Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Empfindsamer Stil
Empfindsamer Stil ist eine musikalische Stilrichtung, die etwa ab den 1720er Jahren die Barockmusik ablöste. Seinen Höhepunkt erlebte der empfindsame Stil …
Inhalt3 Abschnitte
Grundzüge des empfindsamen Stils
Der empfindsame Stil ist eine musikalische Stilrichtung und Teil der Empfindsamkeit. Er löste etwa ab den 1720er Jahren die Barockmusik ab und erreichte in den 1770er Jahren seinen Höhepunkt, zeitgleich mit Zusammenhängen zum Sturm und Drang. Zu diesem Zeitpunkt war die Klassik bereits etabliert.
Der Stil entstand in der norddeutschen Instrumentalmusik der Mitte des 18. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht der Ausdruck: Ein musikalisches Werk kann zahlreiche tief empfundene Emotionen enthalten. Die Musik soll den Hörer unmittelbar und direkt berühren. Zugleich strebten die Komponisten nach Einfachheit und Natürlichkeit, die auch den Idealen der Aufklärung entsprachen.
Jedes Thema erhielt einen klar bestimmten, teilweise übertrieben expressiven Charakter. Rasche Stimmungswechsel verstärkten die Wirkung. Deshalb wurden gegensätzliche Stimmungen häufig unmittelbar nebeneinandergestellt. Die Tonsprache ist subjektiv und stark gefühlsbetont.
Musikalische Mittel und Vertreter
Typische musikalische Merkmale sind lombardische Rhythmen, Vorhaltsbildungen und Seufzermelodik. Die Satztechnik wird einfacher, während der Generalbass beziehungsweise Continuo an Bedeutung verliert. Außerdem verlangsamt sich der harmonische Rhythmus.
Zu den bedeutendsten Vertretern zählen Johann Adolph Hasse, Carl Philipp Emanuel Bach, Wilhelm Friedemann Bach, Georg Anton Benda, Johann Joachim Quantz und Johann Abraham Peter Schulz. Parallelen zur Empfindsamkeit finden sich auch im Musikdrama, unter anderem bei Franz Benda, in Glucks Reformopern und in Teilen von Mozarts Oper Idomeneo.
Auch die Entwicklung und bevorzugte Verwendung bestimmter Instrumente beeinflusste den Stil. Ein Trend ging zu Flöte, Streichern und Cembalo. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde durch Domenico Scarlatti die Cembalosonate zu einer Hauptgattung der Epoche.
Parallele Entwicklungen und Abgrenzung
In Italien gelten die Neapolitanische Schule und besonders Giovanni Battista Pergolesi als Vorläufer einer Entwicklung zur Opera buffa. Pergolesis europaweit rasch bekannt gewordenes Werk La serva padrona erschütterte die starren Regeln der französischen Barockoper und ließ einen natürlicheren Ausdruck zu.
In Frankreich leitete Jean-Jacques Rousseaus von Pergolesi beeinflusstes Singspiel Le devin du village („Der Dorfwahrsager“) eine parallele Entwicklung zur deutschen Empfindsamkeit ein und bereitete zugleich die Opéra comique vor. An diesem Werk orientierte sich Mozarts Bastien und Bastienne. Rousseau verwendet einfache Harmonik, verzichtet auf Koloraturen, pathetische Rezitative, komplizierte Polyphonie und Kastratenstimmen. Stattdessen nutzt er populäre Vaudevilles und natürliche Dialoge, verlegt die Handlung in das Milieu der Pastorale und strebt nach Ursprünglichkeit und Natürlichkeit.
Der empfindsame Stil kann als Intensivierung des galanten Stils verstanden werden. Der galante Stil war bereits im Spätbarock als Abkehr vom strengen polyphonen Stil entstanden. Er orientierte sich am Ideal des Belcanto, also an Kantabilität, Natürlichkeit und Verständlichkeit. Kennzeichnend waren eine dominante Melodiestimme, der weitgehende Verzicht auf Kontrapunkt, einfache, aber wirkungsvolle harmonische Abläufe, kurze und einfache, oft wiederholte Melodiephrasen sowie elegante Melodik und Ornamentation.
Der empfindsame Stil übernahm die stärkere Orientierung an einer klaren, natürlichen Melodie, ging aber emotional weiter. Er ließ Gefühle und Empfindungen ausdrücklich zu und kennzeichnete sich durch eine häufige Abwechslung der Affekte, also der jeweils vorherrschenden Stimmungen.