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Politische Geographie
Die Politische Geographie als Teilbereich der Humangeographie/Kulturgeographie untersucht die Zusammenhänge zwischen Macht und Raum, folglich also …
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Gegenstand und Bedeutung
Die Politische Geographie ist ein Teilbereich der Humangeographie beziehungsweise Kulturgeographie. Sie untersucht die Zusammenhänge zwischen Macht und Raum. Im Mittelpunkt stehen die wechselseitigen Beziehungen zwischen räumlichen oder naturräumlichen Gegebenheiten, dem politischen Handeln verschiedener Akteure sowie gesellschaftlichen Prozessen und Machtverhältnissen.
Dabei gilt Raum in neueren Ansätzen nicht einfach als natürlich vorgegeben. Politische Entscheidungen, gesellschaftliche Vorstellungen und Konflikte wirken vielmehr daran mit, Räume zu gliedern, Grenzen festzulegen und bestimmten Gebieten Bedeutungen zuzuschreiben. Ein anschauliches Beispiel ist die Einteilung von Wahlkreisen: Sind Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen politischen Orientierungen räumlich getrennt, können dadurch in einzelnen Wahlkreisen unterschiedliche Mehrheiten entstehen.
Seit den 1990er-Jahren wird der Raumbezug gesellschaftlicher Erscheinungen wieder verstärkt untersucht. Wichtige Anlässe waren das Ende des Kalten Krieges, die Neuordnung des Staatensystems und neue internationale Konfliktfelder, an denen nicht mehr nur Staaten beteiligt sind. Drei Konzepte sind besonders wichtig: Radical Geography, Critical Geopolitics und Geographische Konfliktforschung.
Historische Entwicklung und Belastung
Über das Verhältnis von Raum und politischer Macht wurde bereits seit Aristoteles nachgedacht. Als Begründer der Politischen Geographie gilt Friedrich Ratzel. In seinem Hauptwerk „Politische Geographie“ von 1897 untersuchte er die Wechselwirkungen zwischen räumlichen Gegebenheiten und staatlicher Organisation. Seine Auffassung war jedoch geodeterministisch: Geodeterminismus bedeutet, dass räumliche Bedingungen und territoriale Einteilungen als weitgehend naturgesetzlich vorgegeben betrachtet werden.
Ratzel verstand den Nationalstaat außerdem als ein organisches Ganzes. Nach diesem Staatsorganizismus gleiche der Staat einem Lebewesen, dessen Fortbestehen territoriale Expansion und die Unterdrückung anderer Völker erfordere. Rudolf Kjellén (1864–1922) und Karl Haushofer (1869–1946) führten diese Vorstellungen weiter und spitzten sie zu.
Die daraus abgeleitete Forderung nach einer Einheit von Staat, Volk und Boden sowie die Vorstellung eines natürlichen „Kampfes um Lebensraum“ lieferten eine pseudowissenschaftliche Begründung für die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie. Sie wurden propagandistisch zur Rechtfertigung der Vernichtungskriege in Osteuropa verwendet. Deshalb war die Geopolitik nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland im allgemeinen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch stark diskreditiert. Die politisch-geographische Forschung verlor an Bedeutung und beschränkte sich häufig auf politisch weniger belastete, beschreibende Bereiche wie die Wahlgeographie.
Im angelsächsischen Raum blieb der Einfluss von Vertretern einer politisch mitgestaltenden Geopolitik wie Alfred Thayer Mahan und Halford Mackinder teilweise bestehen. Vorstellungen einer expansiven Staatspolitik wurden dort an neue Bedingungen angepasst und weiterentwickelt.
Ungleichheit, Raum und Kapitalismus
Die Radical Geography entstand in den 1970er-Jahren im angloamerikanischen Raum. Statt hauptsächlich Nationalstaaten zu untersuchen, richtet sie den Blick auf ungleiche Machtverhältnisse im Raum und auf unterschiedlichen Maßstabsebenen, von lokalen Zusammenhängen bis zur internationalen Geopolitik. Sie versteht sich nicht nur als beschreibende Theorie, sondern als reformorientierte Gesellschaftstheorie mit Bezug zum Neomarxismus.
Besonders geprägt wurde dieser Ansatz durch David Harvey, der sich zunehmend marxistischen Erklärungen zuwandte. Untersucht werden sozioökonomische räumliche Ungleichheiten, deren Ursache häufig im marktwirtschaftlich-kapitalistischen System gesehen wird. Soziale Ungleichheit entsteht demnach unter anderem dadurch, dass politische und wirtschaftliche Eliten Ressourcen kontrollieren, großen Teilen der Bevölkerung den Zugang dazu verwehren und sie dadurch ausbeuten. Solche Herrschaftsverhältnisse können sowohl in einem Ort oder einer Region als auch auf internationaler Ebene auftreten.
Räume als gesellschaftliche Konstruktionen
Die Critical Geopolitics oder Kritische Geopolitik entstand gegen Ende der 1970er-Jahre vor allem im angelsächsischen Raum und in Frankreich. Im angloamerikanischen Zusammenhang war Gearóid Ó Tuathail ein wichtiger Vertreter. Der Ansatz kritisiert herkömmliche geopolitische Vorstellungen, insbesondere die Annahme, räumliche Strukturen und territoriale Grenzen seien von selbst gegeben und bestimmten unmittelbar die Bildung und Gestaltung von Nationalstaaten.
Stattdessen geht die Kritische Geopolitik davon aus, dass gesellschaftliche Vorstellungen und politische Absichten den Raum erst strukturieren und gliedern. Grenzen und Zuschreibungen zu bestimmten Gebieten sind nicht wertneutral. Räume und räumliche Vorstellungen gelten daher als sozial konstruiert: Sie entstehen innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Diskurse, also in Zusammenhängen, in denen über Wirklichkeit gesprochen, Wissen erzeugt und Bedeutung festgelegt wird.
Die Analyse konzentriert sich auf ein „diskursives Dreieck“ aus Raum, Macht und Wissen. Untersucht wird, wie sich diese drei Elemente gegenseitig beeinflussen. Dadurch können geodeterministische Leitbilder erkannt und dekonstruiert, also als gesellschaftlich erzeugte Vorstellungen offengelegt werden.
Konflikte, Akteure und heutige Schwerpunkte
Die Geographische Konfliktforschung untersucht das Handeln von Akteuren bei Auseinandersetzungen um Macht und Raum in lokalen bis globalen Konfliktfeldern. Beispiele reichen von der hierarchischen Verteilung von Büros in einer öffentlichen Verwaltung und der architektonischen Darstellung staatlicher Macht bis zu regionalen Stammeskonflikten in afrikanischen Gesellschaften und internationalen Konflikten.
Physisch-materielle Gegebenheiten bilden dabei nicht nur den Schauplatz, sondern häufig auch den Gegenstand sozialer Auseinandersetzungen. Räumlich gebundene Ressourcen und symbolische Potenziale können Konflikte darüber auslösen, wer über etwas verfügen, einen Raum gestalten oder ihn kontrollieren darf. Analysiert werden drei zentrale Elemente: die beteiligten Akteure, die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen und die räumlichen Strukturen.
Daraus ergeben sich drei Grundfragen:
• Welche Ziele verfolgen einzelne Akteure in raumbezogenen Nutzungs- oder Verteilungskonflikten, und welche Strategien setzen sie ein?
• Wie beeinflussen das Zusammenwirken der Akteure sowie die Regeln und Strukturen der soziopolitischen Institutionen den Konflikt?
• Wie können räumliche Bezüge angemessen in eine handlungsorientierte Politische Geographie einbezogen werden?
Die Ergebnisse können für die Politikberatung und die politische Bildung genutzt werden. Gegenwärtig liegt ein besonderes Potenzial in der Verbindung von Kritischer Geopolitik und Geographischer Konfliktforschung: Diskursanalysen können geodeterministische Leitbilder hinterfragen und zum Verständnis möglicher Konfliktparteien beitragen. Zugleich untersucht die Konfliktforschung die Motive und Ursachen von Interessengegensätzen und rückt die beteiligten Akteure in den Mittelpunkt.
Reuber (2002) unterscheidet sechs Kernbereiche der aktuellen Politischen Geographie: politische Konflikte um ökologische Ressourcen einschließlich der Politischen Ökologie; Konflikte um territoriale Kontrolle und Grenzen; Konflikte um raumbezogene Identität; die symbolische Repräsentation politischer Macht; Globalisierung und neue internationale Beziehungen; sowie regionale Konflikte und neue soziale Bewegungen.