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Wie entsteht Religion?
Das Buch Wie entsteht Religion? (WeR) ist ein zuerst 1926 unter dem Originaltitel Religion in the Making erschienenes Werk des britischen Philosophen. Religion …
Inhalt5 Abschnitte
Werk und zentrale These
Wie entsteht Religion? ist ein religionsphilosophischer Essay von Alfred North Whitehead (1861–1947), der 1926 zuerst unter dem Titel Religion in the Making erschien. Das Buch entstand aus Vorlesungen in der King’s Chapel in Boston und gehört zu Whiteheads Spätphilosophie. Sein internationales Sigel ist RM.
Whitehead untersucht Religion im Zusammenhang mit seiner Prozessphilosophie. Er will zeigen, wie religiöse Erfahrung, menschliche Entwicklung, Werte, Wissenschaft und ein philosophischer Gottesbegriff zusammenhängen. Das Buch ist keine religionsgeschichtliche Untersuchung und entwickelt auch keine systematische Theologie; Whitehead skizziert seine Gedanken eher knapp. Es steht zwischen Wissenschaft und moderne Welt und Prozess und Realität. In diesen Werken wird seine religionsphilosophische Position schrittweise vertieft. In Prozess und Realität nimmt das Thema Gott schließlich einen zentralen Platz innerhalb der Metaphysik ein.
Für Whitehead ist religiöse Erfahrung eine besondere, nicht leugbare Weise des Weltzugangs. Eine Philosophie, die ein zusammenhängendes und angemessenes Weltbild anstrebt, muss deshalb auch Religion erklären können. Religion definiert Whitehead als „Kunst und Theorie des inneren Lebens“, die den Charakter bildet. Sie ist ein notwendiger Bestandteil menschlichen Denkens, weil jede Kosmologie, also jede Vorstellung von der Gesamtordnung der Welt, auch religiöse Fragen hervorbringt.
Religion entwickelt sich geschichtlich und trägt sowohl zur Ordnung sozialer Beziehungen als auch zur Verarbeitung der menschlichen Unvollkommenheit bei. Moderne Religionen sind rationalisiert und können deshalb grundsätzlich mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild vereinbar sein. Ihre Lehren beanspruchen universelle Gültigkeit für das einzelne Individuum. Die Religionsphilosophie soll prüfen, ob religiöse Lehren mit der Erfahrung vereinbar sind.
Religion als innere Erfahrung und geschichtlicher Prozess
Religion ist für Whitehead vor allem eine innere Erfahrung und eine bestimmte Lebenshaltung. Ihre Bedeutung erschöpft sich nicht in Institutionen, Kirchen, Bibeln, Verhaltensnormen oder kollektiven Bewegungen. Diese sind nur äußere und vergängliche Formen, die nützlich oder schädlich sein können. Entscheidend ist, was das Individuum aus seinem „eigenen Solitärsein“ macht. Religion betrifft damit die Selbstrealisierung und die Frage, wie der Einzelne sein Leben und seine Stellung in der Welt versteht.
Religion ist jedoch nicht automatisch gut. Sie kann auch zerstörerisch werden. Deshalb gehört die Frage nach dem Bösen und nach der Theodizee, also nach der Vereinbarkeit des Bösen mit einem guten oder mächtigen Gott, wesentlich zur Religionsphilosophie.
Whitehead unterscheidet vier Faktoren der Religionsentwicklung: Ritual, Gefühl, Glaube und Rationalisierung.
- Rituale entstehen nach Whitehead bereits in der Tierwelt. Sie sind ein „Produkt aus überschüssiger Energie und Müßiggang“, erneuern positive Gefühle und stärken den Zusammenhalt von Gruppen.
- Mythen bilden einen weiteren Entwicklungsschritt. Sie erklären den Zweck von Ritualen und Gefühlen, ohne die Erfahrungen bereits systematisch zu ordnen.
- Im Glauben entsteht ein Wahrheitsanspruch. Er soll helfen, das Böse abzuwehren, das Gute zu fördern und größere soziale Einheiten an gemeinsame Regeln zu binden.
- Rationalisierung bedeutet, dass religiöse Lehren und Rituale zu einer zusammenhängenden Lebensordnung gestaltet werden, die Denken und Handeln einheitlich ausrichtet.
Die jüdische Religion beschreibt Whitehead als Übergang zu den Weltreligionen: Sie ist noch an ein Volk gebunden, aber bereits monistisch. Die Weltreligionen erheben einen Anspruch, der über einzelne Stammes- oder Gesellschaftsbindungen hinausgeht. Im Buddhismus bezieht sich das religiöse Gefühl auf den Einzelnen und auf alles, was leben und leiden kann. Einen ähnlichen universellen Anspruch haben Christentum und Islam. Die großen Religionen entstehen dabei aus prägenden Erfahrungen besonderer Persönlichkeiten.
Rationale Religion entsteht, wenn Menschen allgemeine Ideen und abstrakte ethische Prinzipien entwickeln können. Das Individuum erkennt seine Einzigartigkeit und Einsamkeit und verbindet sich zugleich mit der Welt als Ganzem. Whitehead nennt dies ein „Weltbewusstsein“. Die rationalen Grundsätze werden in Dogmen formuliert. Buddhismus und Christentum beruhen dabei auf unterschiedlichen Ausgangspunkten: Der Buddhismus ist eine Metaphysik, aus der eine Religion hervorgeht; das Christentum war zunächst eine Religion, die sich aus den Worten und Handlungen besonderer Personen entwickelte und später eine Metaphysik zur Begründung ihrer Lehren ausbildete.
Religiöse Erfahrung und Gottesbegriff
Religiöse Erfahrung steht für Whitehead eigenständig neben der Sinneswahrnehmung. Beide Erfahrungsbereiche werden durch Lehrsätze oder Dogmen beschrieben. Religiöse Dogmen versuchen, Wahrheiten der religiösen Erfahrung präzise auszudrücken, ähnlich wie physikalische Dogmen Wahrheiten der Sinneswahrnehmung formulieren.
Die religiöse Erfahrung enthält drei miteinander verbundene Grundelemente:
- den Selbstwert eines Individuums,
- den Wert der Individuen füreinander,
- den Wert der objektiven Welt für das Individuum und für die Gemeinschaft aller miteinander verbundenen Individuen.
Religiöse Erfahrung ist immer mit Werten verbunden. Sie fragt nach der Bedeutung des Erfahrenen und berücksichtigt Gefühle, Absichten und physische Bedingungen. Whitehead fasst dies als „Welt-Loyalität“. Die Übereinstimmung von individuellen Ansprüchen und der objektiven Welt ist eine Harmonie, die mehr oder weniger vollständig erreicht werden kann. Wo sie verfehlt wird, entsteht das Böse.
Eine nur auf Gefühl beruhende Religion genügt Whitehead nicht, weil sie alles behaupten könnte und der Vernunft widerspräche. Intuitionen können religiöses Denken anregen, besitzen aber zunächst keine allgemeine Geltung. Erst durch Rationalisierung können sie eine überpersönliche Bedeutung erhalten. Zugleich gibt es eine elementare religiöse Evidenz für die Richtigkeit der Natur der Dinge, über die hinaus keine weitere Begründung möglich ist.
Whitehead unterscheidet drei historische Gottesvorstellungen: das asiatische Konzept einer unpersönlichen Ordnung einer sich selbst organisierenden Welt, das semitische Konzept eines persönlichen, allmächtigen und transzendenten Schöpfergottes sowie das pantheistische Konzept, nach dem die wirkliche Welt eine partielle Beschreibung des transzendenten Gottes ist. Das asiatische und das pantheistische Konzept sind miteinander vereinbar, betrachten das Verhältnis von Welt und Gott aber aus entgegengesetzten Perspektiven. Das semitische Konzept ist mit dem asiatischen unvereinbar, solange es nicht in ein pantheistisches Konzept überführt wird.
Whitehead lehnt sowohl eine extreme Transzendenz als auch eine extreme Immanenz ab. Sein eigener Gottesbegriff ist eine „immanente Transzendenz“ und wird üblicherweise dem Panentheismus zugeordnet. Gott ist Teil des Kosmos, übersteigt aber zugleich jeden einzelnen Teil. Er ist an allen Prozessen des Werdens und Vergehens beteiligt, wird und vergeht jedoch selbst nicht. Gott schafft Ordnung und Kontraste, durch die endliche Ereignisse unterscheidbar werden. Er ist der Begleiter der Welt und ermöglicht, dass das Gute das Böse immer wieder überwinden kann.
Prozesskosmologie und Ordnung der Welt
Whiteheads Metaphysik versteht die Welt grundlegend als Prozess. Die ursprünglichen Elemente der Wirklichkeit sind keine unveränderlichen Substanzen, sondern „Wirkliche Einzelwesen“ oder „epochale Ereignisse“. Sie sind nicht weiter hintergehbare Prozesselemente, die durch vielfältige Verknüpfungen die netzartige Struktur des Universums bilden. Alles Wirkliche befindet sich in einem unablässigen Werden und Vergehen.
Jedes wirkliche Einzelwesen besitzt sowohl einen physischen als auch einen geistigen oder subjektiven Aspekt. Auch anorganische Dinge reagieren auf ihre Umwelt. Ein Stein kann etwa auf Wärme oder Druck reagieren und strebt in einem begrenzten Sinn danach, eine stabile Lage einzunehmen. Die Natur ist deshalb nicht nur kausal bestimmt; in den Ereignissen liegen auch subjektive Ziele. Ein Ereignis bewertet die Einflüsse seiner Umwelt im Hinblick auf sein eigenes Ziel.
Die Welt ist eine Gemeinschaft vieler Einzelwesen. Jedes besitzt einen Eigenwert, trägt aber zugleich zum gemeinsamen Wert der Welt bei oder schädigt ihn. Religion thematisiert daher „Individualität in der Gemeinschaft“: Der Einzelne bleibt eigenständig und ist zugleich mit allen anderen Prozessen verbunden.
Whitehead nennt drei Formelemente, die den Prozess bestimmen: Kreativität, ideelle Entitäten oder Formen und Gott. Kreativität ermöglicht den ständigen Übergang ins Neue. Formen haben keine eigene Wirklichkeit, werden aber in Ereignissen verwirklicht. Gott verwandelt die Unbestimmtheit der bloßen Kreativität in eine bestimmte Freiheit.
Das Universum ist ein offenes System. Vergangene Ereignisse werden als Daten in neue Ereignisse aufgenommen. Die unendliche Vielfalt der Formen eröffnet viele Möglichkeiten, wie aus der Vergangenheit Neues entstehen kann. Ein neues Ereignis entsteht durch die kreative Synthese anderer Ereignisse und Formen. Dabei bestimmt sein subjektives Ziel, wie es sich konkretisiert.
Wert ist für Whitehead Bestandteil der Wirklichkeit. Jedes Einzelwesen hat einen subjektiven Eigenwert und einen objektiven Wert für die äußere Welt. Gottes Zweck ist das Erreichen von Wert in der zeitlichen Welt. Gott ist das zeitlose Prinzip der Harmonie und das Maß der ästhetischen Konsistenz der Welt. Die moralische Ordnung ist dabei ein Aspekt der umfassenderen ästhetischen Ordnung.
Das Böse entsteht durch die Kreativität, weil Freiheit auch ein Verfehlen der Harmonie ermöglicht. Vollständiger Determinismus würde zwar vollständige Übereinstimmung, aber auch Stillstand bedeuten. Das Böse ist nach Whitehead instabil, weil in der Welt ein Streben zur Rückkehr in die Harmonie wirkt. Der Prozessgedanke löst außerdem den Gegensatz von Körper und Geist auf: Körper und Geist sind keine getrennten Substanzen, sondern unterschiedliche Aspekte von Ereignisprozessen. Dinge wie ein Stein erscheinen stabil, obwohl ihre zugrunde liegenden Ereignisse sich fortwährend verändern.
Religiöse Wahrheit und spätere Entwicklung
Religiöse Wahrheiten dürfen nach Whitehead nicht im Widerspruch zum naturwissenschaftlichen Wissen stehen. Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft entstehen vor allem dann, wenn eine Theologie dogmatisch erstarrt und neue Einsichten abweist. Deshalb kann weder die Theologie vor der Wissenschaft noch die Wissenschaft vor der Theologie geschützt werden.
Religiöse Wahrheiten müssen kohärent, also widerspruchsfrei und zusammenhängend, sein. Sie beziehen sich ausdrücklich auf Werte und geben der Existenz Bedeutung. Diese Bedeutung ist oft gefühlsmäßig erfahrbar, aber sprachlich zunächst nur unvollkommen ausdrückbar. Begriffe müssen sich weiterentwickeln, damit sie Erfahrungen angemessen erfassen können. Starre Dogmen bedeuten Stillstand; keine Lehre darf absolute Endgültigkeit beanspruchen. Religionen bleiben nur lebendig, wenn sie für neue Einsichten offen sind und ihre eigene Entwicklungsgeschichte verstehen.
In Prozess und Realität betont Whitehead zusätzlich die Kreativität als eigenständige Antriebskraft der Welt, der auch Gott unterliegt. Außerdem entwickelt er dort deutlicher die Bipolarität Gottes: Gott besitzt eine unveränderliche „Urnatur“, die Zweck und Ziel der Welt bestimmt, und eine „Folgenatur“, durch die Gott in der Welt enthalten und von ihrem Werden abhängig ist. Die Liebe erscheint als eine langsam und still wirkende Kraft, die weder herrscht noch unbewegt ist.
Wie entsteht Religion? gilt als Ausgangspunkt der Prozesstheologie. Diese Richtung knüpft an Whiteheads Prozessphilosophie und an ihre religionsphilosophische Deutung an, besonders durch Charles Hartshorne. Auch einige Naturwissenschaftler und jüdische Theologen entwickelten prozessorientierte oder panentheistische Ansätze mit Bezug zu Whitehead.