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Windrosen in der Antike und im Mittelalter

Im Gegensatz zu heutigen Windrosen wurden antike Windrosen in der Regel nicht in Karten eingezeichnet, um dort die Himmelsrichtungen anzuzeigen. Der Turm …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Griechische Systeme
  3. 3. Römische Systeme und Objekte
  4. 4. Mittelalterliche Weitergabe
  5. 5. Windrose der Seefahrer
  6. 6. Zuordnung alter und neuer Namen

Grundidee und Bedeutung

Windrosen der Antike sind Darstellungen, in denen Windrichtungen zusammengefasst werden. Anders als heutige Windrosen wurden sie in der Regel nicht in Karten eingezeichnet, um Himmelsrichtungen anzuzeigen. Griechische und römische Gelehrte beschrieben vor allem, wie viele Winde es gebe und aus welchen Richtungen sie wehten. Zeitgenössische Zeichnungen dieser Systeme sind nicht erhalten; antike Windrosen als Zeichnungen sind daher spätere Rekonstruktionen. Erhalten sind nur wenige steinerne Objekte, etwa der Turm der Winde in Athen oder das Anemoskop im Vatikan.

Die Verbindung von Wind und Himmelsrichtung war naheliegend, weil die Eigenschaften eines Windes, etwa feucht oder trocken, heiß oder kalt, von seiner Richtung abhängen. Schon im Altertum wurden Himmelsrichtungen und Winde gleichgesetzt, zum Beispiel in biblischen Formulierungen wie den „vier Winden“. Richtungen konnten aber auch astronomisch benannt werden, etwa nach Sonnenaufgang, Mittag oder Sonnenuntergang.

Für die Entwicklung sind zwei Grundformen wichtig: zwölfteilige Systeme, die besonders in gelehrten antiken und mittelalterlichen Traditionen weitergegeben wurden, und achtteilige Systeme, die im Spätmittelalter in der Seefahrt, auf Karten und in Kompassen wichtig wurden. Aus der weiteren Unterteilung in 16 und 32 Richtungen entwickelte sich die moderne Windrose.

Griechische Systeme

Die frühen Griechen nutzten zeitweise zwei Benennungssysteme für Hauptrichtungen. Ein astronomisches System nannte Norden Arktos („Bär“, nach dem Sternbild Großer Bär), Osten Anatole („Sonnenaufgang“), Süden Mesembria („Mittag“) und Westen Dysis („Sonnenuntergang“). Daneben standen vier Windnamen: Boreas für den Nordwind, Euros für den Ostwind, Notos für den Südwind und Zephyros für den Westwind. Bei Homer werden nur diese vier Winde erwähnt.

Aristoteles beschrieb im 4. Jahrhundert v. Chr. in den Meteorologica ein System mit zehn Winden. Sechs Richtungen leitete er aus den wechselnden Orten von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang im Jahreslauf ab, etwa beim Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende, zur Tagundnachtgleiche und zur Wintersonnenwende. Für Athen ergeben sich ungefähr Winkelabstände von 30°. Die Windrose wirkt daher fast wie ein regelmäßiges Zwölfeck, ist aber unausgewogen: Nur zehn von zwölf Positionen sind besetzt. Aristoteles ordnete die Winde außerdem Gruppen zu, etwa Nord-, Ost-, Süd- und Westwinden, und erwähnte auch Eigenschaften wie trocken, feucht, wolkenbringend oder stürmisch.

Timosthenes von Rhodos, ab 270 v. Chr. Admiral der ägyptischen Flotte, wird eine zwölfteilige Windrose zugeschrieben. Nach der späteren Überlieferung bei Agathemeros ergänzte er Aristoteles’ asymmetrisches Zehn-Winde-System um zwei Winde und machte daraus ein symmetrisches System mit 12 Richtungen, vermutlich in regelmäßigen 30°-Abständen. Zu den zwölf Winden gehörten unter anderem Aparktias, Boreas, Kaikias, Apeliotes, Euros, Phoinix beziehungsweise Euronotos, Notos, Leukonotos beziehungsweise Libonotos, Lips, Zephyros, Argestes und Thraskias beziehungsweise Kirkios.

Der Turm der Winde in Athen, etwa 50 v. Chr. erbaut, zeigt ein anderes Modell: eine achtteilige Windrose. Sein Grundriss ist ein regelmäßiges Achteck, und auf den Seiten sind acht Windgötter dargestellt: Boreas, Kaikias, Apeliotes, Euros, Notos, Lips, Zephyros und Skiron. Nach Vitruv trug das Dach ursprünglich einen drehbaren Triton aus Bronze, der mit seinem Stab die Windrichtung anzeigte.

Römische Systeme und Objekte

Römische Autoren beschrieben vor allem Systeme mit zwölf oder acht Windrichtungen. Sie nutzten teils eigene lateinische Namen, teils übernahmen sie griechische Namen in latinisierter Form, etwa Zephyros zu Zephyrus.

Seneca überlieferte um 65 n. Chr. in den Naturales quaestiones ein Zwölf-Winde-System des Gelehrten Varro. Ausgangspunkt waren vier Hauptrichtungen, die jeweils in drei Teile unterteilt wurden: ein Hauptwind und zwei Nebenwinde. Beispiele sind Septentrio/Boreas im Norden, Subsolanus/Apheliotes im Osten, Auster/Notos im Süden und Favonius/Zephyrus im Westen. Dieses System entspricht im Wesentlichen der zwölfteiligen Windrose des Timosthenes.

Vitruv ging in De architectura von acht Hauptwinden aus und ergänzte auf beiden Seiten jedes Hauptwindes zwei Nebenwinde. So entstand ein System mit 24 Winden, idealisiert mit 15°-Abständen. Die acht Hauptwinde waren unter anderem Septentrio, Aquilo, Solanus, Eurus, Auster, Africus, Favonius und Caurus. Auffällig ist, dass einige Namen bei Vitruv an ungewohnten Positionen stehen.

Plinius der Ältere erklärte in der Naturalis historia um 77 n. Chr., die Alten hätten nur vier Winde gekannt, später habe man die Zahl übergenau auf zwölf erhöht, danach aber auf acht beschränkt. Sein System enthält jedoch Widersprüche und Lücken; es läuft trotzdem auf zwölf Winde hinaus. In der Forschung wird es als unsystematisch bewertet. Aulus Gellius nannte um 170 n. Chr. acht Winde mit lateinischen und griechischen Namen, nutzte zur Richtungsangabe aber wie Aristoteles die Sonnenwenden, was eigentlich zu Zwölf-Winde-Systemen passt.

Ein wichtiges erhaltenes Objekt ist das Anemoskop im Vatikan aus dem 2. Jahrhundert. Es ist ein etwa 30 Zentimeter hoher, zwölfeckiger Marmorblock mit etwas mehr als einem halben Meter Durchmesser. Auf zwölf gleich großen Flächen stehen griechische und lateinische Windnamen; in der Mitte befand sich vermutlich eine Wetterfahne. Ein Hauptfehler ist die Platzierung von Vulturnus bei ungefähr Nordost statt bei ungefähr Südost. Eine weitere antike Windrose wurde im 3. Jahrhundert in Thugga im heutigen Tunesien als kreisförmige Gravur mit etwa acht Metern Durchmesser in den Kalksteinboden eines Platzes eingearbeitet.

Mittelalterliche Weitergabe

Im Mittelalter wurde zunächst vor allem das antike Zwölf-Winde-System weitergegeben. Isidor von Sevilla behandelte die Winde um 625 in seiner Enzyklopädie Etymologiae. Seine zwölf Winde stimmen mit denen des Anemoskops im Vatikan überein, nur verwendete er übliche Formen wie Subsolanus statt Solanus und Corus statt Chorus. Da Isidors Werk das Standard-Nachschlagewerk des Mittelalters war, vermittelte es dieses System bis weit in die spätere Zeit; es wurde noch bis ins 16. Jahrhundert gelehrt.

Einhard berichtete in der Vita Karoli Magni um 830, Karl der Große habe die zwölf Winde neu benannt. Dabei wurden die Windnamen aus germanischen beziehungsweise fränkischen Richtungsbezeichnungen gebildet, zum Beispiel septentrio zu nordroni, auster zu sundroni, subsolanus zu ostroni und zefyrus zu westroni. Das Suffix -roni kennzeichnete die Richtung, aus der etwas kommt. Karls Unterteilung der Nebenwinde, etwa nordostroni und ostnordroni, entsprach nicht dem heutigen Gebrauch von Nordost; sie setzte sich ebenso wenig durch wie seine ganze Nomenklatur.

Mehrere mittelalterliche Weltkarten zeigten zwölf Windrichtungen, meist als kleine runde Bereiche oder als blasende Köpfe am Rand der Karte. Beispiele sind die Ebstorfer Weltkarte aus dem 13. Jahrhundert und eine Weltkarte in einer Handschrift von Ranulf Higdens Polychronicon aus dem 14. Jahrhundert. Das Motiv blieb auch auf neuzeitlichen Karten erhalten.

Windrose der Seefahrer

Gegen Ende des 13. Jahrhunderts erschienen im Mittelmeerraum Portolankarten mit Windrosen, zuerst in Italien. Ungefähr gleichzeitig verbanden italienische Nautiker den Magnetkompass mit der Windrose. Damit dienten Windrosen nun direkt der Navigation: Sie zeigten Himmelsrichtungen auf Karten und Kompassen an.

Die Seefahrer verwendeten acht Windnamen für die Hauptrichtungen: Tramontana (N), Greco (NO), Levante (O), Scirocco (SO), Ostro (S), Libeccio oder Garbino (SW), Ponente (W) und Maestro (NW). Nur Ostro und Libeccio lassen sich auf antike Namen zurückführen. Andere Namen stammen aus der italienisch geprägten Lingua franca des Mittelmeerraums; Scirocco und Garbino haben arabische Herkunft.

Aus der achtteiligen Windrose entstanden durch Halbierung 16 Richtungen und durch weitere Halbierung 32 Richtungen. Noch im Mittelalter begann außerdem die Ersetzung der Windnamen durch Wörter oder Kürzel für Himmelsrichtungen, etwa Nord oder N. Damit näherte sich die Windrose der heute üblichen Form an.

Zuordnung alter und neuer Namen

Mit dem neuen achtteiligen System der Seefahrer mussten Gelehrte und Kartografen die älteren zwölf klassischen Windnamen mit den neuen Namen wie Tramontana, Greco und Scirocco verbinden. Diese Zuordnungen blieben bis in die Neuzeit ein Thema.

Matthäus Paris schuf um 1250 eine 16-teilige Windrose. Er verwendete darin nicht die neuen mediterranen Windnamen, sondern zwölf klassische Namen wie Septentrio und Aquilo. Vier setzte er auf die Hauptrichtungen, acht auf direkt benachbarte Nebenrichtungen wie NNW oder NNO; auf die Diagonalen NO, SO, SW und NW fiel keiner der klassischen Winde.

Diogo Homem ordnete 1558 in seinem Atlas klassische Winde den acht Seefahrerwinden zu. Acht Zuordnungen waren einfach, etwa Septentrio = Tramontana oder Vulturnus = Scirocco. Für Zwischenrichtungen nutzte er zusammengesetzte Namen, zum Beispiel Boreas oder Aquilo = Tramontana-Greco.

Johannes Janssonius zeigte 1652 in seiner Tabula anemographica eine 32-teilige Windrose mit Richtungsnamen in sechs Sprachen: Griechisch, Lateinisch, mediterrane Windnamen, Italienisch, Französisch und Niederländisch. Für alle 32 Richtungen gab er griechische und lateinische Namen an, teils durch Vorsilben wie Meso- oder Hypo-. Joan Blaeu verfolgte 1664 im Atlas ein ähnliches Ziel: Auch dort wurden antike Namen und neue Richtungsnamen auf 32 Positionen verteilt.

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