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Wirtschaftskrise von 1857

Die Wirtschaftskrise von 1857 gilt als eine der ersten Weltwirtschaftskrisen. Sie begann am 24. August 1857 in New York City, als die Bank Ohio Life …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Ursprung und Bedeutung der Krise
  2. 2. Die amerikanische Wirtschaft vor 1857
  3. 3. Bankenkrise und wirtschaftlicher Verlauf in den USA
  4. 4. Unterschiedliche Folgen für Nordstaaten und Südstaaten
  5. 5. Voraussetzungen und Verlauf in Europa

Ursprung und Bedeutung der Krise

Die Wirtschaftskrise von 1857 gilt als eine der ersten Weltwirtschaftskrisen. Sie begann am 24. August 1857 in New York City, als die Ohio Life Insurance Company ihre Zahlungen einstellen musste. Von dort breitete sich die Krise rasch über die Welt aus und dauerte insgesamt bis 1859. Besonders betroffen waren die Finanzzentren Europas und Amerikas, aber auch die Kolonien spürten ihre Auswirkungen.

In den Vereinigten Staaten entstand die Krise zunächst im Bankwesen. Spekulationen im Eisenbahnsektor, die dem Bankangestellten Edward Ludlow zugeschrieben werden, hatten weitreichende Folgen für Banken, Unternehmen, Beschäftigte und die Regierung.

Die amerikanische Wirtschaft vor 1857

Die amerikanische Wirtschaft der 1850er Jahre bestand aus drei miteinander verbundenen Regionen. Der Süden produzierte Tabak, Reis, Zucker und vor allem Baumwolle, die hauptsächlich nach Europa, insbesondere nach England, verkauft wurde. Im Nordwesten wurden Weizen, Mais und Schweinefleisch erzeugt. Der industrialisierte Nordosten war durch Fabriken, Händler und Banken geprägt.

Der Nordwesten war über Eisenbahnstrecken eng mit dem Nordosten verbunden: Lebensmittel gelangten in den Osten und teilweise weiter nach Europa. Im Gegenzug verkaufte der Nordosten Fertigwaren in den Westen. Der Süden war auf Banken und Händler des Nordostens angewiesen, für seinen Wohlstand jedoch besonders auf den europäischen Absatzmarkt.

Nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg wurde stark in Eisenbahnen, Industrie, den Weizengürtel („Grain Belt“) und Land spekuliert. Der Finanzmarkt des Nordostens setzte dabei auf hohe Grundstückspreise im durch Eisenbahnen erschlossenen Westen und auf ein großes Frachtaufkommen der Eisenbahnen.

Bankenkrise und wirtschaftlicher Verlauf in den USA

Ab 1856 zogen deutlich weniger Menschen in den Westen, vermutlich wegen politischer Unsicherheiten in Kansas. Dadurch sanken die Landpreise. Gleichzeitig fielen die Aktienkurse der Eisenbahngesellschaften, weil das Transportaufkommen zurückging. Spekulierende Banken verfügten deshalb über weniger Geld. C. W. Calomiris und L. Schweikart sehen darin den direkten Grund der Bankenkrise.

Am 24. August 1857 erklärte Charles Stetson, Präsident der Ohio Life Insurance Company: „The unpleasant duty has devolved upon me to state that this company has suspended payment.“ Das Unternehmen hatte zu stark in spekulative Eisenbahnanleihen investiert; im New Yorker Büro waren möglicherweise Fehler oder Betrug vorgekommen. Da viele Banken der Ohio Life Kredite gegeben hatten, forderten sie Darlehen von kleineren Banken und Unternehmen zurück. Diese wurden zahlungsunfähig, woraufhin Gläubiger ihr Geld abzogen und die Banken weitere Kredite zurückverlangten.

Die Abwärtsspirale wurde dadurch verstärkt, dass britische Gläubiger Geld aus amerikanischen Banken abzogen. Außerdem sank das Schiff Central America mit etwa 13 Tonnen Gold, das von kalifornischen Goldminen nach New York gebracht werden sollte. Die Hoffnung, Bauern würden durch den Verkauf ihrer Ernte die Lage verbessern, erfüllte sich nicht. Nach dem Ende des Krimkriegs importierte Europa wieder viel russischen Weizen zu niedrigeren Preisen. Viele westliche Bauern verkauften ihr Getreide bei den niedrigen Preisen nicht und konnten deshalb ihre Bankschulden nicht begleichen.

Am 25. September 1857 stellte die Philadelphia’s Bank of Pennsylvania die Auszahlungen ein. Die New Yorker und Bostoner Großbanken blieben zunächst geöffnet, vergaben aber keine neuen Unternehmenskredite mehr. Als am 13. Oktober ein Mob von mehr als 20.000 Menschen Geld abheben wollte, konnten auch die New Yorker Banken nicht mehr auszahlen. Die meisten amerikanischen Banken folgten. Nach etwa zwei Monaten verfügten die ersten Banken wieder über ausreichende Reserven. Bis Ende 1857 mussten jedoch mehr als 5000 Unternehmen schließen.

1858 blieben die Getreidepreise und die europäischen Absatzmöglichkeiten niedrig. Wegen der geringen Nachfrage entließen Unternehmen Tausende Arbeiter; bei vielen anderen wurden die Löhne um oftmals mehr als zehn Prozent gekürzt. Es entstanden sogenannte bread lines, in denen Arme um Nahrung anstanden. Zahlreiche Streiks forderten Gewerkschaften und höhere Löhne. Der größte begann am 22. Februar 1860 bei den Schuhmachern in Lynn, Massachusetts; im März streikten im gesamten Bundesstaat mehr als 35.000 Arbeiter. Der Streik endete, weil den Streikenden das Geld zur Versorgung fehlte.

Unterschiedliche Folgen für Nordstaaten und Südstaaten

Der Nordwesten konnte auch 1858 sein Getreide kaum zu höheren Preisen verkaufen, weil der europäische Exportmarkt zusammengebrochen war. Da die Bauern hoch verschuldet waren, kauften sie nur wenige Waren im Nordosten. Das Wirtschaftsjahr 1858 galt Zeitgenossen in den Nordstaaten als eines der schlechtesten.

Im Süden waren die Folgen weniger schwer. Baumwolle und andere Produkte konnten bereits 1858 wieder zu guten Preisen nach Europa verkauft werden; auch die südlichen Eisenbahnen zahlten weiterhin gute Dividenden. Weil der Nordosten seine Waren im Nordwesten kaum noch absetzen konnte, verkaufte er zunehmend in den finanzkräftigeren Süden und wurde dadurch wirtschaftlich abhängiger von ihm.

Die Erholung im Nordosten begann im Frühjahr 1859. Der eigentliche Aufschwung im Norden setzte im Sommer 1860 ein, als Europa wieder die siebenfache Menge des in den Vorjahren exportierten Weizens kaufte. Dadurch verdienten Bauern und Eisenbahnen im Nordwesten wieder mehr, die Industrie im Osten konnte mehr verkaufen, und ihre Produktion erreichte wieder das frühere Niveau.

Die Regierung geriet wegen sinkender Zolleinnahmen und geringerer Landverkäufe in Finanznot. Auch viele bereits kaufende Bauern konnten ihre Schulden nicht bedienen; Versteigerungen waren politisch nicht durchsetzbar. Der Kongress erlaubte weitere Anleihen, doch vom 1. Juli 1857 bis zum 1. Juli 1860 stiegen die Staatsschulden von 28 Millionen Dollar auf 64 Millionen Dollar.

Die Krise verschärfte außerdem die Gegensätze zwischen Nord und Süd. Nordstaaten wie Pennsylvania forderten Schutzzölle und kostenlose Ländereien im Westen. Der Süden lehnte dies ab, weil eine stärkere Bundesregierung und neue Siedler die Ausbreitung der Sklaverei begrenzen konnten. Der Homestead Act wurde deshalb erst 1862 erlassen. Auch die Präsidentschaftswahl von 1860 muss vor dem Hintergrund der Krise gesehen werden.

Voraussetzungen und Verlauf in Europa

Nach 1848/49 wurden die europäischen Märkte stärker integriert, Zollschranken abgebaut und letzte Reste des Feudalwesens beseitigt. Goldfunde in Kalifornien, Australien und Mexiko vergrößerten auch in Europa die Geldmenge. Die Bevölkerung wuchs, die Nahrungsmittelproduktion hielt Schritt, und Auswanderung vor allem aus Irland und den deutschen Ländern nach Nordamerika entlastete die europäischen Arbeits- und Absatzmärkte.

Der wichtigste Wachstumsmotor der 1850er Jahre war die Eisenbahn. Sie erschloss neue Märkte, senkte Transportkosten und förderte die Industrie. Neu gegründete Aktienbanken finanzierten auf dem europäischen Kontinent den Eisenbahnbau und mobilisierten große Kapitalmengen. In Deutschland verdoppelten sich die Aktienkurse zwischen 1850 und 1856. Depositenbanken vergaben umfangreiche, nur teilweise durch Einlagen gedeckte Kredite; neben Bargeld nahm Giralgeld als Zahlungsmittel zu.

Ab 1855 versuchte die preußische Regierung, die Überhitzung durch eine schrittweise Aufhebung des privaten Zettelbankwesens zu begrenzen. Sachsen, Baden, Bayern und Württemberg schlossen sich an. Frankreich regulierte ab 1856 die Pariser Börse stärker. Ab Sommer 1856 sanken die Aktienkurse an den zentraleuropäischen Börsen.

Die Nachricht vom Zusammenbruch der Ohio Life Insurance Company erreichte London mit zweimonatiger Verspätung. Banken in Schottland und Nordengland gerieten in Schwierigkeiten. Die britische Regierung setzte die Bankakte außer Kraft und erlaubte der Zentralbank, gegen hohe Zinsen neue Noten im Wert von zwei Millionen Pfund auszugeben. Dadurch ließ der Druck auf die Banken nach, während zahlreiche Handelshäuser Probleme bekamen.

In Hamburg, einem Zentrum des internationalen Warenhandels, begann die Krise im November 1857. Kaufleute hatten spekulative Warengeschäfte zunehmend mit Blankokrediten und fiktiven Wechseln finanziert. Im dritten Quartal 1857 zirkulierten Wechsel im Wert von 273 Millionen Bancomark, gegenüber 162 Millionen im Jahr 1855. Ein privater Garantie-Disconto-Verein sollte zunächst Wechsel über etwa 12 Millionen Bancomark garantieren, war aber Ende November erschöpft.

Daraufhin stellte die Stadt öffentliche Mittel bereit. Am 27. November wurde eine Kommission gebildet, die Vorschüsse auf Waren oder Wertpapiere von insgesamt 15 Millionen Bancomark gewähren sollte. Am 6. Dezember eröffnete der Hamburger Rat zusätzlich ein Konto über fünf Millionen Bancomark und genehmigte eine Silberanleihe über zehn Millionen Mark. Das österreichische Barrensilber traf am 15. Dezember ein. Insgesamt bewilligte die öffentliche Hand 35 Millionen Bancomark zur Handelsstützung, fast das Fünffache der für 1857 veranschlagten Staatsausgaben. Die Panik endete nach etwa zwei Wochen, doch zwischen Dezember 1857 und März 1858 gab es 288 Konkurse, siebenmal so viele wie zwei Jahre zuvor.

Auf dem übrigen europäischen Kontinent breitete sich die Krise langsamer aus. 1858 sanken Preise und Außenhandelsvolumen, bevor 1859 wieder ein Aufschwung einsetzte.

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