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Alltagsrassismus
Als Alltagsrassismus werden allgemein verbreitete und diffuse Alltagsvorstellungen bezeichnet, die auf Basis bestimmter körperlicher Merkmal ein „Wir“ und …
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Begriff und Kennzeichen
Alltagsrassismus bezeichnet weit verbreitete, oft diffuse Vorstellungen und Handlungen im Alltag. Auf Grundlage bestimmter körperlicher Merkmale wird ein „Wir“ von „den Anderen“ abgegrenzt. Dadurch entstehen soziale Praktiken, die die eigene Gruppe als normal darstellen und Menschen, die als anders eingeordnet werden, ausgrenzen.
Nach Siegfried Jäger liegen in einer alltäglichen Situation drei Bedingungen für Rassismus vor: Andersartigkeit wird kategorisiert, die als anders geltenden Menschen werden negativ oder auch positiv bewertet, und es besteht ein Machtungleichgewicht. Der Begriff grenzt sich meist von einem ausdrücklich begründeten Rassismus von Politikern, Autoren, Organisationen oder Medien ab. Forschung und der EU-Untersuchungsausschuss Rassismus und Ausländerfeindlichkeit unterschieden 1990 zwischen Rassismus einer Elite und Rassismus der sozialen Basis. Leiprecht betont dabei einen häufig subtileren Rassismus; Stuart Hall spricht von „Rassismus ohne Rassen“.
Warum Rassismus im Alltag wirksam werden kann
Für Peter L. Berger und Thomas Luckmann ist der Alltag der wichtigste Bereich, in dem Menschen Erfahrungen machen. Kleine Formen von Rassismus können deshalb besonders dauerhaft wirken: Betroffene, Handelnde und Unbeteiligte können sie verinnerlichen. Jürgen Link nennt diesen Vorgang Normalisierung.
Zur Normalisierung tragen einfache, von einer Gruppe geteilte Symbole bei, etwa im Sport. Solche kollektiven Symbole können einfache, mythenhafte und nicht hinterfragte Erklärungen sowie ganze Weltbilder vermitteln. Rassistisches Denken und Handeln bleibt den Beteiligten dann möglicherweise verborgen; sie halten sich oft dennoch für nicht rassistisch.
Die Kritische Weißseinsforschung beschreibt, dass sich „Weiße“ auch in Deutschland als bestimmende Norm und dominante Bevölkerungsgruppe wahrnehmen können. Diese privilegierte Position entsteht durch die Abgrenzung vom Besonderen, Minderen, Anderen oder Fremden. Weil dieses Verhältnis dominant ist, erscheint es alltäglich und unauffällig: Nicht Weißsein wird wahrgenommen, sondern Nicht-Weißsein. Ausgrenzung erfolgt dabei nicht unbedingt absichtlich und wird von „Weißen“ im Alltag oft nicht bemerkt. Fatima El-Tayeb bezeichnet die Schwierigkeit, die eigene machtvolle Wirkung wahrzunehmen, als „Farbenblindheit“.
Forschung und typische Deutungsmuster
Erste Untersuchungen zu Alltagsrassismus gibt es seit Mitte der 1980er Jahre, unter anderem in Großbritannien, den USA und den Niederlanden. Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung führte seit Anfang der 1990er Jahre in der Bundesrepublik kritische diskursanalytische Untersuchungen durch. In „Rassismus im Alltag“ wertete es 22 Tiefeninterviews mit Bürgerinnen und Bürgern deutscher Herkunft aus Westdeutschland aus.
Die Untersuchung vertrat die These, dass Aussagen über Minderheiten und Einwanderer dominant seien und vielfach stark ideologisch geprägt wirkten. Dazu gehörten beispielsweise die Vorstellungen, Einwanderer seien eingeladen worden, verursachten den Niedergang von Stadt oder Nachbarschaft, nähmen Häuser in Beschlag oder missbrauchten die soziale Sicherung. Daneben standen auch scheinbar positive Zuschreibungen wie, eingewanderte Arbeiter arbeiteten hart. Weitere Muster waren die Forderung, sie müssten sich den eigenen Normen und Regeln anpassen, hätten andere Sitten und Gebräuche, und Erziehung solle nur in „unserer“ Sprache stattfinden.
Das Projekt Racism at the Top untersuchte Ende der 1990er Jahre unter Ruth Wodak und Teun A. van Dijk Parlamentsreden in sieben westeuropäischen Staaten. Es fragte, wie offene und verdeckte Formen von Rassismus im politischen Diskurs vorkommen, wie Vorurteile gegenüber AusländerInnen sprachlich reproduziert werden und wie Sprache sie aufdecken und bekämpfen kann.
Alltägliche, institutionelle und strukturelle Formen
Philomena Essed untersuchte neben subtilen Diskriminierungen in alltäglichen Begegnungen ihren Zusammenhang mit institutionellen und strukturellen Formen. Mark Terkessidis erforschte 2004 in Deutschland die Erfahrungen Betroffener, besonders von Migranten zweiter Generation. Er konzentrierte sich auf kleine, scheinbar unwichtige Erlebnisse und fragte nach Erfahrungen bei Staatsbürgerschaft und Zugehörigkeit, kultureller Hegemonie in Familie und Schule sowie auf dem Arbeitsmarkt.
Terkessidis benannte fünf „rassistische Situationen“: Entfremdung sind „Ursprungssituationen“, in denen Menschen erstmals merken, dass ihre Zugehörigkeit bestritten wird. Verweisung meint Fragen wie „Woher kommst du?“, die fortlaufend nahelegen, eine Person gehöre an einen anderen Ort. Entantwortung bezeichnet Klischees wie „südländisches Temperament“, durch die Menschen erklärt wird, wie sie angeblich seien. Entgleichung liegt etwa bei „Sie sprechen aber gut Deutsch“ vor: Einer Person wird ein Defizit unterstellt, während sich die urteilende Person selbst aufwertet. Spekularisation bezeichnet, in Anlehnung an Luce Irigaray, Situationen, in denen Menschen oft auch nonverbal zum negativen Spiegel gemacht werden.
Claus Melter bezeichnete in seiner Studie „Rassismuserfahrungen in der Jugendhilfe“ von 2006 institutionellen und strukturellen Rassismus als alltäglich. Institutioneller Alltagsrassismus sind absichtlich oder unabsichtlich systematisch benachteiligende Praktiken von Institutionen und Organisationen gegenüber rassialisierten, kulturalisierten oder ethnisierten Personen, zum Beispiel unzureichende Förderung im Schulsystem. Struktureller Alltagsrassismus betrifft die durch Rassialisierungs- und Ethnisierungsprozesse beeinflusste Verteilung von Arbeit, Wohnungen und ökonomischen Ressourcen. Ein fremd klingender Familienname kann etwa bei der Suche nach Arbeit, Ausbildung oder Wohnraum diskriminierend wirken. Weitere Beispiele sind abwertende Sprüche, das Übersehen und Ignorieren als fremd wahrgenommener Personen sowie schlechtere Bildungsförderung und daraus folgende Nachteile auf dem Arbeitsmarkt. Solche Handlungen müssen nicht rechtsextrem motiviert sein, sondern können auf verinnerlichten Vorurteilen beruhen.
Situation in Deutschland
Der UN-Sonderberichterstatter zu Rassismus, Githu Muigai, besuchte 2009 Deutschland. Er kritisierte Defizite von Politik und Gesellschaft im Umgang mit Alltagsrassismus. Rassismus werde weiterhin oft mit Rechtsextremismus gleichgesetzt und daher nicht ausreichend wahrgenommen. Auch Polizei, Behörden und Gerichte müssten nach seiner Einschätzung noch einiges tun.
Muigai wertete die Einführung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) als Schritt in die richtige Richtung, hielt das Gesetz aber für reformbedürftig. Als Beispiel nannte er Klagen von Migranten über Diskriminierung durch Vermieter bei der Wohnungssuche. Er forderte außerdem eine bessere personelle Ausstattung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und ihre Präsenz auf Länderebene. Kritisiert wurden auch die geringe Sichtbarkeit von Migranten im öffentlichen Leben und ihre geringe politische Teilhabe. Der ausführliche Bericht zu seinem Besuch erschien im Februar 2010.
Das Statistische Bundesamt erklärte 2017 auf Grundlage des Mikrozensus 2014, dass Menschen mit Migrationshintergrund 2014 seltener in Wohneigentum lebten und pro Quadratmeter eine höhere Bruttokaltmiete zahlten als andere Menschen. Dies wurde nur teilweise mit der häufigeren Wohnlage in Großstädten erklärt, denn auch in Städten zahlten sie höhere Mieten. Eingewanderte Ausländer lebten besonders häufig zur Miete; Spätaussiedler dagegen überdurchschnittlich häufig in Wohneigentum.