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Prozess und Realität
Wirkliche Einzelwesen haben eine Innenperspektive (Subjekt) und eine Außenperspektive (Objekt). ... Religion) ist menschliche Kultur nicht denkbar.“ …
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Ziel
Prozess und Realität ist ein 1929 in New York unter dem Originaltitel Process and Reality: An Essay in Cosmology erschienenes Werk Alfred North Whiteheads. Es entstand aus den Gifford Lectures von 1927/28 an der Universität Edinburgh und gilt zusammen mit Wissenschaft und moderne Welt (1925) und Abenteuer der Ideen (1933) als philosophisches Hauptwerk Whiteheads. Die deutsche Übersetzung erschien 1979.
Das Werk behandelt Metaphysik, Naturphilosophie und Erkenntnistheorie. Whitehead will ein „kohärentes, logisches und notwendiges System allgemeiner Ideen“ entwerfen, „auf dessen Grundlage jedes Element unserer Erfahrung interpretiert werden kann“ (PR 31). Damit meint er eine spekulative Philosophie, die Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften, Religion und Alltagserfahrung nicht trennt, sondern in einem gemeinsamen Begriffssystem versteht. Dieses System bleibt für ihn grundsätzlich vorläufig und muss durch neue Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse korrigierbar sein.
Der Kern seiner Philosophie ist: Die Wirklichkeit besteht nicht zuerst aus festen Substanzen oder passiver Materie, sondern aus Prozessen, Ereignissen und Relationen. Whitehead beschreibt die Welt als einen ganzheitlichen, strukturierten und schöpferischen Organismus. Sein „ontologisches Prinzip“ besagt, dass es in der Wirklichkeit nichts gibt, was nicht auf wirkliche Einzelwesen oder wirkliche Ereignisse bezogen ist. Abstrakte Begriffe, Modelle und Theorien dürfen daher nicht mit der konkreten Wirklichkeit verwechselt werden. Whitehead nennt diesen Fehler den „Trugschluß der unzutreffenden Konkretheit“ (fallacy of misplaced concreteness).
Aufbau und Methode
Prozess und Realität ist nicht linear aufgebaut. Whitehead entwickelt seine Begriffe nicht einfach Schritt für Schritt, sondern kehrt mehrfach zu denselben Themen zurück und betrachtet sie aus verschiedenen Perspektiven. Dadurch wirkt das Werk zirkulär und ist schwer verständlich.
Es ist in fünf Hauptteile gegliedert: Erstens „Das spekulative Schema“, zweitens „Diskussion und Anwendung“, drittens „Die Theorie des Erfassens“, viertens „Die Theorie der Ausdehnung“ und fünftens „Abschließende Interpretation“. Im ersten Teil stellt Whitehead sein Kategorienschema vor, also eine Reihe grundlegender Begriffe und Aussagen, die sein metaphysisches System tragen. Die späteren Teile erklären und entfalten diese Grundstruktur.
Ein besonderes Problem ist für Whitehead die Sprache. Sprache ist eine symbolische Abstraktion und kann einzelne Phänomene bezeichnen, aber niemals vollständig beschreiben. Begriffe sind selbst schon Vereinfachungen. Besonders kritisch sieht Whitehead die grammatische Subjekt-Prädikat-Form, weil sie nahelegt, dass es feste Substanzen mit Eigenschaften gebe. Daraus entsteht für ihn die traditionelle Substanzmetaphysik, die er überwinden will.
Kategorien, Ereignisse und Relationen
Whiteheads Kategorienschema soll seine Metaphysik kohärent und adäquat machen. Kohärent heißt: Die Begriffe dürfen einander nicht widersprechen. Adäquat heißt: Sie müssen auf die Erfahrung anwendbar sein. Die oberste Kategorie ist die „Kategorie des Elementaren“ (category of the ultimate). Zu ihr gehören Kreativität sowie das Zusammenspiel von Einheit und Vielheit. Kreativität ist für Whitehead die grundlegende Kraft des Werdens: Aus vielen Elementen entsteht immer wieder eine neue Einheit.
Die Welt besteht aus „wirklichen Einzelwesen“ oder „wirklichen Ereignissen“ (actual entities, actual occasions). Whitehead definiert sie als „die letzten realen Dinge, aus denen die Welt zusammengesetzt ist“ (PR 57–58). Man kann nicht hinter sie zurückgehen, um etwas Wirklicheres zu finden. Sie sind keine dauerhaften Dinge, sondern kurze Prozesse oder „Pulse der Erfahrung“. Ein Tisch, ein Mensch oder ein Stern bestehen daher nicht aus ruhender Materie, sondern aus Abfolgen von Ereignissen. Der Eindruck von Dauer entsteht durch wiederholte, ähnliche Ereignisse.
Jedes wirkliche Ereignis hat einen physischen und einen geistigen Pol. Der physische Pol ist durch Wirkursachen bestimmt, der geistige durch Zweckursachen und Möglichkeiten. Deshalb ist die Trennung von Geist und Körper für Whitehead keine Grundstruktur der Wirklichkeit. Auch Subjekt und Objekt sind keine festen Gegensätze. Ob etwas Subjekt oder Objekt ist, hängt von der Perspektive innerhalb eines Prozesses ab.
Eine Gruppe wirklicher Ereignisse heißt Nexus. Ein Nexus ist ein Zusammenhang innerer Beziehungen. Auch Dinge wie ein Stein, ein Lachen oder sogar ein Punkt können als Nexus verstanden werden. Größere und geordnete Nexus nennt Whitehead „Gesellschaften“. Eine Gesellschaft ist mehr als die Summe ihrer Teile, weil sie ein gemeinsames Formelement oder definierendes Charakteristikum besitzt. Beispiele sind Elementarteilchen, Moleküle, Kristalle, Pflanzen, Tiere oder Menschen.
Neben wirklichen Ereignissen gibt es „zeitlose Gegenstände“ oder „ewige Objekte“ (eternal objects). Das sind Möglichkeiten oder abstrakte Formen, die in wirklichen Ereignissen real werden können, etwa Farben, Klänge, Gerüche oder geometrische Eigenschaften. Rot existiert nicht unabhängig als konkrete Wirklichkeit, sondern nur als Möglichkeit, die in etwas Rotem verwirklicht wird.
Erfassen, Wahrnehmung und Bewusstsein
Ein zentraler Begriff ist „Erfassen“ (prehension). Damit meint Whitehead nicht einfach bewusstes Wahrnehmen, sondern jede Weise, in der ein wirkliches Ereignis andere Ereignisse aufnimmt, verarbeitet oder ausschließt. In jedem Erfassen wirken ein empfindendes Subjekt, anfängliche Daten, negative Auswahl, ein objektives Datum und eine subjektive Form zusammen. Das subjektive Ziel bestimmt, worauf ein werdendes Ereignis hinausläuft.
Wahrnehmung ist bei Whitehead kein passives Zuschauen eines Betrachters. Sie ist ein Austauschprozess in der Natur. Er unterscheidet drei Formen: Die „kausale Wirksamkeit“ (causal efficacy) ist die grundlegende, oft unbewusste Aufnahme von Wirkungen, etwa beim Blinzeln vor grellem Licht. Die „vermittelnde Unmittelbarkeit“ (presentational immediacy) ist die klarere Wahrnehmung der gleichzeitigen Welt, etwa von Farben, Formen und räumlichen Lagen. Der „symbolische Bezug“ verbindet beide Formen und ist für menschliches Denken und Kultur wichtig, zum Beispiel in Sprache, Kunst, Wissenschaft oder Religion.
Bewusstsein ist für Whitehead nicht die Grundlage aller Erfahrung, sondern ein späteres und höheres Ergebnis von Erfahrungsprozessen. Viele Erfahrungen laufen unbewusst ab. Bewusstsein entsteht in der Synthese physischer und geistiger Vorgänge und setzt symbolischen Bezug voraus. Es erfasst immer nur einen Teil der Wirklichkeit. Whitehead beschreibt es bildhaft: „Das Bewußtsein flackert“; selbst im klarsten Bereich gebe es nur ein kleines Zentrum deutlicher Erleuchtung und daneben ein großes Feld halbdunkler Erfahrung (PR 486).
Auch das Subjekt versteht Whitehead anders als die Tradition. Es ist keine bleibende Substanz, sondern die Innenperspektive eines wirklichen Ereignisses. Am Ende seines Werdens wird ein Ereignis zum „Superjekt“, also zu einem Ergebnis, das für andere Ereignisse objektiv werden kann. Ein wirkliches Einzelwesen ist daher „Subjekt-Superjekt“: Es erfährt und wird zugleich selbst zu etwas Erfahrenem.
Kosmos, Naturordnung und Zeit
Whiteheads Kosmologie soll die ganze Erfahrung umfassen: Naturwissenschaft, Wahrnehmung, Erinnerung, Energie, Ausdehnung, moralische, ästhetische und religiöse Interessen. Gegen das mechanistische Weltbild von Galilei bis Newton setzt er die Vorstellung der Natur als eines sich ständig schöpferisch entwickelnden Gesamtorganismus. Die Natur besteht nicht aus isolierten Dingen, sondern aus verbundenen Prozessen.
Ordnung entsteht durch subjektive Ziele wirklicher Ereignisse. Gesellschaften bilden dabei stabile Strukturen. Whitehead beschreibt eine Hierarchie: das extensive Kontinuum als reine Ausgedehntheit, geometrische Gesellschaften, elektromagnetische Gesellschaften, physiologische Gesellschaften und schließlich die psychologische Physiologie der Person. Leben entsteht dort, wo Gesellschaften genügend komplex und zugleich flexibel sind, um auf ihre Umwelt zu reagieren. Leben enthält für Whitehead Selbsterhaltung, Spontaneität, Kreativität und Zweckverfolgung. Zugleich betont er zugespitzt: „Leben ist Räuberei“ (PR 204), weil lebende Gesellschaften für Ernährung und Stoffwechsel auf anderes Leben angewiesen sind.
Die Theorie der Ausdehnung ergänzt die Theorie des Erfassens. Raum und Zeit sind nicht unabhängige Behälter, sondern Strukturen von Relationen. Das „extensive Kontinuum“ bezeichnet den Zusammenhang möglicher Ausdehnung, Teilung, Berührung und Überlappung. Wirkliche Ereignisse sind jedoch atomistisch: Sie sind konkrete Einheiten, nicht unbegrenzt teilbare Kontinuitäten. Punkte sind für Whitehead keine einfachen ausdehnungslosen Gegebenheiten, sondern abstrakte Konstruktionen aus Relationen.
Whiteheads Zeittheorie heißt epochale Theorie der Zeit. Zeit wird als Dauer erfahren, nicht als bloße Reihe ausdehnungsloser Zeitpunkte. Das Werden eines wirklichen Ereignisses hat keine innere zeitliche Abfolge, sondern ist ein ganzheitlicher Akt der Konkreszenz. Erst das erfüllte Ereignis hat eine Dauer und kann für andere Ereignisse objektiv werden. Der Übergang von Ereignis zu Ereignis bildet die Geschichte der Welt.
Gott, Einflüsse und Rezeption
Whiteheads Gottesbegriff ist philosophisch, nicht aus Offenbarung abgeleitet. Da es nach seinem ontologischen Prinzip keine Schöpfung aus dem Nichts geben kann, ist Gott Teil der wirklichen Welt und steht nicht einfach außerhalb von ihr. Gott ist selbst ein wirkliches Ereignis mit einer Doppelnatur. Die „Urnatur Gottes“ enthält die zeitlosen Gegenstände, also den Raum der Möglichkeiten. Die „Folgenatur Gottes“ nimmt die verwirklichten Ereignisse der Welt auf. Gott verändert sich daher mit der Welt: Er ist ein „werdender Gott“.
Gott zwingt die Welt nicht, sondern ermöglicht Neues. Whitehead spricht von „Lockung“ oder „Überredung“: Gott stellt den wirklichen Einzelwesen Möglichkeiten bereit, sodass Freiheit und Entscheidung möglich werden. Zugleich bewahrt Gott die vergangenen Ereignisse in seiner Folgenatur. Berühmt ist Whiteheads Formulierung, Gott sei „der große Begleiter – der Leidensgefährte, der versteht“ (PR 626).
Whitehead diskutiert viele frühere Philosophen, vor allem Platon, Aristoteles, Descartes, Newton, Locke, Leibniz, Hume und Kant. Platon ist für ihn besonders wichtig; von ihm stammt auch Whiteheads bekannte Charakterisierung der europäischen philosophischen Tradition als „einer Reihe von Fußnoten zu Platon“ (PR 91). Aristoteles kritisiert er wegen der Substanz-Attribut-Lehre, Descartes wegen der Trennung von Körper und Geist, Newton wegen absoluter Raum- und Zeitvorstellungen, Hume wegen einer zu engen Wahrnehmungslehre und Kant wegen der Vorstellung, die objektive Welt sei ein theoretisches Konstrukt aus subjektiver Erfahrung.
Die Rezeption war gemischt. Viele Kritiker betonten die Schwierigkeit und Dunkelheit der Terminologie. Bertrand Russell sagte, Whiteheads Philosophie sei sehr dunkel und enthalte vieles, was er nie verstanden habe. Andere warfen Whitehead Unklarheiten, Inkonsistenzen oder einen freien Umgang mit Philosophiegeschichte vor. Zugleich beeinflusste das Werk besonders die Prozesstheologie, etwa bei Charles Hartshorne, John B. Cobb und David Ray Griffin, sowie Debatten in Naturphilosophie, Systemtheorie, Biologie, Kulturtheorie, Pragmatismus und neueren Diskussionen zu Quantenphysik und Bewusstsein.