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Wir schaffen das
„Wir schaffen das!“ ist ein Ausspruch, den die damalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Bundespressekonferenz am 31. August 2015 im Hinblick …
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Bedeutung und ursprünglicher Zusammenhang
„Wir schaffen das!“ ist ein politischer Ausspruch, den Bundeskanzlerin Angela Merkel am 31. August 2015 während der Flüchtlingskrise 2015/2016 in der Sommerpressekonferenz der Bundesregierung verwendete. Der Satz wurde zum Kern-Slogan der damaligen „Willkommenskultur“ und zu einem zentralen Bezugspunkt der deutschen Flüchtlingsdebatte.
Merkels vollständige Aussage war ausführlicher als das meist zitierte Schlagwort: Deutschland sei ein starkes Land und habe bereits vieles bewältigt. Hindernisse müssten überwunden werden; Bund, Länder und Kommunen sollten gemeinsam handeln. Der Satz war somit als zuversichtlicher Ansporn und als Anerkennung der zu bewältigenden Aufgaben gemeint.
Schon am 22. August 2015 hatte SPD-Vorsitzender und Vizekanzler Sigmar Gabriel die Formulierung im Zusammenhang mit europäischen Werten und der Flüchtlingspolitik benutzt: „Ich bin sicher, wir schaffen das.“ Merkel wiederholte ihren Satz später mehrfach, unter anderem beim CDU-Bundesparteitag am 14. Dezember 2015 und in ihrer Neujahrsansprache am 31. Dezember 2015: „Wir schaffen das, denn Deutschland ist ein starkes Land“. Nach den vermutlich islamistisch motivierten Anschlägen in Würzburg und Ansbach im Juli 2016 verband sie ihn mit einem Neun-Punkte-Plan für mehr Sicherheit vor Terroranschlägen und mit der veränderten politischen Lage „in Zeiten der Globalisierung“.
Öffentliche Debatte und Kritik
Medien, Politik und Wissenschaft griffen den Satz schnell auf. Befürworter verstanden ihn als notwendiges Zeichen von Zuversicht. Die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger nannte ihn einen „schlichten und dabei heroischen Slogan“. Bundespräsident Joachim Gauck erklärte im August 2016, eine Regierungschefin könne kaum vor das Volk treten und sagen, man schaffe eine Aufgabe nicht. Der Ausspruch wurde zudem vielfach verändert, etwa zu „Ja, wir schaffen das“, „Wir müssen das schaffen“ oder „Wir schaffen das nicht“. Doris Sava untersuchte ihn sprachwissenschaftlich als Beispiel eines Internet-Memes.
Kritiker bezweifelten, dass Deutschland genügend Aufnahme- und Integrationskapazitäten habe. Horst Seehofer sagte am 11. September 2015: „Ich sehe keine Möglichkeit, den Stöpsel wieder auf die Flasche zu kriegen.“ Thomas de Maizière erklärte Anfang Oktober 2015, man schaffe es „nicht ohne Weiteres“. Alexander Gauland rief am 7. Oktober 2015 vor etwa 8.000 Anhängern: „Wir wollen das gar nicht schaffen!“ Boris Palmer sagte angesichts von täglich 10.000 ankommenden Flüchtlingen: „Wir schaffen das nicht“ und forderte eine Obergrenze. Sigmar Gabriel und Martin Schulz kritisierten später, Zuversicht allein reiche nicht; der Staat müsse die politischen Voraussetzungen für Aufnahme und Einwanderung schaffen.
Andere Bilanzen fielen positiver aus. BDA-Präsident Ingo Kramer erklärte im Dezember 2018, Merkel habe recht behalten: Rund 400.000 Flüchtlinge hätten bereits einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz gefunden, viele junge Migranten könnten nach einem Jahr Deutschunterricht dem Berufsschulunterricht folgen, und die große Mehrheit der erwerbstätigen Flüchtlinge sei sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Walter Wüllenweber sah Fortschritte bei Unterbringung, Verwaltung, Schulbildung und ehrenamtlicher Hilfe, bezeichnete Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber aber 2016 und erneut 2018 als großes ungelöstes Problem.
Sprache und Merkels spätere Einordnung
Sprachlich wurde „Wir schaffen das“ mit Barack Obamas „Yes we can“ von 2008 und Helmut Kohls Satz zur Deutschen Einheit von 1990, „Wir werden es schaffen“, verglichen. Kohl verwendete das Futur, Merkel das Präsens. Gemeinsam ist diesen Aussagen, dass weder das Objekt noch die gemeinte Wir-Gruppe genau bestimmt werden. Christian Lindner fasste die Kritik so zusammen: Es fehle die Antwort darauf, was, wie und von wem etwas geschafft werden solle. Nils Minkmar sah die Wirkung des aufmunternden Satzes geschwächt, weil unklar bleibe, wer zu diesem „Wir“ gehöre. Merkels spätere Ergänzung „Ich habe nicht gesagt: Wir schaffen das alleine“ löste diese Unbestimmtheit ebenfalls nicht vollständig auf.
Mitte September 2016 distanzierte sich Merkel nach deutlichen CDU-Verlusten bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sowie angesichts des Aufstiegs der AfD von der häufigen Verwendung des Satzes. Sie hielt an seiner Grundhaltung fest, erklärte aber, er werde überhöht und sei fast zu einer Leerformel geworden. Nach der Berliner Wahl vom 18. September 2016, bei der die CDU 17,6 % statt zuvor 23,3 % erhielt, bezeichnete sie ihn als „unergiebige Endlosschleife“. Er reiche nicht aus, um die Probleme der Flüchtlingsaufnahme zu beschreiben, weshalb sie ihn nicht mehr wiederholen wolle. Stattdessen sagte sie am 19. September 2016: „Wir werden aus dieser Phase besser herauskommen, als wir hineingekommen sind.“
In ihrer Regierungserklärung im März 2018 bezeichnete Merkel den Streit um den „eigentlich so banalen Satz“ als symptomatisch für die Fragen, was das Land gemeinsam schaffen könne und wolle. Am 14. Februar 2018 hatte sie ihn erstmals seit dem Sommer 2016 wieder benutzt, diesmal im Zusammenhang mit der schleppenden Regierungsbildung: „Ich bin überzeugt, wir schaffen das“.
Umfragen und weitere Verwendungen
Eine am 1. September 2017 veröffentlichte Umfrage ergab, dass 55,8 % der Befragten „Wir schaffen das“ für nicht oder gar nicht zutreffend hielten; 38 % wählten „gar nicht zutreffend“. 37,2 % bewerteten den Satz als eher oder völlig zutreffend. Mehrheiten für eine zutreffende Aussage gab es nur unter Anhängern von Union mit 56,5 % und Grünen mit 68,5 %. Ablehnend antworteten 47,3 % der Anhänger der Linken, 51,7 % der SPD, 58,2 % der FDP und 96,9 % der AfD. Mit zunehmendem Alter stieg die Ablehnung. In Ostdeutschland bewerteten 63 %, in Westdeutschland 53,6 % den Satz als nicht zutreffend.
Im ARD-Deutschlandtrend vom September 2018 hielt eine Mehrheit die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung in mehreren Bereichen für nicht gelungen: 50 % bei Unterbringung und Verteilung, jeweils 69 % bei der Vorbeugung von Gewalt und Kriminalität sowie bei der Integration in den Arbeitsmarkt und 83 % bei der Abschiebung abgelehnter Asylbewerber. 49 % meinten, die Bundesregierung nehme Sorgen zur Zuwanderung nicht ernst; in den neuen Bundesländern waren es 66 %.
Der Ausspruch blieb eine häufige politische Anspielung. Im Juni 2018 lauteten Schlagzeilen zum vermeintlichen Skandal um fehlerhafte oder manipulierte Asylverfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge „Mit diesem BAMF schaffen wir das nicht“ und „Sie schaffen das nicht“. Nach der Amokfahrt in Münster am 7. April 2018 stellte Beatrix von Storch die Tat durch ein entsprechendes Zitat zunächst in einen Zusammenhang mit der Flüchtlingspolitik und bezeichnete den Täter als „Nachahmer islamischen Terrors“. Dafür wurde sie unter anderem von CSU-Generalsekretär Markus Blume und dem AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen kritisiert.
In ihrer Regierungserklärung zur COVID-19-Pandemie am 25. März 2021 griff Merkel die sprachliche Form erneut auf: „Wir werden dieses Virus besiegen. Und deshalb bin ich ganz sicher, dass wir das schaffen werden.“ Bereits zuvor hatten Medien Parallelen zu ihrer Sprache während der Flüchtlingskrise gezogen.
Bilanz zum zehnten Jahrestag
Zum zehnten Jahrestag im Jahr 2025 erschienen mehrere Fernsehdokumentationen, darunter die ARD-Produktion „Merkels Erbe – 10 Jahre ‚Wir schaffen das!‘“, für die Merkel erneut interviewt wurde. Im Juni 2025 traf sie in der Sendung WDRforyou fünf Geflüchtete aus Iran, Syrien und Afghanistan. Sie erklärte, sie würde den Satz rückblickend wieder so sagen. Wenn sie jedoch ins Jahr 2013 zurückkehren könnte, würde sie Flüchtlinge im Libanon stärker unterstützen und legale Fluchtwege nach Europa schaffen, damit Staaten und nicht Schlepper entschieden, wer einreise. Bundeskanzler Friedrich Merz stellte bei der Sommerpressekonferenz 2025 dagegen fest, „dass wir es offenkundig nicht geschafft haben“.
Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit lieferte Daten zur Beschäftigung der 2015 Zugezogenen. Im Jahr 2024 waren 64 % von ihnen beschäftigt: 76 % der Männer und 35 % der Frauen. In der Gesamtbevölkerung betrug die Beschäftigungsquote zum Vergleich 70 %. Vollzeitbeschäftigte aus dieser Zuwanderungsgruppe verdienten 70 % des mittleren Einkommens aller Arbeitnehmer in Deutschland; die Niedriglohnschwelle liegt bei 66 %. Zu berücksichtigen ist, dass die 2015 Zugezogenen durchschnittlich deutlich jünger sind als die Gesamtheit der Arbeitnehmer. Beschäftigungsquoten und Einkommen unterschieden sich außerdem stark nach der Region Deutschlands, in der die Zugezogenen lebten. Diese Ergebnisse zeigen, dass auch zehn Jahre später unterschiedliche politische Bewertungen neben messbaren Fortschritten und fortbestehenden Unterschieden standen.