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Zentralbankbilanz

Aus ihr lässt sich die sogenannte Geldbasis, inklusive ihrer Entstehung (Passiva) und ihrer Verwendung (Aktiva), ermitteln. Insbesondere der Prozess der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Grundaufbau
  2. 2. Entstehung und Verwendung der Geldbasis
  3. 3. Wichtige Aktiva und geldpolitische Operationen
  4. 4. Refinanzierungsinstrumente und Zinskanal
  5. 5. Passiva, Unabhängigkeit und Eurosystem

Gegenstand und Grundaufbau

Die Zentralbankbilanz, auch Notenbankbilanz genannt, stellt die Aktiva und Passiva einer Zentralbank in Kontenform gegenüber. Beide Seiten müssen denselben Saldo aufweisen. Die Bilanz zeigt die besonderen Funktionen einer Zentralbank in der Volkswirtschaft und erklärt insbesondere die Entstehung und Vernichtung von Zentralbankgeld.

Die Aktivseite heißt auch Entstehungsseite: Aus ihr lässt sich ableiten, wodurch die Zentralbankgeldmenge Z, also die Geldbasis, entsteht. Die Passivseite wird Verwendungsseite genannt: Sie zeigt, in welcher Form das Zentralbankgeld verwendet wird.

Der Aufbau kann je nach Währungsraum und geldpolitischer Ausrichtung unterschiedlich sein. Nationale Zentralbanken wie die Bank of England unterscheiden sich daher von Zentralbanken in einem multinationalen Währungsraum wie der Europäischen Zentralbank. Einzelne Positionen sind nicht in jeder Zentralbankbilanz enthalten. Forderungen und Verbindlichkeiten innerhalb des Eurosystems sind beispielsweise Besonderheiten eines supranationalen Währungssystems.

Entstehung und Verwendung der Geldbasis

Addiert man die Positionen der Aktivseite, erhält man die Entstehungsgleichung des Zentralbankgeldes:

Z = G + F + ZKS + W_ZB + So_ZB

Dabei bedeuten:

  • G: Nettoauslandsforderungen beziehungsweise Währungsreserven der Zentralbank; dies ist die außenwirtschaftliche Komponente.
  • F: Forderungen in Eigenwährung aus geldpolitischen Operationen, vor allem Refinanzierungskredite an Kreditinstitute; dies ist die Refinanzierungskomponente.
  • ZKS: Kredite des Staates bei der Zentralbank; dies ist die fiskalische Komponente.
  • W_ZB: Wertpapiere der Zentralbank; dies ist die Offenmarktkomponente.
  • So_ZB: sonstige Aktiva, zum Beispiel Verwaltungsgebäude und technische Einrichtungen.

Die Passivseite bildet die Verwendungsgleichung:

Z = BG + ZE

BG bezeichnet den Banknotenumlauf, ZE die Zentralbankguthaben von Banken, Nichtbanken und dem Ausland. Wenn die Zentralbank Aktiva kauft, bezahlt sie auf der Passivseite mit Bargeld oder schreibt Verbindlichkeiten gut. Beim Verkauf von Aktiva werden diese Positionen entsprechend vermindert. Die Bilanz macht dadurch sichtbar, wie Zentralbankgeld geschaffen oder vernichtet wird.

Wichtige Aktiva und geldpolitische Operationen

Zu den typischen Aktiva gehören Währungsreserven, Refinanzierungskredite, Kredite an den Staat, Wertpapiere und sonstige Aktiva. In den Bilanzen von Bundesbank und Europäischer Zentralbank finden sich außerdem Gold und Goldforderungen, Forderungen in Fremdwährung an Ansässige innerhalb und außerhalb des Währungsgebiets, Forderungen an den IWF sowie Guthaben bei Banken, Wertpapieranlagen, Auslandskredite und sonstige Auslandsaktiva.

Währungsreserven umfassen im Wesentlichen Gold- und Devisenreserven. Gold diente früher vor allem zur Wertabdeckung ausgegebener Banknoten; heute kann es als Reserve für Krisenzeiten betrachtet werden. Gold- und Devisenreserven beeinflussen außerdem das Vertrauen in die Wertbeständigkeit einer Währung. Ein gleichzeitiger Verkauf großer Goldmengen durch mehrere Zentralbanken könnte den Goldpreis stark senken, sodass der bilanzierte Wert der Goldreserven nicht mehr ihrem tatsächlichen Wert entspräche. Das Central Bank Gold Agreement von 1999 regelte deshalb die Volumina der Goldverkäufe bis 2009. Am 31. März 2008 standen im Europäischen Währungssystem einem Banknotenumlauf von 665,749 Mrd. € Goldbestände von 201,137 Mrd. € gegenüber.

Devisenreserven sind besonders für Wechselkursinterventionen wichtig. Bei festen Wechselkursen muss die Zentralbank Fremdwährung kaufen oder verkaufen, um der Marktnachfrage entgegenzuwirken. Ein Devisenankauf verlängert dabei die Bilanz und erhöht die Geldbasis: Währungsreserven G steigen und der Banknotenumlauf BG steigt jeweils um den Betrag X. Beim Devisenverkauf sinken beide Positionen um X. Bei flexiblen Wechselkursen besteht kein solcher Zwang, dennoch benötigt eine Zentralbank Währungsreserven für mögliche Interventionen und zur Absicherung einer relativ schwachen Eigenwährung.

Refinanzierungskredite sind ein geldpolitisches Instrument und die klassische Form der Zentralbankgeldschöpfung. Bei expansiver Geldpolitik kauft die Zentralbank Wertpapiere von Geschäftsbanken, bei restriktiver Geldpolitik verkauft sie Wertpapiere an sie. Dadurch steigt oder sinkt die Zentralbankgeldmenge. Werden Geschäftsbanken einbezogen, kann die Zentralbank die allgemeine Geldmenge nicht mehr direkt steuern, weil Geschäftsbanken durch Giralgeldschöpfung ebenfalls die Geldmenge beeinflussen. Im Eurosystem werden solche Geschäfte häufig als befristete Pensionsgeschäfte mit festgelegtem Rückkaufspreis und Rückkaufstermin durchgeführt und deshalb als Refinanzierungskredite ausgewiesen.

Wertpapiere, die dauerhaft am Offenmarkt erworben werden, bilden die Offenmarktkomponente. Kauft die Zentralbank Wertpapiere gegen Zentralbankgeld, steigt die Liquidität am Markt, die Nachfrage und der Kurs der Wertpapiere steigen und der Zinssatz sinkt. Beim Verkauf von Wertpapieren wird Zentralbankgeld entzogen und der Zinssatz steigt. Der Bestand an Wertpapieren im ESZB betrug am 4. April 2008 106,612 Mrd. Euro, entsprechend 16,5 % des Gesamtbanknotenumlaufes.

Die Kreditaufnahme des Staates bei Zentralbanken ist innerhalb des ESZB seit dem 1. Januar 1994 generell verboten. Eine uneingeschränkte Staatsfinanzierung durch die Zentralbank könnte nach Ansicht vieler Ökonomen langfristig Inflation, also einen rapiden Wertverlust des Geldes, verursachen. Noch vorhandene Forderungen an den Bund aus Ausgleichsposten früherer Währungsumstellungen waren vom Umfang her unbedeutend. Sonstige Aktiva wie Gebäude, Grundstücke, technische Einrichtungen und umlaufgebrachte Scheidemünzen haben volkswirtschaftlich keine größere Bedeutung.

Refinanzierungsinstrumente und Zinskanal

Hauptrefinanzierungsgeschäfte sind die wichtigste Gruppe der Refinanzierungsgeschäfte. Beim Mengentender legt die Zentralbank den Betrag fest, für den sie Wertpapiere kaufen will; Geschäftsbanken bieten Wertpapiere entsprechend ihrem Bedarf an Zentralbankgeld an, während der Zinssatz von der Zentralbank festgelegt wird. Beim Zinstender bestimmt die Zentralbank einen Mindestbietungszinssatz. Die Geschäftsbanken bieten dann bestimmte Beträge zu unterschiedlichen Zinssätzen an, und die Zentralbank verteilt die festgelegte Summe. Im Eurosystem finden diese Geschäfte regelmäßig statt: Das Intervall und die Laufzeit betragen jeweils eine Woche; montags werden Gebote entgegengenommen und dienstags erfolgt die Zuteilung.

Längerfristige Refinanzierungsgeschäfte sind ebenfalls Pensionsgeschäfte. Sie unterscheiden sich durch längere Laufzeiten und andere Durchführungsintervalle. Ihr Ziel ist die dauerhafte Bereitstellung von Zentralbankgeld, insbesondere für kleinere mindestreservepflichtige Geschäftsbanken. Im ESZB erfolgt die Zuteilung jeweils am letzten Mittwoch eines Monats; die Laufzeit beträgt drei Monate. Am 4. April 2008 bildeten längerfristige und Hauptrefinanzierungsgeschäfte zusammen einen Bilanzposten von 444,530 Mrd. Euro, rund 67 % des Gesamtnotenumlaufes von 662,561 Mrd. Euro. Zur Vereinfachung können Refinanzierungsgeschäfte auch über ein Pfandpoolverfahren abgewickelt werden. Dabei überträgt die Geschäftsbank Pfandrechte an refinanzierungsfähigen Sicherheiten, die in einem gemeinsamen Pool zusammengefasst werden.

Feinsteuerungsoperationen reagieren kurzfristig auf Schwankungen des Liquiditätsbedarfs. Sie können Zentralbankgeld zuführen oder entziehen. Dazu gehören befristete Transaktionen, Schnelltender, Devisenswaps und Termineinlagen. Die Termine und Laufzeiten werden jeweils nach Bedarf festgelegt, weshalb diese Bilanzposition auch null sein kann.

Strukturelle Operationen dienen länger wirksamen, strukturellen Veränderungen des Liquiditätsbedarfs. Sie können regelmäßige oder unregelmäßige Laufzeiten haben. Zur Liquiditätsabschöpfung sieht die Europäische Zentralbank EZB-Schuldverschreibungen im Tenderverfahren vor; innerhalb des ESZB wurde dieses Instrument bislang jedoch nicht eingesetzt.

Ständige Fazilitäten können Geschäftsbanken jederzeit auf eigene Initiative nutzen. Die Spitzenrefinanzierungsfazilität stellt für sehr kurze Zeit Liquidität bereit. Im ESZB kann ein Antrag bis spätestens 18:30 Uhr gestellt werden; die Laufzeit beträgt einen Geschäftstag, und refinanzierungsfähige Sicherheiten sind erforderlich. Der Spitzenrefinanzierungssatz ist der Höchstzinssatz für Tagesgeld. Die Einlagefazilität dient dagegen der Liquiditätsabschöpfung: Geschäftsbanken können Zentralbankgeld verzinslich bei der Zentralbank anlegen. Der Einlagesatz bildet die Untergrenze der Zinsbildung am Geldmarkt. Die Spanne zwischen Spitzenrefinanzierungssatz und Einlagesatz heißt Zinskanal. Seit dem 1. Januar 2004 können beide Sätze unabhängig vom Leitzinssatz und vom Zinssatz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte geändert werden.

Passiva, Unabhängigkeit und Eurosystem

Der Banknotenumlauf BG zeigt die Menge der von der Zentralbank ausgegebenen Banknoten und verweist auf ihr Banknotenmonopol, also das alleinige Recht zur Ausgabe von Banknoten. Münzen gehören nicht zu dieser Position; sie werden als Scheidemünzen auf der Aktivseite bilanziert und bilden zusammen mit Banknoten das Bargeld. Im ESZB besitzt die Europäische Zentralbank nach Art. 105a Abs. 1 Vertrag zur Gründung der Europäischen Union das alleinige Banknotenmonopol. Die nationalen Zentralbanken geben Eurobanknoten nach einem Verteilungsschlüssel aus: Rund 7 % entfallen auf die EZB, der Rest auf die nationalen Zentralbanken.

Zentralbankguthaben ZE umfassen vor allem die Guthaben der Geschäftsbanken. Besonders wichtig sind Mindestreserven: Geschäftsbanken müssen einen bestimmten Anteil ihrer Kundeneinlagen als Zentralbankgeld auf Konten der Zentralbank halten; innerhalb des ESZB beträgt dieser Anteil derzeit 1 %. Die Reserven können je nach Zentralbanksystem verzinst werden. Im Beispiel führt ein Guthaben von 100 Euro bei Bank A dazu, dass Bank A 98 Euro als Kredit auszahlt und 2 Euro als Reserve hält. Wird das Bargeld bei Bank B eingezahlt, kann Bank B 96,04 Euro auszahlen und muss 1,96 Euro als Reserve halten. Der Vorgang veranschaulicht Geldschöpfung und die Funktion der Mindestreservepolitik. Am 4. April 2008 betrug die Summe der Mindestreserven im ESZB 194,7 Mrd. Euro.

Weitere Passiva sind Zentralbankguthaben von Nichtbanken und des Auslandes, Staatseinlagen, sonstige Einlagen in Eigenwährung, Verbindlichkeiten innerhalb des Eurosystems, sonstige Passiva, Rückstellungen und Ausgleichsposten. Das Reinvermögen umfasst insbesondere Eigenkapital sowie Gewinn- oder Verlustvorträge. Es ist für die finanzielle Unabhängigkeit der Zentralbank entscheidend, weil sie damit ihre Aufwendungen selbst tragen kann. Die Unabhängigkeit beruht auf institutioneller, funktioneller, personeller und finanzieller Unabhängigkeit. Eine Kapitalaufnahme beim Staat ist der EZB und den nationalen Zentralbanken nicht erlaubt.

Das EZB-Kapital betrug bei Aufnahme ihrer Tätigkeit 5 Mrd. Euro. Die nationalen Zentralbanken waren die alleinigen Zeichner. Die Kapitalanteile richten sich nach Wirtschaftskraft, gemessen am Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen, und nach Bevölkerungsgröße; derselbe Schlüssel gilt für die Einbringung von Währungsreserven und die Gewinnverteilung. Bis zu 20 % des Gewinns fließen zunächst in einen Reservefonds, der höchstens 100 % des EZB-Kapitals erreichen darf. Verluste werden zunächst aus diesem Fonds ausgeglichen; andernfalls kann der EZB-Rat einen Ausgleich durch die nationalen Zentralbanken beschließen. Einnahmen entstehen etwa aus Zinserträgen, Fremdwährungsverkäufen, Gebühren und Provisionen. Aufwendungen sind unter anderem Personalkosten, Abschreibungen und Kosten für Sachanlagen.

Seit dem 1. Januar 2014 besteht das ESZB aus 19 Zentralbanken und der EZB. Die EZB bringt Zentralbankgeld über die nationalen Zentralbanken und einen Verteilungsschlüssel in Umlauf. Da jede nationale Zentralbank ihren Anteil am Banknotenumlauf bilanziert und nur 7 % auf die EZB entfallen, reicht die Bilanz einer einzelnen Zentralbank nur bedingt für einen Überblick über den Euroraum. Deshalb veröffentlicht die EZB wöchentliche, monatliche und jährliche konsolidierte Berichte.

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