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Wettrüsten

Unter Wettrüsten oder Rüstungswettlauf versteht man die etappenweise erfolgende militärische Aufrüstung sich antagonistisch gegenüberstehender Staaten oder …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Funktionsweise und Begrenzung
  2. 2. Flottenwettrüsten vor dem Ersten Weltkrieg
  3. 3. Der Rüstungswettlauf im Kalten Krieg
  4. 4. Gegenwärtige Aufrüstung und der griechisch-türkische Konflikt
  5. 5. Rüstungsdynamik im Pazifik

Begriff, Funktionsweise und Begrenzung

Ein Wettrüsten oder Rüstungswettlauf ist die schrittweise militärische Aufrüstung von Staaten oder Bündnissen, die einander feindlich beziehungsweise antagonistisch gegenüberstehen. Es ist ein Teilprozess der Rüstungsdynamik. Jede Seite versucht, ihre militärische Stellung gegenüber der anderen zu sichern oder zu verbessern, und reagiert dabei auf deren tatsächliche oder vermutete Aufrüstung.

In den Internationalen Beziehungen gilt ein Wettrüsten als Variante des Sicherheitsdilemmas: Maßnahmen, mit denen ein Staat seine eigene Sicherheit erhöhen will, können von der Gegenseite als Bedrohung verstanden werden. Diese rüstet daraufhin ebenfalls auf, wodurch sich beide Seiten trotz ihres Sicherheitsbedürfnisses unsicherer fühlen können. Spieltheoretisch ähnelt diese Lage dem Gefangenendilemma.

Rüstungskontrolle soll solche Entwicklungen verhindern oder eindämmen. Dazu dienen internationale Vereinbarungen, welche die Anzahl, Eigenschaften oder Stationierung von Waffen begrenzen. Genannte Beispiele sind START und SORT. Bedeutende historische Rüstungswettläufe bestanden vor dem Ersten Weltkrieg zwischen dem Deutschen Reich und der Triple Entente sowie im Kalten Krieg zwischen dem westlichen und dem östlichen Machtblock.

Flottenwettrüsten vor dem Ersten Weltkrieg

Die Flottengesetze des Admirals Alfred von Tirpitz unter Kaiser Wilhelm II. führten zu einem Wettrüsten zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien. Dieses gilt als eine der Ursachen des Ersten Weltkrieges.

Die britische Marinedoktrin folgte dem sogenannten Two-Power-Standard: Die Royal Navy sollte mindestens so stark sein wie die beiden nächstgrößten Flotten zusammen. Als Beginn des eigentlichen Wettrüstens gilt das im Juni 1900 verabschiedete 2. Flottengesetz, das eine deutliche Vergrößerung der deutschen Flotte vorsah.

Eine wichtige technische Veränderung war der 1905 begonnene Bau des britischen Kriegsschiffs Dreadnought. Es wurde zum Typschiff einer neuen Generation von Großkampfschiffen, den Dreadnoughts. Da es den älteren Schiffstypen überlegen war und diese entwertete, mussten beide Marinen ihre Flotten praktisch neu aufbauen. Dadurch erhielt Deutschland die Möglichkeit, bei der neuen Technik zunächst mitzuhalten.

Der Rüstungswettlauf im Kalten Krieg

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begann im Rahmen der Systemkonfrontation zwischen West und Ost ein Wettrüsten. Auf der einen Seite standen die Vereinigten Staaten und die 1949 gegründete NATO, auf der anderen die Sowjetunion und der Ostblock. Es dauerte bis zur Selbstauflösung des Warschauer Pakts und zum Zerfall der Sowjetunion 1991.

Anfang der 1950er Jahre, während des Koreakriegs, nahmen Umfang und Tempo stark zu. Fast alle Industriestaaten waren beteiligt. Technische Neuerungen ließen vorhandene Waffen, etwa Flugzeuge, schnell veralten und verursachten eine Kostenexplosion. Bei den konventionellen Streitkräften prägten Vollmotorisierung und Verpanzerung, Raketenwaffen, Strahlflugzeuge sowie atomgetriebene Schiffe die Entwicklung. Trotz neuer Atomwaffen sowie chemischer und biologischer Waffen blieben die konventionellen Armeen der größte Kostenfaktor.

Der Westen und besonders die USA besaßen technologisch meist einen Vorsprung. Eine bedeutende Ausnahme war die sowjetische Entwicklung einer funktionsfähigen Interkontinentalrakete, die 1957 den sogenannten Sputnik-Schock auslöste. 1960 nahm die Sowjetunion mit der R-7, einer Weiterentwicklung der Sputnik-Trägerrakete, die weltweit erste Interkontinentalrakete in Betrieb.

Zunächst steigerten beide Seiten vor allem Zahl und Sprengkraft ihrer Kernwaffen. Die beiden im August 1945 eingesetzten US-Atombomben besaßen jeweils eine Sprengkraft von 20 Kilotonnen TNT und töteten einige hunderttausend Menschen. Ab Anfang der 1960er Jahre existierten Wasserstoffbomben mit etwa 20 Megatonnen Sprengkraft; eine einzige hätte eine Großstadt einäschern können. Die Kubakrise von 1962 brachte die USA unter John F. Kennedy und die Sowjetunion unter Nikita Chruschtschow an den Rand eines Krieges. Das wachsende Bewusstsein für die Gefahr eines Atomkriegs führte insbesondere zum Atomteststoppvertrag von 1963.

Danach verlagerte sich der Wettbewerb auf bessere Trägersysteme und höhere Zielgenauigkeit. Interkontinentalraketen ergänzten die abfangbaren Langstreckenbomber. Die Arsenale ermöglichten theoretisch die gegenseitig gesicherte Zerstörung, englisch Mutual assured destruction, und sogar eine mehrfache Vernichtung der Welt, den sogenannten Overkill.

Weil die frühere nuklearstrategische Überlegenheit der USA und der NATO durch die sowjetische Aufrüstung seit Anfang der 1960er Jahre verschwand, löste die flexible response die Doktrin der Massiven Vergeltung ab. Die NATO beschloss sie 1967 offiziell. Auf einen Angriff sollte abgestuft reagiert werden; taktische Nuklearwaffen sollten beispielsweise erst eingesetzt werden, wenn konventionelle Kräfte nicht ausreichten. Damit wollte man einen umfassenden strategischen Schlagabtausch vermeiden. Die praktische Umsetzbarkeit war allerdings umstritten.

Die Sowjetunion legte größeren Wert auf Zivil- und Luftverteidigung als die USA. Sie errichtete mehr Schutzräume, große Bunkersysteme sowie Tausende Flugabwehrraketenstellungen und setzte Abfangjäger und ABM-Systeme ein. ABM bezeichnet Abwehrsysteme gegen ballistische Raketen. Die ABM- und SALT-Verträge von 1972 begrenzten den Ausbau nuklearer Trägersysteme, verhinderten aber weder das Wachstum noch die technische Verbesserung der Arsenale. Beide Seiten führten Mehrfachsprengköpfe ein und besaßen in den 1980er Jahren jeweils ungefähr 10.000 strategische Sprengköpfe. Hinzu kamen Spionagesatelliten, Tarntechnologien und taktische Kernwaffen. Zu den Projekten gehörten die tragbare „Rucksackbombe“ und die später nicht weiterverfolgte Neutronenbombe, die vor allem Menschen durch Neutronenstrahlung töten, die Infrastruktur aber möglichst erhalten sollte.

Ronald Reagan erklärte, er wolle den kommunistischen Block durch das Wettrüsten wirtschaftlich überfordern. 1983 kündigte er das SDI-Projekt an, das die USA gegen sowjetische Angriffe strategisch unverwundbar machen sollte. Nach der erneuten Verschärfung der Konfrontation durch den Afghanistankrieg und den NATO-Doppelbeschluss seit 1979 belastete die Aufrüstung die Sowjetunion und ihre Verbündeten zusätzlich. Mit dem Zerfall der Sowjetunion endete 1991 auch dieses Wettrüsten.

Gegenwärtige Aufrüstung und der griechisch-türkische Konflikt

Der Artikel beschreibt für die Gegenwart ein hochtechnologisches defensives Wettrüsten zwischen den USA und den von ihnen als „Schurkenstaaten“ bezeichneten Ländern, auch wenn dafür kaum noch der Ausdruck Wettrüsten verwendet werde. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass selbst ein unterentwickeltes Land mit wenigen interkontinental einsetzbaren Massenvernichtungswaffen ein hoch entwickeltes Land wirksam bedrohen kann. Die USA versuchen deshalb einerseits, die Herstellung von ABC-Waffen durch Kontrollen zu beschränken. ABC-Waffen sind atomare, biologische und chemische Waffen. Andererseits entwickeln sie Abwehrsysteme, die interkontinental einsetzbare Waffen während des Anflugs zerstören sollen.

Ein regionales Beispiel ist der jahrzehntelange und kostspielige Rüstungswettlauf zwischen Griechenland und der Türkei. Beide Staaten standen zuletzt 1995 am Rand eines Krieges. Dies verstärkte besonders in Griechenland, das militärisch deutlich unterlegen war, die Aufrüstung. Ein 1999 begonnener Dialog sollte nach griechischer Hoffnung den Wettlauf beenden. Griechenland unterstützte auch die EU-Kandidatur der Türkei, weil es sich von einer europäischen Integration einen friedlichen Nachbarn versprach.

Als diese Hoffnungen enttäuscht wurden, verhandelte Griechenland unter anderem über sechs Fregatten, 17 Hubschrauber mit Bewaffnung für geschätzte 3,7 Milliarden Euro, fünf Marineaufklärungsflugzeuge für 250 Millionen Euro sowie 415 russische Schützenpanzer. Griechenland gab jährlich 3 bis 6,4 % seines Bruttosozialprodukts für Rüstung aus, die Türkei mehr als 5 %. Zum Vergleich nennt der Artikel Deutschland mit 1,5 %, die Schweiz mit 1 % und Österreich mit 0,9 %. Bis Ende 2011 führte selbst die griechische Finanzkrise weder zu einer Verkleinerung der ungefähr 130.000 Mann starken Armee noch zur Abrüstung militärischen Geräts.

Rüstungsdynamik im Pazifik

Im Pazifik wird das Wettrüsten besonders durch Chinas Territorial- und Rohstoffkonflikte mit mehreren Nachbarn geprägt. China erhöhte seine Rüstungsausgaben stark, besonders 2009 und 2010. Während die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und 2009 den Machtanspruch der USA erschütterte, ging China nach Darstellung des Artikels gestärkt aus ihr hervor.

Der damalige US-Verteidigungsminister Robert Gates sah die wichtigste Gefahr nicht in einem symmetrischen Vergleich „Flugzeug für Flugzeug, Schiff für Schiff“. Entscheidend sei vielmehr Chinas Fähigkeit, die Bewegungsfreiheit und die strategischen Möglichkeiten der USA einzuschränken. Der Ausbau von Marine und Luftwaffe dient dem strategischen Ziel des access denial: China möchte den USA den Zugang zu den Seegebieten vor seiner Küste verwehren. Genannt werden der flugfähige Tarnkappenbomber J-20, die ballistische Anti-Schiffs-Rakete Dongfeng 21D und der am 25. September 2012 in Dienst gestellte Flugzeugträger Liaoning.

Während des Taiwan-Konflikts 1995/1996 entsandten die USA zwei Flugzeugträgerverbände in die Straße von Taiwan, um China von einem Angriff abzuhalten. Viele Beobachter nehmen an, China wolle Taiwan eines Tages erobern. Auch im Südchinesischen Meer macht China inoffiziell nationale Kerninteressen geltend. Bei einem Treffen des ASEAN Regional Forum im Juli 2010 in Hanoi bot die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton amerikanische Vermittlung in den Territorialkonflikten an. China warnte die südostasiatischen Staaten vor der Zusammenarbeit mit äußeren Mächten. Zugleich verstärkten Thailand, Singapur, Indonesien und die Philippinen ihre Beziehungen zu Washington. Auch Vietnam führte gemeinsame Manöver mit den USA durch und erlaubte amerikanischen Kriegsschiffen wieder die Nutzung des Marinestützpunkts Cam Ranh Bay.

Weitere Rüstungsdynamik entsteht durch den Konflikt zwischen Nord- und Südkorea. Nach 2013 veröffentlichten SIPRI-Daten für 2008 bis 2012 gingen 74 % der chinesischen Waffenlieferungen an Länder in Asien und Ozeanien. 55 % der chinesischen Waffenexporte gingen an Pakistan. China unterstützt damit Pakistan im Rüstungswettlauf mit Indien. Zwischen Indien und Pakistan bestehen seit ihrer Entstehung aus Britisch-Indien im August 1947 Spannungen, insbesondere im Kaschmir-Konflikt. China verfolgt in Pakistan neben wirtschaftlichen auch strategische Interessen.

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