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Wertheriaden
Die Leiden des jungen Werther war Goethes größter Publikumserfolg. Der Roman traf zur Zeit seines Erscheinens das Lebensgefühl seiner Generation. Das darin …
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Begriff und Bedeutung
Als Wertheriaden bezeichnet man Werke, die sich am Vorbild von Johann Wolfgang Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers orientieren. Die produktive Rezeption begann unmittelbar nach der Veröffentlichung des Romans im Jahr 1774. Sie umfasst Lyrik, Drama und Prosa ebenso wie Oper, Lied, Ballett und später den Film.
Im Mittelpunkt steht meist eine Figur nach dem Muster Werthers: ein stark empfindsamer, hochgradig individualistischer und häufig narzisstischer Mensch, der an einem Konflikt zwischen innerem Anspruch und gesellschaftlicher Wirklichkeit leidet. Viele Wertheriaden übernehmen außerdem die monoperspektivische Form des Vorbilds, besonders den Briefroman oder Tagebuchroman. Dadurch wird die Handlung vor allem aus der Sicht der leidenden Hauptfigur vermittelt.
Die Werther-Figur steht für Weltschmerz, Melancholie und eine übersteigerte Emotionalität. Ihre literarischen Wurzeln reichen im Artikel bis zur Vanitas-Stimmung des Barock und zur Empfindsamkeit zurück. Eine wichtige Besonderheit des ursprünglichen Romans ist, dass Werthers Suizid nicht mehr ausschließlich als Sünde tabuisiert, sondern als „Freytod“ im Bereich individueller Freiheit dargestellt wurde. Die Nachahmung der Figur führte außerhalb der Kunst zu Suiziden oder Suizidversuchen; diese Folge wird heute als Werther-Effekt bezeichnet.
Geschichtlicher Hintergrund
Die Leiden des jungen Werthers war Goethes größter Publikumserfolg. Der Roman traf das Lebensgefühl seiner Generation und stieß im Sturm und Drang besonders wegen des darin geschilderten „gefährlichen Extrem[s] des sentimentalischen Charakters“ auf großes Interesse. Die Reaktionen blieben nicht kritisch oder bewundernd: Der zeitgenössische Buchmarkt wurde bald von Nach-, Um- und Weiterdichtungen überflutet.
Die Wirkung beruhte auf der Verbindung von empfindsamer Selbstäußerung, intensiver Individualität und einer offenen Darstellung von Weltschmerz. Seit der Empfindsamkeit konnten sich Individualität und Narzissmus deutlicher artikulieren. Das Motiv der „Krankheit zum Tode“ nach Kierkegaard wird im Artikel in diese Tradition eingeordnet. Die Wertheriaden machten daraus unterschiedliche literarische, musikalische und später filmische Gestaltungen.
Die Rezeption wurde früh international. 1775 erschien die erste französische Übersetzung; Übertragungen in weitere Sprachen führten auch zu eigenständigen Neugestaltungen. Der „deutsche“ Werther entwickelte sich, ähnlich wie der Fauststoff, Schillers Die Räuber und Carl Maria von Webers Oper Der Freischütz, zu einer Ikone der internationalen Populärkultur, deren damaliges Zentrum Paris war. Napoléon Bonaparte beglückwünschte Goethe 1808 zu seinem Werther, den er wie viele Zeitgenossen als Goethes Hauptwerk betrachtete.
Formen und wichtige Varianten
Eine frühe Gegenposition ist Christoph Friedrich Nicolais Freuden des jungen Werthers (1775). Das Werk begegnet Werthers übersteigerter und destruktiver Emotionalität aus aufklärerischer Sicht. Jakob Michael Reinhold Lenz übernahm dagegen stärker die Emotionalität der Figur. Sein Briefroman Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden entstand 1776, wurde aber erst 1797 von Goethe veröffentlicht. Die Werther-Figur heißt dort „Herz“. Goethe hatte zeitweise selbst eine Fortsetzung mit der um die Vorgeschichte erweiterten Figur geplant.
Im französischen Sprachraum entstanden unter anderem Chateaubriands René (1802), Senancours Oberman. Lettres publiées par M. Senancour (1804) und Constants Adolphe. Anecdote trouvée dans les papiers d'un inconnu, et publiée (1806, erschienen 1816). Im italienischen Sprachraum gilt Ugo Foscolos Ultime lettere di Jacopo Ortis (1799) als Beispiel für eine durch die Übersetzung angeregte Neugestaltung.
Wertheriaden konnten ernst oder parodistisch sein. Für Oper und Ballett nennt der Artikel besonders Rodolphe Kreutzers Opéra comique Charlotte et Werther (1792), ein Vaudeville von Georges Duval mit dem Titel Werther ou Les égarements d’un cœur sensible (1817) sowie Jules Massenets berühmte Oper Werther (1892). Eine Oper Verter wurde möglicherweise zwischen 1794 und 1797 von Johann Simon Mayr komponiert, wird jedoch auch Vincenzo Pucitta zugeschrieben. Der narzisstische Held war im damaligen drame lyrique eine beliebte Bühnenfigur.
Im wilhelminischen Zeitalter und im Fin de siècle entstanden im deutschen Sprachgebiet erneut zahlreiche Variationen. Als mögliche Ursachen nennt der Artikel die Vereinnahmung Goethes als Nationaldichter, neo-romantische Strömungen, die Faszination für Krankheit und Tod im Décadence-Bewusstsein sowie psychopathographische und sozialkritische Aspekte des Romans. In Ludwig Jacobowskis Werther, der Jude (1892) scheitert die Hauptfigur am Konflikt zwischen Assimilationswunsch, jüdischer Herkunft und dem wiederaufblühenden Antisemitismus im deutschen Nationalstaat. Der pseudonyme Autor Narkissos schuf 1902 mit Der neue Werther einen homosexuellen Werther. Reinhard Goerings Jung Schuk und Hans Carossas Doktor Bürgers Ende, beide von 1913, zeigen überreflektierte, hochsensible Künstlernaturen, die am Widerspruch zwischen Ich und gesellschaftlicher Realität zugrunde gehen.
Weitere Spuren der Werther-Figur und ihrer Form finden sich laut Artikel im Frühwerk Thomas Manns, in Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910), Hesses Der Steppenwolf (1927), Teilen von Joseph Goebbels’ Michael (1929) und Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns (1963). Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. greift den Stoff politisch akzentuiert auf und drückt das Lebensgefühl der 68er-Bewegung in der damaligen DDR aus. Weitere Varianten sind Karl Heinz Krambergs Werters Freuden (1975), Ines Ecks Werther sagt Lotte (2010), das 2010 am Theater Freiburg uraufgeführt und als Hörspiel im Hessischen und Mitteldeutschen Rundfunk gesendet wurde, sowie Maximilian Heckers popliterarische, introspektive Autobiografie The Rise and Fall of Maximilian Hecker (2012), die im Artikel als moderne Wertheriade verstanden wird.
Auswahl der im Artikel genannten Werke
Die Liste dokumentiert die Entwicklung vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Zu den frühen Beispielen gehören August Cornelius Stockmanns Die Leiden der jungen Wertherinn (1775), August Friedrich von Goués Masuren oder der junge Werther. Ein Trauerspiel aus dem Illyrischen (1775), Carl Ernst von Reitzensteins Lotte bei Werthers Grabe (1775), Ernst August Anton von Göchhausens Das Werther-Fieber, ein unvollendetes Familienstück (1776), Johann Martin Millers Siegwart, eine Klostergeschichte (1776) und Herbert Crofts Love and Madness, a Story too true, in a series of letters between Parties whose names could perhaps be mentioned were they less known or less lamented (1780). Ebenfalls aufgeführt sind Jakob Michael Reinhold Lenz’ Briefe über die Moralität der Leiden des jungen Werthers sowie Der Waldbruder (1776).
Für das 19. Jahrhundert nennt die Liste Heinrich von Kleists Der Neue (glücklichere) Werther (1811), Achim von Arnims Die zerbrochene Postkutsche. Text zu einer komischen Operette (1818), Johann Nestroys Werthers Leiden und seine verlorengegangene Lotte (1847) und Jules Massenets Werther (1892). Hinzu kommen André Calmettes’ Verfilmung Werther (1910), Arnold Mendelssohns Drei Madrigale nach Worten des jungen Werthers (1912), Hans Carossas Doktor Bürgers Ende. Letzte Blätter eines Tagebuchs (1913) und Reinhard Goerings Jung Schuk (1913).
Weitere gelistete Beispiele sind Joseph Goebbels’ Michael – ein deutsches Schicksal (1929), Max Ophüls’ Verfilmung Werther (1938), Thomas Manns Lotte in Weimar (1939), Karl Heinz Stroux’ Verfilmung Begegnung mit Werther (1949), Jerome D. Salingers Der Fänger im Roggen (1951), Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. (1972), Egon Günthers Verfilmung Die Leiden des jungen Werthers (1976), Jacques Doillons Le jeune Werther (1993), Dana Bönischs Rocktage (2003) und Maximilian Heckers The Rise and Fall of Maximilian Hecker (2012).