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Wir sind nicht nur von dieser Welt
... Religion und Naturwissenschaften auf: Die Evolution sei der Augenblick der Schöpfung. Mit diesem Zusammenhang werde das Problem vermieden der …
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Thema und Grundbegriffe
Hoimar von Ditfurths Buch „Wir sind nicht nur von dieser Welt“ (1981) fragt, wie Evolutionstheorie und religiöse Vorstellungen vereinbar sein können. Evolution bedeutet bei ihm nicht nur die biologische Entstehung und Entwicklung der Arten nach Charles Darwin. Der Begriff umfasst ebenso die geologische Evolution von Planeten, die chemische Evolution, etwa von Aminosäuren, sowie die kosmische Evolution von Sternen und Galaxien.
Als zentrale Botschaft der meisten Religionen nennt Ditfurth den Glauben an ein Jenseits.
Mythische Bilder und heutige Probleme
Ditfurth hält die biblische Aussage eines Jenseits nicht für falsch. Religion sei überindividuelles Wissen, das auf einer Ursache oder einem Wissen beruhe, das über menschliche Alltagserfahrung hinausreiche. Unannehmbar seien für heutige Menschen jedoch die zwangsläufig mittelalterlichen, mythologischen Bilder der Bibel, weil sie mit naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Erkenntnissen kollidierten und leicht zu Aberglauben würden.
So seien Jesu Gang über das Wasser und seine Himmelfahrt nicht wörtlich als Ereignisse im dreidimensionalen Raum zu verstehen. Ditfurth meint, Menschen des Mittelalters hätten den Bildcharakter solcher Darstellungen noch gekannt, während heutige Menschen sie häufig fälschlich für wörtliche Tatsachen hielten. Besonders problematisch sei das biblische Gebot, fruchtbar zu sein, sich zu vermehren und sich die Erde untertan zu machen: Im Zeitalter von Überbevölkerung und Raubbau an der Natur werde es zu „tödlichem Unsinn“.
Evolution als fortdauernde Schöpfung
Ditfurths zentraler Zusammenhang lautet: Evolution ist der Augenblick der Schöpfung. Die Welt ist damit nicht als fertig geschaffen zu verstehen, sondern als noch entstehend, als „Schöpfung in nacendo“. Gott werde dadurch nicht aus dem Diesseits herauserklärt: Naturgesetze erklären zwar natürliche Vorgänge, doch gerade die noch andauernde Entwicklung bedeute nach Ditfurth, dass Gott weiterhin wirke. Eine Gottesferne, bei der Gott die Welt einmal geschaffen habe und sie seitdem allein nach Naturgesetzen funktioniere, liege daher nicht vor.
Das erklärt in diesem Deutungsmodell auch das Böse im Diesseits, etwa Kriege, Hunger und Ignoranz. Weil die Schöpfung noch nicht fertig und nicht perfekt sei, seien Fehler möglich und natürlich. Wäre sie bereits perfekt, befände sich der Mensch im Paradies beziehungsweise im Jenseits.
Der Gang der Schöpfung sei nicht vorhersehbar und laufe nicht ausschließlich deterministisch ab, also nicht vollständig nach festgelegten Gesetzen wie beim „Laplaceschen Dämon“. Deshalb seien freie moralische Entscheidungen und Verantwortung möglich: Menschen könnten gut oder schlecht handeln. Ditfurth kritisiert eine Haltung, die alle Hoffnung ins Jenseits verlegt und das Handeln im Diesseits für nutzlos oder bloßen Gotteswillen hält. Sie beruhe auf der falschen Annahme einer Gottesferne und könne zu Weltflucht sowie sozialem und humanitärem Versagen führen.
Indizien für das Jenseits
Das Jenseits zeige sich nach Ditfurth in biblischen Texten sowie im Auftreten von Jesus Christus (4 v. Chr. bis 30 n. Chr.), Mohammed (570–632) und Buddha (563 v. Chr. bis 483 v. Chr.). Auch besinnliche Musik sei für ihn ein Indiz: Sie gehöre zur geistigen Welt, sei schwer in Worte zu fassen und dennoch schön. Diese Schönheit passe zur Vorstellung eines paradiesischen Jenseits, das nicht böse oder durch schwierige moralische Entscheidungen belastet sei.
Mehr als Indizien werde es jedoch nie geben. Die Scholastik des Mittelalters habe gezeigt, dass ein Gottesbeweis nicht möglich sei. Dazu wird Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) zitiert: „Ein Gott, der ist, ist nicht.“ Ein Gott, der sich mit innerweltlicher Logik beweisen ließe, wäre nach Ditfurths Argumentation selbst ein Ding innerhalb dieser Welt.
Kosmos und zeitlose Ewigkeit
Schöpfung als Evolution findet nach Ditfurth nicht nur auf der Erde statt. Das anthropische Prinzip bezeichnet die feine Abstimmung der Naturkonstanten und Naturgesetze, durch die Evolution überhaupt möglich sei. Ohne sie hätte die Entwicklung beispielsweise kurz nach dem Urknall enden können, wenn zu viel Wasserstoff zu Helium verschmolzen wäre und eine Sonne unmöglich geworden wäre. Nach der Drake-Gleichung lasse sich unter nicht zu pessimistischen Annahmen auf etwa eine Milliarde Zivilisationen im Kosmos schließen. Die Menschheit sei nur eine von ihnen und kosmisch unbedeutend.
Die Menschheit könne aus dem Entwicklungsprozess ausscheiden, etwa durch einen ökologischen Zusammenbruch der Biosphäre, der seit den 1970er Jahren im Waldsterben erkennbar sei, oder durch einen nuklearen Weltkrieg apokalyptischen Ausmaßes. Der Schöpfungsakt bleibe dennoch gültig. Ditfurth verbindet die große Zahl möglicher Bewusstseinsformen im Kosmos mit der Hoffnung, dass sie am Ende der Zeit die Evolution durch einen Akt der Erkenntnis abschließen könnten. Das Ende aller Tage veranschlagt der Text auf etwa 60 Milliarden Jahre.
Aus der Perspektive des Jenseits, „sub specie aeternitatis“, gibt es keine zeitliche Evolution mehr: Das Perfekte, die Wahrheit, kann nicht noch perfekter werden. „Alles in allem“ (1 Kor 15, 28) sei zeitlos schön. Die Evolution begann mit dem Urknall, der etwa 10 Mrd. Jahre zurückliege; aus Sicht des zeitlosen Jenseits sei dies nur ein Augenblick. Die Geschichte unbelebter und belebter Natur sei die Weise, in der Menschen die Schöpfung „von innen“ miterlebten, während sie „von außen“, aus transzendentaler Perspektive, der Akt eines Augenblicks sei.