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Zur historischen Einheit von Russen und Ukrainern

Inhalt · Putin streitet in seinem Essay die Existenz der Ukraine als einer unabhängigen Nation ab. · Putin zufolge sind alle Unterschiede zwischen · Putins Worten …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Entstehung und Bedeutung
  2. 2. Putins zentrale Aussagen
  3. 3. Politische Reaktionen
  4. 4. Bewertung durch Historiker

Entstehung und Bedeutung

„Zur historischen Einheit von Russen und Ukrainern“ ist ein etwa 7.000 Wörter langer Essay des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Er wurde am 12. Juli 2021 auf der Website der russischen Regierung auf Russisch, Ukrainisch und Englisch veröffentlicht. Damit erschien dort erstmals ein Dokument in ukrainischer Sprache. Die Veröffentlichung erfolgte während neuer Eskalationen des seit 2014 bestehenden russisch-ukrainischen Kriegs und etwa ein halbes Jahr vor dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022.

Putin legt darin seine Sicht auf die Geschichte und Gegenwart der Ukraine dar. Er stellt die Ukraine als eigenständige Nation infrage und behauptet, ihre Regierung werde von westlichen Verschwörungen beeinflusst. Nach der Veröffentlichung erläuterte er seine Aussagen in einem Interview und griff einige Thesen im Oktober 2021 in einer Rede vor dem Waldai-Klub erneut auf. Der Essay wurde außerdem Teil des vorgeschriebenen Lehrplans für Angehörige der russischen Streitkräfte.

Putins zentrale Aussagen

Putins Hauptthese lautet, Russen, Ukrainer und Belarussen seien ein Volk und bildeten gemeinsam eine historische „dreieinige russische Nation“. Russen und Ukrainer teilten seiner Darstellung zufolge ein gemeinsames Erbe und Schicksal; die Ukraine und ihre Bevölkerung seien keine unabhängig von Russland entstandenen Einheiten.

Unterschiede zwischen Russland und der Ukraine erklärt Putin vor allem durch die Einwirkung fremder Mächte. Er nennt Polen im 16. Jahrhundert, die österreichisch-ungarische Monarchie im 19. Jahrhundert sowie in der Gegenwart die Europäische Union und die Vereinigten Staaten. Diese Mächte hätten die Ukraine nach seiner Auffassung gezwungen oder getäuscht und dadurch von Russland getrennt. Die prowestliche Orientierung Kiews sei die neueste Form dieses Versuchs, Russland gegen sich selbst zu spalten. Den angeblichen „erzwungenen Identitätswechsel“ russisch geprägter Bevölkerungsteile, besonders im Osten und Süden der Ukraine, vergleicht er mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen gegen Russland.

Putin erklärt, Russland habe nach 1991 die staatliche Eigenständigkeit der Ukraine anerkannt und das Land unter anderem im Energiesektor mit Milliardensubventionen unterstützt. Zugleich habe Russland den Verlust großer, nach seiner Darstellung russisch geprägter Gebiete akzeptiert. Dies sei jedoch an freundschaftliche Beziehungen, die Gleichberechtigung ethnischer Russen in der Ukraine und die Blockfreiheit des Landes gebunden gewesen. Da die Ukraine inzwischen gegen Russland eingesetzt werde, bezweifelt Putin die Legitimität ihrer heutigen Grenzen. Diese verliefen auf historisch russischem Gebiet und seien durch äußere Kräfte sowie administrative und politische Entscheidungen der Sowjetunion entstanden.

Als problematisch bezeichnet Putin auch Kapitel II, Artikel 4 der sowjetischen Verfassung von 1924. Darin wurde den Sowjetrepubliken das freie Recht auf Austritt aus der Sowjetunion zugesprochen. Putin nennt diese Regelung eine Zeitbombe für das Fundament der sowjetischen Staatlichkeit.

Zum Krieg im Donbas behauptet Putin, Kiew brauche den Donbass „einfach nicht“. Er verweist dabei auf Isolationsmaßnahmen gegenüber der Region, die nach seiner Darstellung den Vereinbarungen von Minsk II widersprachen. Für die gesamte Krise macht er ausländische Intrigen, antirussische Verschwörungen und „Anhänger von Bandera“ verantwortlich. Westliche Kräfte hätten die Ukraine in ein geopolitisches Spiel gezogen und wollten sie zu einem „Sprungbrett gegen Russland“ machen. Nach Putins Schlussfolgerung sei eine „wahre Souveränität“ der Ukraine nur in Partnerschaft mit Russland möglich. Am Ende des Essays betont er Russlands Anspruch auf eine Rolle in ukrainischen Angelegenheiten.

Politische Reaktionen

Der Essay wurde weithin als imperialistisch und geschichtsrevisionistisch eingeordnet und sowohl international als auch von Teilen der russischen Opposition kritisiert. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verglich Putins Vorstellung von der Bruderschaft beider Völker mit der Geschichte von Kain und Abel. Der ehemalige Präsident Petro Poroschenko bezeichnete den Text als Gegenstück zu Adolf Hitlers Sudetenland-Rede. Der ukrainische UN-Botschafter Serhiy Kyslytsia erklärte, die Erzählung von dem „einen Volk“ sei auf den Schlachtfeldern des Donbass widerlegt worden.

Das Institut der Geschichte der Ukraine bei der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine sah in dem Essay die historischen Vorstellungen des Russischen Kaiserreichs. Vox Ukraine bezeichnete ihn als Mischung aus historischen Mythen, falschen Darstellungen über die Krim und den Donbass sowie manipulierten ukrainischen Wirtschaftsdaten.

Internationale Kommentatoren deuteten den Text teilweise als Vorbereitung oder Rechtfertigung möglicher Gewalt. Anatol Lieven schrieb, Putin betone teils richtig und teils unrichtig die engen historischen und kulturellen Beziehungen zwischen Russen und Ukrainern. Zugleich enthalte der Essay die indirekte Drohung, den Donbass zu annektieren, falls die Ukraine Minsk II nicht umsetze. Nathan Hodge von CNN warf Putin vor, die Geschichte der ukrainischen Unabhängigkeit umzuschreiben und dabei zu verschweigen, dass 1991 Millionen Ukrainer in einem Referendum mit überwältigender Mehrheit für die Unabhängigkeit stimmten. Das Carnegie Endowment for International Peace nannte den Essay ein „historisches, politisches und sicherheitsmäßiges Prädikat für eine Invasion der Ukraine“. Anders Åslund bewertete ihn als „einen Schritt von einer Kriegserklärung entfernt“.

In Rumänien löste Putins Aussage Empörung aus, das Königreich Rumänien habe Bessarabien 1918 „besetzt“, statt sich mit der Region vereinigt zu haben. Rumänische Medien und der Abgeordnete Alexandru Muraru widersprachen dieser Darstellung; diskutiert wurden auch Putins Äußerungen zur nördlichen Bukowina.

Im offiziellen Russland erhielt der Text Zustimmung. Dmitri Medwedew erklärte im Oktober 2021, Verhandlungen mit der Ukraine seien erst nach einem Austausch ihrer Regierung möglich. Wladislaw Surkow stellte außerdem die Legitimität der westlichen Grenzen Russlands einschließlich der Grenzen zur Ukraine und zu den baltischen Staaten infrage.

Bewertung durch Historiker

Historiker und andere Fachleute kritisieren vor allem Putins Umgang mit Geschichte. Timothy Snyder bezeichnete seine Vorstellungen als imperialistisch, Edward Lucas als revisionistisch. Andrew Wilson und Peter Dickinson sprachen von einer verdrehten Sicht auf die Ukraine und ihre Vergangenheit. Klaus Gestwa warf Putin Geschichtsklitterung, also eine verzerrende Darstellung geschichtlicher Zusammenhänge, sowie Verschwörungstheorien vor.

Martin Schulze Wessel sah den Essay als Ankündigung weiterer militärischer Aggression; diese Lesart habe sich mit dem russischen Angriff im Februar 2022 bestätigt. Putins Geschichtsbild sei im 19. Jahrhundert verhaftet und nutze das alte imperial-russische Narrativ von der Einheit der ostslawischen orthodoxen Völker, um aggressive Politik zu legitimieren. Putin berücksichtige nicht ausreichend, dass sich Gruppenidentitäten verändern. Schulze Wessel verweist auf unterschiedliche Entwicklungen Russlands und der Ukraine, etwa durch die Zugehörigkeit ukrainischer Gebiete zu Polen-Litauen im 16. Jahrhundert. Besonders die russische Politik seit der Annexion der Krim habe die Entwicklung einer unabhängigen ukrainischen Nation gefördert. Insgesamt bezeichnet er den Text als einen „Diskurs des Krieges“, der Widerspruch ausschließe, Feindschaft verschärfe und zum Handeln dränge.

Andreas Kappeler unterscheidet zwei etwa gleich lange Teile. Der erste folge weitgehend einer russisch-national geprägten Meistererzählung aus der Zarenzeit und sei vermutlich von Historikern verfasst worden. Als Beispiel nennt Kappeler Putins Deutung der sowjetischen Besetzung polnischer Gebiete 1939 im Rahmen des Hitler-Stalin-Paktes als Wiedervereinigung mit dem russischen Volk. Im zweiten Teil zeige sich Putins persönliche Betroffenheit über die zunehmende Russlandfeindlichkeit in der Ukraine. Putin erkläre diese mit einer westlichen „Anti-Russland-Verschwörung“, nenne aber die aggressive russische Politik, die völkerrechtswidrige Annexion der Krim und die bewaffnete Unterstützung der Separatisten im Donbass nicht als Ursachen.

Der Slawist Ulrich Schmid beschrieb Putin als „selbsternannten Chefhistoriker“ und verwies auf die religiöse Bildsprache des Essays. Andere Kommentatoren sahen in dem Text die gedankliche Vorbereitung einer erneuten militärischen Einmischung. Regimetreue und nationalpatriotische Stimmen begrüßten dagegen die Aussicht, Russland könne aus ihrer Sicht verlorenes Gebiet zurückholen.

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