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Wienerisch
„a“+„l“ und „ei“+„l“ wird äu [ɶ]: kräun (kriechen, von „krallen“) bzw. Pfäu (Pfeil) · „e“+„l“ wird ein geschlossenes ö, wie in Ködn (Kälte) oder offen, wie Mö …
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Einordnung und heutige Vielfalt
Wienerisch, auch Wiener Dialekt, ist ein ostmittelbairischer Dialekt der bairisch-österreichischen Dialektgruppe. Er wird in Wien und Umgebung gesprochen; angegeben werden etwa 3 Millionen Sprecher. In der sprachlichen Einordnung gehört er zu den indogermanischen, germanischen, westgermanischen und deutschen Sprachen, genauer zum Hochdeutschen, Oberdeutschen, Bairischen und Ostmittelbairischen. Gegenüber dem Standarddeutschen unterscheidet er sich besonders in Wortschatz, Grammatik und Aussprache.
Ein einheitliches „Wienerisch“ lässt sich nicht genau festlegen. Frühere Unterschiede zwischen Stadtteilen sind zwar weitgehend abgeschwächt, doch Sprache variiert weiterhin nach sozialem Stand, Beruf, Anlass und Gesprächspartner. Erfahrene Sprecher können zwischen Varianten wechseln. Wienerisch ist heute im Wesentlichen eine stilisierte Alltagssprache.
Filmfiguren und Bühnenformen wie Sissi-Filme, Hans Moser, Graf Bobby oder Burgtheaterdeutsch prägen zwar das Bild des Dialekts, bilden die tatsächliche Umgangssprache aber nicht zuverlässig ab. Der Gebrauch des Wienerischen nimmt ab. Als wichtige Ursache nennt der Artikel den Medienwandel: Eine von Deutschland dominierte Medienwelt, globale Informationstechnologie, Satzstellungen und Anglizismen fördern eine standardisierte deutsche Umgangssprache. Dies betrifft auch die österreichische Hochsprache.
Entstehung und sprachliche Einflüsse
Die ältesten Spuren stammen aus dem Keltischen; auch der Name Vindobona entstand in dieser Zeit. Gotische Elemente finden sich etwa in urassen („verschwenden“), das aus gotisch ufarassus hervorgegangen sein soll. Altbairisch wurde in Wien vom 8. bis 11. Jahrhundert gesprochen; vom 12. bis 14. Jahrhundert entwickelte es sich durch Laut- und Vokalverschiebungen zum Bairischen. Ab Ende des 15. beziehungsweise Anfang des 16. Jahrhunderts spricht man vom Neuhochdeutschen. Alte Wörter wie semel und Krapfen gehören weiterhin zum Wiener Wortschatz.
Wien war schon im Spätmittelalter ein Vielvölkergemisch. Einwanderer aus bairischen, fränkischen und alemannischen Gebieten sowie später Italiener, Slawen, Magyaren, Franzosen und weitere Gruppen beeinflussten die Sprache. Der fränkische Einfluss brachte insbesondere die für Wien typische Monophthongierung, also die Entwicklung eines Doppellauts zu einem einfachen Vokal. Handel, Universität, die Erweiterung des Habsburgerreichs 1526, Hofstaat, Türkenbelagerungen sowie Bildung und Zuwanderung förderten weitere Einflüsse aus italienischen, lateinischen, französischen und später englischen Wörtern.
Die Wiener Gaunersprache entstand ab dem 12.–13. Jahrhundert in ausgegrenzten sozialen Gruppen. Sie übernahm besonders Wörter aus dem Jiddischen, romanischen Sprachen und ab dem 15. Jahrhundert aus dem Romani, passte sie dem Wiener Klang an und bildete auch neue, bildhafte Bedeutungen. Das Rotwelsch wurde dadurch zu einer wichtigen Quelle des Wienerischen. Jiddische Einflüsse wurden durch Vertreibungen und die Ermordung vieler jüdischer Menschen im Nationalsozialismus teilweise verloren oder verboten; bereits frühere Wörterbücher hatten jüdische und gaunersprachliche Wörter teils ausgeschlossen. Seit den 1920er Jahren wird von „Jungwienerisch“ gesprochen.
Aussprache und Lautregeln
Charakteristisch ist das helle, etwas gedehnte Wiener „à“. Es geht unter anderem auf mittelhochdeutsches ei zurück: Während viele bairische Mundarten daraus „oa“ machten, lautet es in Wien „a“, etwa Stà („Stein“) und I wààß („Ich weiß“). Gleich geschriebene hochdeutsche Wörter können deshalb verschieden gesprochen werden: „Ich weiß“ heißt I wààß, das Adjektiv „weiß“ in „Das Kleid ist weiß“ bleibt weiß. Ebenso stehen Làb („Laib“) und Leib („Leib“) nebeneinander.
Weitere typische Vokalentwicklungen sind: althochdeutsches a wird häufig zum verdunkelten å, etwa Åff („Affe“) und Dåch („Dach“); vor l kann a zu oi werden, etwa Woid („Wald“). Ein folgendes r führt oft zu oa, etwa Goaten („Garten“). Mittelhochdeutscher Zwielaut ie wird zu ia, etwa Diab („Dieb“) und Fliagn („Fliege“); vor m oder n erscheint ea, etwa Wean („Wien“). Mittelhochdeutsches uo wird zu ua, etwa Muada („Mutter“) und Bluad („Blut“). Außerhalb Wiens ist bei tun oft toa üblich, in Wien tan. „Au“, „äu“ und „eu“ werden vielfach zu ei, etwa Freid („Freude“).
Nasalisierung bedeutet, dass ein Vokal mit nasaler Färbung gesprochen wird. Vor m oder n kann å etwa in Dãmm auftreten; am Wortende fällt n häufig weg, etwa Mã („Mann“) und Eisenbã („Eisenbahn“). Ein l bleibt meist nur am Wortanfang oder zwischen Vokalen erhalten; am Silbenende wird es verändert oder fällt weg, etwa Toi („Tal“), Woid, Mö („Mehl“) und vü („viel“).
Bei Konsonanten ist die Lenisierung typisch: t, p und k werden oft zu d, b und g, etwa Dåg („Tag“), broda („Prater“) und gråpfn („Krapfen“); K vor Vokalen bleibt erhalten, etwa Kua („Kuh“). Zwischen Vokalen klingt b wie w: liawer („lieber“). Häufig sind auch erscht („erst“), Durscht („Durst“), Zechn („Zehe“) und mi beziehungsweise di („mich“, „dich“). Vorsilben verändern sich ebenfalls regelmäßig: er- wird meist da-, ver- zu fa-, zer- zu za-. Die Aussprache kann von der Stellung im Satz abhängen, etwa I wia da hööfm! gegenüber Dia wia i hööfm!.
Grammatik, Wortschatz und Ausdrucksweise
Der hochdeutsche Genitiv ist im Wienerischen grundsätzlich nicht gebräuchlich; Besitz wird meist mit Dativ und Possessivpronomen ausgedrückt. Aus „Augusts Gefährtin“ wird dem Gustl sei Oide, geläufig auch in Gustl sei Oide. Bei Sachen wird oft vom verwendet, etwa Das End’ vom Liad’l. Die Höflichkeitsform kann Ihnen statt Sie lauten: Griaß ihna. Als Vergleichswort dient wia, etwa greßa wia („größer als“) und ois wia („als“).
Weitere Merkmale sind zusätzliche Artikel wie a Göd („ein Geld“) und die Verbindung eines Verbs mit tun, etwa tuasd eh schaun. Das Mittelwort der Gegenwart endet auf -ert, gesprochen -at: rennat, spinnat, singat. Beim Mittelwort der Vergangenheit wird ge- oft zu g-, etwa g’söcht und g’spunnan; vor Verschlusslauten entfällt es, etwa trunk’n. Eine Mitvergangenheit gibt es nicht: Für „Ich ging“ heißt es I bin gångan.
Es gibt keine verbindliche Orthographie. Sprecher wechseln je nach Situation und sozialer Schicht zwischen Standarddeutsch und Dialekt. Wienerisch hat alte Wendungen bewahrt und fortlaufend Wörter aus anderen Sprachen aufgenommen, etwa Tschick („Zigarette“) aus italienisch cicca; davon sind Tschickarretierer und tschicken abgeleitet. Einflüsse stammen besonders aus den Sprachen der Kronländer, aus Frankreich und Italien, dem Jiddischen sowie aus den Sprachen der Roma und Sinti.
Besonders auffällig ist das Diminutiv -erl statt hochdeutsch -chen. Es bezeichnet nicht zwingend etwas Kleineres, sondern kann Sympathie oder Vertrautheit ausdrücken: Ein Geigerl ist keine kleinere Geign. Stamperl („Schnapsglas“) und Pantscherl („amouröse Affäre“) haben keine entsprechende „große“ Form. Das Suffix kann auch unterscheiden: Glos ist Glas allgemein, Glasl ein Trinkglas und Glaserl familiär; Håus ist ein Haus allgemein, Heisl ein Abort und Heiserl ein Eigenheim.
Bildhafte Unter- und Übertreibung sowie Gleichnisse gehören zum Sprachgebrauch. „Do foist dreimoi um und bist scho duat“ bedeutet nicht wörtlich drei Stürze, sondern: Das Ziel ist zu Fuß in weniger als zehn Minuten erreichbar. Beispiele für Gleichnisse sind schiach wia da Zins („hässlich wie die Mietzahlung“) und ågschitt wia a Hydrant („betrunken“). Der „Wiener Schmäh“ bezeichnet selbstironische, doppeldeutige Kommunikation, bei der Ernst und Witz fließend ineinander übergehen. Mimik und Tonfall sind wichtig, weshalb Ortsfremde Ironie leicht missverstehen können.
Wienerisch in Literatur, Bühne, Musik und Bildschirm
Wienerisch erscheint in Literatur, Theater, Kabarett, Musik, Film und Fernsehen, häufig als Kunst- oder Bühnensprache. Dialektliteratur entstand erst nach der Standardisierung der deutschen Hochsprache gegen Ende des 18. Jahrhunderts; nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Dialektlyrik durch die Wiener Gruppe eine Renaissance. Dialektübertragungen, etwa Wolfgang Teuschls Da Jesus und seine Hawara, machten Wienerisch auch als Übersetzungs- und Literatursprache sichtbar.
Im Alt-Wiener Volkstheater des 18. und frühen 19. Jahrhunderts richtete sich Dialekt an ein Publikum aus einfachen Gesellschaftsschichten. Später nutzten Autoren ihn sowohl poetisch als auch satirisch. Im Kabarett wurde Wienerisch besonders für Doppelbödigkeit, Parodie und sprachliche Travestie wichtig. Heute ist Mundart weiterhin auf Kleinkunstbühnen zu hören, während Roland Düringer laut Artikel seine Programme als einziger Kabarettist in unverfälschtem Wienerisch spricht.
Das Wienerlied verbindet Wiener Dialekt vor allem mit Raunzerei, also Klagen und Jammern, Sehnsucht nach der Vergangenheit, Eigenlob, Wein und bildhaftem Humor. Im 20. Jahrhundert wurde das Genre durch politische Verfolgung und Emigration geschwächt, später wiederbelebt und mit Blues oder Schrammelmusik verbunden. Daneben verwendet auch Austropop Wiener Dialekt; später kamen Rap- und Hip-Hop-Künstler hinzu, für die wienerische Texte als besonders authentisch gelten.
Im Fernsehen war Wienerisch zunächst vor allem atmosphärische Unterhaltungssprache. Ein echter Wiener geht nicht unter zeigte ab 1975 in 24 Folgen komödiantisch den Alltag einer Wiener Arbeiterfamilie; Kaisermühlen Blues folgte in den 1990er Jahren mit 64 Folgen. Kottan ermittelt (1976–1983) nutzte den Dialekt in einer Krimiserien-Satire. Die Netflix-Produktion Freud (2020) verwendet ihn so stark, dass Nichtwiener oft Untertitel benötigen. Im Kino wird Dialekt meist nur begrenzt eingesetzt, um den gesamten deutschsprachigen Markt zu erreichen. In Comics ist Wienerisch selten; eine Ausnahme sind sechs Mundart-Ausgaben von Asterix.
Alltag, Essen und Spiel
In Kaffeehaus, Heurigem und Wirtshaus gehört Wortwahl zur lokalen Sprachkultur. Im Kaffeehaus heißt Cappuccino Melåusch; servierende Männer werden mit „Herr Ober“ angesprochen. Beim Heurigen oder im Wirtshaus werden servierende Frauen „Fräulein“ genannt. Typische Bestellungen sind Gsprizta statt Schorle und Kriagl statt Halbe. Am Würstelstand unterscheidet sich das Vokabular sogar zwischen Bezirken. Speisenwörter wie Schnitzl, Hend’l und Schmarr’n erscheinen auch in Redewendungen; heute ist vor allem Was hast denn da für an Schmar’n gekauft? noch gebräuchlich.
Im Sportjargon bleiben englische Wörter wie kicker, match und corner erhalten, daneben stehen viele eigene Begriffe. Fußballschuhe heißen Bock, ein Tor kann Buttn, Hitten, Kistn oder Tirl heißen. Ein Kicker ist ein Fußballer; ein Antikicker gilt als untalentiert, ein Wöödkicker als besonders gut. Typische Spielbegriffe sind Guakerl für einen Ball zwischen den Beinen des Gegners, Brotschuß für einen sehr schwachen Schuss und wassern für absichtliches Verzögern des Spiels. Eine hohe Niederlage heißt Schraufn. Edi Fingers Ausruf „I wer narrisch!“ beim Spiel Österreich gegen Deutschland 1978 wurde berühmt.
Auch Kartenspiele prägen den allgemeinen Sprachgebrauch. Beim Tarock steht G’schdis als höchste Karte auch für eine Abweisung. Aus dem Schnapsen stammen s’Bummerl håm („das Nachsehen haben“) und ausn Schneida sei („aus einer schwierigen Situation gerettet sein“).