Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Rezitativ

Das Rezitativ (von italienisch recitare „vortragen“) ist ein dem Sprechen angenäherter Gesang in Oper, Kantate, Messe oder Oratorium.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Funktion
  2. 2. Entstehung und Abgrenzung
  3. 3. Musikalische Merkmale
  4. 4. Begleitung und Hauptformen
  5. 5. Instrumentale und neuere Formen

Grundidee und Funktion

Das Rezitativ ist ein dem Sprechen angenäherter Gesang in Oper, Kantate, Messe oder Oratorium. Es existiert in verschiedenen Ausprägungen seit ca. 1600 und ist eng mit der Entwicklung des Generalbasses, auch Basso continuo genannt, verbunden. Generalbass bedeutet eine Basslinie mit Harmonien, die von einer Continuo-Gruppe ausgeführt wird.

Im Rezitativ kann der Sänger den Text rhythmisch relativ frei deklamieren, also sprachähnlich vortragen. Dadurch eignet sich das Rezitativ besonders für Handlung, Erzählung und Dialog. In der Opera seria ist es der Träger der Bühnenhandlung. Arien, Chöre oder Tanznummern dienen dagegen eher der Betrachtung, Stimmung oder Darstellung.

Auch wenn das Rezitativ durch die durchkomponierte Oper und das Verschwinden des Basso continuo ab ca. 1840 zeitweise außer Mode geriet, blieb es Bestandteil von Oper und Oratorium. Die Neue Musik des 20. und 21. Jahrhunderts greift traditionelle Rezitativformen wieder auf und deutet sie kompositorisch neu.

Entstehung und Abgrenzung

Das Rezitativ entstand mit der Oper Ende des 16. Jahrhunderts in Florenz. Es entwickelte sich aus der Monodie, also der Trennung von Solostimme und Begleitung. Als weitere Vorgängerformen nennt der Artikel Psalmodie und Madrigal.

In der Barockmusik war das Rezitativ in mehrsätzigen Werken der Ort für erzählerische und dialogische Elemente. Eine Arie, ein Chor oder eine Tanznummer standen stärker für geschlossene Formen, in denen Stimmungen oder Betrachtungen ausgedrückt wurden. Der Artikel beschreibt dies mit dem Gegensatz von „Sagen“ oder Diegesis beim Rezitativ und „Zeigen“ oder Mimesis bei Arie, Chor oder Tanznummer.

Ein Beispiel ist Claudio Monteverdis Il combattimento di Tancredi e Clorinda von 1624: Ein Erzähler berichtet die Handlung rezitativisch, während tänzerische Einschübe den Kampf der Hauptfiguren zeigen. In Passionen ist der Bericht des Evangelisten eine bekannte Form des Rezitativs; andere Figuren wie Christus oder das Volk kommen dazwischen in Arien und Chören zu Wort.

In Opera seria und Opera buffa bleibt das Rezitativ vor allem der Ort der Handlung, also von Erzählung und Dialog. In den gemischten Finalensembles am Ende der Akte, die Ende des 18. Jahrhunderts immer ausgedehnter werden, löst sich diese Trennung teilweise auf. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Rezitativ der Nummernoper in der Oper zunehmend von durchkomponierten Formen verdrängt, in denen Rezitativ und geschlossene Form ineinander übergehen, zum Beispiel bei Richard Wagner.

Musikalische Merkmale

Ein wichtiges Merkmal des Rezitativs ist die syllabische Deklamation: Auf jede Textsilbe fällt eine Note. Dadurch bleibt der Text gut verständlich und der Gesang nähert sich dem Sprechen an.

Johann Mattheson beschrieb das Rezitativ 1725 als „ohne alle Repetition“. Der Melodieverlauf folgt dem Auf und Ab natürlicher gesprochener Sprache. Bestimmte Figuren konnten wiederkehren und wurden von italienischen Sängern des 18. Jahrhunderts teilweise improvisiert.

Im italienischen Rezitativ ist der Takt grundsätzlich gerade, aber der Melodieverlauf ordnet sich dem Takt nicht streng unter. Er wird nach dem Text durch Einschnitte und Pausen gegliedert. Das französische Rezitativ folgt dagegen den Deklamationsregeln der französischen Sprache und bleibt im Takt; dieser passt sich dem Text durch häufige Wechsel an.

Außerdem besitzt das Rezitativ keine tonartliche Geschlossenheit. Neben seiner dramaturgischen Aufgabe hat es auch eine musikalische Funktion: Es kann den Tonartwechsel zwischen zwei Einzelsätzen vorbereiten oder durchführen.

Begleitung und Hauptformen

Das Rezitativ wird grundsätzlich von einer Continuo-Gruppe begleitet. Diese bestand aus Tasten- und gezupften Saiteninstrumenten zur Wiedergabe der Harmonien sowie aus Bassinstrumenten für die Bassstimme. Welche Besetzungen stilgerecht sind, ist bis heute umstritten und hing stark von den finanziellen Mitteln ab. Die reine Begleitung durch Cembalo und Cello stammt erst aus der Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts.

Es gibt zwei Hauptformen: Secco-Rezitativ und Accompagnato-Rezitativ. Das Secco-Rezitativ, italienisch recitativo secco, bedeutet „trockenes“ Rezitativ und wird nur vom Generalbass begleitet. Es wird auch recitativo semplice, also „einfaches“ Rezitativ, genannt. Es legt besonderen Wert auf Sprachnähe, Textverständlichkeit und stilgerechte Deklamation. Um 1753 wurde die Oper noch als klingende Literatur betrachtet. Das Secco-Rezitativ erlaubt eine sehr individuelle Ausführung und konnte auch helfen, Gedächtnislücken der Sänger zu überbrücken. In der Oper des 19. Jahrhunderts verschwand es zunehmend, erscheint aber noch in Giuseppe Verdis Un giorno di regno von 1840.

Das Accompagnato-Rezitativ, italienisch recitativo accompagnato, kurz Accompagnato, wird zusätzlich von Melodieinstrumenten oder sogar vom ganzen Orchester begleitet. Dabei spiegelt die Instrumental- oder Orchestersprache den gesungenen Text und seine Gefühle. Diese Form erhielt im 18. Jahrhundert mehr Gewicht, unter anderem in Bachkantaten sowie in Opern von Gluck oder Antonio Salieri. In Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion wird Jesus durch Accompagnato-Recitativo dargestellt, während der Evangelienbericht sonst secco ausgeführt wird.

Umstritten ist, ob Accompagnati oft improvisiert wurden und ob die erhaltenen Beispiele nur besonders bedeutende schriftlich fixierte Fälle darstellen. Zeitgenössische Warnungen vor übertriebener Auszierung zeigen jedenfalls, dass solche Improvisationen verbreitet waren.

Instrumentale und neuere Formen

Der Ausdruck „instrumentales Rezitativ“ wird manchmal für Passagen in der Instrumentalmusik verwendet, die eher deklamatorisch als melodisch wirken. Ein markantes Beispiel steht im Finale der 9. Symphonie von Ludwig van Beethoven: Die Kontrabässe „rezitieren“ auf ihren Instrumenten die Textworte, die später vom Solotenor gesungen werden. Der Hörer erfährt erst im Nachhinein, welchen Bedeutungshintergrund diese Töne haben.

Im 20. und 21. Jahrhundert entstehen in der Neuen Musik neue Spielarten des Rezitativs. Sie knüpfen oft ausdrücklich an die Barockzeit und besonders an Monteverdi an. Teilweise greifen sie auch den damaligen Anspruch auf, antike Vorbilder wiederzubeleben. Zwischenformen von Singen und Sprechen verändern dabei das deklamatorische Element des traditionellen Rezitativs. Die stilistische Bandbreite reicht von Carl Orff, etwa Prometheus und andere Werke, bis zu Arnold Schönberg, zum Beispiel Pierrot Lunaire.

Durch aleatorische und improvisatorische Kompositionstechniken wird ein metrisch ungebundenes „Accompagnato“ wichtiger: Die Begleitinstrumente folgen nicht einem festen Metrum, sondern passen sich einem metrisch flexiblen oder „kadenzierenden“ Soloinstrument an. Beispiele finden sich bei Witold Lutosławski und Karlheinz Stockhausen.

Eine wichtige Rolle spielt der instrumental begleitete Sprechgesang mit feinen Abstufungen zwischen Sprechen und Singen im Spätwerk von Mauricio Kagel, etwa in Ein Brief, …den 24.xii.1931 und Aus der Matratzengruft. Kagel reflektiert historische Vorbilder häufig bewusst und ironisch gebrochen, zum Beispiel in Rezitativarie für eine singende Cembalistin. Bernhard König erweitert diese Tradition um eine soziale und mitmenschliche Deutung von „Begleitung“ in Accompagnato – Die Kunst des Begleitens.

Je stärker im 20. und 21. Jahrhundert außereuropäische Musikkulturen beachtet werden, desto stärker erscheint die europäisch-barocke Form des Rezitativs nur noch als eine mögliche Quelle. Metrisch freie Instrumentalbegleitung zu einer rezitatorischen Gesangslinie oder einer „sprechenden“ Melodie ist auch in japanischer und arabischer Musik sowie in vielen Formen des Jazz verankert.

Lernvideos zu Rezitativ

Weiterlesen

Oper Die Arie ist der Oberbegriff für alle Sologesänge in der Oper. · Ensembles sind Gesänge für mehrere Solostimmen: Duett, Terzett, Quartett etc. · Der Chor bietet … Kantate Die Kantate (lat. cantare „singen“) bezeichnet in der Musik eine Formenfamilie von mehrsätzigen Werken für eine oder mehrere Gesangsstimmen und … Oratorium Oratorium (kirchenlateinisch oratorium „Bethaus“, von lateinisch orare „beten“) nennt man in der musikalischen Formenlehre die dramatische, … Generalbass Die Harmonien werden in der Generalbassschrift nicht ausgeschrieben, sondern durch Ziffern und andere Symbole angegeben, die über oder unter die Noten der … Gesang Gesang existiert in sehr unterschiedlichen Formen, vom spontanen, improvisierten Singen einzelner Töne oder Tonfolgen über Volkslieder bis zu Kunstliedern, … Orchester Daneben gibt es Orchester, die nur aus Musikinstrumenten einer bestimmten Gattung bestehen, z. B. Blasorchester, Streichorchester, Zupforchester und … Neue Musik Neue Musik ist der Sammelbegriff für eine Fülle unterschiedlicher Strömungen komponierter westlicher Kunstmusik von etwa 1910 bis zur Gegenwart. Madrigal (Musik) Das Madrigal ist ein mehrstimmiges Vokalstück meist weltlichen Inhalts und eine wichtige musikalische Gesangsform der Renaissance und des Frühbarocks. Barockmusik Die Barockmusik bildet eine Epoche in der Geschichte der abendländischen Kunstmusik, die an die Renaissance anschließt und sich vom Beginn des 17. bis etwa … Erzählung Eine Erzählung (lateinisch narratio) ist eine Form der Darstellung als Wiedergabe eines Geschehens in mündlicher oder schriftlicher Form. Dialog Ein Dialog ist ein Gespräch zwischen zwei oder mehreren Personen; eine geführte Rede und Gegenrede. Zuhören als das auf sich wirken Lassen des Gehörten aus … Arie Im Vergleich zum Sprechgesang des Rezitativs wird die Stimme in einer Arie rein lyrisch und melodisch behandelt (melismatisch), und besonders in der Ära des …