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Yves Lacoste

September 1929 in Fès, Französisch-Marokko; † 20. Juni 2026 in Bourg-la-Reine) war ein französischer Geograph und kritischer Theoretiker der Geopolitik.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Lebensweg
  2. 2. Grundverständnis der Geopolitik
  3. 3. Äußere und innere Geopolitik
  4. 4. Werke und Ehrungen

Bedeutung und Lebensweg

Yves Jean Paul Lacoste (* 7. September 1929 in Fès, Französisch-Marokko; † 20. Juni 2026 in Bourg-la-Reine) war ein französischer Geograph und kritischer Theoretiker der Geopolitik. Besonders wichtig war sein Versuch, Geopolitik als kritisches Forschungs- und Studiengebiet in Frankreich zu etablieren.

Lacoste wuchs in Rabat auf, besuchte das Lycée Lakanal in Sceaux und studierte an der Sorbonne. Seine Abschlussarbeit behandelte die Geomorphologie, also die Formen und Veränderungen der Erdoberfläche, in der Gharb-Ebene in Marokko. 1952 erhielt er die Agrégation für Geographie, eine französische Staatsprüfung für das höhere Lehramt.

Von 1952 bis 1955 unterrichtete Lacoste am Lycée Bugeaud in Algier. Dort beteiligte er sich als Mitglied der Algerischen Kommunistischen Partei am antikolonialen Kampf für die Unabhängigkeit Algeriens. Zuvor war er 1949 der Union de la jeunesse républicaine de France beigetreten und Mitglied der Parti communiste français (PCF) geworden. Anfang 1956 verließ er die PCF: Deren Abgeordnete hatten der französischen Regierung unter Guy Mollet im Algerienkrieg weitreichende Sonderbefugnisse gewährt.

Ab 1969 lehrte Lacoste als Professor an der Universität Paris VIII. 1976 gründete er das Geopolitik-Magazin Hérodote und leitete anschließend dessen Redaktion.

Grundverständnis der Geopolitik

Geopolitik untersucht nach Lacostes Verständnis Machtrivalitäten, soweit diese territorial bedingt sind, also mit der Kontrolle, Nutzung oder Abgrenzung von Räumen zusammenhängen. Solche Rivalitäten treten sehr häufig auf und bestehen nicht nur zwischen Staaten, sondern auch innerhalb eines Staates.

Lacoste betrachtete Geopolitik nicht als Wissenschaft, weil sie sich seiner Auffassung nach nicht von Strategie und Propaganda trennen lasse. Ihre Entstehung führte er auf junge patriotische deutsche Geographielehrer nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Diese hielten 1919 die universitäre Politische Geographie für ungeeignet, um zu zeigen, dass die durch den Versailler Vertrag festgelegten deutschen Grenzen ihrer Ansicht nach ungerecht, absurd und für die Zukunft Europas gefährlich seien. Geopolitik entstand demnach als Gegenposition zur akademischen Politischen Geographie.

Für die Untersuchung territorialer Machtrivalitäten unterschied Lacoste zwei Bereiche: die äußere Geopolitik, die vor allem Beziehungen zwischen Staaten, Völkern und größeren politischen Räumen betrifft, und die innere Geopolitik, die Konflikte und Unterschiede innerhalb eines Staates oder seiner Regionen behandelt.

Äußere und innere Geopolitik

Zur äußeren Geopolitik gehören mehrere Arten territorialer Konflikte und Entwicklungen:

  • Die Staatsgebiete und die Siedlungsräume verschiedener Völker stimmen häufig nicht miteinander überein.
  • Grenzen können nach sprachlichen Kriterien oder anhand des Bodenreliefs festgelegt werden. Tatsächlich verlaufen sie jedoch oft quer durch Kulturräume, etwa im Elsass oder im Baskenland.
  • Staaten können Ansprüche auf Seegebiete außerhalb ihres Hoheitsbereichs erheben.
  • Politische und religiöse Ideologien können sich über bestimmte geographische Räume ausbreiten.
  • Völker innerhalb eines großen Staatsverbandes können nach nationaler Unabhängigkeit streben.
  • Mehrere Staaten können sich zu übergeordneten politischen Gruppierungen zusammenschließen; Lacoste nennt als Beispiel die NATO.

Die innere Geopolitik befasst sich dagegen mit Autonomiebewegungen und Regionalismus, also dem Streben von Regionen nach größerer Selbstständigkeit oder nach stärkerer politischer Berücksichtigung. Hinzu kommen lokale und regionale Unterschiede der Wahlgeographie, das heißt der räumlichen Verteilung von Wahlergebnissen. Auch Fragen der Raumordnung gehören dazu, wenn politische Entscheidungen über die Nutzung und Entwicklung von Gebieten durch besondere Interessen von Politikern beeinflusst werden.

Werke und Ehrungen

Lacostes Veröffentlichungen befassen sich vor allem mit Unterentwicklung, der sogenannten Dritten Welt, politischem Handeln, Staaten, Nationen und verschiedenen geopolitischen Räumen. Zu seinen ausgewählten Schriften gehören Géographie du sous-développement (1965), Unité et diversité du Tiers monde (drei Bände, 1980), La Géographie, ça sert, d’abord, à faire la guerre (1982), Questions de géopolitique : l’Islam, la mer, l’Afrique (1988) und Geographie und politisches Handeln. Perspektiven einer neuen Geopolitik (1990). Spätere Werke sind unter anderem Dictionnaire géopolitique des États (1994), Vive la Nation. Destin d’une idée géopolitique (1998), Géopolitique. La longue histoire d’aujourd’hui (2006) und Géopolitique de la Méditerranée (2006).

Für seine Arbeit erhielt Lacoste 1987 den Prix Broquette-Gonin und 2000 den Prix Vautrin Lud. 2014 wurde ihm gemeinsam mit Béatrice Giblin der Grand Prix de la Société de Géographie verliehen.

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