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Wiener Moderne
Die Wiener Moderne bezeichnet das Kulturleben in der österreichischen Hauptstadt um den Fin de Siècle (von etwa 1890 bis 1910). Vor dem Ersten Weltkrieg und …
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Begriff und Kennzeichen
Die Wiener Moderne bezeichnet das Kulturleben Wiens am Fin de Siècle, ungefähr von 1890 bis 1910. Vor dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Habsburgermonarchie entstand in der österreichischen Hauptstadt eine bedeutende Blütezeit in Philosophie, Malerei, Architektur, Musik und Literatur sowie in Mathematik, Medizin, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. International heißen diese Entwicklungen auch „Wien um 1900“ oder „Vienna 1900“.
Sie war eine Gegenströmung zum Naturalismus. Statt reale Umstände möglichst naturgetreu abzubilden, setzte sie dem die Idee der „Kunst um der Kunst willen“ (französisch l’art pour l’art) entgegen. Die Wiener Moderne war kein einheitlicher Stil, sondern ein Konglomerat unterschiedlicher und teilweise widersprüchlicher Strömungen des europäischen Fin de Siècle. Weitere wichtige Zentren der Moderne waren Paris, Berlin, Sankt Petersburg und Mailand. International entdeckt und erforscht wurde die Wiener Moderne vor allem seit den 1970er Jahren.
Gesellschaftliche und geistige Voraussetzungen
Österreich-Ungarn befand sich unter Kaiser Franz Joseph I. in seiner Hoch- und Endphase. Die Industrialisierung verlief vergleichsweise schleppend, ein großer Verwaltungsapparat prägte das Land, und die Nationalitätenkonflikte im Vielvölkerstaat verschärften sich. Gleichzeitig entstanden in Städten wie Wien, Budapest, Prag, Triest und Zagreb bedeutende, oft gegensätzliche Ideen und wissenschaftliche Ansätze.
Wien hatte um 1900 mehr als 2 Millionen Einwohner und war ein Schmelztiegel mitteleuropäischer Kulturen. Hier sammelte sich die wirtschaftliche und intellektuelle Hautevolee. Das politische Leben war spannungsgeladen: Sozialdemokratie unter Victor Adler, Zionismus unter Theodor Herzl und Austromarxismus unter Otto Bauer entwickelten sich. Bürgermeister Karl Lueger nutzte nach eigenen Worten öffentlichen Antisemitismus als politische Strategie. 1914 waren 9 Prozent der Wiener Bürger Juden; sie hatten großen Anteil am künstlerischen und wissenschaftlichen Schaffen.
Künstler wandten sich im Spannungsfeld von konservativem Prunk und Fortschritt dem Inneren und der Psyche zu. Die „Ich-Zergliederung“ wurde wichtig. Ernst Mach nannte das Ich „unrettbar“. Beziehungen zwischen Ich, Gesellschaft und Welt wurden nicht mehr rational begründet, sondern erschienen an Grenzen wie Traum und Wirklichkeit oder Verstand und Gefühl. Eine „Stimmung“ konnte mehr ausdrücken als Begriffe.
Neue Ideen kamen auch durch persönliche Kontakte nach Wien. Friedrich Nietzsche und Richard Wagner waren im öffentlichen Diskurs wichtig. Hermann Bahr vermittelte als Literaturkritiker und Autor zwischen Berlin und Wien; seine wechselnden Positionen reichten von Wagnerianer und Bismarck-Anhänger über Marxist, Naturalist und Symbolist bis zum Expressionisten und konservativen Katholiken. Als entscheidendes Jahr für die Durchsetzung neuer Ideen gegen den Historismus gilt 1897, das Gründungsjahr der Wiener Secession. Adolf Loos wurde besonders durch seinen Aufenthalt in Chicago und New York von 1893 bis 1896 beeinflusst.
Wissenschaft, Philosophie und Psychoanalyse
Die Wiener Moderne umfasste wichtige Entwicklungen in mehreren Wissenschaften. Ernst Mach wurde als Philosoph, Physiker und Wissenschaftstheoretiker bekannt. Ludwig Wittgenstein leistete bedeutende Beiträge zur analytischen Philosophie und zur Sprachphilosophie. Zu den weiteren Philosophen zählen Ludwig Boltzmann, Franz Brentano, Rudolf Carnap, Edmund Husserl, Alexius Meinong, Karl Popper und Moritz Schlick.
In den Rechtswissenschaften sind Hans Kelsen und Anton Menger genannt; zu den bedeutenden Ökonomen gehören Eugen von Böhm-Bawerk, Friedrich von Hayek, Carl Menger, Ludwig von Mises und Joseph Schumpeter. Mathematiker der Epoche waren Kurt Gödel, Hans Hahn, Karl Menger und Richard von Mises.
Sigmund Freud revolutionierte die Psychologie durch die Begründung der Psychoanalyse, also eines Ansatzes zur Erforschung psychischer Vorgänge. 1899 veröffentlichte er seine berühmt gewordene „Traumdeutung“.
Bildende Kunst und Architektur
Das künstlerische Schaffen bündelte sich vor allem in der Wiener Secession und der Wiener Werkstätte. Die drei herausragenden und international bekannten Maler der Wiener Moderne sind Gustav Klimt, Oskar Kokoschka und Egon Schiele. Klimt wird dem Jugendstil zugeordnet, Kokoschka und Schiele dem Expressionismus.
Die Architektur prägten Otto Wagner und Adolf Loos. Otto Wagner erklärte in seiner Schrift „Moderne Architektur“ von 1895 die Ära und Vorherrschaft des Historismus für beendet. Gemeint waren insbesondere die Bauten der Wiener Ringstraße im neugriechischen, neurömischen und neubarocken Stil. Wagner verwendete den Begriff „Moderne“ selbst noch nicht; für ihn war entscheidend, dass sich Architektur dem technischen Fortschritt anpassen müsse.
Literatur und Musik
In der Literatur stand die Gruppe Jung-Wien um Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Carl Baron Torresani, Simon Kreuzer und Peter Altenberg für die Wiener Moderne. Ihr Treffpunkt war das Café Griensteidl. Das Wiener Kaffeehaus war eine kulturelle Institution und wurde für viele Künstler zum zweiten Heim; deshalb spricht man von Kaffeehausliteratur. Dort entstanden Feuilletons und Gelegenheitskunst, teilweise nur als Fragmente. Altenberg nannte seine Werke „Extrakte des Lebens“. Weitere Literatencafés waren das Café Central, das Café Museum und das Café Herrenhof.
Wichtige Themen dieser Literatur waren Identitätskrise, Krise des Wahrnehmens und Erzählens, Sprachkrise, Beziehungen der Geschlechter, Sexualität und Tod. Zugleich enthielt sie auch komische Elemente, was zahlreiche Komödien zeigen.
In der Musik gehören Alban Berg, Johannes Brahms, Anton Bruckner, Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Anton von Webern und Hugo Wolf zu den herausragenden Komponisten der Wiener Moderne.