Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Wir sind ein Volk
Der deutsche politische Slogan „Wir sind ein Volk“ entstand in der Zeit der politischen Wende in Deutschland 1989/1990. Er beschwor anfänglich die …
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung des Slogans
„Wir sind ein Volk“ ist ein deutscher politischer Slogan aus der Zeit der politischen Wende in Deutschland 1989/1990. Er hatte zunächst eine andere Bedeutung als später: Am Anfang sollte er Bürger und Sicherheitskräfte der DDR daran erinnern, dass sie zusammengehören und keine Gewalt gegeneinander anwenden sollten. Wenig später wurde derselbe Satz als Losung für die deutsche Wiedervereinigung verstanden.
Der Slogan steht deshalb für zwei eng miteinander verbundene Phasen der Friedlichen Revolution: zuerst für den Aufruf zur Gewaltfreiheit bei den Montagsdemonstrationen, dann für den Wunsch vieler ostdeutscher Bürger nach staatlicher Einheit Deutschlands.
Aufruf zur Gewaltfreiheit
Am 9. Oktober 1989 fand in Leipzig die bis dahin größte Protestdemonstration der DDR statt. Viele Beteiligte dachten dabei an das Tian’anmen-Massaker in China, bei dem staatliche Gewalt gegen Protestierende eingesetzt worden war. In Leipzig geschah jedoch nichts Vergleichbares.
Am Vorabend hatten Mitglieder von Oppositionsgruppen in der Lukasgemeinde bei Christoph Wonneberger 25.000 Flugblätter gedruckt. Sie richteten sich sowohl an „Einsatzkräfte“ als auch an Demonstrationswillige. Darin stand die beschwörende Formel: „Wir sind ein Volk! Gewalt unter uns hinterläßt ewig blutende Wunden!“ Partei und Regierung wurden für die ernste Lage verantwortlich gemacht, zugleich sollten aber alle Beteiligten eine weitere Eskalation der Gewalt verhindern. In diesem Zusammenhang meinte „Wir sind ein Volk“ noch nicht die Wiedervereinigung, sondern die gemeinsame Verantwortung von Bürgern und Sicherheitskräften.
Von „das Volk“ zu „ein Volk“
Das ursprüngliche Motto der Leipziger Montagsdemonstrationen war „Wir sind das Volk“. Teilweise wurde auch „Wir sind keine Rowdys“ gerufen. Das bezog sich auf einen politischen Leitartikel in der Leipziger Tagespresse, in dem Demonstranten als „Rowdys“ bezeichnet worden waren. Der Ruf „Wir sind das Volk“ wurde bei der Leipziger Großdemonstration am 9. Oktober 1989 erstmals gerufen und während der Friedlichen Revolution regelmäßig von Zehntausenden Demonstranten wiederholt. Als sich die Demonstrationen auf andere ostdeutsche Städte ausweiteten, verbreitete sich diese Losung überall.
Durch den späteren Austausch eines einzigen Wortes entstand aus „Wir sind das Volk“ die Formel „Wir sind ein Volk“. Dadurch bekam der Demonstrationsruf eine neue politische Tragweite: Er zeigte den Willen vieler ostdeutscher Bürger zur deutschen Wiedervereinigung an. Westdeutsche Politiker, vor allem Bundeskanzler Helmut Kohl, nutzten diesen Willen, um die Einheit Deutschlands mit den Hauptsiegermächten des Zweiten Weltkrieges auszuhandeln.
Im Jahr 2002 ließen der Pfarrer Christian Führer von der Nikolaikirche und der Leipziger Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee den Satz „Wir sind das Volk“ unter Markenschutz stellen, um Missbrauch zu verhindern. Am 6. Februar 2013 hob das Deutsche Patent- und Markenamt die Wortmarke wieder auf. Beantragt hatte dies die Bürgerrechtlerin Angelika Kanitz; der Satz solle so frei bleiben, wie er 1989 formuliert worden sei. Die Stadt Leipzig legte keinen Widerspruch ein.
Unklare Entstehung des Wechsels
Bis heute ist nicht geklärt, wann der Wechsel von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ erstmals erfolgte. Vermutlich geschah dies erst nach der Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989.
Ein wichtiger Schritt der Verbreitung war ein Titel der Bild vom 11. November 1989 mit dem Untertitel „Die Wiedervereinigung Deutschlands – Das ist unser Auftrag!“. Dort hieß es: „‚Wir sind das Volk‘ rufen sie heute – ‚Wir sind ein Volk‘ rufen sie morgen!“ Damit wurde der neue Ruf großflächig bekannt gemacht und mit der Forderung nach staatlicher Vereinigung verbunden.
Bei der ersten Montagsdemonstration nach der Maueröffnung in Leipzig am 13. November 1989 wurde der neue Ruf nach Augenzeugenberichten von kleineren Gruppen skandiert. Weil die Berliner Mauer bereits offen war, bleibt ungeklärt, ob der Ausruf von West- oder Ostdeutschen ausging. Danach ließ die CDU Plakate, Handzettel und Autoaufkleber mit dem neuen Schlachtruf in Hunderttausender-Auflage drucken. Ab Mitte Januar 1990 wurde er in der DDR flächendeckend plakatiert. Der CDU-Spitzenkandidat in der DDR, Lothar de Maizière, wurde zur Volkskammerwahl 1990 auf Wahlplakaten so dargestellt, dass der Eindruck entstand, der Satz sei von ihm.
Weitere Losungen und ältere Formulierung
Nach der Maueröffnung wurde nach Augenzeugenberichten auf Demonstrationen der Satz „Deutschland einig Vaterland!“ häufiger gerufen als „Wir sind ein Volk!“. Diese Formel stammt aus dem Text der Nationalhymne der DDR. Wegen genau dieser Textpassage wurde die Hymne zu diesem Zeitpunkt offiziell nicht mehr gesungen, sondern nur noch instrumental gespielt.
Nach Recherchen des Deutschlandradios sollen sowohl „Deutschland einig Vaterland“ als auch „Wir sind ein Volk“ von Westdeutschland aus in die Leipziger Montagsdemonstrationen eingebracht worden sein. Dabei wird der Systemkritiker Siegmar Faust genannt, der 1976 vom Westen aus der DDR freigekauft worden war. Er soll den Slogan vor dem Mauerfall einem Leipziger Rentner anvertraut haben, der in den Westen reisen durfte; dafür habe dieser angeblich 1000 DM erhalten. Die Absprache soll am Rand eines Kongresses der Paneuropa-Union in West-Berlin stattgefunden haben.
Eine ältere Verwendung der Formulierung findet sich bei Theodor Herzl, einem Vordenker der Zionismusbewegung. Er schrieb 1896 in der Einleitung seines Buches „Der Judenstaat“: „Wir sind ein Volk, ein Volk.“ Dass Herzl damit ein früher Urheber des Satzes war, wurde im Zusammenhang mit der deutschen Wende thematisiert. Ob dieses Originalzitat im Herbst 1989 tatsächlich eine Rolle bei der Entstehung des Slogans spielte, lässt sich laut Artikel nicht mehr rekonstruieren.