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White Supremacy

Der Ausdruck dient als Sammelbezeichnung für eine Vielzahl rassistisch ideologischer Systeme, die das überholte Konzept der „Menschenrassen“ zugrunde legen, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Entstehung in der Sklaverei
  3. 3. Nach dem Ende der Sklaverei
  4. 4. Systemische Bedeutung in der Critical Race Theory
  5. 5. Kritik am erweiterten Konzept
  6. 6. White Supremacy in postkolonialen Theorien

Begriff und Bedeutung

White Supremacy bedeutet „weiße Vorherrschaft“ oder „Überlegenheit der Weißen“. Der Begriff bezeichnet rassistische Ideologien, die davon ausgehen, dass Menschen mit europäischen Vorfahren grundsätzlich anderen Menschen überlegen seien. Daraus wird ein Anspruch auf eine privilegierte Stellung, Macht und Herrschaft abgeleitet. Grundlage ist das überholte Konzept verschiedener „Menschenrassen“.

White Supremacy ist eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche rassistische Systeme. Dazu zählen unter anderem die nationalsozialistische Rassenlehre, die Rassenideologie des südafrikanischen Apartheid-Regimes und heutige Bewegungen wie die Alt-Right. Viele amerikanische Historiker und Politologen verwenden den Ausdruck statt des allgemeineren Begriffs „Rassismus“, weil er die behauptete Vorrangstellung der Weißen sowie die damit verbundenen Macht- und Herrschaftsverhältnisse ausdrücklich benennt.

Entstehung in der Sklaverei

In den Vereinigten Staaten liegen die Ursprünge der White-Supremacy-Ideologie in der Sklaverei, die bis zum Ende des Sezessionskriegs bestand. Pflanzer bauten eine auf der Arbeitskraft afroamerikanischer Sklaven beruhende Plantagenökonomie auf. Diese machte sie wohlhabend und politisch mächtig. Die Ideologie der White Supremacy rechtfertigte ihre Stellung und die Unterordnung anderer Menschen.

Nach dem US-Historiker Ira Berlin prägte dieses System nicht nur das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen. Es deutete menschliche Beziehungen allgemein als Herrschafts- und Unterwerfungsverhältnisse, etwa zwischen Eltern und Kindern, Männern und Frauen oder Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Die Pflanzer verstanden ihre Gesellschaft als paternalistisch. „Paternalistisch“ bedeutet hier, dass soziale Beziehungen durch angeblich väterliche Fürsorge, zugleich aber durch Ungleichheit und Autorität bestimmt wurden. Die Pflanzer sahen sich als Herren und als wohlwollende Familienväter, die auch für ihre Sklaven verantwortlich seien. Sie teilten monatliche „Rationen“ zu und machten zu Weihnachten Geschenke. Die Plantage wurde als gemeinsames Unternehmen dargestellt, in dem Herr und Sklaven angeblich zum beiderseitigen Vorteil verbunden seien.

Dieses Familienbild entwickelte sich allmählich. In der frühen Kolonialzeit galten Sklaven zunächst vor allem als unverzichtbare, aber widerspenstige Arbeitskräfte. Im Laufe von etwa 200 Jahren entstand das Stereotyp des dauerhaft unreifen, „heranwachsenden“ Sklaven. Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte diese Vorstellung ihre größte Bedeutung, als die Sklaverei durch innere Widersprüche brüchig wurde und durch den Abolitionismus bedroht war.

Mit dem Alltag auf den Plantagen stimmte die Ideologie meist nicht überein. Disziplin wurde weiterhin mit der Peitsche durchgesetzt. Sklaven widersetzten sich dem Arbeitsregime, indem sie sich krankstellten, Arbeit sabotierten, Werkzeuge zerstörten, Arbeitstiere verletzten oder flohen. Der angebliche Fürsorgeanspruch diente außerdem dazu, Wohnverhältnisse, Ernährung, Lebensweise, Familienbeziehungen und religiöses Leben der Sklaven bis in intime Bereiche zu kontrollieren.

Nach dem Ende der Sklaverei

Nach dem Ende des Sezessionskriegs und der endgültigen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865 entstand der Ku-Klux-Klan. Er versuchte, die Gleichstellung der nun freien Afroamerikaner durch Terror zu verhindern, und setzte sich für Rassentrennung ein.

White-Supremacy-Ideologien verbreiteten sich auch in einigen kleinen amerikanischen Glaubensgemeinschaften. Die Christian-Identity-Bewegung betrachtet die angelsächsische beziehungsweise nordische „Rasse“ als „Gottes auserwähltes Volk“. Ihre Mitglieder traten seit 1984 mehrfach durch rassistische und antisemitische Gewaltakte hervor. Das 1973 gegründete Creativity Movement fordert eine „weiße Religion“ und die Ausweisung aller Andersfarbigen aus den USA. Die Ásatrúar beziehungsweise „Odinisten“ lehnen die Ideologie mehrheitlich ab; ein kleiner Teil der White Supremacists bekennt sich jedoch zu dieser neuheidnischen Religion.

Eine der ältesten White-Supremacy-Organisationen der USA ist der Pioneer Fund, gegründet am 11. März 1937 von Wickcliffe Preston Draper. Draper behauptete, Schwarze seien anderen „Rassen“ genetisch unterlegen, und forderte ihre Umsiedlung nach Afrika. Der erste Präsident, Harry Laughlin, war Autor eines Buches über eugenische Sterilisation in den Vereinigten Staaten. Laughlin und der zweite Präsident Frederick Osborn waren in Eugenikprogramme der Nationalsozialisten in den späten 1930er Jahren verstrickt. Der Fund finanzierte Forschungen, die White Supremacy stützen sollten. William Bradford Shockley erhielt dafür mindestens 170.000 Dollar; auch John Philippe Rushton wurde bei Forschungen über die intellektuellen Fähigkeiten verschiedener „Rassen“ finanziell unterstützt. Nach Angaben des Southern Poverty Law Center war der Pioneer Fund 2013 noch aktiv.

George Lincoln Rockwell, Gründer der American Nazi Party, prägte in den 1960er Jahren in Anlehnung an „Black Power“ das Schlagwort „White Power“. Es ist in der amerikanischen Neonazi- und Skinhead-Szene weiterhin verbreitet. Außerdem versuchten mehrere Rassisten offenbar, Barack Obama bereits vor der Präsidentschaftswahl am 4. November 2008 zu ermorden. In amerikanischen Gefängnissen ist die Ideologie durch die Aryan Brotherhood, ein Netzwerk krimineller rassistischer Gangs, präsent.

Systemische Bedeutung in der Critical Race Theory

In der Critical Race Theory bezeichnet White Supremacy nicht nur offen rassistische Gruppen. Der Begriff kann auch ein politisches, kulturelles und soziales System beschreiben, in dem Weiße wirtschaftliche Ressourcen und Macht kontrollieren und Nicht-Weiße alltäglichen Rassismuserfahrungen ausgesetzt sind. Damit ist eine Form von systemischem Rassismus gemeint.

Frances Lee Ansley definiert „weiße Vorherrschaft“ als ein politisches, wirtschaftliches und kulturelles System, in dem Weiße in überwältigendem Maß Macht und materielle Ressourcen kontrollieren. Zugleich seien bewusste und unbewusste Vorstellungen weißer Überlegenheit und eines weißen Anspruchs weit verbreitet. Beziehungen zwischen weißer Dominanz und nicht-weißer Unterordnung würden täglich in vielen Institutionen und sozialen Zusammenhängen ausgeübt.

Kritik am erweiterten Konzept

Mike Cole kritisiert das Verständnis von White Supremacy in der Critical Race Theory aus marxistischer Perspektive. Der Begriff werde teilweise von historischen und materiellen Bedingungen getrennt verwendet. Dadurch könne aus dem Blick geraten, wie Rassismus historisch mit dem Kapitalismus verbunden ist.

Aus marxistischer Sicht ist „Rassifizierung“, also die Einteilung von Menschen nach Herkunft, Aussehen oder Lebensweise, eine soziale Konstruktion. Herrschende Politik oder kapitalistische Unternehmen könnten solche Einteilungen nutzen, um die Arbeiterschaft zu spalten und leichter zu lenken.

Cole bemängelt außerdem, der Ausdruck könne den Eindruck erwecken, alle Weißen gehörten zu einer einheitlichen, hegemonialen Gruppe. Dadurch werde übersehen, dass viele Weiße aus der Arbeiterklasse ebenso wie Nicht-Weiße zu den unteren Gesellschaftsschichten gehören und schlechtere Lebenschancen haben als die oberen Schichten. Er hält es zudem für kontraproduktiv, White Supremacy als allgemeine Erklärung von Rassismuserfahrungen zu verwenden, wenn rassistische Verhältnisse durch eine Überwindung kapitalistischer Produktionsweisen verändert werden sollen. Dafür müsse sich die gesamte Arbeiterklasse vereinigen; eine solche Einigung gegen eine behauptete White Supremacy sei jedoch wahrscheinlich schwierig. Conor Friedersdorf kritisiert ähnlich, dass die akademische Bedeutung des Begriffs von seiner Alltagsbedeutung abweiche und in öffentlichen Debatten missverstanden werden könne.

White Supremacy in postkolonialen Theorien

Die Critical Whiteness Studies, also die kritische Weißseinsforschung, untersuchen White Supremacy im Zusammenhang mit Kolonialismus, Rechtsextremismus und Apartheid. Sie richten den Blick nicht nur auf ausdrücklich gesetzte Normen des Weißseins als Form von Macht und Herrschaft. Nach bell hooks geht es auch darum, dass Normen, die in von Weißen dominierten Gesellschaften entstehen, als überlegen, zugleich aber als neutral und normal verallgemeinert werden.

Dadurch erscheinen diese Normen objektiv und entziehen sich der kritischen Prüfung. White Supremacy kann so weiße Privilegien verdecken und sie für weiße Positionen unsichtbar machen. Die Machtverhältnisse werden teilweise mythisch verschleiert, während die Folgen der Normierung des Weißseins für Menschen, die nicht als weiß wahrgenommen werden, als Gewaltstruktur bis hin zum „Terror“ erfahrbar bleiben.

Diese Macht zeigt sich laut der Darstellung auch an Universitäten: Die weiße Norm beeinflusst, wer zu Wort kommt, welches Wissen als objektiv gilt und wer im Zentrum des Diskurses steht. Wissen von nicht als weiß wahrgenommenen Menschen wird dagegen häufig lediglich als persönliche „Erfahrung“ bewertet.

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