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Zentrum für Politische Schönheit
Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) ist ein 2008 gegründeter Zusammenschluss von über 100 Aktionskünstlern und Kreativen (Stand: November 2023) unter …
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Profil und Arbeitsweise
Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) ist ein 2008 gegründeter Zusammenschluss von über 100 Aktionskünstlern und Kreativen (Stand: November 2023) unter der Leitung des Aktionskünstlers Philipp Ruch. Die Gruppe versteht sich als Denkfabrik, die Menschenrechte mit Aktionskunst verbindet. Durch künstlerische Interventionen, die sie als „Bewusstmachung“ bezeichnet, will sie auf humanitäre Themen und den Schutz von Menschenleben aufmerksam machen. Im Mittelpunkt stehen Genozide, Flüchtlingsbewegungen und politische Untätigkeit.
Das ZPS bewertet Handlungen nach eigener Darstellung nicht nur nach ihrem gegenwärtigen Nutzen, sondern auch aus der Perspektive zukünftiger Generationen. Es möchte die politischen und moralischen Antriebe in Deutschland hinterfragen, das Bewusstsein für die privilegierte Lage der westlichen Gesellschaft stärken und an die daraus abgeleiteten Verpflichtungen erinnern. Ein Wiedererkennungsmerkmal sind mit Kohle geschwärzte Gesichter; die Asche soll an untergegangene Hochkulturen erinnern.
Ein wichtiges Funktionsprinzip erläuterte Ruch 2019 in dem Buch Schluss mit der Geduld: Kunst könne eine „Gegenwirklichkeit“ herstellen. Während vom Publikum in der Kunst normalerweise Fiktion erwartet werde, verbinde das ZPS Fiktion mit tatsächlicher politischer Wirkung. Die Aktionen arbeiten deshalb häufig mit Inszenierungen, Täuschungen, Übertreibungen, Crowdfunding, Medienkampagnen und der Einbeziehung staatlicher oder gesellschaftlicher Institutionen.
Frühe Aktionen zu Krieg, Waffen und Flucht
Die erste Aktion, „Die Re-Formation der Geschichte“, begann am 8. Mai 2009 mit einem „Thesen-Anschlag auf den Deutschen Bundestag“. Das ZPS forderte unter anderem ein Bündnis der Künste, das Politikern helfen solle, „gute und schöne Politik“ zu verwirklichen. 2009 erzeugte auch die geplante eBay-Versteigerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier Aufmerksamkeit. 2012 behandelte die Performance Chancellor gone underground das Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik.
Mit den „Lethe-Bomben“ erinnerte das ZPS 2009 vor dem Reichstagsgebäude daran, dass die Krematorien im KZ Auschwitz von den Alliierten nicht angegriffen wurden. Die Aktion befasste sich außerdem mit dem militärischen Scheitern der UN-Schutzzone Srebrenica im Bosnienkrieg 1995. 2010 plante das ZPS die etwa acht Meter hohe und 16 m breite Betonskulptur „Die Säulen der Schande“. Sie sollte aus 16.744 Schuhen für 8.372 Opfer bestehen und die Form eines „U“ und eines „N“ für United Nations bilden. Die Gruppe wollte damit eine westliche Mitverantwortung für das Massaker von Srebrenica thematisieren.
Am 21. Mai 2012 bot das ZPS 25.000 Euro für Hinweise, die dazu beitragen sollten, die Eigentümerfamilie von Krauss-Maffei Wegmann ohne Bewährung ins Gefängnis zu bringen. Nach einer Abmahnung und der Androhung einer Klage unterschrieben die Aktivisten eine Unterlassungserklärung, nach Philipp Ruchs Angaben aus finanziellen Gründen. Im September 2012 warb das ZPS für einen Beton-Sarkophag nach dem Vorbild von Tschernobyl über der „Todeszone“ des Rüstungsunternehmens Heckler & Koch in Oberndorf am Neckar. Nach Darstellung der Gruppe habe die Firma in 25 Jahren 375 Mal so viele Menschenleben gefordert wie die Atomkatastrophe von Tschernobyl.
2014 suchte die „Kindertransporthilfe des Bundes“ scheinbar im Namen des Familienministeriums Pflegefamilien für 55.000 syrische Kinder. In den ersten 48 Stunden meldeten sich nach Angaben des ZPS weit über 1.000 Familien. Die Aktion wurde auch als „1aus100“ bezeichnet, weil nach Angaben von UNICEF damals 5,5 Millionen syrische Kinder akut hilfsbedürftig gewesen seien und ein Prozent vorübergehend aufgenommen werden sollten.
Flucht, Erinnerung und ziviler Ungehorsam
Beim „Ersten Europäischen Mauerfall“ im Herbst 2014 wollte das ZPS an Flüchtlinge und die Toten an den EU-Außengrenzen erinnern. Dafür wurden Gedenkkreuze für Berliner Maueropfer entwendet, renoviert und wieder aufgestellt; Reproduktionen wurden mit Flüchtlingen an europäischen Außengrenzen fotografiert. Eine Crowdfunding-Kampagne finanzierte Busfahrten nach Bulgarien und Griechenland, um dort Zäune abzubauen. Zwei Busse erreichten die Außengrenzen, durften aber nicht in Sichtweite der Grenzanlagen fahren. Die strafrechtlichen Ermittlungen wegen des Entfernens der Kreuze wurden im April 2015 eingestellt.
„Die Toten kommen“ begann im Juni 2015. Verstorbene Flüchtlinge wurden mit Zustimmung ihrer Familien von europäischen Außengrenzen exhumiert und nach Berlin überführt. Die ersten Beisetzungen fanden am 16. Juni 2015 statt. Eine Crowdfunding-Kampagne erreichte am ersten Tag den Mindestbetrag von 14.900 Euro. Bei einer Demonstration am 21. Juni versammelten sich weit über 5.000 Menschen; etwa 100 symbolische Gräber wurden ausgehoben, 91 Demonstranten festgenommen. Das Bezirksamt Berlin-Mitte bezifferte den Schaden durch Rasenaussaat und Zaunreparaturen auf ungefähr 10.000 Euro. In ganz Deutschland entstanden anschließend weitere symbolische Gräber.
„Die Brücke“ wurde am 29. September 2015 als scheinbares Vorhaben gestartet, Europa bis 2030 mit Afrika zu verbinden und einen sicheren Fluchtweg zu schaffen. Tatsächlich finanzierte die Aktion eine fest verankerte Rettungsplattform im Mittelmeer. Bei einem Zielbetrag von 19.600 Euro spendeten 632 Personen bis zum 7. Oktober insgesamt 21.687 Euro; am 5. Oktober wurde die Plattform verankert.
2016 richtete das ZPS mit „Flüchtlinge fressen – Not und Spiele“ eine römisch anmutende Arena mit vier Tigern in Berlin ein. Die Aktion bezog sich auf § 63 Abs. 3 des Aufenthaltsgesetzes, der Menschen auf der Flucht das Besteigen von Flugzeugen nach Europa erschweren beziehungsweise verunmöglichen soll. Der Bundestag stimmte tatsächlich über die Abschaffung der Regelung ab und bestätigte sie mit den Stimmen von CDU und SPD. Zugleich charterte das ZPS ein Flugzeug für 100 syrische Kriegsflüchtlinge. Air Berlin stornierte den Vertrag kurz vor dem Abflug, nachdem die Bundespolizei auf die rechtlichen Einreisevoraussetzungen hingewiesen hatte.
2017 knüpfte „Scholl 2017 – Verteile Dein Flugblatt in einer Diktatur“ an die Weiße Rose an. Jugendliche und Studierende zwischen 14 und 24 Jahren sollten Flugblätter gegen eine Diktatur verfassen und verteilen. Das Gewinnerflugblatt kurdischer Jugendlicher wurde am 30. Juni mit einer technischen Druckvorrichtung mindestens 1.000-mal im Istanbuler Gezi-Park verbreitet; es forderte den Sturz des Erdoğan-Regimes und „Tod dem Diktator“.
Konfrontation mit AfD und deutscher Erinnerungspolitik
Am 22. November 2017 errichtete das ZPS in Sichtweite von Björn Höckes Haus in Bornhagen 24 Stelen als verkleinerten Nachbau des Berliner Holocaust-Mahnmals. Die Aktion reagierte auf Höckes Forderung nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ und seine Bezeichnung des Berliner Mahnmals als „Denkmal der Schande“. Das Projekt wurde durch Crowdfunding finanziert; bis zum 23. November waren rund 90.000 Euro eingegangen, während das ZPS für ein Jahr Unterhalt 28.800 Euro kalkuliert hatte.
Zu der Aktion gehörte eine angebliche zehnmonatige Überwachung von Höckes Haus durch Kameras auf dem Nachbargrundstück. Später erklärte das ZPS, die Quellen der Überwachung stammten im Wesentlichen aus Höckes eigenen Veröffentlichungen in sozialen Medien. Ob eine tatsächliche Überwachung stattgefunden hatte, blieb zunächst unklar. Nach Morddrohungen war das Stelenfeld ab dem 24. November nicht mehr öffentlich zugänglich. Ein Annäherungsverbot für Philipp Ruch wurde nach wenigen Wochen widerrufen, weil es de facto keine Bespitzelung gegeben habe. Die Stelen durften zunächst nicht entfernt werden.
Die Aktion löste heftige Kritik und Zustimmung aus. Kritiker, darunter Björn Höcke, der thüringische Landtagspräsident Christian Carius, Bodo Ramelow und Jens Maier, warfen dem ZPS unter anderem Stasi-Methoden, Erpressung, Bedrohung und einen Eingriff in die Privatsphäre vor. Zugleich erhielt das ZPS Morddrohungen; Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten auch wegen Sachbeschädigung. Befürworter sahen in der Aktion eine notwendige Konfrontation mit rechtsextremen Positionen. Andere meinten, das ZPS habe Höcke ermöglicht, sich als Opfer darzustellen. Die Jüdische Landesgemeinde Thüringen begrüßte das grundsätzliche Anliegen, lehnte aber die konkrete Einbeziehung unbeteiligter Personen ab.
2018 rief „Soko Chemnitz“ dazu auf, Teilnehmer der Ausschreitungen in Chemnitz über eine Bilderkennungsdatenbank zu identifizieren und bei Arbeitgebern zu melden. Am 5. Dezember erklärte das ZPS, die Website habe als „Honeypot“ gedient, um eingegebene Daten zu sammeln. Die Polizei räumte das Büro, und ein Gericht untersagte 2019 die weitere Veröffentlichung eines Fotos. Kritiker sahen darin eine Bestätigung von Denunziations- und Ausgrenzungslogiken; andere hielten die Aktion trotz datenschutzrechtlicher Probleme für eine Sichtbarmachung gesellschaftlicher Konflikte.
Ermittlungen und spätere Kampagnen
Gegen das ZPS wurde in Thüringen wegen verschiedener Verdachtsmomente ermittelt. Besonders umstritten war ein seit November 2017 laufendes Verfahren der Staatsanwaltschaft Gera wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung nach § 129 StGB. Im April 2019 wurde bekannt, dass der zuständige Staatsanwalt Martin Zschächner das Verfahren am 29. November 2017 von Amts wegen eingeleitet hatte. Mehrere Medien stellten seine Neutralität infrage und verwiesen auf eine Nähe zur AfD Thüringen. Die Ermittlungen gegen Philipp Ruch und das ZPS wurden am 8. April 2019 eingestellt; Zschächner erhielt andere Aufgaben und war nicht mehr Pressesprecher. Die Debatte wurde als mögliches Beispiel für die Kriminalisierung politisch nicht konformer Kunst bewertet.
2019 stellte das ZPS mit „Sucht nach uns!“ eine „Widerstandssäule“ vor dem Reichstagsgebäude auf. Sie enthielt einen Bohrkern aus der Umgebung eines Vernichtungslagers und sollte nach Angaben des ZPS Asche ermordeter NS-Opfer enthalten. Die behauptete Herkunft der Asche konnte der beauftragte Historiker Hinnerk Höfling nicht angeben; er verwies auf ihre kulturhistorische Bedeutung. Der Zentralrat der Juden, die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland, das Internationale Auschwitz-Komitee und weitere Organisationen kritisierten einen Verstoß gegen die Totenruhe und die Instrumentalisierung der Ermordeten. Das ZPS entschuldigte sich, verhüllte den Bohrkern und übergab die Überreste nach eigenen Angaben zur Bestattung. Der vollständige Rückbau begann am 16. Januar 2020 auf Kosten des ZPS.
Ebenfalls im Dezember 2019 legte das ZPS die Grabplatte Franz von Papens vor der CDU-Bundeszentrale ab, um vor einer Zusammenarbeit mit der AfD zu warnen. Die Polizei stellte den Grabstein sicher und leitete ein Ermittlungsverfahren ein.
2020 startete „Wo sind unsere Waffen?“ mit Abgabestationen, bundesweiten Containern, einer Belohnung von 1.000 Euro und einer Website zu verschwundenen Gegenständen der Bundeswehr. Die Aktion gab sich als Militärischer Abschirmdienst aus und sollte auf Rechtsextremismus sowie verschwundene Waffen und Munition aufmerksam machen. 2023 wurde bekannt, dass Bundeswehrstellen ZPS und Beteiligte im Rahmen von „Propaganda Awareness“ beobachtet und Gegenmaßnahmen entwickelt hatten.
Im Bundestagswahlkampf 2021 betrieb das ZPS den fiktiven „Flyerservice Hahn“. Etwa fünf Millionen AfD-Flugblätter wurden angenommen und anschließend geschreddert. 2022 durchsuchte die Berliner Staatsanwaltschaft Räume des ZPS wegen des Verdachts der „Fälschung beweiserheblicher Daten“. Im selben Jahr zeichnete die Ars Electronica das Projekt wegen seiner Verbindung von Fiktion, Realität und politischem Aktivismus aus.
2023 veröffentlichte das ZPS die Initiative „AfD – Artists for Democracy GmbH“ für ein AfD-Verbot. Sie sammelt Beweise für die Verfassungsfeindlichkeit der Partei oder einzelner Mitglieder. Ein Deepfake-Video mit einem gefälschten Olaf Scholz wurde durch eine einstweilige Verfügung des LG Berlin II vom 13. Februar 2024 (Az. 15 O 579/23) verboten. Eine weitere Installation stellte ein Gefängnis mit AfD-Mitgliedern dar.
Aktionen 2024 und 2025 sowie Einordnung
Mitte Dezember 2024 stellte das ZPS den „Adenauer SRP+“ vor: einen zu einem mobilen Informationsstand umgebauten ehemaligen französischen Schulbus. Er sollte 2.400 Beweismittel für ein AfD-Verbotsverfahren transportieren und im Wahlkampf präsentieren. Für den Ausbau wurden binnen 24 Stunden 225.000 Euro gespendet. Im Januar 2025 blockierte der Bus bei einer Demonstration gegen einen AfD-Parteitag in Riesa angeblich wegen einer Panne eine Zufahrtsstraße. Am 20. Juli 2025 störte er zusammen mit Protestierenden ein ARD-Sommerinterview mit Alice Weidel durch laute Musik.
Am 22. Januar 2025 soll das ZPS gemeinsam mit Led by Donkeys ein Foto einer Hitlergruß-ähnlichen Geste Elon Musks sowie den Schriftzug „HEIL“ auf die Tesla-Fabrik in Grünheide projiziert haben, sodass „HEIL TESLA“ zu lesen war. Ob die Projektion tatsächlich stattfand, ist nicht bestätigt. Die Polizei ermittelte wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.
Am 16. Februar 2025 ließ das ZPS am Maxim-Gorki-Theater ein KI-generiertes Bild von Friedrich Merz und Alice Weidel im Bruderkuss mit der Aufschrift „Die Grenze ist nicht mehr sicher!“ anbringen. Die Polizei ließ das Transparent am 19. Februar wegen vermuteter Beleidigung abhängen. Nach Prüfung wurde keine Straftat festgestellt; das Transparent musste herausgegeben werden. Innensenatorin Iris Spranger entschuldigte sich später und erklärte, der Inhalt sei von Artikel 5 des Grundgesetzes, einschließlich der Kunstfreiheit, gedeckt gewesen.
Beim nicht angemeldeten Protest gegen das ARD-Sommerinterview am 20. Juli 2025 störten rund 40 Personen das Gespräch innerhalb der Bannmeile mit Trillerpfeifen, Hupen, Musik und Anti-AfD-Slogans. Gegen zwei Personen wurden Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet. Eine von Philipp Ruch behauptete historische Verbotsverfügung gegen die NSDAP von 1932 konnte laut einer Recherche des Historikers Sven Felix Kellerhoff nicht belegt werden.
Am 2. Dezember 2025 stellte das ZPS vor dem Konrad-Adenauer-Haus eine genehmigte Bronzestatue des ermordeten früheren Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke auf. Sie soll auf eine „bröckelnde Brandmauer“ gegenüber der AfD aufmerksam machen. CDU-Mitglieder kritisierten die Statue als geschmacklos und missbräuchlich; die Kunstfreiheit wurde verteidigt. Lübckes Angehörige zeigten sich dankbar, betonten aber, nicht in die Aktion einbezogen worden zu sein.
Das ZPS erhielt breite Medienaufmerksamkeit und gehörte im Dezember 2015 zu den ersten Preisträgern des Amadeu Antonio Preises. Seine Aktionen werden regelmäßig zwischen Zustimmung als notwendiger moralischer Provokation und Kritik an Zynismus, Täuschung, Datenschutzverletzungen, Eingriffen in Privatsphäre sowie der Instrumentalisierung von Opfern und Schutzbedürftigen eingeordnet.