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Wir sind das Volk
„Wir sind das Volk“ ist eine politische Parole, die anfänglich während der Montagsdemonstrationen 1989/1990 in der DDR als Sprechchor gerufen wurde, …
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Bedeutung und Wandel der Parole
„Wir sind das Volk“ ist eine politische Parole. Sie wurde zunächst bei den Montagsdemonstrationen 1989/1990 in der DDR als Sprechchor gegen die DDR-Regierung gerufen. Damit beanspruchten Demonstrierende, für die Bevölkerung zu sprechen, und widersprachen der Darstellung, sie seien gewalttätige Störer. In der Zeit der Wende wurde sie gelegentlich durch „Wir sind ein Volk“ ergänzt oder ersetzt.
Seit 2014 wird der wortgleiche Ruf in einem deutlich anderen Zusammenhang verwendet: im Umfeld der rechtspopulistischen PEGIDA-Bewegung sowie bei Aktionen gegen Asylbewerber, Flüchtlinge und Moscheen. Der Artikel stellt damit heraus, dass dieselben Worte je nach politischem Zusammenhang unterschiedliche Aussagen und Wirkungen haben können.
Frühere Verwendungen
Die Formulierung erschien vor 1989 mehrfach in politischen Umbruchsituationen und auch außerhalb Deutschlands. In Georg Büchners Revolutionsdrama „Dantons Tod“ von 1835 ruft ein Bürger „Wir sind das Volk“, nachdem Robespierre den Willen des Volkes als Gesetz bezeichnet hat. Der Ausruf wird dort mit der Forderung verbunden, dass es kein Gesetz mehr geben solle.
Während der Märzrevolution 1848 verwendete Ferdinand Freiligrath die Phrase in der letzten Strophe seines Gedichts „Trotz alledem“: „Wir sind das Volk, die Menschheit wir“. Martin Heidegger sagte 1934 in einer Logikvorlesung: „Im Augenblick dieses Begreifens ist unsere Entscheidung gefallen: Wir sind das Volk.“ Auch im Film „Früchte des Zorns“ von 1940 und in „Taxi Driver“ von 1976 begegnet die englische Form „we are the people“ beziehungsweise „we’re the people“.
Montagsdemonstrationen in der DDR
Der wichtigste Sprechchor der oppositionellen Demonstrierenden ist erstmals faktisch für die Leipziger Montagsdemonstration am 2. Oktober 1989 belegt. Gegenüber einer Straßensperre standen schwer bewaffnete Sondertruppen der Volkspolizei mit Hundestaffeln. Nach Darstellung des anwesenden Autors Martin Jankowski entstand der Ruf auch als Reaktion darauf, dass DDR-Medien, besonders die Leipziger Volkszeitung, die Demonstrierenden als „Rowdies“ bezeichneten. Dieser aus dem DDR-StGB stammende Begriff unterstellte ihnen schwere Gewalttaten gegen Sicherungskräfte wie die Volkspolizei. Der Sinn des Rufes war daher: „Wir sind keine Rowdies – wir sind das Volk!“ Die weit überwiegend friedlichen Demonstrierenden wiesen damit den Vorwurf zurück.
Für die entscheidende Demonstration am 9. Oktober 1989 ergänzte ein Flugblatt die Variante „Wir sind ein Volk“. Sie sollte auch die Sicherheitskräfte einbeziehen und sie zum Gewaltverzicht auffordern. Unter den Demonstrierenden verbreitete sich diese Formel zunächst weniger als „Wir sind das Volk“. Westdeutsche Medien, besonders die Bild, deuteten „Wir sind ein Volk“ dagegen als Forderung nach staatlicher Vereinigung von DDR und Bundesrepublik; nach der Maueröffnung wurde sie weiter verbreitet. 2018 kritisierte die Welt, treffender hätte 1989 „Auch wir sind das Volk“ heißen müssen, weil SED-Politikern und Polizisten nicht ihre Eigenschaft als Staatsbürger abgesprochen werden sollte.
Gebrauch nach 1989 und Kritik
Bei den Montagsdemonstrationen gegen Sozialabbau 2004 knüpften Protestierende mit Sätzen wie „Wir sind das Volk und nicht die Sklaven von Hartz IV“ oder „Nieder mit Hartz IV, das Volk sind wir“ an die Parole an. Der so ausgedrückten Gegenüberstellung von als gerecht und ungerecht behandelten Bürgern wird zugeschrieben, eine gemeinsame Identität der Protestierenden gestiftet zu haben. Kritiker bezeichneten diese Slogans als populistisch: Eine Teilgruppe maße sich im Namen des Volkes Volkssouveränität an und stelle möglicherweise die Legitimität der ordentlich gewählten Bundesregierung infrage.
2014 behandelte ein Symposium in Leipzig sowohl die historische Rolle der Parole in der Friedlichen Revolution 1989 als auch ihren rechtspopulistischen Gebrauch, etwa gegen eine Moschee in Leipzig-Gohlis und gegen die Unterbringung von Asylbewerbern in Schneeberg. PEGIDA, am 11. Oktober 2014 von Lutz Bachmann gegründet, verwendet den Ruf bei Demonstrationen. Er wurde neben fremdenfeindlichen Parolen bei Aktionen gegen Flüchtlinge skandiert, etwa im Februar 2016 in Clausnitz, sowie bei den Demonstrationen in Chemnitz 2018.
Dirk Kurbjuweit urteilte im Januar 2015, der Satz passe nur zu einer Revolution gegen einen autoritären Staat wie die DDR. In einer Demokratie sei er sinnlos, weil das Volk bei Meinungsfreiheit keine Einheit sein könne. Der Vorstellung, PEGIDA-nahe Demonstrierende verträten die Mehrheit, begegnete in Chemnitz die Gegendemonstration „Wir sind mehr“ mit dem Satz: „Ihr seid nicht das Volk, sondern völkisch.“ Als satirische Reaktion auf den völkischen und fremdenfeindlichen Kontext verbreiteten Titanic und Die Partei abgewandelt den Slogan „Wirr ist das Volk!“.