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Whataboutism

Whataboutism oder Whataboutismus (von englisch What about …? „Was ist mit …?“, und -ism „-ismus“) ist ein rhetorisches Verfahren, das eine Kritik durch den …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Funktionsweise
  2. 2. Beispiel und verwandte Verfahren
  3. 3. Historische und politische Verwendung
  4. 4. Whataboutism als Propagandamethode
  5. 5. Berechtigte Vergleiche und Grenzen der Kritik

Begriff und Funktionsweise

Whataboutism oder Whataboutismus (englisch „What about …?“, „Was ist mit …?“) ist ein rhetorisches Verfahren, mit dem eine Kritik durch den Hinweis auf andere Missstände relativiert oder das Gespräch vom eigentlichen Thema abgelenkt wird. Eine kritische Frage oder ein Argument wird nicht beantwortet, sondern durch eine kritische Gegenfrage ersetzt. Diese kann ein anderes Sachthema aufgreifen oder die kritisierende Person als Ad-hominem-Argument angreifen und diskreditieren.

Logisch wird Whataboutism meist als Ausprägung des Tu-quoque-Musters („du auch“) eingeordnet. Dabei soll das eigene unlautere Verhalten durch die Unlauterkeit des anderen entschuldigt werden. Das Verfahren widerlegt die ursprüngliche Kritik jedoch nicht. Es kann sogar indirekt eingestehen, dass deren sachlicher Inhalt zutrifft. Die Frage „Und was ist mit …?“ bestreitet häufig eher die moralische Berechtigung des Kritikers als die Richtigkeit seiner Aussage.

Whataboutism verlagert die Kommunikation von der Inhaltsebene auf die Beziehungsebene sowie auf ethische und politische Fragen. A und B versuchen dabei, Themen zu priorisieren und zu hierarchisieren. Deshalb reicht die rein sachlogische Feststellung, B habe auf A nicht geantwortet, nicht immer aus, um die gesamte Kommunikation und soziale Beziehung zu beurteilen. Philosophisch kann Whataboutism als holistische Antwort auf ein reduktionistisches Argument verstanden werden; an sich ist er weder diskriminierend noch abwertend.

Beispiel und verwandte Verfahren

A: „Wir müssen auch in Europa einen Beitrag zur Klimarettung leisten.“

B: „Solange andere Kontinente unkontrolliert CO₂-Emissionen produzieren, bringt es auch nichts, wenn wir uns in Europa damit befassen.“

A ist das Ausgangsargument, B antwortet mit Whataboutism: Statt den Beitrag Europas zur Klimarettung zu erörtern, verweist B auf das Verhalten anderer Kontinente.

Verwandte Ausweichmanöver sind der Themenwechsel und die falsche Ausgewogenheit (Bothsideism). Sowohl Whataboutism als auch der Vorwurf, jemand betreibe Whataboutism, können strategisches Framing sein, also eine gezielte Rahmung eines Themas. Dabei können bereits die Ausgangsthemen selektiv durch Agenda Setting, Framing, Priming oder Cherry-picking ausgewählt werden. Wer von diesen Vorgaben abweicht, kann anschließend selbst als Whataboutist bezeichnet werden. Der Vorwurf kann daher ebenfalls manipulierend sein und der Diskreditierung dienen.

Historische und politische Verwendung

Laut dem Lexikographen Ben Zimmer entstand der Begriff 1974 in Nordirland und wurde in den 1970er Jahren in den USA als sowjetkritischer Topos verwendet. Die Definition des Oxford Living Dictionary lautet: Whataboutism ist „die Technik oder Praxis, auf eine Anschuldigung oder eine schwierige Frage mit einer Gegenfrage zu antworten oder ein anderes Thema aufzugreifen“. Der verwandte Begriff „whataboutery“ kam ebenfalls in den 1970er Jahren auf.

Eine frühe Verwendung findet sich in einem Leserbrief von Sean O’Conaills in The Irish Times. Er kritisierte Menschen, die Fehler der IRA durch Hinweise auf britische Verfehlungen wie den Blutsonntag verteidigten. Drei Tage später verwendete John Healy den Begriff „Whataboutery“. 1978 bezeichnete Michael Bernard in The Age damit die sowjetische Taktik, von Kritik an Menschenrechtsverletzungen abzulenken.

Im Kalten Krieg wurde Whataboutism vor allem der Sowjetunion zugeschrieben. Edward Lucas trug ab einem russlandkritischen Blogbeitrag vom 29. Oktober 2007 zur regelmäßigen Verwendung des Wortes bei; 2008 machte ein Artikel des Economist den Begriff breiter bekannt. Lucas deutete seine erneute Verbreitung als Zeichen einer Rückkehr zur Mentalität des Kalten Krieges und der Sowjetzeit in der russischen Regierung.

Im modernen Russland wurde die Praxis insbesondere bei Kritik an Menschenrechtsverletzungen und anderen Maßnahmen der Regierung beschrieben. Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen in Russland wurden etwa mit Verbrechen der USA im Gefangenenlager Guantanamo beantwortet; die Annexion der Krim wurde mit der militärischen Konfliktlösung im Kosovo gleichgesetzt. Die Methode wurde mit sogenannten „aktiven Maßnahmen“ verbunden, wobei Kritik häufig unbeantwortet blieb. Bei einem NBC-Interview im Sommer 2021 wurde Wladimir Putin mehrfach darauf hingewiesen, dass dieser Diskussionstrick Whataboutismus heiße. Ein CNN-Reporter fragte eine russische Pressesprecherin, ob der Angriff Russlands auf die Ukraine eine Verletzung internationalen Rechts sei. Sie antwortete mit der Gegenfrage, ob der Einmarsch der USA im Irak nicht ebenso eine Verletzung internationalen Rechts darstelle.

Whataboutism als Propagandamethode

Whataboutism ist nicht auf politische oder russlandkritische Zusammenhänge beschränkt. Bereits 1938 nutzte ihn die nationalsozialistische Presse. Nach der Reichspogromnacht erschien am 12. November 1938 in der Oesterreichischen Volks-Zeitung die Schlagzeile: „Londoner Hetze wegen Glasscherben. Aber kein Wort über zerstörte Araberdörfer! Wieder empörende Anpöbelungen in der jüdischen ‚Weltpresse‘.“

Weitere Beispiele sind die mögliche Gegenfrage an den Papst nach pädophilen Priestern, wenn dieser den Syrer Assad kritisiert, oder Oskar Lafontaines Antwort auf die Mauertoten: „Was ist mit den Toten im Mittelmeer?“ Auch im US-Wahlkampf 2016 wurde besonders Donald Trump vorgeworfen, Whataboutism zu betreiben. Im Vergleich zu Trump bezeichnete Alan Cassidy Putin als jemanden, der den Whataboutismus „perfektioniert“ habe. Harald Martenstein unterschied dabei zwischen einem defensiven Vergleich und einem Gegenangriff.

Ein historischer Vergleich wurde auch zum Zarenreich gezogen. Joshua Keating stellte 2014 Äußerungen zur Annexion der Krim denen aus dem Umfeld des Krimkriegs gegenüber. Der Panslawist Michail Pogodin kritisierte damals die vermeintliche Doppelmoral europäischer Kolonialmächte: Sie dürften Kriege führen und Länder besetzen, während Russland daran gehindert werde. Zugleich expandierte Russland in Mittel- und Ostasien weiter.

Berechtigte Vergleiche und Grenzen der Kritik

Der Hinweis auf andere Missstände ist nicht automatisch ein Fehlschluss. Edward Lucas erklärte, Whataboutism könne „keine schlechte Taktik“ sein, wenn er nicht übertrieben werde. Kritik müsse in einen geschichtlichen und geografischen Kontext eingeordnet werden. Ein Land, das die meisten seiner Probleme gelöst habe, verdiene Lob und solle nicht wegen der verbleibenden Probleme vollständig verurteilt werden. Auch ein Verhalten, das internationalen Standards nicht vollständig entspreche, könne in einer bestimmten Umgebung vergleichsweise gut sein. Die Zurückweisung einer als ungerecht empfundenen Kritik durch den Hinweis auf Schwächen der anderen Seite kann deshalb verständlich und sinnvoll sein.

Christian Christensen zufolge kann der Vorwurf des Whataboutismus eine verzerrte Selbstwahrnehmung und doppelte Standards sichtbar machen. So werde die Handlung des Gegners als verbotene Folter bezeichnet, während eigene Maßnahmen „erweiterte Verhörmethoden“ hießen; die Gewalt des Gegners gelte als Aggression, die eigene als Reaktion oder Prävention. Whataboutists können dadurch Widersprüche, Heuchelei und bisher nicht hinterfragte Annahmen offenlegen.

Axel Barceló folgerte, ein Gegenvorwurf könne den begründeten Verdacht ausdrücken, dass die ursprüngliche Kritik nicht der wirklichen Position oder den wahren Gründen des Kritikers entspreche. Abe Greenwald betonte außerdem, dass schon der erste Vorwurf willkürlich und voreingenommen sein könne. Catherine Putz kritisierte dagegen, Whataboutism könne Diskussionen über wichtige Streitfragen eines Landes ausschließen, sobald dieses Land in dem betreffenden Bereich nicht vollkommen sei. Ideale würden zwar selten vollständig erreicht, blieben aber wichtig: „Die Botschaft ist wichtig, nicht der Botschafter.“

Gina Schad sieht im pauschalen Vorwurf des Whataboutismus einen möglichen ideologischen Schutzmechanismus. Er könne Diskussionen abschneiden, „Verschließungen und Echokammern“ fördern und als „Diskussionsstopper“ eine bestimmte Deutungshegemonie sichern. Auch die biblischen Aussagen „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“ (Johannes 8,7), das Gleichnis vom Balken im Auge (Matthäus 7,3) und das Sprichwort „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen“ werden manchmal verglichen. Nigel Warburton unterscheidet sie jedoch vom politischen Whataboutism: Sie erinnern an eigene Schuld, ohne grundsätzlich zu behaupten, dass das Fehlverhalten dadurch weniger schwer wiege. Whataboutery beruht dagegen häufig auf der Annahme, ein Fehlverhalten werde durch ähnliche Taten anderer abgemildert.

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