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Fin de Siècle
für „Ende des Jahrhunderts“; auch Décadence = „Dekadentismus“) bezeichnet die künstlerischen Strömungen und das Lebensgefühl der letzten zwei Jahrzehnte des 19.
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Begriff und Bedeutung
Fin de Siècle (auch Fin de siècle; französisch für „Ende des Jahrhunderts“, auch Décadence = „Dekadentismus“) bezeichnet künstlerische Strömungen und ein Lebensgefühl der letzten zwei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Im weiteren Sinn umfasst es die Zeit parallel zur Belle Époque bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914.
Der Begriff ist mit „Dekadenz“ verbunden: Das Fin de Siècle war eine kulturelle Bewegung, die kulturellen Verfall zu ihrem Gegenstand machte. Obwohl die Bezeichnung in Frankreich entstand und zunächst ein besonders französisches Lebensgefühl meinte, wird sie auch für die gesamteuropäische Stimmung vor dem Ersten Weltkrieg verwendet.
Entstehung des Namens
Die Bezeichnung fin de siècle erschien erstmals 1886 in der französischen Zeitschrift Le Décadent. 1888 wurde das Lustspiel Fin de siècle von Francis de Jouvenot und H. Micard aufgeführt. Im deutschsprachigen Raum veröffentlichte Hermann Bahr 1891 einen Novellenband mit diesem Titel.
Gesellschaftliche Spannung vor 1914
Vor dem Ersten Weltkrieg bestand das Bewusstsein, dass eine Epoche endgültig zu Ende gehe. Positivismus in den Naturwissenschaften, Naturalismus in der Literatur und der Aufstieg der Ingenieurwissenschaften förderten Fortschrittsglauben und die Ideologie der Objektivität. Sigmund Freud erforschte die Hysterie.
Gleichzeitig bestand die Weltordnung des Ancien Régime mit der Vorherrschaft des Adels im Kern noch fort; das Mittelalter wurde zu ihrer Rechtfertigung herangezogen. Industrialisierung und Gewerbefreiheit veränderten jedoch die alten Sozialstrukturen stark. Die Kirche verlor Einfluss, und der allgegenwärtige Nationalismus führte zu Konflikten.
Die Epoche schwankte zwischen Aufbruchsstimmung und Zukunftseuphorie einerseits sowie diffuser Zukunftsangst, Regression und Endzeitstimmung andererseits. Hinzu kamen Lebensüberdruss, Weltschmerz, Faszination für Tod und Vergänglichkeit, Leichtlebigkeit, Frivolität und Dekadenz. Weil grundlegende Werte des sozialen Lebens gefährdet schienen, erfasste eine allgemeine Krise die maßgebenden Gesellschaftsschichten. Die europäischen Führungsschichten reagierten darauf mit fortlaufender militärischer Aufrüstung; die Militarisierung nahm laut Artikel eine außerordentliche Dimension an.
Intellektuelle, Künstler und Literaten empfanden Ohnmacht gegenüber einer von Marktgesetz und anonymen Massen bestimmten Großstadtgesellschaft sowie gegenüber Naturwissenschaft und Technik. Sie fühlten sich davon zugleich angezogen und abgestoßen und suchten ästhetische Gegenwelten. Als Gegenkultur zum bürgerlichen Leben entstanden die Leitfiguren Bohemien, Dandy, Snob und Femme fatale; sie verachteten „Philister“, Spießer und Kleinbürger.
Sozialdarwinismus und Friedrich Nietzsches Kritik am bürgerlichen Leben, der er den Übermenschen entgegensetzte, prägten Teile der höheren Politik- und Gesellschaftskreise zwischen 1890 und 1914. Der Artikel betont deren antidemokratische, elitäre und militante Tendenzen. Arthur de Gobineaus Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen (1853–1855), ein Hauptwerk des Rassismus, sagte den Untergang der als „überlegen“ bezeichneten weißen Rasse voraus und beeinflusste Richard Wagner sowie einige seiner Anhänger. In Österreich-Ungarn entwickelte sich vor dessen Zusammenbruch in Wien die Wiener Moderne; dort erlebten Kunst und Literatur eine Blütezeit.
Künstlerische Ausdrucksformen
Das Fin de Siècle brachte vielfältige, auch widersprüchliche Kunstbewegungen hervor. Der Symbolismus wandte sich zunächst in der Literatur gegen Abbild-Realismus und übersteigerte Objektivität. Ein Vorbild waren Paul Verlaines Les poètes maudits. In der Bildenden Kunst entstand ebenfalls Symbolismus, den Maler wie Paul Gauguin begründeten.
Der Jugendstil zeigte sich besonders in der Gebrauchskunst. Er galt als Überwindung des übermächtigen Historismus und verband paradoxerweise eine Hinwendung zum Elitären mit einer zum Populären. Auch Impressionismus, Spätromantik in der Musik und die ersten Anfänge der Avantgarden in allen Kunstsparten entstanden in dieser Zeit.
Beispiele sind Claude Debussys Oper Pelléas et Mélisande, Rainer Maria Rilkes Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke sowie das Wiener Secessionsgebäude von Joseph Maria Olbrich. In der Literatur heißt diese Richtung auch Dekadenzdichtung; sie wird etwa 1910 vom Expressionismus abgelöst.