung Einfluss hatte. Seine Politik war konservativ und auf Stabilität ausgerichtet; damit standen die Pythagoreer eher auf der Seite der „Aristokratie“ als der „Demokratie“. Um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. kam es in mehreren Städten zu blutigen Auseinandersetzungen, bei denen Pythagoreer getötet oder vertrieben wurden.
Religiös wichtig war die Lehre von der Seelenwanderung: Pythagoras glaubte an die Unsterblichkeit der Seele und nahm keinen Wesensunterschied zwischen menschlichen und tierischen Seelen an. Einer Legende zufolge konnte er sich an frühere Inkarnationen erinnern, darunter an den trojanischen Helden Euphorbos. Zum frühen Pythagoreismus gehörte auch Vegetarismus, verstanden als „Enthaltung vom Beseelten“. Er war religiös und ethisch begründet; Tieropfer wurden ebenso abgelehnt wie Fleischverzehr. Pythagoras selbst war Vegetarier, doch ist unklar, wie verbindlich dies für alle Anhänger war.
Bekannt war ein strenges Bohnenverbot. Die Forschung nimmt an, dass dieses Tabu auf Pythagoras selbst zurückgeht; sein Motiv ist aber ungeklärt. Ob es rein mythisch-religiös, auch diätetisch oder anders begründet war, ist schon in der Antike umstritten gewesen. Die moderne Erklärung über Favismus, eine erbliche Enzymkrankheit, bleibt spekulativ.
In der Schülergemeinschaft spielten Freundschaft, Loyalität und gegenseitige Hilfe eine zentrale Rolle. Später unterschied man zwischen „Akusmatikern“, die sich an mündlich überlieferte Lehren und religiöse Autorität hielten, und „Mathematikern“, die sich an Lerngegenständen und Forschungen orientierten. Ob diese Trennung schon zu Lebzeiten des Pythagoras bestand, ist unklar.
Darstellung und Nachwirkung
Pythagoras gehörte in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit zu den bekanntesten Gestalten der griechischen Antike. Schon zu Lebzeiten war er umstritten: Heraklit kritisierte ihn scharf als „Oberschwindler“ und warf ihm „Vielwisserei“ ohne Verständnis vor. Die spätere antike Bewertung war aber überwiegend positiv. Platon stand mit Pythagoreern in Kontakt; besonders Timaios und Phaidon enthalten pythagoreisches Gedankengut. Aristoteles setzte sich kritisch mit dem Pythagoreismus auseinander. Im 1. Jahrhundert v. Chr. entstand im Römischen Reich ein Neupythagoreismus, der pythagoreische, platonische und legendarische Elemente verband.
Im Mittelalter galt Pythagoras in der lateinischen Gelehrtenwelt als Begründer der Musikwissenschaft und Mathematik, als Verkünder der Unsterblichkeit der Seele und als Erfinder des Begriffs „Philosophie“. Seine Seelenwanderungslehre war mit kirchlichen Lehren unvereinbar, schadete seinem Ruf als Weiser aber kaum.
In der Frühen Neuzeit wurde die Quellenbasis breiter, unter anderem durch lateinische Übersetzungen antiker Philosophenbiographien. Renaissance-Humanisten und spätere Denker griffen pythagoreische Motive auf. Johannes Kepler versuchte, Planetenbewegungen als Ausdruck einer vollkommenen Weltharmonie zu verstehen und astronomische mit musikalischen Proportionen zu verbinden. Später wirkten pythagoreische Vorstellungen auch in Musiktheorie, Kulturgeschichte und Namensgebungen nach: 1935 wurde ein Mondkrater Pythagoras genannt, 1959 der Pythagoras Peak in der Antarktis, 1995 der Asteroid (6143) Pythagoras.
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