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Der Schimmelreiter

Der Schimmelreiter ist eine Novelle von Theodor Storm aus der Literaturepoche des Realismus. Das im April 1888 veröffentlichte Werk ist Storms bekannteste …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und Handlung
  2. 2. Erzählstruktur und Gattungsfrage
  3. 3. Hauke Haien und die symbolische Bedeutung der Tiere
  4. 4. Entstehung und historische Hintergründe
  5. 5. Deutungen und Rezeption

Werk und Handlung

Der Schimmelreiter ist eine Novelle von Theodor Storm aus dem literarischen Realismus. Das Werk erschien im April 1888 in der Zeitschrift Deutsche Rundschau, Band 55, und zählt zu Storms Spätwerk. Im Mittelpunkt steht Hauke Haien, ein technisch und mathematisch begabter Deichgraf in Nordfriesland. Die Deiche sind nicht nur Schauplatz, sondern bestimmen Haukes Denken, seine gesellschaftliche Stellung und schließlich sein Schicksal.

Hauke interessiert sich schon als Kind stärker für die Arbeit seines Vaters, eines Landvermessers und Kleinbauern, als für andere Kinder. Er hilft beim Ausmessen und Berechnen von Landstücken und lernt Niederländisch, um eine niederländische Ausgabe von Euklids Werken lesen zu können. Besonders beschäftigt ihn die Frage, wie Deiche Sturmfluten besser standhalten können. Er entwickelt die Idee, Deiche zur See hin flacher anzulegen.

Als Knecht des Deichgrafen Tede Volkerts setzt Hauke seine Kenntnisse bei Berechnungen und Planungen ein. Dadurch gerät er in Gegensatz zum Großknecht Ole Peters. Gleichzeitig verliebt sich Elke, die Tochter des Deichgrafen, in ihn. Nach dem Tod ihrer Väter heiraten Hauke und Elke. Elke weist gegenüber dem Oberdeichgrafen darauf hin, dass Hauke durch die Heirat genügend Land besitzt und deshalb Deichgraf werden kann.

Hauke kauft einem zwielichtigen Fremden einen kranken, heruntergekommenen Schimmel ab und pflegt ihn gesund. Die Dorfbewohner halten das Tier für das wiederbelebte Pferdeskelett von der verlassenen Hallig Jeverssand und bringen es mit dem Teufel in Verbindung. Hauke setzt seine neue Deichform durch. Vor dem alten Deich entsteht ein neuer Deich; dadurch wird ein neuer Koog mit zusätzlicher Ackerfläche gewonnen. Hauke rettet dabei einen Hund, der nach altem Brauch als „Lebiges“ in den Deich eingebaut werden soll. Viele Dorfbewohner sehen deshalb und wegen seiner eigenen Grundstücke im neuen Koog einen Fluch beziehungsweise persönlichen Eigennutz.

Der neue Deich hält den Stürmen stand, während der alte Deich von Mäusen durchgraben und zunehmend baufällig ist. Auf Druck von Ole Peters und anderer Arbeiter beschränkt sich Hauke bei seiner Instandsetzung auf Flickwerk, obwohl er zunächst umfassendere Maßnahmen vorgeschlagen hatte. Jahre später kommt es zu einer Jahrhundertsturmflut. Die Arbeiter wollen den neuen Deich durchstoßen, damit das Wasser in den noch unbewohnten Koog fließt und der alte Deich gerettet wird. Hauke verhindert den Durchstich, doch kurz darauf bricht der alte Deich.

Elke und die gemeinsame Tochter Wienke fahren aus Sorge um Hauke zum Deich. Die Wassermassen begraben beide. Hauke stürzt sich mit seinem Pferd in die Flut und ruft: „Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!“ Der Schulmeister beendet damit seine Erzählung. Er berichtet zugleich, dass der von Hauke geschaffene neue Deich noch immer hält und dass das Pferdeskelett nach Haukes Tod wieder auf der Hallig gelegen haben soll.

Erzählstruktur und Gattungsfrage

Die Novelle besitzt drei Erzählebenen. Ein namenloser erster Erzähler berichtet aus der Erinnerung von einer Geschichte, die er in einer Zeitschrift gelesen hat. In der Rahmenerzählung reitet ein ebenfalls namenloser Reisender bei Sturm und Regen über den Deich. Er sieht eine dunkle Gestalt auf einem Schimmel, die sich mit dem Pferd in eine Wehle stürzt. In einer Gastwirtschaft erzählt er von seiner Begegnung. Daraufhin berichtet ein alter Schulmeister als dritter Erzähler die Lebensgeschichte Hauke Haiens.

Die Binnenhandlung wird an spannenden Stellen durch die Rahmenhandlung unterbrochen. Der Schulmeister kennt sowohl die Legende vom Schimmelreiter als auch vermeintliche „reale“ Fakten. Diese beruhen jedoch größtenteils auf mündlicher Überlieferung. Dadurch bleibt offen, wie glaubwürdig die Ereignisse sind. Die Novelle kann daher auch als Erzählung über das Erzählen verstanden werden. Die männlichen Erzähler stehen überwiegend für eine schriftliche, aufgeklärte und wissensorientierte Sichtweise; die nur angedeutete abergläubische Geschichte bildet dazu einen Gegenpol.

Storm bezeichnete das Werk selbst als Novelle. Die Rahmenkonstruktion entspricht einem wichtigen novellentypischen Merkmal. Andere traditionelle Merkmale werden jedoch erweitert oder außer Kraft gesetzt: Die Handlung konzentriert sich nicht auf ein einziges Ereignis, ist relativ umfangreich und führt auf mehrere Höhepunkte zu. Zu den „unerhörten Begebenheiten“ gehören die Begegnung mit dem gespenstischen Reiter, die Wiederauferstehung des Pferdegerippes und der Deichbruch mit Haukes Tod. Auch der Katermord, die Rettung des Hundes und der Kauf des Schimmels besitzen eine spektakuläre Funktion.

Storms Vorstellung von der Novelle als „Schwester des Dramas“ bezieht sich deshalb vor allem auf den zentralen Konflikt, von dem aus sich das Ganze organisiert. Dieser Konflikt verbindet den Kampf des Menschen gegen die Natur, den Gegensatz zwischen einem fortschrittlichen Einzelnen und einer konservativen Dorfgemeinschaft, den Streit zwischen Rationalität und Aberglauben sowie die inneren Widersprüche Haukes. Wegen der Darstellung eines Lebenswegs von der Kindheit bis zum Tod ähnelt das Werk teilweise einem Entwicklungsroman. Es gehört zugleich zum bürgerlichen beziehungsweise poetischen Realismus. Die Novelle zeigt, wie mythische und abergläubische Deutungen in einer wissenschaftsgläubigen Welt zurückkehren und deren Sicherheit erschüttern.

Hauke Haien und die symbolische Bedeutung der Tiere

Hauke wird widersprüchlich dargestellt. Er ist intelligent, zielstrebig und gegenüber Elke und Wienke liebevoll. Zugleich kann er aggressiv, rücksichtslos, gleichgültig und hasserfüllt handeln. Er lebt als Kind zurückgezogen am Deich und versucht, seine Überlegenheit zu zeigen, etwa indem er Strandläufer mit Steinen beschießt. Sein Jähzorn erreicht einen Höhepunkt, als er den Angorakater der alten Trin’ Jans erwürgt. Danach richtet er seine Energie noch stärker auf Arbeit und Deichbau.

Hauke will die Natur mit rationalem Wissen und technischer Planung beherrschen. Der neue Deich wird deshalb zu einem Zeichen seines Ehrgeizes, aber auch seiner Isolation. Die Dorfbewohner empfinden seine Eigenwilligkeit als Bedrohung; Hauke wiederum sieht in ihnen Gegner. Seine größte Schwäche zeigt sich beim alten Deich: Obwohl er dessen Gefährdung erkennt, lässt er sich von den Einwänden seiner Gegner beeinflussen und stimmt einer unzureichenden Reparatur zu. Gerade an dieser Stelle bricht der Deich später.

Die Tiere verstärken die unheimliche und symbolische Dimension der Handlung. Der Angorakater, der Schimmel, Ratten und Otter werden mit dem Dämonischen oder mit einer ungezähmten Natur verbunden. Der Schimmel mit seinen feurigen Augen wirkt auf die Dorfbewohner teuflisch; Hauke ist der Einzige, der ihn reiten kann. Die weiße Farbe von Kater, Schimmel und Lachmöwe steht dabei nicht für Reinheit, sondern für Unheil. Hund und Möwe, die Spielgefährten Wienkes, besitzen dagegen nichts Dämonisches.

Haukes Rettung des Hundes verhindert das traditionelle Deichopfer. In symbolischer Deutung entzieht er der Natur ihr vermeintlich „rechtmäßiges“ Opfer und muss dies später mit seinem eigenen Leben bezahlen. Der Schimmel stammt als Motiv aus Vorstellungen der germanischen Mythologie, in denen weiße Pferde zunächst heilig waren und mit Frô beziehungsweise Freyr sowie Wodan beziehungsweise Odin verbunden wurden. Durch die Christianisierung wurde das Motiv negativ umgedeutet und mit dem wilden Jäger, Hel oder dem Teufel verbunden.

Entstehung und historische Hintergründe

Storm beschäftigte sich über Jahrzehnte mit Sagen aus Schleswig-Holstein, begann die Niederschrift des Schimmelreiters aber erst im Juli 1886 und beendete sie im Februar 1888, wenige Monate vor seinem Tod. Eine wichtige Vorlage war die Geschichte Der gespenstige Reiter. Ein Reiseabenteuer, die 1838 im Hamburger Periodikum Lesefrüchte und zuvor im Danziger Dampfboot unter dem Titel Der Deichgeschworene zu Güttland erschienen war. Sie spielt an der Weichsel und nicht an der Nordsee. Die oft zugeschriebene Vorstellung, der Schimmelreiter erscheine immer bei Gefahr am Deich, steht nur in dieser älteren Geschichte, nicht bei Storm.

Storm übernahm aus der Vorlage vor allem das Motiv des gespenstischen Reiters. Die Figuren und ihre ausführlichen Charaktere entwickelte er selbst, orientierte sich dabei aber an historischen Personen. Vorbild für Hauke war unter anderem Hans Momsen aus Fahretoft (1735–1811), ein autodidaktischer Landmann, Mechaniker und Mathematiker. Auch die Ideen des Deichbaufinanziers Jean Henri Desmercières zu neuen Deichprofilen gingen in die Gestaltung ein. Die Deichgrafenfamilie Iwersen-Schmidt gilt als weiteres Vorbild; die behinderte Tochter Johann Iversen Schmidts könnte Anregung für Wienke gewesen sein.

Landschaftliche Vorbilder sind die Hattstedtermarsch, der Hattstedter Neue Koog, die Große Wehle, das ehemalige Gasthaus Schimmelreiterkrug in Sterdebüll und die Harmelfshallig. Ein Bericht über die Sturmflut vom 7. Oktober 1756 mit 600 Toten an der Nordsee war eine weitere Anregung. Nach der Hauptfigur ist der Hauke-Haien-Koog in Nordfriesland benannt.

Die Erstausgabe erschien 1888 als Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Novelle bei Paetel in Berlin. Sie umfasst 222 Seiten.

Deutungen und Rezeption

Die Forschung deutet Hauke sehr unterschiedlich. Jost Hermand sieht in ihm den großen Einzelnen beziehungsweise den „mythischen Übermenschen“ der Gründerzeit, der sich durch eine überragende Leistung verewigen will. Volker Neuhaus, Winfried Freund und Volker Hoffmann beurteilen ihn deutlich negativer: Sie verstehen ihn als naturfeindlichen, sozial isolierten oder egozentrischen Menschen, dessen Deichbau Züge eines zerstörerischen Paktes annehmen kann.

David Jackson bewertet Hauke überwiegend positiv und stellt ihn als Vertreter von Vernunft und Verstand dem intriganten Ole Peters gegenüber, der Angst, Ressentiments und Hass schürt. Johannes Harnischfeger deutet den Gegensatz sozialgeschichtlich als Konflikt zwischen bürgerlichem Fortschritt und überkommener Ordnung. Weitere Deutungen untersuchen Haukes problematisches Verhältnis zur Natur, die Ambivalenz der Aufklärung, die Ausgrenzung des Weiblichen und Lebendigen sowie psychische Konflikte, die in seiner Kindheit nicht erzählt werden. Eine eindeutige Interpretation ist wegen der vielstimmigen Erzählstruktur nicht möglich.

Der Stoff wurde vielfach bearbeitet. Robert Habeck und Andrea Paluch veröffentlichten 2001 den Roman Hauke Haiens Tod. Auf dieser Grundlage entstand die freie Adaption von 2023 unter der Regie von Andreas Prochaska. Verfilmungen gab es außerdem 1934 unter Hans Deppe und Curt Oertel, 1978 unter Alfred Weidenmann und 1984 unter Klaus Gendries. Der Film von 1984 wurde am 26. Dezember 1984 im DDR-Fernsehen gezeigt und am 7. September 1985 in Husum bundesdeutsch uraufgeführt. Für 2026 ist ein deutscher Spielfilm von Francis Meletzky angekündigt, der die Handlung in die Gegenwart versetzt und mit dem Klimawandel verbindet.

Bühnenfassungen reichen von einer Vertonung beziehungsweise Opernbearbeitung von 1998 über Schauspiel-, Puppen- und Figurentheater bis zu mehreren Musicals. Eine Musicalfassung von Martin Tingvall und Jenny Kornmacher wurde am 4. März 2022 in Kiel uraufgeführt; ein weiteres Musical von Dennis Martin ist für den 5. Juni 2026 im Schlosstheater Fulda angekündigt.

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