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Wirtschaft des Vereinigten Königreichs
Das Vereinigte Königreich zählt zu den am stärksten deregulierten Volkswirtschaften der Welt. Die britische Wirtschaft ist der Ursprung des sogenannten …
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Grundzüge und Bedeutung
Die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs gehört zu den größten Volkswirtschaften der Welt. Das Land hatte 2024 das weltweit sechsthöchste nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) und nach Deutschland das zweithöchste in Europa. Das BIP lag 2024 bei 3.644,6 Milliarden US-Dollar, nach Kaufkraftparität (PPP) bei 4.286,6 Milliarden US-Dollar. Das BIP pro Kopf betrug 2023 nominal 49.213,4 US-Dollar. Bei der Kaufkraftparität lag das Vereinigte Königreich ebenfalls auf Platz 6.
Die britische Wirtschaftsordnung gilt als stark dereguliert und wird oft mit dem Begriff „angelsächsischer Kapitalismus“ beschrieben. Gemeint ist ein Modell, das Liberalisierung, freien Markt, niedrige Besteuerung und geringe Regulierung betont. Seit den 1980er Jahren wurden viele Staatsbetriebe privatisiert und Gewerkschaften geschwächt. Spätere Regierungen behielten viele Grundzüge dieser Politik bei, führten aber unter anderem einen Mindestlohn ein und erhöhten Staatsinvestitionen.
Die Wirtschaftsstruktur ist stark dienstleistungsorientiert. 2023 entfielen 86,3 % der Wirtschaftsleistung auf Dienstleistungen einschließlich öffentlichem Sektor, 13,1 % auf Industrie und 0,6 % auf Landwirtschaft. Das Wachstum lag 2024 bei +1,1 %, die Inflation bei 2,5 %. Die Arbeitslosenquote betrug 2024 4,3 %, im Juli 2025 4,7 %. Die öffentlichen Schulden lagen im Haushaltsjahr 2024/25 bei 101,1 % des BIP, die Staatseinnahmen bei 39,3 % und die Staatsausgaben bei 44,4 % des BIP.
Die Wirtschaft wurde seit 2008 mehrfach belastet: durch die Finanzkrise ab 2007, die COVID-19-Pandemie und die Folgen des Brexit. Im dritten Quartal 2022 hatte die Wirtschaftsleistung das Niveau von Ende 2019 noch nicht wieder erreicht. Im Global Competitiveness Index belegte das Vereinigte Königreich 2019 Platz 9 von 141 Ländern; im Index für wirtschaftliche Freiheit 2022 Platz 24 von 177 Ländern.
Sektoren der Wirtschaft
Die Landwirtschaft wird intensiv betrieben, ist stark mechanisiert, stark subventioniert und im europäischen Vergleich effizient. Im Text wird ihr Beitrag mit etwa 2 % zum BIP angegeben; in den neueren Kennzahlen für 2023 sind es 0,6 %. Etwa zwei Drittel der landwirtschaftlichen Produktion entfallen auf Viehzucht und ein Drittel auf Ackerbau. Wichtige Produkte sind Weizen, Gerste, Hafer, Kartoffeln, Zuckerrüben und Gemüse; bei den Nutztieren dominieren Rinder und Schafe. Das Vereinigte Königreich ist außerdem eine wichtige Fischfangnation, mit Fischverarbeitung unter anderem in Kingston upon Hull, Grimsby, Fleetwood, Great Yarmouth, Peterhead, Fraserburgh und Lowestoft.
Die Industrie hat im Vergleich zu früher stark an Gewicht verloren. 2019 betrug der Anteil des verarbeitenden Gewerbes am BIP 8,6 %. Um 2000 hatte die Industrie noch fast 20 % des BIP erwirtschaftet. Trotzdem bleibt sie wichtig, weil sie 2014 noch 57 % aller Exporte erzeugte. 2015 arbeiteten 2.317.000 von 29.129.000 Beschäftigten in der Industrie, also 8 %. Besonders hoch war der Anteil in East Midlands und West Midlands, besonders niedrig in London.
Wichtige Industriezweige sind die Automobilindustrie, Luftfahrt und Rüstung, Elektronik, optische Geräte, Chemie und Pharmazie, Nahrungsmittelverarbeitung, Getränke, Tabak, Papier, Druck, Verlage und Textilien. In der Automobilindustrie sind große Marken und Hersteller vertreten, viele davon in ausländischer Hand, darunter BMW mit Mini und Rolls-Royce Motor Cars, Ford, Honda, Nissan, PSA mit Vauxhall Motors, Tata Motors mit Jaguar Land Rover, Toyota und Volkswagen mit Bentley. In der Zivilluftfahrt und Rüstung ist BAE Systems bedeutend. In der Pharmaindustrie haben GlaxoSmithKline und AstraZeneca ihren Hauptsitz im Vereinigten Königreich.
Der wichtigste Bereich ist der Dienstleistungssektor. London ist ein bedeutendes internationales Finanzzentrum. In der City of London befinden sich unter anderem die London Stock Exchange, Lloyd’s of London und die Bank of England; in den Docklands, besonders um Canary Wharf, sitzen Finanzaufsicht und große Finanzinstitute. Über 500 ausländische Banken haben Niederlassungen in London. Edinburgh ist der fünftgrößte Finanzplatz Europas. Wichtig sind außerdem Tourismus, Einzelhandel und kreative Dienstleistungen wie Werbung, Film- und Fernsehproduktion, Produktdesign, Buch- und Musikverlage sowie Kunst- und Antiquitätenhandel.
Energie und Klimapolitik
Die Energiewirtschaft des Vereinigten Königreichs beruhte lange stark auf konventionellen Energien. Das Land besitzt große Erdgasressourcen. Von 1980 bis 2006 war es dank Nordseeöl Nettoexporteur von Erdöl; seitdem ist es Nettoimporteur. In den 1990er Jahren war das Vereinigte Königreich hinter Norwegen der zweitgrößte Erdölförderer Westeuropas. Bedeutende Unternehmen in diesem Sektor sind BP, Royal Dutch Shell, Cairn Energy, Centrica, BHP Billiton, Anglo American und Rio Tinto Group.
Der Kohlebergbau wurde stark zurückgefahren. In den 1980er Jahren wurden unter Premierministerin Margaret Thatcher viele Bergwerke geschlossen. Am 18. Dezember 2015 wurde mit der Kellingley Colliery in North Yorkshire die letzte in Betrieb befindliche Zeche geschlossen. Damit endeten mehrere Jahrhunderte industrieller tiefer Kohleförderung im Vereinigten Königreich.
Vor dem starken Ausbau der Windenergie wurden etwa 80 % des elektrischen Stroms aus fossilen Brennstoffen erzeugt und etwa 20 % aus Kernenergie. Die Regierung Brown beschloss im Januar 2008 den Bau weiterer Kernkraftwerke. Die zwölf alten Kernreaktoren sollten bis 2035 abgeschaltet werden. Der Bau der Reaktoren Hinkley Point C1 und C2 ist jedoch Jahre im Verzug, und die geplanten Baukosten wurden deutlich überschritten.
Für Klimaschutz und Energiewende setzte sich Großbritannien das Ziel, bis 2050 den Kohlenstoffdioxidausstoß gegenüber 1990 um 80 % zu reduzieren. Außerdem soll der Elektrizitätssektor bis in die 2030er Jahre dekarbonisiert, also CO2-frei, werden. 2015 wurde auf die Produktion von Kohlendioxid ein Mindestpreis von 18,08 Pfund je Tonne erhoben, zusätzlich zu den Kosten aus dem EU-Emissionshandel.
Wegen seiner Insellage hat das Land großes Potenzial für Windparks, Wellenkraftwerke und Gezeitenkraftwerke. Der Anteil regenerativer Quellen an der Stromerzeugung stieg von 9,4 % im Jahr 2011 auf 11,3 % im Jahr 2012. Ende 2016 waren Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 14,5 GW installiert; mit 5,2 GW war das Land weltweit größter Nutzer von Offshore-Windparks. Wasserkraft macht weniger als 2 % des Strommixes aus.
Außenhandel, Leistungsbilanz und Währung
Das Vereinigte Königreich ist stark in den Welthandel eingebunden. 2024 exportierte es Waren im Wert von 512,8 Milliarden US-Dollar und importierte Waren im Wert von 815,4 Milliarden US-Dollar. Daraus ergab sich eine Außenhandelsbilanz von −302,6 Milliarden US-Dollar. Wichtige Exportgüter waren 2024 Maschinen, Gold, chemische Erzeugnisse sowie Kraftfahrzeuge und Kfz-Teile. Wichtige Importgüter waren Kfz und Kfz-Teile, chemische Erzeugnisse, Gold und Maschinen. Die wichtigsten Exportpartner waren die USA mit 14,1 %, China mit 9,1 % und Deutschland mit 7,5 %. Die wichtigsten Importpartner waren China mit 12,2 %, die USA mit 11,4 % und Deutschland mit 9,4 %.
Unter den wichtigen Industrieländern hat Großbritannien laut Artikel das größte Leistungsbilanzdefizit. Die Leistungsbilanz umfasst nicht nur Warenhandel, sondern auch Dienstleistungen, Einkommen aus Auslandsvermögen und Übertragungen. 2014 betrug das Defizit 5,1 % der gesamten Wirtschaftsleistung, ein Rekordwert seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Als Hauptursache nennt der Artikel nicht allein das Handelsbilanzdefizit, sondern vor allem sinkende Nettoerträge britischer Investitionen und Vermögensanlagen im Ausland bei steigendem Binnenkonsum. Das Defizit wurde durch ausländische Kapitalzuflüsse ausgeglichen; bei Zinserhöhungen in den USA oder nach dem Brexit könnten solche Zuflüsse zurückgehen und das Pfund abwerten.
Aus deutscher Sicht verlor das Vereinigte Königreich nach dem Brexit an Bedeutung als Handelspartner. 2017 war es noch Deutschlands fünftwichtigster Handelspartner; bis 2020 fiel es auf Platz 10. 2023 belegte es Platz 9 der wichtigsten deutschen Handelspartner.
Die Währung ist das Pfund Sterling. Unter Premierminister Tony Blair wurde zeitweise ein Beitritt zum Euro erwogen. Schatzkanzler Gordon Brown formulierte dafür fünf ökonomische Tests, etwa zur Vereinbarkeit der Wirtschaftszyklen mit dem europäischen Zinsniveau, zur Flexibilität bei Problemen, zu Folgen für Finanzdienstleistungen, zu Investitionsbedingungen und zu Wachstum, Stabilität und Arbeitsplätzen. Brown erklärte mehrfach, das Land sei noch nicht bereit. Nach der Eurokrise ab 2009 und spätestens nach der Brexit-Abstimmung im Juni 2016 war die Frage eines Euro-Beitritts obsolet.
Vermögen, Regionen und Risiken
Nach einer Credit-Suisse-Studie von 2017 lag das Vereinigte Königreich beim nationalen Gesamtvermögen weltweit auf Rang 4. Der Gesamtbesitz an Immobilien, Aktien und Bargeld belief sich auf 14.073 Milliarden US-Dollar. Das durchschnittliche Vermögen pro erwachsene Person betrug 278.038 US-Dollar, der Median 102.641 US-Dollar. Der Median ist der mittlere Wert: Die eine Hälfte der Personen liegt darüber, die andere darunter. 52,2 % des Vermögens waren finanzielles Vermögen, 47,8 % nicht-finanzielles Vermögen.
Die Vermögensverteilung ist ungleich. Der Gini-Koeffizient lag 2017 bei 73,5, was auf eine relativ hohe Vermögensungleichheit hinweist. Die obersten 10 % der Bevölkerung besaßen 57,2 % des gesamten Vermögens, die obersten 1 % besaßen 24,3 %. 4,3 % der Briten waren Vermögensmillionäre, während 18,9 % der Bevölkerung weniger als 10.000 US-Dollar Vermögen hatten. 2018 gab es 54 Milliardäre im Land. Michael Platt war laut Artikel mit geschätzten 18 Milliarden US-Dollar der wohlhabendste Mensch im Königreich, Stand 2024.
Auch regional unterscheidet sich die Wirtschaftsleistung stark. 2018 hatte London mit 64.200 Euro das höchste BIP pro Kopf unter den zwölf NUTS-1-Regionen und erreichte 186 % des EU-27-Niveaus in Kaufkraftparität. Es folgten South East England mit 38.500 Euro und East of England mit 33.700 Euro. Am unteren Ende lagen North East England mit 26.100 Euro und Wales mit 26.300 Euro, jeweils 76 % des EU-27-Niveaus. Besonders wohlhabend war Inner London-West mit 213.400 Euro BIP pro Kopf; Inner London-East lag bei 57.000 Euro.
Ein besonderes Problem ist laut dem Journalisten Oliver Bullough die Wirtschaftskriminalität. Er schrieb 2022, ein Teil der britischen Wirtschaft, insbesondere die Oberklasse, lebe seit der Nachkriegszeit von der Geldwäsche ausländischen Kapitals. Zwar gebe es 26 Behörden, die theoretisch Finanzkriminalität bekämpften, doch sei das britische Anti-Geldwäsche-System absichtlich ineffektiv. Diese Aussage ist als zugeschriebene Bewertung wiederzugeben, nicht als allgemeine gesicherte Tatsache.