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Chemische Evolution
Als chemische Evolution oder Abiogenese bezeichnet man die Entstehung von Lebewesen aus anorganischen und organischen Stoffen.
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Begriff und Voraussetzungen
Chemische Evolution oder Abiogenese bezeichnet die Entstehung von Lebewesen aus anorganischen und organischen Stoffen. Mögliche ursprüngliche Stoffgemische heißen Ursuppe, Urschleim oder Urschlamm. Prokaryoten gelten seit etwa Mitte des Paläoarchaikums, vor 3465 Millionen Jahren, als nachgewiesen; seitdem entsteht Leben aus Leben (Biogenese).
Kennzeichen chemischer Evolution sind spontane Strukturbildung durch Autokatalyse, also Reaktionen, deren Produkte weitere gleiche Reaktionen fördern, sowie Homochiralität: die bevorzugte „Händigkeit“ bestimmter Moleküle. Voraussetzung sind Fließgleichgewichte fern vom thermodynamischen Gleichgewicht, vermutlich angetrieben durch thermische und chemische Gradienten heißer Quellen am Meeresboden. Die Mechanismen der biologischen Evolution – Variation, Selektion und Reproduktion – liegen den meisten Hypothesen zur chemischen Evolution noch nicht zugrunde.
Eine eindeutige Definition von Leben gibt es nicht. Als wesentliche Hürden gelten die abiogene Bildung von Biomolekülen, die Entstehung selbstreplizierender und variierender chemischer Informationssysteme sowie die gegenseitige Abhängigkeit von Funktion durch Enzyme und Information durch RNA und DNA. Ein einheitliches Modell fehlt weiterhin. Zwar konnten komplexe, biologisch wichtige Moleküle chemisch erzeugt werden, aber noch kein lebendes System.
Alle bekannten Lebensformen verwenden dieselben fünf Nukleotide für Nukleinsäuren, 21 Aminosäuren für Proteine und einen universell gültigen genetischen Code. Dies gilt als Hinweis darauf, dass sich nur eine auf RNA und DNA beruhende Lebensform durchgesetzt hat.
Bausteine, Umwelt und Energiequellen
Biomoleküle bestehen überwiegend aus Kohlenstoff (C), Wasserstoff (H), Sauerstoff (O), Stickstoff (N), Schwefel (S) und Phosphor (P). Zu ihnen gehören Kohlenhydrate, Lipide, Proteine, Nukleotide und Porphyrine. Als mögliche anorganische Quellen nennt der Artikel unter anderem Methan (CH₄), Kohlenstoffdioxid (CO₂), Kohlenstoffmonoxid (CO), Wasserstoff (H₂), Wasser (H₂O), Ammoniak (NH₃), Nitrate (NO₃⁻), Schwefelwasserstoff (H₂S), Sulfate (SO₄²⁻), Phosphin (PH₃) und Phosphate (PO₄³⁻). Die Angaben dieses Abschnitts sind laut Artikel teilweise nicht ausreichend belegt oder möglicherweise fehlerhaft.
Die präbiotische Bildung organischer Stoffe wird in drei Schritte gegliedert:
- Einfache organische Moleküle wie Alkohole, Säuren, Purine und Pyrimidine entstehen aus anorganischen Stoffen.
- Daraus bilden sich Grundbausteine wie Einfachzucker, Aminosäuren, Pyrrole, Fettsäuren und Nukleotide.
- Grundbausteine verbinden sich zu komplexen organischen Molekülen.
Die Uratmosphäre enthielt kaum molekularen Sauerstoff und war daher reduzierend oder zumindest nur schwach reduzierend. Als Energiequellen kommen UV-Strahlung und Blitze in Betracht. Alternativ können anaerobe Redoxreaktionen, also Elektronenübertragungen ohne Sauerstoff, zwischen reduzierten vulkanischen Gasen und sulfidischen Mineralen wie Pyrit (FeS₂) Energie liefern.
Die frühe Atmosphäre war kühl, weitgehend sauerstofffrei und ohne Ozonschicht. Wasserdampf kondensierte, sodass sich Wasser an der Erdoberfläche sammelte. Wasser ist für Leben, wie es heute bekannt ist, ein universelles Lösungsmittel: Es bleibt in einem Bereich flüssig, in dem organische Moleküle stabil sind, ermöglicht Durchmischung, stellt Protonen für Katalysen bereit und nimmt wegen seiner hohen Wärmekapazität Wärme auf. Beim Gefrieren entstehen abgegrenzte Bereiche unterschiedlicher Stoffkonzentration; nach der umstrittenen Meereis-Hypothese könnten darin sogar Biomoleküle und Leben entstanden sein.
Experimente und mögliche Reaktionsorte
Die Oparin-Haldane-Hypothese wurde in den 1920er Jahren unabhängig von Aleksandr Oparin und J. B. S. Haldane entwickelt. Sie nimmt an, dass Energie, etwa intensive UV-Strahlung, aus abiogenen Stoffen organische Moleküle entstehen ließ. Die ersten Lebensformen seien im warmen Urozean entstanden und heterotroph gewesen, hätten sich also von vorhandenen organischen Stoffen ernährt.
1953 zeigten Stanley Miller und Harold C. Urey in einem Versuch, dass aus Wasser, Ammoniak, Wasserstoff und Methan unter Energiezufuhr durch Blitze Aminosäuren sowie niedere Carbon- und Fettsäuren entstehen können. Spätere Versuche erzeugten wesentliche Bausteine des Lebens – Aminosäuren, Lipide, Purine und Zucker – sowie Porphyrine und Isoprene. Die Bedeutung des Experiments für die tatsächliche Lebensentstehung ist jedoch umstritten: Die simulierte stark reduzierende Atmosphäre entspricht möglicherweise nicht der frühen Erde. Auch unter neutraleren oder schwach reduzierenden Bedingungen entstehen organische Moleküle, allerdings mit stark verminderter Ausbeute.
Das Experiment erzeugte außerdem ein Racemat, also ein Gemisch aus L- und D-Aminosäuren. In Lebewesen sind viele Aminosäuren L-konfiguriert. Meteoriten enthalten teils einen Überschuss der L-Form von bis zu 9 %, möglicherweise durch zirkular polarisierte Strahlung. Andererseits zeigte sich 2001, dass selbstreplizierende Peptidsysteme Homochiralität auch aus einem Racemat verstärken können.
Aus Formaldehyd (CH₂O) und Cyanwasserstoff (HCN), Zwischenprodukten des Miller-Urey-Experiments, lassen sich weitere Biomoleküle bilden. Juan Oro synthetisierte 1961 Adenin; fünf HCN-Moleküle können Adenin ergeben. Aus Ribose, Adenin und Triphosphat kann Adenosintriphosphat (ATP) entstehen, das heute universeller Energieträger und als Monophosphat ein RNA-Baustein ist. Modelle kontinuierlicher Reaktionsnetzwerke und die Software AllChemy sollen mögliche Reaktionswege zu biochemisch wichtigen Stoffen vorhersagen.
Minerale und Gesteine könnten organische Moleküle vor UV-Strahlung schützen, Moleküle konzentrieren und als Katalysatoren wirken. Kristalloberflächen können bestimmte Molekülformen bevorzugen; L- und D-Aminosäuren lagern sich auf Calcit an unterschiedlichen Stellen an. Mit dem Tonmineral Montmorillonit wurden Proteine von mehr als 50 Aminosäuren Länge in nahezu 100-prozentiger Ausbeute erzeugt.
Energie, Polymere und Zellvorläufer
Proteine und Nukleinsäuren sind Biomakromoleküle. Ihre Polymerisation, also die Verknüpfung von Monomeren zu Ketten, benötigt Energie und setzt Wasser frei. Die umgekehrte Hydrolyse spaltet Polymere und liefert Energie:
\mathrm{[Monomere]_n+(n-1)\,H_2O\rightarrow n\,Monomere+Wärme}
\mathrm{Energie+n\,Monomere\rightarrow[Monomere]_n+(n-1)\,H_2O}
Daher braucht die Polymersynthese eine zuverlässige Energiequelle. Als Möglichkeiten nennt der Artikel Polyphosphate, regelmäßig austrocknende und wieder überflutete Gewässer sowie kontinuierliche anaerobe Redoxreaktionen an Metallsulfiden. Höhere Konzentrationen der Monomere und die Entwässerung der Produkte fördern die Polymerbildung. Wichtig ist außerdem Kompartimentierung: Reaktionsräume werden gegen die Umwelt abgegrenzt und tauschen Stoffe nur begrenzt aus.
Koazervate sind kleine, durch Selbstorganisation entstehende Tröpfchen aus Biomakromolekülen. Bei Zugabe von Salz zu kolloidalen Lösungen entstehen Tröpfchen von 1 bis 500 µm Durchmesser. Oparins Koazervate waren Analogiemodelle, keine direkten Zellvorläufer, weil sie Stoffe heutiger Organismen enthielten. Tröpfchen mit Phosphorylase konnten Glucose-1-phosphat aufnehmen, Stärke herstellen und speichern; mit Amylase entstand ein zweistufiger Stoffwechsel aus Stärkeaufbau und -abbau.
Sydney Fox beschrieb 1970 Mikrosphären aus Proteinoiden, die beim Erhitzen trockener Aminosäuregemische entstehen. Sie besitzen semipermeable Membranen, können wachsen, sich teilen und enzymähnliche Eigenschaften zeigen. Jack Szostak und Mitarbeitende zeigten 2008, dass Protozellen aus einfachen Fettsäuren, Fettalkoholen und Fettsäure-Glycerinestern zwischen 0 und 100 °C stabil sein, RNA- und DNA-Polymere einschließen sowie Nukleotide schnell aufnehmen können.
Die RNA-Welt-Hypothese, erstmals 1967 von Carl Woese formuliert, nimmt an, dass RNA zunächst zugleich Information speicherte und chemische Reaktionen katalysierte. Heute übernehmen DNA vor allem die Informationsspeicherung und Proteine viele katalytische Funktionen. Ribosomen und ihre katalytisch aktive ribosomale RNA gelten als mögliche molekulare Fossilien dieser RNA-Welt. Freier Ozean wäre wegen zu geringer Konzentrationen ungeeignet; vorgeschlagen werden Anreicherung durch thermische Konvektion und Thermophorese in porösen Mineralen oder durch Tau- und Verdunstungszyklen.
Hydrothermale Quellen, Erdkruste und doppelte Zellentstehung
Die Eisen-Schwefel-Welt von Günter Wächtershäuser verlegt frühe chemische Evolution auf Oberflächen von Eisensulfid-Mineralen an Tiefseevulkanen. Bei der Reaktion
\mathrm{FeS_2+H_2\rightleftharpoons FeS+H_2S}
könnte Energie für die Ammoniaksynthese, die Bildung von Biomolekül-Bausteinen und deren Polymerisation freiwerden. Positiv geladene Mineraloberflächen könnten negativ geladene organische Stoffe konzentrieren. Im Unterschied zum Miller-Urey-Szenario wären keine Blitze oder UV-Strahlung nötig. Alkalische hydrothermale Quellen, die „Weißen Raucher“, gelten wegen niedrigerer Temperaturen als geeigneter als sehr heiße Schwarze Raucher.
Ein weiteres Modell von Ulrich Schreiber und Christian Mayer betrachtet wasser- und gasführende Bruchzonen der kontinentalen Kruste. Dort könnten Phosphat, CO, H₂, CO₂, N₂, NH₃, HCN, Schwefel- und Borverbindungen, Metallsulfide und metallische Katalysatoren zusammentreffen. Überkritisches CO₂ kann in etwa 800–1000 Metern Tiefe wie ein organisches Lösungsmittel wirken. Periodische Druck- und Phasenwechsel könnten Vesikel aufbauen und zerfallen lassen; diese schließen organische Stoffe konzentriert ein und könnten molekulare Evolution ermöglichen.
Nach einer Studie von Natalia Mrnjavac, Nadja K. Hoffmann, Manon L. Schlikker, William Martin und weiteren Forschenden vom August 2026 hatte LUCA, der letzte gemeinsame Ahn heutiger Lebewesen, noch einen unvollständigen enzymatischen Stoffwechsel. Phosphit und Metalle wie Palladium oder Nickel könnten in Sedimenten serpentinisierender Weißer Raucher fehlende Stoffwechselwege katalysiert haben. Aus einer gemeinsamen, am Meeresboden gebundenen Vorstufe hätten sich Bakterien und Archaeen getrennt entwickelt und jeweils unabhängig Membranen sowie vervollständigte Ribosomen ausgebildet. Nach dieser Hypothese entstanden zelluläre Organismen zweimal.
Alternative Möglichkeiten und Grenzen der Hypothesen
Meteoriten enthalten Aminosäuren und Vorläufer von Zuckern; auf dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko wurden durch Kathrin Altwegg im ROSINA-Projekt Aminosäuren nachgewiesen. Kleine Impaktoren könnten Biomoleküle beim Einschlag überstehen lassen, während größere Einschläge aus CO₂ und N₂ in Schockwellen Biomoleküle erzeugt haben könnten. Die Zufuhr aus dem All dürfte jedoch nur begrenzt zur Anreicherung beitragen, weil Minerale in Meteoriten komplexe Moleküle auch rasch abbauen. Panspermie, die Einbringung bereits lebender, bakterienähnlicher Formen aus dem All, erklärt nicht die eigentliche Entstehung des Lebens, sondern verlagert sie nur an einen anderen Ort.
2023 wurde die These „Ante-Organismen“ vorgeschlagen: Anorganische Systeme könnten schon vor Stoffwechseln lebensähnliche Wechselwirkungen gezeigt haben. Diese Annahme ist spekulativ.
Kritik richtet sich gegen die Lücken zwischen der Herstellung einzelner Moleküle und der Entstehung einer lebensfähigen Zelle. Hans R. Kricheldorf beurteilt die bisherigen Ergebnisse als unzureichend, um eine zu Organismen führende chemische Evolution zu begründen. Robert G. Endres veröffentlichte im Juli 2025 einen noch nicht peer-reviewten arXiv-Preprint, nach dem der Übergang zur Protozelle unter plausiblen frühen Erdbedingungen sehr große informationelle und entropische Hürden habe und extrem unwahrscheinlich sein könnte. Er beansprucht ausdrücklich keinen Unmöglichkeitsbeweis und nennt unbekannte emergente Effekte, Panspermie oder gezieltes außerirdisches „Terraforming“ nur als logische, aber spekulative Möglichkeiten.