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Antikolonialismus
Als Antikolonialismus bezeichnet man die Gesamtheit der gegen die Kolonialpolitik gerichteten Bestrebungen. Diese können von der Kritik an einzelnen …
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Begriff und heutiges Verständnis
Antikolonialismus bezeichnet die Gesamtheit der Bestrebungen gegen Kolonialpolitik. Er reicht von Kritik an einzelnen Maßnahmen über grundsätzliche Kritik bis zum bewaffneten Widerstand gegen Kolonialmächte.
Der Begriff bezieht sich nicht nur auf die direkte Herrschaft über Kolonien. In einer vermeintlich dekolonisierten Gegenwart wird auch das Fortwirken des Kolonialismus in Kultur, Sozialstruktur und Lebenswelt ehemals kolonisierter Länder untersucht. Antikolonialismus bedeutet deshalb auch, solche fortwirkenden Strukturen kritisch zu betrachten und ihnen zu widerstehen. Dieses Verständnis ist besonders im Diskurs über Postkolonialismus wichtig.
Frühe Kritik und Aufstände
Bereits im 16. Jahrhundert kritisierten einzelne europäische Autoren die koloniale Gewalt. Bartolomé de Las Casas schilderte 1552 in seiner Brevísima relación de la destrucción de las Indias occidentales die Massaker europäischer Eroberer in Amerika. In Spanien wurde sein Bericht später lange als haltlos dargestellt; dies wird leyenda negra genannt. Michel de Montaigne griff die spanische Kolonialpolitik in seinen Essais scharf an und bestritt einen kulturellen und moralischen Vorrang Europas.
Im 17. Jahrhundert setzte sich der portugiesische Jesuit António Vieira in Brasilien für rechtlose Ureinwohner ein, kritisierte koloniale Missstände und verurteilte die Sklaverei.
Im 18. Jahrhundert kam es zu zahlreichen indigenen Aufständen. Der größte war 1780 der Aufstand in Südamerika unter José Gabriel Condorcanqui, der sich Túpac Amaru II. nannte, gegen die spanische Herrschaft. Auch Unabhängigkeitsbewegungen und der Kampf gegen Sklaverei wurden bedeutsam: Die 13 britischen Kolonien erklärten 1776 ihre Loslösung vom Vereinigten Königreich; der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg endete 1783 offiziell mit dem Pariser Frieden. Am 19. Februar 1788 entstand in Paris die Société des Amis des Noirs, die den Sklavenhandel abschaffen und die Sklaverei schrittweise beenden wollte. Der Sklavenaufstand auf Saint-Domingue begann im August 1791 und führte letztlich zur Unabhängigkeit Haitis.
Unabhängigkeit und Kolonialkritik im 19. Jahrhundert
Die Krise Spaniens nach der Besetzung durch Napoléon Bonaparte 1808 begünstigte den Unabhängigkeitskampf in Südamerika unter Simon Bolivar. Die portugiesische Königsfamilie floh 1808 nach Brasilien; Rio de Janeiro wurde dadurch zur Hauptstadt eines Kolonialreichs, ein historisches Unikum. Nach der Rückkehr des Königshauses nach Portugal wurde das Kaiserreich Brasilien 1822 unabhängig.
In Indien hatten Aufstände gegen die britische Herrschaft seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zugenommen. Der indische Aufstand von 1857 zeigte den Briten die Fragilität ihres Empires. In Kuba begann 1868 ein zunächst lange erfolgloser Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien.
Grundsätzliche Kritik am Kolonialismus blieb im 19. Jahrhundert selten. Häufig richtete sie sich gegen Sklaverei: Victor Schoelcher setzte sich vor 1848 besonders nachdrücklich für ihre Abschaffung ein. Alexander von Humboldt wandte sich nach seinen Erfahrungen in Amerika, besonders in Kuba, gegen diese Unterdrückung. Sein Werk über Kuba durfte in den Vereinigten Staaten wegen seiner fundamentalen Kritik nur gekürzt erscheinen.
Heinrich Barth wurde in Nordwestafrika Zeuge von Sklavenjagden. Zunächst erwartete er, der „legitime Handel“ mit europäischen Fertigprodukten könne den Sklavenhandel verhindern. Später erkannte er die Pläne der britischen Regierung, wurde Gegner des europäischen Eingreifens in Afrika, kritisierte zerstörerische Missionen und rechtfertigte afrikanischen Widerstand, besonders gegen die von Senegal nach Timbuktu vordringenden Franzosen.
Vor 1914 akzeptierte die europäische Öffentlichkeit meist die Vorstellung, Kolonialisierung nütze auch den Kolonisierten. Ausnahmen waren Eduard Douwes Dekker, der als Multatuli in Max Havelaar die Zustände in Niederländisch-Indien angriff, sowie antikoloniale politische Bewegungen. Der Indische Nationalkongress wurde 1885 gegründet; die Teilung Bengalens durch Lord Curzon löste 1905 eine breite antikolonialistische Bewegung aus. Rosa Luxemburg und Karl Kautsky ordneten Kolonialismus dem Imperialismus zu. August Bebel kritisierte 1889 und 1894 die deutsche Kolonialpolitik scharf, lehnte Kolonialpolitik aber nicht grundsätzlich ab. Auch der 1907 knapp abgelehnte sozialistische Resolutionsentwurf richtete sich nicht prinzipiell gegen Kolonialismus.
Antikolonialismus zwischen den Weltkriegen
Der Osteraufstand in Irland 1916 wurde niedergeschlagen, deutete aber eine Wende in der jahrhundertelangen Kolonisation Irlands an. Viele Kolonien verbanden mit Woodrow Wilsons 14-Punkte-Programm und dem darin verkündeten Selbstbestimmungsrecht der Völker Hoffnungen auf Unabhängigkeit. Auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 wurden diese Hoffnungen enttäuscht.
1927 äußerten sich in einer Umfrage der Zeitschrift Europäische Geschichte unter 200 Prominenten auch Albert Einstein und Thomas Mann gegen eine erneute deutsche Kolonialpolitik. Thomas Mann zeigte mit Verweis auf Gandhi Sympathie für antikoloniale Bewegungen.
Die große Pariser Kolonialausstellung von 1931 war in der Bevölkerung beliebt, wurde aber von antikolonialistischen Gruppen und französischen Künstlern kritisiert. Die Ligue de Défense de la Race Nègre unter Tiemoko Garan Kouyaté und die PCF organisierten eine Gegenausstellung. George Orwells Roman Burmese Days erschien im Oktober 1934 in New York, nachdem mehrere britische Verleger eine Veröffentlichung abgelehnt hatten. 1935 kritisierte das Manifeste pour le respect de la Loi internationale Italiens Einmarsch in Äthiopien; andere Intellektuelle verteidigten ihn im Manifeste des intellectuels français pour la défense de l’Occident et la paix en Europe.
Dekolonisation, fortwirkende Abhängigkeiten und Erinnerung
Nach 1945 kämpften zahlreiche Unabhängigkeitsbewegungen teilweise erfolgreich. Hồ Chí Minh proklamierte am 2. September 1945 nach der Augustrevolution die Demokratische Republik Vietnam. Der französische Versuch, die Kolonialherrschaft wiederherzustellen, führte zum Indochinakrieg. Er endete 1954 mit der Niederlage Frankreichs in der Schlacht um Điện Biên Phủ, die weltweit Signalwirkung für antikoloniale Bewegungen hatte.
Indien wurde 1947 unabhängig; im selben Jahr begann auf Madagaskar ein Aufstand gegen Frankreich. In Kenia rief die britische Regierung im Oktober 1952 wegen des Mau-Mau-Aufstands den Ausnahmezustand aus. Obwohl der Aufstand militärisch niedergeschlagen wurde, trug der Skandal um Morde in Internierungslagern zur Unabhängigkeit bei. Im Algerienkrieg unterstützte das französische Réseau Jeanson die FLN; das Manifest der 121 erklärte 1960 Militärdienstverweigerung und Unterstützung der algerischen Kämpfer für legitim. Der seit 1961 geführte Portugiesische Kolonialkrieg führte nach der Nelkenrevolution von 1974 zur Unabhängigkeit portugiesischer Kolonien in Afrika und beendete dort über 500 Jahre portugiesische Besitzungen.
Die traditionelle Eroberung, Unterwerfung oder Ausbeutung von Kolonien gilt im 20. Jahrhundert als durch Dekolonisation abgeschlossen. Diskutiert werden jedoch Neokolonialismus, also fortgesetzte ökonomische und politische Abhängigkeit ehemaliger Kolonien, sowie Kulturimperialismus. Gemeint ist etwa die systematische Beeinflussung durch kapitalistische Strukturen, eurozentrische Wertvorstellungen oder ökologischen Imperialismus. Erwin Aschenbrenner betont den „Ermöglichungsraum“ traditioneller Kultur und Erziehung für Widerstands- und Verweigerungshaltungen.
1990 wurde in Bremen das frühere, von Fritz Behn geschaffene Reichskolonialehrendenkmal für deutsche Soldaten der Kolonialkriege zum ersten Antikolonialdenkmal in Deutschland umgewidmet.