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Fauststoff
Der Fauststoff, genannt auch Faust-Sage, die Geschichte des Doktor Johann Faust und seines Pakts mit Mephistopheles, gehört zu den am weitesten verbreiteten …
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Kern des Fauststoffs
Der Fauststoff, auch Faust-Sage genannt, erzählt die Geschichte des Doktor Johann Faust und seines Pakts mit Mephistopheles. Er gehört seit dem 16. Jahrhundert zu den am weitesten verbreiteten Stoffen der europäischen Literatur. Über den historischen Johann Georg Faust ist nur wenig sicher bekannt; er lebte wohl etwa 1480–1541. Sein spektakuläres Ende begünstigte die Entstehung von Legenden und ließ späteren Autoren großen Spielraum.
In den meisten Bearbeitungen strebt Faust nach außergewöhnlicher Erkenntnis oder Macht. Dazu kommen der Teufelspakt und erotische Ambitionen. Seit dem 18. Jahrhundert wurde Faust zunehmend als Sinnbild des Menschen verstanden, der seine Grenzen überschreiten will. Im Mittelpunkt steht der Konflikt zwischen religiösem Glauben und wissenschaftlicher Erkenntnis sowie zwischen egozentrischer Selbstverwirklichung und dem Wunsch nach sozialer Anerkennung in einer weiterhin religiös geprägten Welt.
Die literarische Figur verbindet Merkmale verschiedener älterer Gestalten: Prometheus fordert die Götter heraus, Pygmalion will sein Kunstwerk lebendig machen, Don Juan ist ein überheblicher Frauenheld, und der Dottore der Commedia dell’arte verkörpert den gelehrten Schwätzer. Hinzu kommen ältere Teufelspakt-Legenden, etwa um Simon Magus, Theophilus, Basilius und Cyprian. Eine frühe mögliche Bearbeitung des Stoffes findet sich in der um 1200 entstandenen mittelhochdeutschen Vorauer Novelle.
Vom Zauberer zur Bühnenfigur
Seit etwa 1500 schrieben Zauberbücher sogenannte Höllenzwänge, also Zaubersprüche, einem Johann Faust zu. Als der Wunderglaube abnahm, wurde Faust vor allem zu einer literarischen Figur. Er symbolisierte einen Menschen, der sich aus mittelalterlicher Demut befreit, dessen Selbstbewusstsein aber in Hybris, also maßloser Selbstüberschätzung, umschlägt. In dieser frühen Zeit blieb Faust meist ein Narr oder Bösewicht.
Die wichtigste frühe Darstellung ist die 1587 von Johann Spies veröffentlichte Historia Von D. Johañ Fausten / dem weitbeschreyten Zauberer vnnd Schwartzkünstler. Sie berichtet von Fausts Theologie- und Medizinstudium, seiner Zauberei und seinem Bündnis mit dem Teufel, der ihn schließlich in die Hölle mitnimmt. Die anonym verfasste Erzählung ist christlich geprägt, vermittelt ein negatives Faustbild und warnt vor einem nicht gottesfürchtigen Leben. Zwischen 1588 und 1611 wurde sie ins Englische, Niederländische, Französische und Tschechische übersetzt.
Christopher Marlowe dramatisierte die Historia 1589 in The Tragicall History of Doctor Faustus. Seine Faustfigur verlangt anmaßend nach Weltherrschaft, verachtet die Theologie und verschreibt sich der Magie und dem Teufel. Dennoch zeigt Marlowe Sympathie für den Protagonisten. Damit war dies die erste Faustbearbeitung, die der Figur auch positive Seiten gab.
Um 1600 gelangte Marlowes Drama nach Deutschland. Deutsche Wanderbühnen übernahmen es, reduzierten es aber zunehmend auf komische Effekte. Faust wurde zu einer Kasperl ähnlichen Witzfigur. Bühnenfassungen schwankten zwischen dieser komischen Gestalt und einem dämonischen Ungeheuer und verbanden den Stoff oft mit Puppenspiel, Dressur, Ballett und Feuerwerk. Auch die englischen Pantomimen The Necromancer und Doctor Faustus von 1723 reihten Vanitas-Motive aneinander: Verträge, Prognosen, Musik, Tanz, Geldverleih, Prostitution und die heidnische Antike erschienen als Ausdruck von Nichtigkeit und Vermessenheit. In Joseph Anton Stranitzkys Dramatisierung von 1725 wurde Faust dem Wiener Hanswurst gegenübergestellt.
Aufwertung in Aufklärung und Klassik
Seit der Aufklärung setzte eine literarische Aufwertung der Faustfigur ein. Gotthold Ephraim Lessing veröffentlichte 1759 im 17. Literaturbrief Szenen aus einem geplanten, nicht vollendeten Faustdrama. Sein Faust ist ein nach Erkenntnis strebender Renaissancemensch; gerade sein Streben nach Wissen bewahrt ihn vor dem Teufelspakt. Damit konnte Faust als aufgeklärter Künstler und Wissenschaftler erscheinen, ohne grundsätzlich negativ bewertet zu werden.
Viele jüngere Dichter verbanden Faust mit dem Wunsch nach geistigem und sinnlichem Abenteuer in einer eintönigen, überzivilisierten und naturfremden Welt. Gleichzeitig blieb in der Populärkultur die ältere, eindeutig negative Figur erhalten. Sie erschien etwa in Moritaten und spektakulären Bühnenshows wie Doctor Fausts Höllenfarth, die der Pyrotechniker Girandolini 1785 in Hamburg aufführte. Der Stoff konnte außerdem für aufklärerische Satiren genutzt werden, etwa in Friedrich Maximilian Klingers Roman Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt von 1791.
Im 19. Jahrhundert wurde der Stoff in populären Schauerdramen, Opern, Balletten und Travestien weitergeführt. Louis Spohrs Oper Faust von 1816 nutzte ihn vor allem als wirkungsvollen musikalischen Anlass. Charles Gounods Oper Faust von 1859, im deutschen Sprachgebiet aus Rücksicht auf Goethe meist Margarethe genannt, legte den Schwerpunkt auf die Gretchentragödie. Die Vanitas-Symbolik wurde zugleich parodiert, etwa wenn in Franz Xaver Geweys Travestie von 1815 Totenköpfe, Skelette, Folianten, Waffen, Himmelskugeln und Landkarten in Fausts Studierstube lebendig werden und singen.
Johann Wolfgang von Goethes Faust. Eine Tragödie von 1808 wurde zum wichtigsten Werk der Faustdichtung. Goethe beschäftigte sich fast 60 Jahre mit dem Stoff. Er nahm ihm seinen Pessimismus und gab Faust ein zaghaft hoffnungsvolles Ende, ohne ihn dem Religiösen unterzuordnen. Faust erscheint als Renaissancemensch, Humanist und moderner Intellektueller, der sich von kirchlicher Bevormundung befreit hat. Sein zentrales Ziel ist Erkenntnis und Erfahrungsvielfalt: „Daß ich erkenne, was die Welt / im Innersten zusammenhält.“ (Faust I, V. 382/383).
Die Gelehrtentragödie erreicht einen Höhepunkt, als Faust erkennen muss, dass er die gewünschte Welterkenntnis aus eigener Kraft nicht erlangen kann. Goethe rechtfertigt den Pakt dadurch, dass Fausts Gesinnung nicht grundsätzlich verwerflich sei; bereits Lessing hatte die Wissbegier als den edelsten Trieb des Menschen bezeichnet. Goethe verbindet Fausts Erkenntnissuche mit der Gretchentragödie. Gretchen, die von Faust verführt wird, verkörpert reine Unschuld. Mephistopheles sagt über sie: „Über die hab ich keine Gewalt“ (V. 2626). Der zweite Teil, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, erschien 1832 und ist streckenweise eher ein kulturkritischer Essay als ein Bühnenstück.
Politische und moderne Deutungen
Seit dem Fin de Siècle wurde die Figur zum „Faustischen“ verschärft, oft mit nationalistischem Unterton. Diese Entwicklung lässt sich nicht unmittelbar auf Goethe zurückführen. Oswald Spengler sprach 1931 in Der Mensch und die Technik von der „faustischen Kultur“. Im 20. Jahrhundert prägten der Untergang des Ancien Régime und die Erfahrungen der Weltkriege die Auseinandersetzung mit dem Stoff. Dabei konnten sich Kritik an deutscher Bürgerlichkeit, politischer Unterdrückung und gesellschaftlicher Verantwortung mit älteren Motiven verbinden.
Heinrich Mann zeichnete in Professor Unrat (1905) erneut eine negative, anmaßende und lächerliche Faustfigur. Thomas Mann knüpfte in Doktor Faustus (1947) an die Historia von 1587 an, verlegte die Handlung in die Zeit ab 1900 und kritisierte mit Faust die bürgerliche Klasse Deutschlands. Michail Bulgakows Der Meister und Margarita parodiert das Leben im Sowjetreich. Hanns Eisler stellte in seinem 1952 unvertont gebliebenen Opernlibretto Johann Faustus Faust als jemanden dar, der in den Bauernkriegen um 1525 die Rechte der Unterdrückten verrät.
Auch das Puppenspiel erlebte im 20. Jahrhundert eine Wiederbelebung. Das Puppentheater entwickelte sich durch die Hohnsteiner Puppenbühne unter Max Jacob von einer Jahrmarktsunterhaltung zu einer anerkannten Theaterform. Faustspiele blieben auch danach Bestandteil des traditionellen Figurentheaters.
Im 21. Jahrhundert wird der Stoff in internationalen und populären Medien neu kombiniert. Im Anime Mahō Shōjo Madoka Magika übernimmt die Schülerin Madoka die Rolle des Dr. Faustus, während Kyubey Mephistopheles verkörpert und sie zu einem Pakt mit einem freien Wunsch bewegen will. Dafür muss sie ewig Hexen jagen, um nicht selbst zu einer Hexe zu werden. In Black Butler übernimmt der junge Lord Ciel Phantomhive die Faustrolle: Er beschwört den Dämon Sebastian Michaelis, der als Butler jeden Wunsch erfüllen muss, bis Ciels Racheziel erreicht ist und er dessen Seele erhält. Alexander Sokurows Film Faust verbindet eine freie Interpretation von Goethes Faust mit surrealistischen und expressionistischen Bildern, die an den deutschen Expressionismus der 1920er Jahre erinnern.
Verbreitung in Kunst und Medien
Der Fauststoff wurde in nahezu allen wichtigen künstlerischen Medien verarbeitet. Neben Dramen und Erzählungen entstanden Opern, Oratorien, Sinfonien, Lieder, Musicals, Filme, Hörbücher, ein Brettspiel sowie zahlreiche Bilder und Illustrationen. Zu den musikalischen Bearbeitungen der Klassik gehören Ignaz Walters Oper Doktor Faustus von 1797, Louis Spohrs Faust von 1816, Berlioz’ La damnation de Faust von 1845–1846, Liszts Faust-Sinfonie von 1854–1857, Gounods Faust von 1859 und Busonis Doktor Faust von 1916–1925. Hanns Eislers Libretto Johann Faustus entstand 1952, Alfred Schnittkes Oper Historia von D. Johann Fausten 1991–1994.
Auch Pop- und Rockmusik greift den Stoff auf. Beispiele sind Randy Newmans Randy Newman’s Faust (1995), Einstürzende Neubautens Faustmusik (1994), Rudolf Volz’ Rockopern Faust I (1997) und Faust II (2003), Kamelots Saga auf Epica (2003) und The Black Halo (2005) sowie Titel von Muse, Radiohead, Emigrate und Bushido. Die niederländische Black-Metal-Band Urfaust bezieht ihren Namen auf Goethes Urfaust.
Im Film reicht die Verarbeitung von Georges Méliès’ La Damnation de Faust (1903) über Friedrich Murnaus Faust – eine deutsche Volkssage (1926), Verfilmungen von Goethes Faust I und Adaptionen von Marlowe bis zu modernen freien Bearbeitungen wie Teuflisch (2000), The Last Faust (2019) und Sokurows Faust (2011). Als erstes deutschsprachiges kommerzielles Hörbuch gilt die Schallplattenproduktion Faust I von 1954. 1998 erschienen außerdem Aufnahmen von Faust I und Faust II in Gründgens-Inszenierungen auf jeweils zwei CDs. Das Brettspiel Dr. Faust – Nur wer verteufelt denkt, gewinnt erhielt 1994 den Sonderpreis Schönes Spiel beim Spiel des Jahres.
Die bildende Kunst konzentriert sich häufig auf Faust, Mephistopheles und Gretchen sowie auf Schlüsselszenen wie das Studierzimmer, Fausts Begegnung mit dem Erdgeist, die Flucht mit Mephisto und die Gretchentragödie. Genannt werden unter anderem Werke von Rembrandt, Eugène Delacroix, Wilhelm von Kaulbach, James Tissot, Ary Scheffer, Michail Wrubel, Harry Clarke und Jean-Paul Laurens. Die anhaltende Rezeption zeigt sich auch in Ausstellungen wie Du bist Faust. Goethes Drama in der Kunst in München (23. Februar bis 29. Juli 2018) und Faust. Eine Ausstellung im Schiller-Museum Weimar (1. Mai 2025 bis 1. November 2027) sowie im Faustportal der Klassik Stiftung Weimar.